EINLEITUNG

KOMPENDIUM

DER SOZIALLEHRE

DER KIRCHE

 

EINLEITUNG

 

EIN UMFASSENDER UND SOLIDARISCHER HUMANISMUS

 

a) An der Schwelle des dritten Jahrtausends

 


1 Die Kirche, das pilgernde Volk, betritt, von Christus, dem „erhabenen Hirten“

(Hebr 13, 20) geführt, das dritte Jahrtausend der christlichen Ära: Er ist die Heilige

Pforte (vgl. Joh 10, 9), die wir anlässlich des Großen Jubiläums im Jahr 2000

durchschritten haben.1 Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das

Leben (vgl. Joh 14, 16): wenn wir das Antlitz des Herrn betrachten, festigen

wir unseren Glauben und unsere Hoffnung in Ihn, den einzigen Erlöser

und das Ziel der Geschichte.

Die Kirche wendet sich auch weiterhin an alle Völker und alle Natio-

nen, weil dem Menschen nur im Namen Christi das Heil geschenkt ist. Das

Heil, das der Herr Jesus uns „um einen teuren Preis“ (1 Kor 6, 20; vgl. 1Petr

1, 18–19) erkauft hat, erfüllt sich in dem neuen Leben, das die Gerechten

nach dem Tod erwartet, doch es erfasst auch diese Welt in den Realitäten

der Wirtschaft und der Arbeit, der Technik und der Kommunikation, der

Gesellschaft und der Politik, der internationalen Gemeinschaft und der Be-

ziehungen zwischen den Kulturen und Völkern: „Wir unsererseits wissen,

dass Jesus gekommen ist, um das umfassende Heil zu bringen, das den

ganzen Menschen und alle Menschen erfassen soll, um die wunderbaren

Horizonte der göttlichen Kindschaft zu erschließen“.2


2 An der Schwelle dieses dritten Jahrtausends wird die Kirche nicht müde, das

Evangelium zu verkünden, das auch in den zeitlichen Dingen Heil und authentische

Freiheit schenkt, und sie ist dabei der feierlichen Weisung eingedenk, die der

heilige Paulus an seinen Schüler Timotheus richtete: „Verkünde das Wort,

tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, er-

mahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung. Denn es wird eine

 

1 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Novo millennio ineunte, 1: AAS 93 (2001) 266.

2 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio, 11: AAS 83 (1991) 260.

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Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich

nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmei-

cheln; und man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern

sich Fabeleien zuwenden. Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das Leiden,

verkünde das Evangelium, erfülle treu deinen Dienst!“ (2 Tim 4, 2–5).


3 Die Kirche stellt ihren Weggefährten, den Männern und Frauen unserer Zeit,

auch ihre Soziallehre zur Verfügung. Wenn nämlich die Kirche „ihren Auftrag,

das Evangelium zu verkünden, erfüllt, bescheinigt sie dem Menschen im

Namen Christi seine Würde und seine Berufung zu personaler Gemein-

schaft; sie lehrt ihn die Forderungen der Gerechtigkeit und der Liebe, die

der göttlichen Weisheit entsprechen“.3 Diese Lehre ist von einer tiefen Einheit,

die aus dem Glauben an ein umfassendes Heil, aus der Hoffnung auf die Fülle der

Gerechtigkeit und aus der Liebe entspringt, die alle Menschen wirklich zu Brüdern

und Schwestern in Christus macht: Sie ist Ausdruck der Liebe Gottes zur Welt,

die Er so geliebt hat, „dass er seinen einzigen Sohn hingab“ (Joh 3, 16). Das

neue Gesetz der Liebe umfasst die gesamte Menschheit und kennt keine

Grenzen, denn die Verkündigung des Heils in Christus breitet sich aus „bis

an die Grenzen der Erde“ (Apg 1, 8).


4 Der Mensch, der entdeckt, dass er von Gott geliebt wird, begreift seine eigene,

transzendente Würde; er lernt, sich nicht mit sich selbst zu begnügen und dem anderen

in einem Netz zunehmend authentischer menschlicher Beziehungen zu begegnen.

Menschen, die von der Liebe Gottes neu geschaffen wurden, sind in der

Lage, die Regeln und die Qualität der Beziehungen und sogar die gesell-

schaftlichen Strukturen zu verändern: es sind Personen, die Frieden brin-

gen können, wo Konflikte bestehen, die brüderliche Bindungen schaffen

und aufrechterhalten können, wo Hass herrscht, die die Gerechtigkeit su-

chen, wo die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen überwiegt.

Nur die Liebe vermag die Beziehungen, die die Menschen zueinander unter-

halten, auf radikale Weise zu verwandeln. Jeder Mensch guten Willens, der

sich diese Perspektive zu Eigen macht, kann die unermesslichen Horizonte

der Gerechtigkeit und der menschlichen Entwicklung in der Wahrheit und

im Guten erkennen.

 

3 Katechismus der Katholischen Kirche, 2419.

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5 Die Liebe hat eine gewaltige Aufgabe zu bewältigen, zu der die Kirche auch mit

ihrer Soziallehre, die den ganzen Menschen betrifft und sich an alle Menschen wendet,

einen Beitrag leisten will. So viele unserer Not leidenden Brüder und Schwes-

tern warten auf Hilfe, so viele Unterdrückte warten auf Gerechtigkeit, so

viele Arbeitslose warten auf Arbeit, so viele Völker warten auf Anerken-

nung: „Kann es tatsächlich möglich sein, dass es in unserer Zeit noch Men-

schen gibt, die an Hunger sterben? Die dazu verurteilt sind, Analphabeten

zu bleiben? Denen es an der medizinischen Grundversorgung fehlt? Die

kein Haus, keine schützende Bleibe haben? Der Schauplatz der Armut lässt

sich unbegrenzt ausweiten, wenn wir zu den alten die neuen Formen der

Armut hinzufügen, die häufig auch die Milieus und gesellschaftlichen

Gruppen betreffen, die zwar in wirtschaftlicher Hinsicht nicht mittellos

sind, sich aber der sinnlosen Verzweiflung, der Drogensucht, der Verlassen-

heit im Alter oder bei Krankheit, der Ausgrenzung oder sozialen Diskrimi-

nierung ausgesetzt sehen. (…) Wie könnten wir uns abseits halten ange-

sichts eines voraussichtlichen ökologischen Zusammenbruchs, der weite

Gebiete des Planeten unwirtlich und menschenfeindlich macht? Oder im

Hinblick auf die Probleme des Friedens, der immer wieder durch den Alp-

traum katastrophaler Kriege bedroht ist? Oder angesichts der Verachtung

der menschlichen Grundrechte gegenüber so vielen Personen, besonders

den Kindern?“.4


6 Die christliche Liebe drängt uns dazu, Missstände anzuprangern, Vorschläge zu

unterbreiten und uns zu engagieren für eine kulturelle und soziale Entwicklung, sie

drängt uns zu einer effektiven Tatkraft, die alle, denen das Schicksal des Menschen

aufrichtig am Herzen liegt, dazu anspornt, einen eigenen Beitrag zu leisten. Die

Menschen erkennen immer deutlicher, dass sie alle dasselbe Schicksal tei-

len und daher aus einem umfassenden und solidarischen Humanismus heraus

gemeinsam Verantwortung übernehmen müssen: sie sehen, dass dieses ge-

meinsame Schicksal häufig durch Technik oder Wirtschaft bedingt und

ihnen sogar aufgezwungen wird, und sie verspüren das Bedürfnis nach

einem stärkeren moralischen Bewusstsein, das ihrem gemeinsamen Weg

eine Richtung gibt. Die Menschen unserer Zeit stehen staunend vor den

Ein umfassender und solidarischer Humanismus

 

4 Johannes Paul II., Ap. Schr. Novo millennio ineunte, 50–51: AAS 93 (2001) 303–304.

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vielfältigen technologischen Neuerungen und hegen den dringenden

Wunsch, dass der Fortschritt auf das wahre Wohl der Menschheit von heu-

te und von morgen ausgerichtet sein soll.

 

b) Die Bedeutung des Dokuments


7 Der Christ weiß, dass er in der Soziallehre der Kirche die Grundsätze des Den-

kens, die Urteilskriterien und die Richtlinien des Handelns findet, von denen aus er zu

einem umfassenden und solidarischen Humanismus aufbrechen kann. Die Verbrei-

tung dieser Lehre stellt daher in der Seelsorge eine echte Priorität dar, damit die

Personen von ihr erleuchtet und fähig werden, die Wirklichkeit von heute

zu deuten und geeignete Wege des Handelns zu suchen: „Ihre Soziallehre

vorzutragen und zu verbreiten ist Teil des Verkündigungsauftrages der Kir-

che“.5

In dieser Hinsicht ist es für äußerst hilfreich erachtet worden, ein Do-

kument herauszubringen, das die grundlegenden Züge der kirchlichen So-

ziallehre und ihre Beziehung zur Neuevangelisierung darstellen soll.6 Der

Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden, der es erarbeitet hat und die

volle Verantwortung dafür übernimmt, hat für dieses Werk in großem Um-

fang unter anderem seine eigenen Mitglieder und Berater, einige Kongrega-

tionen der Römischen Kurie, Bischofskonferenzen verschiedener Länder,

einzelne Bischöfe und Experten in den behandelten Fragen hinzugezogen.


8 Dieses Dokument versteht sich als eine zwar knappe, aber umfassende und syste-

matische Darstellung der Soziallehre, die eine Frucht weiser lehramtlicher Überlegung

und ein Ausdruck des ständigen Engagements der Kirche in Treue zur Erlösergnade

Christi und in der liebevollen Sorge um das Schicksal der Menschheit ist. Die wich-

tigsten theologischen, philosophischen, moralischen, kulturellen und seel-

sorgerischen Aspekte dieser Lehre werden hier in ihrer organischen Bezie-

hung zu den sozialen Fragen wieder aufgegriffen. Auf diese Weise wird die

Fruchtbarkeit der Begegnung zwischen dem Evangelium und den Proble-

men bezeugt, mit denen der Mensch sich auf seinem historischen Weg kon-

frontiert sieht.

 

5 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 41: AAS 80 (1988) 571–572.

6 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Ecclesia in America, 54: AAS 91 (1999) 790.

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Bei der Lektüre des Kompendiums sollte beachtet werden, dass die Zi-

tate der lehramtlichen Texte aus Dokumenten stammen, denen eine unter-

schiedliche Autorität zukommt. Neben Konzilsdokumenten und Enzykli-

ken finden sich Ansprachen von Päpsten oder Dokumente, die in den

Kongregationen des Heiligen Stuhls erarbeitet worden sind. Es scheint da-

her angebracht, noch einmal auf die bekannte Tatsache hinzuweisen, dass

der Leser es mit unterschiedlichen Ebenen der Lehre zu tun hat. Das Doku-

ment, das sich darauf beschränkt, die wichtigsten Züge der Soziallehre

darzulegen, stellt ihre Anwendung, die sich nach den je unterschiedlichen

Gegebenheiten vor Ort zu richten hat, in die Verantwortung der Bischofs-

konferenzen.7


9 Das Dokument bietet einen umfassenden Überblick über die grundlegenden Züge

des theoretischen „Corpus“ der kirchlichen Soziallehre. Dieser Überblick ermög-

licht es, in angemessener Weise die sozialen Fragen unserer Zeit anzugehen,

die in ihrer Gesamtheit betrachtet werden müssen, weil sie sich als immer

stärker miteinander verflochten erweisen, einander gegenseitig bedingen

und die Menschheitsfamilie mehr denn je betreffen. Die Darstellung der

Grundsätze der kirchlichen Soziallehre möchte im Hinblick auf die Suche

nach Problemlösungen eine organische Vorgehensweise vorschlagen, damit

die Einschätzung, die Beurteilung und die Entscheidungen der Wahrheit

entsprechen und damit Solidarität und Hoffnung auch in der Komplexität

der heutigen Gegebenheiten wirksam werden können. Denn die Grundsät-

ze bedingen und erhellen einander, weil sie die christliche Anthropologie

zum Ausdruck bringen,8 die aus der Offenbarung der Liebe Gottes zur

menschlichen Person erwächst. Dennoch ist gebührend darauf zu achten, dass

der Lauf der Zeit und die Veränderung der sozialen Verhältnisse es erforderlich ma-

chen, immer wieder neu über die verschiedenen hier vorgelegten Themen nachzuden-

ken, um die neuen Zeichen der Zeit zu deuten.


10 Das Dokument will ein Instrument für die moralische und seelsorgerische Ein-

schätzung der komplexen Ereignisse sein, die unsere Zeit charakterisieren; ein Leitfa-

 

7 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Ecclesia in America, 54: AAS 91 (1999) 790; Katechismus der Katholischen Kirche,24.

8 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 55: AAS 83 (1991) 860.

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den, der auf individueller und kollektiver Ebene zu Verhaltensweisen und Entscheidun-

gen inspiriert, die uns mit Zuversicht und Hoffnung in die Zukunft blicken lassen;

und eine Hilfe für die Gläubigen hinsichtlich der Lehre von der sozialen

Moral. Es kann zu einem neuen Engagement führen, das auf die Erforder-

nisse unserer Zeit zu antworten vermag und auf die Bedürfnisse und Fähig-

keiten des Menschen zugeschnitten ist; vor allem aber kann es den dringen-

den Wunsch wecken, die eigene Berufung der verschiedenen kirchlichen

Charismen im Hinblick auf die Evangelisierung des Sozialen in neuen For-

men zur Geltung zu bringen, denn „alle Glieder der Kirche nehmen auf ver-

schiedene Weise an ihrer säkularen Dimension teil“.9 Und schließlich wird

der Text als eine Anregung zum Dialog zwischen all denjenigen vorgelegt,

die aufrichtig das Wohl des Menschen im Sinn haben.


11 Die ersten Adressaten dieses Dokuments sind die Bischöfe, die für seine Verbrei-

tung und richtige Deutung die am besten geeigneten Formen finden werden. Denn es

ist Teil ihres „munus docendi“, zu lehren, dass „die irdischen Dinge und die

menschlichen Einrichtungen nach dem Plan des Schöpfergottes auf das Heil

der Menschen hingeordnet sind und somit zum Auf bau des Leibes Christi

nicht wenig beitragen können“.10 Die Priester, die Ordensleute und, allgemein

gesprochen, die Ausbilder werden darin einen Leitfaden für ihre Lehrtätigkeit

und ein Instrument für den seelsorgerischen Dienst finden. Die gläubigen

Laien, die das Himmelreich „in der Verwaltung und gottgemäßen Regelung

der zeitlichen Dinge“ suchen,11 werden darin Erleuchtung für ihren je be-

sonderen Aufgabenbereich finden. Die christlichen Gemeinden werden die-

ses Dokument dazu verwenden können, die Gegebenheiten objektiv zu

analysieren, sie im Licht der unveränderlichen Worte des Evangeliums zu

erhellen und Grundsätze des Denkens, Urteilskriterien und Richtlinien des

Handelns aus ihm zu gewinnen.12


12 Dieses Dokument richtet sich auch an die Brüder in den anderen Kirchen und

kirchlichen Gemeinschaften, an die Angehörigen anderer Religionen und an alle

 

9 Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 15: AAS 81 (1989) 414.

10 II. Vatikanisches Konzil,Dekr. Christus Dominus, 12: AAS 58 (1966) 678.

11 II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 31: AAS 57 (1965) 37.

12 Vgl. Paul VI., Ap. Schr. Octogesima adveniens, 4: AAS 63 (1971) 403.

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Männer und Frauen guten Willens, die sich für das Gemeinwohl einsetzen: Mögen

sie es annehmen als die Frucht einer universalen menschlichen Erfahrung,

die von unzähligen Zeichen der Gegenwart des Gottesgeistes erfüllt ist. Es

ist ein Schatz aus Neuem und Altem (vgl. Mt 13, 52), den die Kirche teilen

will, um Gott zu danken, von dem „jede gute Gabe und jedes vollkommene

Geschenk kommt“ (Jak 1, 17). Es ist ein Zeichen der Hoffnung, dass die Re-

ligionen und Kulturen in der heutigen Zeit Dialogbereitschaft an den Tag

legen und sich gedrängt fühlen, ihre Anstrengungen zugunsten der Ge-

rechtigkeit, der Brüderlichkeit, des Friedens und der Entwicklung der

menschlichen Person zu vereinen.

Die Katholische Kirche vereint ihre eigenen Bemühungen insbesondere

mit dem, was die anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften in

theoretisch-reflexiver ebenso wie in praktischer Hinsicht im sozialen Be-

reich leisten. Zusammen mit ihnen ist die Katholische Kirche überzeugt,

dass aus dem gemeinsamen Erbe der in der lebendigen Tradition des Got-

tesvolkes bewahrten Soziallehre Impulse und Richtlinien für eine immer

engere Zusammenarbeit bei der Förderung von Gerechtigkeit und Frieden

hervorgehen.13

 

c) Im Dienst der vollen Wahrheit des Menschen


13 Dieses Dokument ist ein Dienst der Kirche an den Männern und Frauen unserer

Zeit, denen sie den Reichtum ihrer Soziallehre zum Geschenk macht, ent-

sprechend jenem Stil des Dialogs, den Gott selbst mit der Menschwerdung

seines eingeborenen Sohnes etabliert hat: „In dieser Offenbarung redet der

unsichtbare Gott (vgl. Kol 1, 15; 2 Tim 1, 17) aus überströmender Liebe die

Menschen an wie Freunde (vgl. Ex 33, 2; Jo 15, 14–15) und verkehrt mit ihnen

(vgl. Bar 3, 38)“.14 In Anlehnung an die Pastoralkonstitution „Gaudium et

spes“ ist auch in diesem Dokument der Mensch, „der eine und ganze

Mensch, mit Leib und Seele, Herz und Gewissen, Vernunft und Willen“

 

13 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 92: AAS 58 (1966)1113–1114.

14 II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Dei Verbum, 2: AAS 58 (1966) 818.

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Angelpunkt der gesamten Darstellung.15 In der skizzierten Zielsetzung be-

stimmt die Kirche „kein irdischer Machtwille, sondern nur dies eine: unter

Führung des Geistes, des Trösters, das Werk Christi selbst weiterzuführen,

der in die Welt kam, um der Wahrheit Zeugnis zu geben; zu retten, nicht zu

richten; zu dienen, nicht sich bedienen zu lassen“.16

 


14 Mit dem vorliegenden Dokument will die Kirche einen Beitrag der Wahrheit zu

der Frage nach dem Platz des Menschen in der Natur und in der Gesellschaft leisten,

einer Frage, mit der sich diejenigen Zivilisationen und Kulturen auseinandersetzen, die

Ausdruck der Weisheit der Menschheit sind. Ihre Wurzeln reichen oft in eine

tausendjährige Vergangenheit zurück, und ihre Ausprägung finden sie in

den Formen der Religion, der Philosophie und des dichterischen Genies

jeder Epoche und jedes Volkes, in denen sie Deutungen des Universums

und des menschlichen Zusammenlebens anbieten und versuchen, dem Da-

sein und dem Mysterium, das es umhüllt, einen Sinn zu geben. Wer bin

ich? Warum gibt es allem Fortschritt zum Trotz noch immer den Schmerz,

das Böse, den Tod? Was sind solche Errungenschaften wert, wenn sie zu

einem Preis erkauft werden, der nicht selten unerträglich ist? Was wird

nach diesem Leben sein? Diese grundlegenden Fragen kennzeichnen den

Lauf des menschlichen Lebens.17 In diesem Zusammenhang mag man sich

an die Mahnung „Erkenne dich selbst“ erinnern, die auf dem Architrav des

Tempels von Delphi eingemeißelt war und die elementare Wahrheit be-

zeugt, dass der Mensch, der dazu berufen ist, sich vor allen anderen Ge-

schöpfen auszuzeichnen, gerade dadurch Mensch wird, dass er wesentlich

darauf ausgerichtet ist, sich selbst zu erkennen.


15 Welche Ausrichtung man dem Leben, dem gesellschaftlichen Miteinander und

der Geschichte gibt, hängt zu einem großen Teil davon ab, wie man die Fragen nach

dem Platz des Menschen in der Natur und in der Gesellschaft beantwortet, wozu das

vorliegende Dokument seinen Beitrag leisten will. Die tiefe Bedeutung des

menschlichen Daseins offenbart sich nämlich in der freien Suche nach jener

 

15 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 3: AAS 58 (1966) 1026.

16 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 3: AAS 58 (1966) 1027.

17 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 10: AAS 58 (1966) 1032.

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Wahrheit, die geeignet ist, dem Leben Richtung und Fülle zu geben,

einer Suche, zu der die Intelligenz und der Wille des Menschen durch sol-

che Fragen unablässig angetrieben werden. Sie sind der höchste Ausdruck

der menschlichen Natur, weil sie die Person in eine Antwort verwickeln, die

die Ernsthaftigkeit ihres Engagements an der eigenen Existenz misst. Zu-

dem handelt es sich um im Wesentlichen religiöse Fragen: „Wenn man bei

der Suche nach der letzten und erschöpfendsten Antwort den Grund der Din-

ge vollständig erforschen will, erreicht die menschliche Vernunft ihren Gip-

fel und öffnet sich dem Religiösen. Denn die Religiosität stellt die erhabens-

te Äußerung der menschlichen Person dar, weil sie der Höhepunkt ihrer

Natur als Vernunftwesen ist. Sie entspringt der tiefen Sehnsucht des Men-

schen nach der Wahrheit und liegt seinem freien und persönlichen Suchen

nach dem Göttlichen zugrunde“.18


16 Die grundlegenden Fragen, die den Weg des Menschen von Anfang an beglei-

ten, gewinnen in unserer Zeit durch die Vielzahl der Herausforderungen, die Neu-

artigkeit der Szenarien und die folgenschweren Entscheidungen, die zu treffen die ge-

genwärtigen Generationen berufen sind, noch größere Bedeutung.

Die erste der größten Herausforderungen, vor denen die Menschheit

heute steht, ist die der Wahrheit des Menschseins. Die Fragen nach Grenzen

und Beziehungen von Natur, Technik und Moral appellieren entschieden an

die persönliche und kollektive Verantwortung im Umgang mit dem, was

der Mensch ist, was er tun kann und was er sein soll. Eine zweite Heraus-

forderung besteht im Verständnis und in der Handhabung des Pluralismus und der

Unterschiede auf allen Ebenen: auf der Ebene des Denkens, der moralischen

Wahlfreiheit, der Kultur, der Religionszugehörigkeit, der Philosophie der

menschlichen und sozialen Entwicklung. Die dritte Herausforderung ist

die Globalisierung, deren Bedeutung sich nicht auf die Wirtschaft be-

schränkt, sondern sehr viel weiter und tiefer reicht, weil in der Geschichte

der Menschheit eine neue und schicksalhafte Epoche angebrochen ist.


17 Die Jünger Jesu Christi fühlen sich von diesen Fragen betroffen, sie tragen sie in

ihrem Herzen und wollen sich gemeinsam mit allen Menschen bei der Suche nach der

 

18 Johannes Paul II., Ansprache bei der Generalaudienz (19. Oktober 1983), 2: Insegnamenti di Giovanni Paolo II,VI, 2 (1983) 815.

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Wahrheit und dem Sinn des persönlichen und gesellschaftlichen Daseins engagieren.

Zu dieser Suche tragen sie bei, indem sie großherzig Zeugnis ablegen von dem Ge-

schenk, das die Menschheit empfangen hat: Gott hat im Lauf der Geschichte sein

Wort an sie gerichtet, ja, er ist selbst in einen Dialog mit ihr eingetreten, um

ihr seinen Plan des Heils, der Gerechtigkeit und der Brüderlichkeit zu offen-

baren. In seinem Mensch gewordenen Sohn Jesus Christus hat Gott uns

von der Sünde befreit und uns den Weg gezeigt, den wir gehen, und das

Ziel, das wir anstreben sollen.

 

d) Im Zeichen der Solidarität, der Achtung und der Liebe


18 Die Kirche geht gemeinsam mit der ganzen Menschheit auf den Straßen der

Geschichte. Sie lebt in der Welt, und obwohl sie nicht von der Welt ist (vgl.

Joh 17, 14–16), ist sie dazu berufen, ihr zu dienen und damit ihrer innersten

Bestimmung zu folgen. Eine solche Haltung – wie man sie auch im vorlie-

genden Dokument finden wird – ist von der tiefen Überzeugung getragen,

dass es für die Welt wichtig ist, die Kirche als Wirklichkeit und Ferment der

Geschichte anzuerkennen, ebenso wie es für die Kirche wichtig ist, sich

bewusst zu machen, was sie der Geschichte und der Entwicklung der

Menschheit zu verdanken hat.19 Das Zweite Vatikanische Konzil hat die

Solidarität, die Achtung und die Liebe gegenüber der Menschheitsfamilie

beredt bekundet und ist mit dieser in einen Dialog über zahlreiche Proble-

me eingetreten. Zu diesem Dialog trägt das Volk Gottes dadurch bei „dass

es das Licht des Evangeliums bringt und dass es dem Menschengeschlecht

jene Heilskräfte bietet, die die Kirche selbst, vom Heiligen Geist geleitet,

von ihrem Gründer empfängt. Es geht um die Rettung der menschlichen

Person, es geht um den rechten Auf bau der menschlichen Gesellschaft“.20


19 Die Kirche, die in der Geschichte das Zeichen der Liebe Gottes zu den Menschen

und der Berufung des gesamten Menschengeschlechts zur Einheit der Kinder des ein-

zigen Vaters ist,21 will auch mit diesem Dokument über die Soziallehre allen

 

19 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 44: AAS 58 (1966) 1064.

20 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 3: AAS 58 (1966) 1026.

21 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 1: AAS 57 (1965) 5.

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Menschen einen Humanismus vor Augen stellen, der dem entspricht, was

die Liebe Gottes für die Geschichte plant, einen umfassenden und solidari-

schen Humanismus, der geeignet ist, eine neue gesellschaftliche, wirtschaft-

liche und politische Ordnung herbeizuführen, die sich auf die Würde und

Freiheit jeder menschlichen Person gründet und in Frieden, Gerechtigkeit

und Solidarität realisiert werden muss. Ein solcher Humanismus kann

Wirklichkeit werden, wenn die einzelnen Männer und Frauen und ihre Ge-

meinschaften es verstehen, die moralischen und sozialen Tugenden in sich

selbst zu pflegen und in der Gesellschaft zu verbreiten, denn „dann werden

sie mit der notwendigen Hilfe der göttlichen Gnade wahrhaft neue Men-

schen und Erbauer einer neuen Menschheit“.22

 

22 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 30: AAS 58 (1966) 1050.

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