Erstes Kapitel

ERSTES KAPITEL

 

DER PLAN DER LIEBE GOTTES FÜR DIE MENSCHHEIT

 

I. DAS BEFREIENDE WIRKEN GOTTESIN DER GESCHICHTE ISRAELS

 

a) Die ungeschuldete Nähe Gottes


20 Jede authentische religiöse Erfahrung führt in allen kulturellen Traditionen zu

einer Ahnung des Mysteriums, die nicht selten den einen oder anderen Zug im Antlitz

Gottes wahrnehmbar werden lässt. Er erscheint einerseits als Ursprung dessen,

was ist, als Gegenwart, die den gesellschaftlich organisierten Menschen die

Lebensgrundlagen garantiert, indem sie die hierfür notwendigen Güter zur

Verfügung stellt; doch andererseits auch als Maßstab dessen, was sein sollte, als

Gegenwart, die – auf persönlicher ebenso wie auf sozialer Ebene – be-

stimmte Erwartungen an das menschliche Handeln knüpft, was den Ge-

brauch dieser Güter im Verhältnis zu den anderen Menschen betrifft. In

jeder religiösen Erfahrung erweisen sich damit zwei Dimensionen als wich-

tig: die des Geschenks und des Ungeschuldetseins, die sich für die menschliche

Person mit der Erfahrung verbindet, gemeinsam mit anderen in der Welt zu

leben, und die Auswirkungen dieser Dimension auf das Bewusstsein des

Menschen, der erkennt, dass er zu einem verantwortungsvollen und gemeinnüt-

zigen Umgang mit dem empfangenen Geschenk aufgefordert ist. Zeugnis

dessen ist die allgemeine Anerkennung der Goldenen Regel, die auf der Ebene

der menschlichen Beziehungen die Forderung zum Ausdruck bringt, die

vom Mysterium her an den Menschen ergeht: „Alles, was ihr also von an-

deren erwartet, das tut auch ihnen“ (Mt 7, 12).23


21 Vor dem in unterschiedliche Teile aufgeteilten Hintergrund der universalen reli-

giösen Erfahrung zeichnet sich die Selbstoffenbarung Gottes ab, die dem Volk Israel

nach und nach zuteil wird. Diese Offenbarung entspricht der menschlichen Suche

nach dem Göttlichen auf unerwartete und überraschende Weise, weil sich die Liebe

 

23 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1789; 1970; 2510.

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Gottes zu den Menschen in historischen, punktuellen und einschneidenden Taten äu-

ßert. Im Buch Exodus richtet der Herr folgende Worte an Mose: „Ich habe das

Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre

Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen, um

sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen

in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen“

(Ex 3, 7–8). Die ungeschuldete Nähe Gottes – auf die auch sein Name hin-

deutet, den er Mose offenbart, „Ich bin der Ich-bin-da“ (Ex 3, 14) – äußert

sich in der Befreiung aus der Sklaverei und in der Verheißung, wird zu einer

historischen Handlung und setzt einen Prozess in Gang, in dessen Verlauf

das Volk Israel sich kollektiv über die ihm von Gott geschenkten Errungen-

schaften der Freiheit und des Landes identifiziert.


22 Das ungeschuldete und historisch wirksame göttliche Handeln geht einher mit

der dauerhaften Verpflichtung des von Gott vorgeschlagenen und von Israel angenom-

menen Bundes. Auf dem Berg Sinai konkretisiert sich die Initiative Gottes im

Bund mit seinem Volk, dem der Dekalog der vom Herrn geoffenbarten Gebote

übergeben wird (vgl. Ex 19–24). Die „zehn Worte“ (Ex 34, 28; vgl. Dtn 4, 13;

10, 4) „sagen, was aufgrund der durch den Bund gestifteten Zugehörigkeit

zu Gott zu tun ist. Die sittliche Lebensführung ist Antwort auf das liebende

Handeln des Herrn. Sie ist Anerkennung, Ehrerbietung und Danksagung an

Gott. Sie ist Mitwirkung an dem Plan, den Gott in der Geschichte ver-

folgt“.24

Die zehn Gebote, die ein außergewöhnliches Lebensprogramm darstellen und die

sichersten Voraussetzungen für ein Dasein bezeichnen, das von der Knechtschaft der

Sünde befreit ist, bringen den Inhalt des Naturrechts in vorzüglicher Weise zum Aus-

druck. Sie „lehren (…) uns die wahre Natur des Menschen. Sie heben seine

wesentlichen Pflichten hervor und damit indirekt auch die Grundrechte,

die der Natur der menschlichen Person innewohnen“.25 Sie sind der Inbe-

griff der universalen menschlichen Moral. Die zehn Gebote, die auch Jesus

dem reichen Jüngling im Evangelium vor Augen hält, „stellen die Grund-

regeln jedes gesellschaftlichen Lebens dar“.26

 

24 Katechismus der Katholischen Kirche, 2062.

25 Katechismus der Katholischen Kirche,2070.

26 Johannes Paul II., Enz. Veritatis splendor, 97: AAS 85 (1993) 1209.

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23 Aus dem Dekalog leitet sich eine Verpflichtung ab, die nicht nur die Treue zum

einzig wahren Gott, sondern auch die sozialen Beziehungen innerhalb des Bundesvol-

kes betrifft. Letztere sind insbesondere durch das so genannte Recht des Ar-

men geregelt: „Wenn bei dir ein Armer lebt, irgendeiner deiner Brüder (…),

dann sollst du nicht hartherzig sein und sollst deinem armen Bruder deine

Hand nicht verschließen. Du sollst ihm deine Hand öffnen und ihm gegen

Pfand leihen, was der Not, die ihn bedrückt, abhilft“ (Dtn 15, 7–8). Und das-

selbe gilt für den Fremden: „Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt,

sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll

euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst;

denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer

Gott“ (Lev 19, 33–34). Das Geschenk der Befreiung und des verheißenen

Landes, der Bund vom Sinai und der Dekalog sind folglich zuinnerst mit

einer Praxis verknüpft, die die Entwicklung der israelitischen Gesellschaft

in Gerechtigkeit und Solidarität regeln soll.


24 Unter den vielfältigen Verfügungen, die dem Stil des Ungeschuldetseins und des

Teilens in der von Gott inspirierten Gerechtigkeit Gestalt geben sollen, ragt das Gesetz

des Sabbatjahrs (das alle sieben Jahre gefeiert wird) und des Jubeljahrs (das alle

fünfzig Jahre gefeiert wird)27 als wichtige – allerdings nie voll und ganz umge-

setzte – Richtlinie für das soziale und wirtschaftliche Leben des Volkes Israel heraus.

Dieses Gesetz schreibt nicht nur das Brachliegen der Felder, sondern auch

den Erlass bestehender Schulden und eine allgemeine Befreiung der Per-

sonen und der Güter vor: Jeder darf zu seinem Grundbesitz und zu der

Familie zurückkehren, von der er abstammt.

Eine solche Rechtsprechung soll dafür sorgen, dass das heilbringende Ereignis des

Exodus und die Bundestreue nicht nur das grundlegende Prinzip des sozialen, politi-

schen und wirtschaftlichen Lebens in Israel darstellen, sondern auch zur Regelung von

Fragen dienen, die die wirtschaftliche Armut und soziale Ungerechtigkeit betreffen.

Unter Berufung auf dieses Prinzip wird das Leben des Bundesvolkes kon-

tinuierlich und von innen heraus verwandelt, bis es dem Plan Gottes ent-

spricht. Um die durch die sozioökonomische Entwicklung bedingten Dis-

kriminierungen und Ungleichheiten auszumerzen, wird die Erinnerung an

 

27 Der Gesetzestext ist in Ex 23, Dtn 15 und Lev 25 überliefert.

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den Exodus und den Bund alle sieben Jahre in soziale und juristische Be-

griffe übersetzt und die Problematik des Eigentums, der Schulden, der Leis-

tungen und der Güter auf ihre ureigenste Bedeutung zurückgeführt.


25 Die Vorschriften des Sabbat- und des Jubeljahres stellen eine Soziallehre „in

nuce“ dar.28 Sie zeigen, dass die Prinzipien der Gerechtigkeit und der sozia-

len Solidarität von dem Ungeschuldetsein des von Gott herbeigeführten

Heilsgeschehens inspiriert sind und nicht nur als Korrektiv einer von ego-

istischen Interessen und Zielen dominierten Praxis dienen, sondern im Sin-

ne einer „prophetia futuri“ zum sittlichen Maßstab werden, nach dem alle

Generationen in Israel sich richten müssen, wenn sie ihrem Gott treu blei-

ben wollen.

Diese Prinzipien werden zum Angelpunkt der prophetischen Verkündigung, die

auf ihre Verinnerlichung abzielt. Der in das Herz des Menschen ausgegossene

Geist Gottes – so verkünden die Propheten – bringt dort dieselben Empfin-

dungen von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit hervor, die im Herzen des

Herrn wohnen (vgl. Jer 31, 33 und Ez 36, 26–27). Dann kann der Wille Got-

tes, der sich in den auf dem Sinai gegebenen Geboten ausdrückt, im Inners-

ten des Menschen selbst wurzeln und sich dort schöpferisch entfalten. Die-

ser Prozess der Verinnerlichung gibt dem sozialen Handeln größere Tiefe und

größeren Realismus und lässt die Haltung der Gerechtigkeit und Solidarität,die

das Bundesvolk seiner Berufung gemäß allen Menschen aus allen Völkern

und Nationen erweisen soll, immer universaler werden.

 

b) Das Prinzip der Schöpfung und das ungeschuldete Handeln Gottes


26 Das Denken der Weisheitslehrer und Propheten dringt bis zu der ersten Mani-

festation und der eigentlichen Quelle dessen, was Gott für die gesamte Menschheit

geplant hat, vor, wenn es den Grundsatz formuliert, dass alle Dinge von Gott erschaf-

fen worden sind. Im Glaubensbekenntnis Israels ist die Aussage, dass Gott der

Schöpfer ist, nicht nur Ausdruck einer theoretischen Überzeugung, son-

dern macht den Horizont greif bar, in dem sich das ungeschuldete und

 

28 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Tertio millennio adveniente, 13: AAS87(1995)14.

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barmherzige Handeln des Herrn am Menschen ursprünglich vollzieht. Frei

gibt er allem, was ist, Sein und Leben. Geschaffen nach seinem Abbild und

ihm ähnlich (vgl. Gen 1, 26–27), sind Mann und Frau eben deshalb berufen,

in jenem Garten, in den Gott sie hineingestellt hat, damit sie die Güter der

Schöpfung hegen und hüten, das sichtbare Zeichen und das wirkungsvolle

Werkzeug der göttlichen Freigiebigkeit zu sein.


27 Im ungeschuldeten Handeln des Schöpfergottes drückt sich – wenn auch verdun-

kelt und verzerrt von der Erfahrung der Sünde – der eigentliche Sinn der Schöpfung

aus. Die Erzählung von der Ursünde (vgl. Gen 3, 1–24) beschreibt die bestän-

dige Versuchung und zugleich die Situation der Unordnung, in der sich die

Menschheit seit dem Sündenfall ihrer Stammeltern befindet. Gott nicht zu

gehorchen bedeutet, sich seinem liebevollen Blick zu entziehen und eigen-

ständig über das Dasein und Handeln in der Welt bestimmen zu wollen.

Der Bruch der gemeinschaftlichen Beziehung zu Gott führt zum Bruch

der inneren Einheit der menschlichen Person, der gemeinschaftlichen Be-

ziehung zwischen Mann und Frau und der harmonischen Beziehung zwi-

schen den Menschen und den anderen Geschöpfen.29 In diesem ursprüng-

lichen Bruch ist die tiefste Wurzel all jener Übel zu suchen, die die sozialen

Beziehungen zwischen den menschlichen Personen gefährden, und all jener

Situationen, die im wirtschaftlichen und politischen Leben die Würde der

Person, die Gerechtigkeit und die Solidarität bedrohen.

 

II. JESUS CHRISTUS

ALS ERFÜLLUNG DES PLANS DER VÄTERLICHEN LIEBE

 

a) In Jesus Christus vollzieht sich das entscheidende Ereignis in der Geschichte
Gottes mit den Menschen


28 Das Wohlwollen und die Barmherzigkeit, die das Handeln Gottes bestimmen

und der Schlüssel zu seiner Deutung sind, kommen dem Menschen so nahe, dass sie

die Züge des Menschen Jesus, des Fleisch gewordenen Wortes, annehmen. In der

 

29 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 13: AAS 58 (1966) 1035.

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Erzählung des Lukas beschreibt Jesus seine messianische Sendung mit den

Worten Jesajas, die auf die prophetische Bedeutung des Jubeljahrs hinwei-

sen: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er

hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit

ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augen-

licht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des

Herrn ausrufe“ (4, 18–19; vgl. Jes 61, 1–2). Damit positioniert Jesus sich selbst

auf der Linie der Erfüllung, und zwar nicht nur deshalb, weil er das erfüllt,

was dem Volk Israel verheißen und von ihm erwartet worden war, sondern

auch in einem tieferen Sinne, weil sich in ihm das entscheidende Ereignis

der Geschichte Gottes mit den Menschen vollzieht. Denn er selbst verkün-

det: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14, 9). Mit anderen

Worten: Jesus macht endgültig greif bar, wer Gott ist und wie er sich zu den

Menschen verhält.


29 Die Liebe, die die Sendung Jesu unter den Menschen beseelt, ist die Liebe, die der

Sohn in der innigen Einheit mit dem Vater erfährt. Das Neue Testament führt uns

mitten in die von Jesus gelebte und mitgeteilte Erfahrung der Liebe Gottes,

der sein Vater – Abba – ist, und damit in das Herz des göttlichen Lebens

selbst hinein. Jesus verkündet allen, die ihm auf seinem Weg begegnen –

angefangen bei den Armen, den Ausgegrenzten und den Sündern – die be-

freiende Barmherzigkeit Gottes und lädt sie ein, ihm nachzufolgen, weil er

als erster und in ganz und gar einzigartiger Weise dem Plan der Liebe Got-

tes, der ihn in die Welt gesandt hat, entspricht. Diese ursprüngliche Erfah-

rung drückt sich in seinem Bewusstsein aus, dass er der Sohn ist. Der Sohn

hat alles ungeschuldet vom Vater empfangen: „Alles, was der Vater hat, ist

mein“ (Joh 16, 15). Und er seinerseits hat den Auftrag, alle Menschen an die-

sem Geschenk und dieser Sohnesbeziehung teilhaben zu lassen: „Ich nenne

euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut.

Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mit-

geteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“ (Joh 15, 15).

Die Liebe des Vaters zu erkennen bedeutet für Jesus, dass er sich in seinem Han-

deln von derselben Freigiebigkeit und Barmherzigkeit inspirieren lässt, mit der Gott

neues Leben hervorbringt, und dass er so durch seine bloße Existenz für seine Jünger

zum Beispiel und Vorbild wird. Sie sind dazu berufen, wie er und – nach seinem

 

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Pascha von Tod und Auferstehung dank der überreichen Gabe des Heiligen

Geistes, des Trösters, der in den Herzen die Lebensweise Christi selbst ver-

ankert – in ihm und von ihm zu leben.

 

b) Die Offenbarung der trinitarischen Liebe


30 Mit dem immer neuen Staunen der vom Blitz der unaussprechlichen Liebe Got-

tes Getroffenen (vgl. Röm 8, 26) und im Licht der im Pascha Jesu Christi vollkommen

offenbarten trinitarischen Liebe erfasst das Zeugnis des Neuen Testaments die letzte

Bedeutung der Menschwerdung des Sohnes und seiner Sendung unter den Menschen.

Der heilige Paulus schreibt: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat

seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben

– wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8, 31–32). Ähnlich

drückt es auch der heilige Johannes aus: „Nicht darin besteht die Liebe, dass

wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als

Sühne für unsere Sünden gesandt hat“ (1 Joh 4, 10).


31 Das Antlitz Gottes, das im Laufe der Heilsgeschichte nach und nach offenbart

worden ist, erstrahlt in vollem Glanz im Antlitz des gekreuzigten und auferstandenen

Jesus Christus. Gott ist Dreifaltigkeit: Vater, Sohn, Heiliger Geist, wirklich verschieden

und wirklich eins in unendlicher Liebesgemeinschaft. Die ungeschuldete Liebe

Gottes zur Menschheit offenbart sich vor allem als die quellende Liebe des

Vaters, aus der alles hervorgeht; als das ungeschuldete Mitteilen dieser Liebe

durch den Sohn, der sich an den Vater zurück und an die Menschen weiter-

schenkt; als die immer neue Fruchtbarkeit der göttlichen Liebe, die der Hei-

lige Geist in die Herzen der Menschen ausgießt (vgl. Röm 5, 5).

Mit Worten und Werken sowie auf vollständige und endgültige Weise durch sei-

nen Tod und seine Auferstehung30 offenbart Jesus Christus der Menschheit,

dass Gott Vater ist und dass wir alle aus Gnade dazu berufen sind, im Geist

seine Kinder (vgl. Röm 8, 15; Gal 4, 6) und deshalb untereinander Brüder und

Schwestern zu werden. Aus diesem Grund glaubt die Kirche fest, „dass in

ihrem Herrn und Meister der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel der

gesamten Menschheitsgeschichte gegeben ist“.31

 

30 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Dei Verbum, 4: AAS 58 (1966) 819.

31 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 10: AAS 58 (1966) 1033.

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32 Mit Blick auf das ungeschuldete und überfließende göttliche Schenken des Soh-

nes durch den Vater, das Jesus dadurch verkündet und bezeugt hat, dass er sein Leben

für uns hingab, erfasst der Apostel Johannes seinen tiefen Sinn und seine logischste

Konsequenz: „Liebe Brüder, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir

einander lieben. Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben,

bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet“ (1 Joh 4, 11–12). Die

Forderung der gegenseitigen Liebe formuliert Jesus als sein neues Gebot:

„Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13, 23).

Das Gebot der gegenseitigen Liebe bezeichnet den Weg, um in Christus

das trinitarische Leben in der Kirche zu leben, die der Leib Christi ist, und

um mit ihm die Geschichte umzugestalten, bis sie sich im himmlischen

Jerusalem erfüllt.


33 Das Gebot der gegenseitigen Liebe, das das Lebensgesetz des Gottesvolkes dar-

stellt,32 muss alle menschlichen Beziehungen im sozialen und politischen

Leben beseelen, läutern und erhöhen: „Menschsein bedeutet Berufensein

zur interpersonalen Gemeinschaft“,33 denn im Bild und Gleichnis des drei-

faltigen Gottes „ist das gesamte »Ethos« des Menschen begründet (…),

dessen Gipfel das Liebesgebot darstellt“.34 Das heutige kulturelle, soziale,

wirtschaftliche und politische Phänomen der Interdependenz, die die Ver-

flechtungen innerhalb der Menschheitsfamilie verstärkt und in besonderer

Weise deutlich macht, rückt einmal mehr im Licht der Offenbarung „ein

neues Modell der Einheit des Menschengeschlechtes“ in den Blick, „an

dem sich die Solidarität in letzter Konsequenz inspirieren muss. Dieses

höchste Modell der Einheit, ein Abbild des innersten Lebens Gottes, des

Einen in drei Personen, bezeichnen wir Christen mit dem Wort »Gemein-

schaft« (communio)“.35

 

32 II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 9: AAS 57 (1965) 12–14.

33 Johannes Paul II., Ap. Schr. Mulieris dignitatem, 7: AAS 80 (1988) 1666.

34 Johannes Paul II., Ap. Schr. Mulieris dignitatem, 7: AAS 80 (1988) 1665–1666.

35 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 40: AAS 80 (1988) 569.

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III. DIE MENSCHLICHE PERSON IM PLAN DER LIEBE GOTTES

 

a) Die trinitarische Liebe als Ursprung und Ziel der menschlichen Person


34 Wenn in Christus das Geheimnis Gottes als trinitarischer Liebe geoffenbart ist,

so ist damit zugleich geoffenbart, dass die menschliche Person zur Liebe berufen ist.

Diese Offenbarung erhellt die persönliche Würde und Freiheit des Mannes und der

Frau und die wesenhaft gesellschaftliche Natur des Menschen in ihrer ganzen Tiefe:

„Personsein nach dem Abbild Gottes bedeutet also auch Existenz in Bezie-

hung, in Beziehung zum anderen »Ich«“,36 weil der dreieinige Gott selbst

Gemeinschaft des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ist.

Die menschliche Person ist berufen, in der Liebesgemeinschaft, die Gott

ist und in der die drei göttlichen Personen einander lieben und der Eine

Gott sind, den Ursprung und das Ziel ihres Daseins und der Geschichte zu

entdecken. In der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ lehren die Kon-

zilsväter: „Wenn der Herr Jesus zum Vater betet, »dass alle eins seien … wie

auch wir eins sind« (Joh 17, 20–22), und damit Horizonte aufreißt, die der

menschlichen Vernunft unerreichbar sind, legt er eine gewisse Ähnlichkeit

nahe zwischen der Einheit der göttlichen Personen und der Einheit der Kin-

der Gottes in der Wahrheit und der Liebe. Dieser Vergleich macht offenbar,

dass der Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen

gewollte Kreatur ist, sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner

selbst vollkommen finden kann (vgl. Lk 17, 33)“.37


35 Die christliche Offenbarung wirft ein neues Licht auf die Identität, die Berufung

und die letzte Bestimmung der Person und des Menschengeschlechts. Jede Person ist

von Gott geschaffen, geliebt und in Jesus Christus erlöst, und sie verwirk-

licht sich, indem sie vielfältige Beziehungen der Liebe, der Gerechtigkeit

und der Solidarität mit den anderen Personen knüpft, während sie ihre

mannigfachen Aktivitäten in der Welt entfaltet. Wenn das menschliche

Handeln danach strebt, die Würde und die umfassende Berufung der Per-

son, die Qualität ihrer Lebensbedingungen und die Begegnung und Solida-

 

36 Johannes Paul II., Ap. Schr. Mulieris dignitatem, 7: AAS 80 (1988) 1664.

37 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 24: AAS 58 (1966) 1045.

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rität der Völker zu fördern, entspricht es dem Plan Gottes, der es nie ver-

säumt, seinen Kindern seine Liebe und die Fürsorge seiner Vorsehung zu

erweisen.


36 Die Seiten im ersten Buch der Heiligen Schrift, die die Erschaffung des Mannes

und der Frau als Abbild Gottes und Gott ähnlich beschreiben (vgl. Gen 1, 26–27),

beinhalten eine grundlegende Lehre über die Identität und die Berufung der mensch-

lichen Person. Sie sagen uns, dass die Erschaffung des Mannes und der Frau

ein freier und ungeschuldeter Akt Gottes ist; dass der Mann und die Frau,

weil sie frei und intelligent sind, das von Gott geschaffene Du darstellen und

nur in der Beziehung mit ihm die echte und volle Bedeutung ihres persön-

lichen und gemeinschaftlichen Lebens erkennen und verwirklichen kön-

nen; dass sie gerade durch ihre Komplementarität und Gegenseitigkeit das

Abbild der trinitarischen Liebe im geschaffenen Universum sind; und dass

der Schöpfer ihnen als der Krone der Schöpfung die Aufgabe anvertraut,

die geschaffene Natur nach seinem Plan zu ordnen (vgl. Gen 1, 28).


37 Das Buch Genesis stellt uns einige Kernaussagen der christlichen Anthropologie

vor Augen: die unveräußerliche Würde der menschlichen Person, die in Got-

tes Schöpferplan wurzelt und verbürgt ist; die wesenhaft gesellschaftliche

Natur des Menschen, die in der ursprünglichen Beziehung zwischen Mann

und Frau ihr Urbild hat, denn „ihre Verbindung schafft die erste Form per-

sonaler Gemeinschaft“;38 die Bedeutung des menschlichen Handelns in der

Welt, die an die Entdeckung und Achtung des Naturrechts geknüpft ist, das

Gott dem geschaffenen Universum eingeprägt hat, damit die Menschheit es

nach Gottes Plan bewohnt und bewahrt. Diese Sicht der menschlichen Per-

son, der Gesellschaft und der Geschichte wurzelt in Gott und wird von der

Verwirklichung seines Heilsplans erhellt.

 

b) Das christliche Heil: für den ganzen Menschen und für alle Menschen


38 Das Heil, das uns auf die Initiative Gottes des Vaters hin in Jesus Christus

geschenkt wird und durch das Wirken des Heiligen Geistes geschieht und sich aus-

 

38 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 12: AAS 58 (1966) 1034.

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breitet, ist ein Heil des ganzen Menschen und für alle Menschen: ein universales und

umfassendes Heil. Es betrifft die menschliche Person in all ihren Dimensionen: der

persönlichen und der sozialen, der geistigen und der körperlichen, der historischen und

der transzendenten. Es beginnt sich bereits in der Geschichte zu erfüllen, weil

das, was geschaffen ist, gut und gottgewollt und weil der Sohn Gottes unter

uns Menschen Mensch geworden ist.39 Seine Vollendung jedoch liegt in der

Zukunft, die Gott für uns bereithält, wenn wir berufen sind, gemeinsam

mit der gesamten Schöpfung (vgl. Röm 8) in der Freude des Heiligen Geis-

tes an der Auferstehung Christi und an der ewigen Lebensgemeinschaft mit

dem Vater teilzuhaben. Diese Sichtweise zeigt deutlich, wie irrig und trüge-

risch es ist, den Sinn der Geschichte rein immanent zu deuten und zu be-

haupten, dass der Mensch sich selbst erlösen kann.


39 Das Heil, das Gott seinen Kindern schenkt, erfordert ihrerseits eine freie und

zustimmende Antwort. Darin besteht der Glaube, in dem „sich der Mensch

als ganzer Gott in Freiheit“ überantwortet40 und der ihm von Gott zuerst

und im Überfluss geschenkten Liebe (vgl. 1 Joh 4, 10) mit konkreter Nächs-

tenliebe und fester Hoffnung entspricht, „denn er, der die Verheißung gege-

ben hat, ist treu“ (Hebr 10, 23). Der göttliche Heilsplan nämlich versetzt das

Geschöpf nicht in einen Zustand bloßer Passivität oder Minderwertigkeit

gegenüber seinem Schöpfer; vielmehr ist das Verhältnis zu Gott, das Jesus

Christus uns offenbart und in das er uns durch das Wirken des Heiligen

Geistes ungeschuldet einführt, ein Verhältnis der Kindschaft, wie es auch

Jesus dem Vater gegenüber lebt (vgl. Joh 15–17; Gal 4, 6–79).


40 Der universale und umfassende Charakter des uns in Jesus Christus geschenkten

Heils knüpft ein unzerreißbares Band zwischen dem Verhältnis zu Gott, zu dem die

Person berufen ist, und der Verantwortung für den Nächsten in der konkreten histori-

schen Situation. Dies ist, wenn auch nur als verworrene, zum Teil mit Irr-

tümern behaftete Ahnung, in der universalen menschlichen Suche nach

Wahrheit und Sinn angelegt, wird jedoch im Bund zwischen Gott und

 

39 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes,22: AAS 58(1966) 1043.

40 II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Dei Verbum, 5: AAS 58 (1966) 819.

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Israel zum tragenden Fundament, wie es die Gesetzestafeln und die prophe-

tische Verkündigung bezeugen.

Dieses Band wird in der Lehre Jesu Christi klar und in vollendeter Verdichtung

zum Ausdruck gebracht und dadurch, dass er aus Gehorsam gegenüber dem Willen

des Vaters und aus Liebe zu den Mitmenschen sein Leben hingibt, in letzter Instanz

bezeugt und endgültig bestätigt. Dem Schriftgelehrten, der ihn fragt: „Welches

Gebot ist das erste von allen?“ (Mk 12, 28), gibt Jesus zur Antwort: „Das

erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du

den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen

Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen

Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden“

(Mk 12, 29–31).

Im Herzen der menschlichen Person ist die Beziehung zu Gott, der als Schöpfer

und Vater, als Quelle und Vollendung des Lebens und des Heils anerkannt wird, un-

trennbar verbunden mit der Offenheit für die konkrete Liebe zum Menschen, der selbst

dann, wenn er ein Feind ist, wie ein zweites Selbst behandelt werden muss (vgl. Mt

5, 43–44). Der Einsatz für Gerechtigkeit und Solidarität und für die Schaf-

fung eines sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lebens, das dem Plan

Gottes entspricht, ist letztlich im Innern des Menschen verankert.

 

c) Der Jünger Christi als neues Geschöpf


41 Das persönliche und soziale Leben und das menschliche Handeln in

der Welt ist ständig von der Sünde bedroht, doch Jesus Christus hat uns

„durch sein Leiden für uns (…) nicht nur das Beispiel gegeben, dass wir

seinen Spuren folgen, sondern er hat uns auch den Weg gebahnt, dem wir

folgen müssen, damit Leben und Tod geheiligt werden und neue Bedeutung

erhalten“.41 Im Glauben und durch die Sakramente nimmt der Jünger

Christi am österlichen Geheimnis Jesu teil, so dass sein alter Mensch mit

seinen bösen Neigungen gemeinsam mit Christus gekreuzigt wird. Als neu-

es Geschöpf wird er sodann in der Gnade fähig, als neuer Mensch zu leben

(vgl. Röm 6, 4). Doch dieser Weg „gilt nicht nur für die Christgläubigen,

sondern für alle Menschen guten Willens, in deren Herzen die Gnade un-

 

41 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 22: AAS 58 (1966) 1043.

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sichtbar wirkt. Da nämlich Christus für alle gestorben ist und da es in

Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, die göttliche, müssen

wir festhalten, dass der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, diesem

österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise verbunden zu

sein“.42


42 Die innere Umgestaltung der menschlichen Person, die Christus fort-

schreitend ähnlicher wird, wird für eine wirkliche Erneuerung ihrer Bezie-

hungen zu den anderen Personen als wesentlich vorausgesetzt: „Deshalb ist

an die geistigen und sittlichen Kräfte des Menschen zu appellieren, und es

ist daran zu erinnern, dass sich der Mensch dauernd innerlich erneuern muss,

um Gesellschaftsveränderungen herbeizuführen, die wirklich im Dienste

der Person stehen. Die Bekehrung des Herzens ist an erste Stelle zu setzen.

Das enthebt nicht der Pflicht, sondern verstärkt sie vielmehr, Institutionen

und Lebensbedingungen, falls sie zur Sünde Anlass geben, zu verbessern,

damit sie den Normen der Gerechtigkeit entsprechen und das Gute fördern,

statt es zu behindern“.43


43 Es ist nicht möglich, den Nächsten wie sich selbst zu lieben und in

dieser Haltung zu verharren, wenn man nicht zugleich fest und dauerhaft

entschlossen ist, sich für das Wohl aller und eines jeden einzusetzen, denn

wir alle sind wahrhaft für alle verantwortlich.44 Das Konzil lehrt: „Achtung

und Liebe sind auch denen zu gewähren, die in gesellschaftlichen, politi-

schen oder auch religiösen Fragen anders denken oder handeln als wir. Je

mehr wir in Menschlichkeit und Liebe inneres Verständnis für ihr Denken

auf bringen, desto leichter wird es für uns, mit ihnen ins Gespräch zu kom-

men“.45 Für diesen Weg bedarf es der Gnade, die Gott dem Menschen

schenkt, um ihn nach Misserfolgen wieder aufzurichten, ihn der Spirale

von Lüge und Gewalt zu entreißen, ihm Halt zu geben und ihn zu ermun-

tern, dass er mit immer neuer Bereitschaft das Netz der wahren und auf-

richtigen Beziehungen zu seinesgleichen weiterknüpft.46

 

42 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 22: AAS 58 (1966) 1043.

43 Katechismus der Katholischen Kirche, 1888.

44 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 38: AAS 80 (1988) 565–566.

45 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes,28: AAS58 (1966)1048.

46 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1889.

53

 


44 Auch die Beziehung zum geschaffenen Universum und die verschiedenen Tätig-

keiten, die der Mensch seiner Pflege und Umwandlung widmet und die täglich von

Überheblichkeit und ungeordneter Eigenliebe bedroht sind, müssen durch das Kreuz

und die Auferstehung Christi geläutert und zur Vollendung gebracht werden: „Als

von Christus erlöst und im Heiligen Geist zu einem neuen Geschöpf ge-

macht, kann und muss der Mensch die von Gott geschaffenen Dinge lieben.

Von Gott empfängt er sie, er betrachtet und schätzt sie als Gaben aus Got-

tes Hand. Er dankt seinem Wohltäter für die Gaben; in Armut und Freiheit

des Geistes gebraucht und genießt er das Geschaffene; so kommt er in den

wahren Besitz der Welt als einer, der nichts hat und doch alles besitzt.

»Alles gehört euch; ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott«

(1 Kor 3, 22–23)“.47

 

d) Transzendenz des Heils und Autonomie der irdischen Wirklichkeiten


45 Jesus Christus ist der Mensch gewordene Sohn Gottes, in dem und durch den die

Welt und der Mensch zu ihrer echten und vollen Wahrheit gelangen. Das Geheimnis

der unendlichen Nähe Gottes zum Menschen – die in der Menschwerdung

Jesu Christi Wirklichkeit wird und bis zur Verlassenheit am Kreuz und zum

Tod reicht – zeigt, dass das Menschliche umso mehr in seiner Identität und in eben

der Freiheit, die ihm eigen ist, entfaltet und befreit wird, je mehr es im Licht des gött-

lichen Planes gesehen und in Gemeinschaft mit Gott gelebt wird. Weit davon ent-

fernt, eine demütigende Erfahrung zu sein, setzt die Teilhabe am Leben und

Sohn-Sein Christi, die durch die Menschwerdung und die österliche Gabe

des Geistes möglich geworden ist, vielmehr die authentische und autonome

Wesenhaftigkeit und Identität des Menschen in all ihren Ausprägungen

frei.

Diese Sichtweise ist auf eine richtige Bewertung der irdischen Wirklich-

keiten und ihrer Autonomie ausgerichtet, die von der Lehre des Zweiten

Vatikanischen Konzils deutlich unterstrichen wird: „Wenn wir unter Auto-

nomie der irdischen Wirklichkeiten verstehen, dass die geschaffenen Dinge

und auch die Gesellschaften ihre eigenen Gesetze und Werte haben, die der

 

47 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 37: AAS 58 (1966) 1055.

54

 

Mensch schrittweise erkennen, gebrauchen und gestalten muss, dann ist es

durchaus berechtigt, diese Autonomie zu fordern. Das (…) entspricht auch

dem Willen des Schöpfers. Durch ihr Geschaffensein selber nämlich haben

alle Einzelwirklichkeiten ihren festen Eigenstand, ihre eigene Wahrheit,

ihre eigene Gutheit sowie ihre Eigengesetzlichkeit und ihre eigenen Ord-

nungen, die der Mensch unter Anerkennung der den einzelnen Wissen-

schaften und Techniken eigenen Methode achten muss“.48


46 Zwischen Gott und dem Menschen herrscht kein konfliktäres, sondern ein Lie-

besverhältnis, in dem die Welt und die Früchte des menschlichen Handelns in der Welt

das Geschenk sind, das der Vater den Kindern, die Kinder dem Vater und die Kinder

einander in Christus Jesus machen: in ihm und durch ihn gelangen Welt und Mensch

zu ihrer authentischen und ursprünglichen Bedeutung. In einer universalen Sicht

der Liebe Gottes, die alles Seiende umfängt, wird Gott selbst uns in Chris-

tus als Vater und Lebensspender und wird uns der Mensch als der offenbart,

der in Christus alles in Demut und Freiheit von Gott zum Geschenk erhält

und erst dann wirklich als sein Eigentum besitzt, wenn er jedes Ding als

Gott gehörend, von Gott stammend und auf Gott hin ausgerichtet erkennt

und erlebt. In diesem Zusammenhang lehrt das Zweite Vatikanische Kon-

zil: „Wird aber mit den Worten »Autonomie der zeitlichen Dinge« gemeint,

dass die geschaffenen Dinge nicht von Gott abhängen und der Mensch sie

ohne Bezug auf den Schöpfer gebrauchen könne, so spürt jeder, der Gott

anerkennt, wie falsch eine solche Auffassung ist. Denn das Geschöpf sinkt

ohne den Schöpfer ins Nichts“.49


47 Die menschliche Person überschreitet in sich selbst und in ihrer Beru-

fung den Horizont des geschaffenen Universums, der Gesellschaft und der

Geschichte: Ihr letztes Ziel ist Gott selbst, 50 der sich den Menschen offen-

bart hat, um sie zur Gemeinschaft mit sich selbst einzuladen und zuzulas-

sen:51 „Der Mensch kann sich nicht an ein bloß menschliches Projekt der

Wirklichkeit, an ein abstraktes Ideal oder an falsche Utopien verschenken.

 

48 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 36: AAS 58 (1966) 1054;

vgl. Id., Dekr. Apostolicam actuositatem, 7: AAS 58 (1966) 843–844.

49 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes,36: AAS58 (1966)1054.

50 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche,2244.

51 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Dei Verbum, 2: AAS 58 (1966) 818.

55

 

Der Mensch als Person kann sich nur an einen anderen oder an andere

Menschen und endlich an Gott hingeben, der der Urheber seines Seins

und der Einzige ist, der seine Hingabe ganz anzunehmen vermag“.52 Aus

diesem Grund wird der Mensch entfremdet, wenn er „es ablehnt, über sich

selbst hinauszugehen und die Erfahrung der Selbsthingabe und der Bildung

einer an seiner letzten Bestimmung orientierten echten menschlichen Ge-

meinschaft zu leben. Diese letzte Zielbestimmung des Menschen aber ist

Gott selber. Entfremdet wird eine Gesellschaft, die in ihren sozialen Orga-

nisationsformen, in Produktion und Konsum, die Verwirklichung dieser

Hingabe und die Bildung dieser zwischenmenschlichen Solidarität er-

schwert“.53


48 Die menschliche Person kann und darf nicht von sozialen, wirtschaftlichen und

politischen Strukturen instrumentalisiert werden, weil jeder Mensch die Freiheit hat,

sich auf sein letztes Ziel hin auszurichten. Andererseits muss jede kulturelle, soziale,

wirtschaftliche und politische Leistung, in der sich die gesellschaftliche Natur des

Menschen und die Tätigkeit äußern, die er im Hinblick auf die Umwandlung des

Universums entfaltet, immer auch in ihrer Eigenschaft als relative und vorübergehende

Wirklichkeit betrachtet werden, „denn die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1 Kor

7, 31). Hierbei handelt es sich um eine eschatologische Relativität in dem Sinne,

dass der Mensch und die Welt einem Ziel entgegengehen, das die Erfüllung

ihres Schicksals in Gott ist; und um eine theologische Relativität insofern, als

das Geschenk Gottes, durch das sich das endgültige Schicksal der Mensch-

heit und der Schöpfung erfüllen wird, die Möglichkeiten und Erwartungen

des Menschen unendlich übertrifft. Jegliche totalitäre Sicht der Gesellschaft

und des Staates und jegliche rein innerweltliche Fortschrittsideologie sind

der umfassenden Wahrheit der menschlichen Person und dem, was Gott

mit der Geschichte plant, entgegengesetzt.

 

52 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus,41: AAS 83 (1991) 844.

53 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus,41: AAS 83 (1991) 844–845.

56

 

IV. DER PLAN GOTTES UND DIE SENDUNG DER KIRCHE

 

a) Die Kirche als Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person


49 Die Kirche als die Gemeinschaft derjenigen, die von dem auferstande-

nen Jesus Christus zusammengerufen worden sind und sich in seine Nach-

folge begeben, ist „Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen

Person“.54 Sie ist „in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen

und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der

ganzen Menschheit“.55 Die Sendung der Kirche besteht darin, das in Jesus

Christus verwirklichte Heil, das er selbst als „Reich Gottes“ bezeichnet (Mk

1, 15), nämlich die Gemeinschaft der Menschen mit Gott und untereinander,

zu verkünden und weiterzugeben. Das Ziel des Heils, das Reich Gottes,

umfasst alle Menschen und wird sich jenseits der Geschichte, in Gott, voll

und ganz erfüllen. Die Kirche hat die Sendung empfangen, „das Reich

Christi und Gottes anzukündigen und in allen Völkern zu begründen. So

stellt sie Keim und Anfang dieses Reiches auf Erden dar“.56


50 Die Kirche stellt sich vor allem dadurch ganz konkret in den Dienst des Reiches

Gottes, dass sie das Evangelium des Heils verkündet und weitergibt und neue christli-

che Gemeinschaften bildet. Ferner dient sie dem Reich, „indem sie auf der Welt

die »evangelischen Werte« der Seligpreisungen bekannt macht, die authen-

tischer Ausdruck des Reiches sind und die den Menschen helfen, Gott mit

seinem Vorhaben einzulassen. Es ist also wahr, dass die Wirklichkeit des

Reiches in Ansätzen sich auch jenseits der Grenzen der Kirche in der ge-

samten Menschheit finden kann, insofern diese die »evangelischen Werte«

lebt und sich der Tätigkeit des Geistes öffnet, der weht, wo und wie er will

(vgl. Joh 3, 9); es ist aber auch zu sagen, dass diese zeitliche Dimension des

Reiches unvollständig bleibt, wenn sie nicht zusammen mit dem Reich

Christi ausgesagt wird, das in der Kirche anwesend und auf die eschatolo-

gische Vollendung ausgerichtet ist“.57 Daraus ergibt sich insbesondere, dass

 

54 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 76: AAS 58 (1966) 1099.

55 II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 1: AAS 57 (1965) 5.

56 II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 5: AAS 57 (1965) 8.

57 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio, 20: AAS 83 (1991) 267.

57

 

die Kirche nicht mit der politischen Gemeinschaft verschmilzt und an kein politisches

System gebunden ist.58 Die politische Gemeinschaft und die Kirche sind auf

ihrem je eigenen Gebiet voneinander unabhängig und autonom und dienen

beide, wenn auch mit unterschiedlichem Anspruch, „der persönlichen und

gesellschaftlichen Berufung der gleichen Menschen“.59 Man kann sogar sa-

gen, dass die Unterscheidung zwischen Religion und Politik und der

Grundsatz der religiösen Freiheit eine besondere Errungenschaft des Chris-

tentums darstellen, die in historischer und kultureller Hinsicht von großer

Bedeutung ist.


51 Der Identität und der Sendung der Kirche in der Welt entspricht nach dem in

Christus verwirklichten Plan Gottes ihre Ausrichtung auf „das endzeitliche Heil (…),

das erst in der künftigen Weltzeit voll verwirklicht werden kann“.60 Gerade deshalb

leistet die Kirche mit ihrem Bestreben, die Menschheitsfamilie und ihre Ge-

schichte menschlicher zu gestalten und sich wie ein Bollwerk jeder totalitä-

ren Versuchung entgegenzustemmen, einen eigenständigen und unersetzli-

chen Beitrag,61 indem sie dem Menschen seine umfassende und endgültige

Berufung aufzeigt.

Mit der Verkündigung des Evangeliums, der Gnade der Sakramente und

der Erfahrung der brüderlichen Gemeinschaft bewirkt die Kirche „die Hei-

lung und Hebung der Personwürde, (…) die Festigung des menschlichen

Gemeinschaftsgefüges“ und „die Erfüllung des alltäglichen menschlichen

Schaffens mit tieferer Sinnhaftigkeit und Bedeutung“.62 Das Kommen des

Gottesreiches lässt sich also nicht im konkreten Lauf der Geschichte an der

Zielvorstellung einer bestimmten und endgültigen sozialen, wirtschaftli-

chen und politischen Organisationsform festmachen. Es wird vielmehr

durch die Entwicklung einer menschlichen Gesellschaftlichkeit bezeugt,

die wie ein Sauerteig in den Menschen wirkt, sie zu umfassender Selbstver-

wirklichung, zu Gerechtigkeit und Solidarität führt und sie für das Trans-

 

58 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 76: AAS 58 (1966) 1099
Katechismus der Katholischen Kirche,2245.

59 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 76: AAS 58 (1966) 1099.

60 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 40: AAS 58 (1966) 1058.

61 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche,2244.

62 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 40: AAS 58 (1966) 1058.

58

 

zendente als Bezugspunkt ihrer eigenen, endgültigen persönlichen Voll-

endung öffnet.

 

b) Kirche, Reich Gottes und die Erneuerung der sozialen Beziehungen


52 Gott erlöst in Christus nicht nur die einzelne Person, sondern auch die sozialen

Beziehungen der Menschen untereinander. Das Leben in Christus, so lehrt der

Apostel Paulus, bringt die Identität und die gesellschaftliche Natur der

menschlichen Person mit allen Konsequenzen auf der konkreten histori-

schen Ebene zu voller und neuer Entfaltung: „Ihr seid alle durch den Glau-

ben Söhne Gottes in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus ge-

tauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden

und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle

seid »einer« in Christus Jesus“ (Gal 3, 26–28). In diesem Sinne verstehen sich

die von der Botschaft Jesu Christi zusammengerufenen und im Heiligen

Geist um den Auferstandenen vereinten kirchlichen Gemeinden als Orte

der Gemeinschaft, des Zeugnisses und der Mission und als Ferment der

Erlösung und der Umwandlung der sozialen Beziehungen. Die Verkündi-

gung des Evangeliums Jesu führt die Jünger dazu, in der Erneuerung der

gegenseitigen Beziehungen die Zukunft vorwegzunehmen.


53 Die Umwandlung der sozialen Beziehungen im Einklang mit den Forderungen

des Gottesreiches wird nicht ein für alle Mal in konkreten Bestimmungen festgelegt.

Vielmehr handelt es sich um eine den christlichen Gemeinschaften anvertraute Auf-

gabe und muss von diesen durch ein vom Evangelium inspiriertes Denken und Han-

deln erarbeitet und verwirklicht werden. Derselbe Heilige Geist, der das Volk

Gottes leitet und gleichzeitig das Universum erfüllt,63 gibt auch der verant-

wortungsvollen Kreativität der Menschen und der Gemeinschaft der Chris-

ten von Zeit zu Zeit neue, aktuelle Lösungen ein64 – einer Gemeinschaft

von Christen, die Teil der Welt und der Geschichte und deshalb offen ist

für das Gespräch mit allen Menschen guten Willens, die gemeinsam nach

 

63 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 11: AAS 58 (1966) 1033.

64 Vgl. Paul VI., Ap. Schr. Octogesima adveniens, 37: AAS 63 (1971) 426–427.

59

 

den auf dem weiten Feld der Menschheit ausgesäten Keimen der Wahrheit

und Freiheit suchen.65 Die Dynamik einer solchen Erneuerung muss in den

unveränderlichen Grundsätzen des Naturrechts verankert werden, das der

Schöpfergott jedem seiner Geschöpfe eingeprägt hat (vgl. Röm 2, 14–15)

und das durch Jesus Christus eschatologisch verklärt worden ist.


54 „Gott ist die Liebe“ (1Joh 4, 8), das offenbart uns Jesus Christus, und er lehrt

uns, dass „das Grundgesetz der menschlichen Vervollkommnung und deshalb auch

der Umwandlung der Welt das neue Gebot der Liebe ist. Denen also, die der gött-

lichen Liebe glauben, gibt er die Sicherheit, dass allen Menschen der Weg

der Liebe offen steht und dass der Versuch, eine allumfassende Brüderlich-

keit herzustellen, nicht vergeblich ist“.66 Dieses Gebot ist dazu bestimmt,

zum Maßstab und zur letztgültigen Regel aller Prozesse zu werden, in de-

nen sich die menschlichen Beziehungen entfalten. Kurz gesagt erhalten die

Person, die gesellschaftliche Natur und das Handeln des Menschen in der

Welt ihre Bedeutung und ihren Wert aus dem eigentlichen Geheimnis Got-

tes, der trinitarischen Liebe, die der Menschheit durch Jesus Christus in

seinem Geist geoffenbart und mitgeteilt worden ist.


55 Die Umwandlung der Welt erweist sich auch in unserer Zeit als eine grund-

legende Forderung. Auf diese Notwendigkeit will die Soziallehre der Kirche mit den

von den Zeichen der Zeit gebotenen Antworten reagieren und vor allem die in der

Verantwortung vor Gott gelebte gegenseitige Liebe der Menschen untereinander als

das mächtigste Werkzeug einer persönlichen wie auch gesellschaftlichen Veränderung

herausstellen. Denn die gegenseitige, der unendlichen Liebe Gottes teilhaftige

Liebe ist das authentische historische und transzendente Ziel der Mensch-

heit. Deshalb gilt: „Obschon der irdische Fortschritt eindeutig vom Wachs-

tum des Reiches Christi zu unterscheiden ist, so hat er doch große Bedeu-

 

65 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 11: AAS 71 (1979) 276: „Zu Recht
sahen die Kirchenväter in den verschiedenen Religionen gleichsam auch Reflexe einer
einzigen Wahrheit als »Keime des Wortes«, die bezeugen, dass das tiefste Streben des
menschlichen Geistes, wenn auch auf verschiedenen Wegen, so doch in eine einzige
Richtung ausgerichtet ist“.

66 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 38: AAS 58 (1966) 1055–1056.

60

 

tung für das Reich Gottes, insofern er zu einer besseren Ordnung der

menschlichen Gesellschaft beitragen kann“.67

 

c) Ein neuer Himmel und eine neue Erde


56 Die Verheißung Gottes und die Auferstehung Jesu Christi wecken in den Chris-

ten die tiefe Hoffnung, dass allen menschlichen Personen eine neue und ewige Wohn-

statt bereitet ist, eine Erde, in der die Gerechtigkeit wohnt (vgl. 2 Kor 5, 1–2; 2Petr

3, 13): „Der Tod wird besiegt sein, die Kinder Gottes werden in Christus auf-

erweckt werden, und was in Schwachheit und Verweslichkeit gesät wurde,

wird sich mit Unverweslichkeit bekleiden. Die Liebe wird bleiben, wie das,

was sie einst getan hat, und die ganze Schöpfung, die Gott um des Men-

schen willen schuf, wird von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit

sein“.68 Diese Hoffnung soll jedoch den Eifer in den Bemühungen um die

gegenwärtigen Wirklichkeiten nicht schmälern, sondern im Gegenteil

noch steigern.


57 Die Güter – die Würde des Menschen, die Brüderlichkeit und die Freiheit, alle

guten Früchte der Natur und unserer Arbeit –, die im Geist des Herrn und nach seiner

Weisung über die Erde ausgebreitet, von allem Makel geläutert, verklärt und verwan-

delt sind, gehören dem Reich der Wahrheit und des Lebens, der Heiligkeit und der

Gnade, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens an, das Christus dem Vater

übergeben wird und in dem wir uns wiederfinden werden. Dann wird für alle die

feierliche Wahrheit der Worte Christi erklingen: „Kommt her, die ihr von

meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaf-

fung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt

mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben;

ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war

nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt

mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. (…)

Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir

getan“ (Mt 25, 34–36.40).

 

67 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 39: AAS 58 (1966) 1057.

68 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 39: AAS 58 (1966) 1057.

61

 


58 Die in Christus dank der Gabe des Geistes vollendete Verwirklichung der

menschlichen Person reift in der Geschichte heran und wird durch die Beziehungen

der Person zu anderen Personen vermittelt, Beziehungen, die ihrerseits dank des En-

gagements für eine bessere Welt in Gerechtigkeit und Frieden ihrer Vollendung ent-

gegengehen. Das menschliche Handeln in der Geschichte ist an und für sich

im Hinblick auf die endgültige Errichtung des Reiches bedeutsam und wirk-

sam, auch wenn dieses als Geschenk Gottes vollkommen transzendent

bleibt. Dieses Handeln wird, wenn es die objektive Ordnung der zeitlichen

Wirklichkeiten respektiert und von der Wahrheit und der Liebe erleuchtet

ist, zum Werkzeug einer immer vollkommeneren und umfassenderen Um-

setzung der Gerechtigkeit und des Friedens, die das verheißene Reich in der

Gegenwart vorwegnimmt.

Wenn der Mensch dem Erlöser Christus ähnlich wird, nimmt er sich als ein von

Gott gewolltes und von ihm von Ewigkeit her auserwähltes Geschöpf wahr, das in der

ganzen Fülle des Geheimnisses, dessen er in Jesus Christus teilhaftig geworden ist, zur

Gnade und zur Herrlichkeit berufen ist.69 Christus ähnlich zu werden und sein

Antlitz zu betrachten70 erfüllt den Christen mit einer unstillbaren Sehn-

sucht, in dieser Welt, im Bereich der menschlichen Beziehungen das vor-

wegzunehmen, was letztlich Wirklichkeit werden wird, und alles daran-

zusetzen, dem Herrn, der an die Tür klopft, zu essen, zu trinken oder

Kleidung zu geben, ihn in seinem Haus willkommen zu heißen, ihn zu

pflegen oder ihm Gesellschaft zu leisten (vgl. Mt 25, 35–37).

 

d) Maria und ihr „fiat“ zum Plan der Liebe Gottes


59 Die Erbin der Hoffnung der Gerechten Israels und die erste unter den Jüngern

Jesu Christi ist Maria, seine Mutter. Mit ihrem „fiat“, ihrem Ja zum Plan der

Liebe Gottes empfängt sie im Namen der gesamten Menschheit den Ge-

sandten des Vaters, den Erlöser der Menschen in der Geschichte: Im Gesang

des „Magnifikat“ verkündet sie das Eintreffen des Heilsgeheimnisses, die An-

kunft des „Messias der Armen“ (vgl. Jes 11, 4; 61, 1). Der Gott des Bundes, den

 

69 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 13: AAS 71 (1979) 283–284.

70 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Novo millennio ineunte, 16–28: AAS 93 (2001) 276–285.

62

 

die Jungfrau von Nazaret in seinem Geist jubelnd besingt, ist der, der die

Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht, die Hungernden

mit Gaben überhäuft und die Reichen leer ausgehen lässt, die Hochmütigen

zerstreut und sein Erbarmen für die bereithält, die ihn fürchten (vgl. Lk

1, 50–53).

Die Jünger Christi sind dazu berufen, aus dem Herzen Marias und aus

der Tiefe ihres Glaubens zu schöpfen, der in den Worten des Magnifikat

zum Ausdruck kommt, und sich immer wieder neu und stärker bewusst

zu machen, „dass man die Wahrheit über Gott, der rettet, über Gott, die Quelle

jeglicher Gabe, nicht von der Bekundung seiner vorrangigen Liebe für die Armen

und Niedrigen trennen kann, wie sie, bereits im Magnifikat besungen, dann in

den Worten und Taten Jesu ihren Ausdruck findet“.71 Völlig von Gott ab-

hängig und ganz und gar auf ihn hin ausgerichtet ist Maria mit der Kraft

ihres Glaubens „das vollkommenste Bild der Freiheit und der Befreiung der

Menschheit und des Kosmos“.72

 

71 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris Mater, 37: AAS 79 (1987) 410.

72 Kongregation für die Glaubenslehre, Instr. Libertatis conscientia,97: AAS 79 (1987) 597.

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