Zweites Kapitel

ZWEITES KAPITEL

DIE SENDUNG DER KIRCHE UND DIE SOZIALLEHRE

 

I. EVANGELISIERUNG UND SOZIALLEHRE

 

a) Die Kirche: Wohnung Gottes unter den Menschen


60 Die Kirche, die Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen teilt, ist

mit jedem Mann und jeder Frau an jedem Ort und zu jeder Zeit solidarisch und

bringt ihnen die frohe Botschaft vom Reich Gottes, das mit Jesus Christus

in ihre Mitte gekommen ist und kommt.73 Sie ist in der Menschheit und in

der Welt das Sakrament der Liebe Gottes und damit der größten Hoffnung,

die jedes echte Projekt und Streben nach menschlicher Befreiung und Ent-

faltung vorantreibt und stützt. Die Kirche ist unter den Menschen das Zelt

der begleitenden Nähe Gottes – „die Wohnung Gottes unter den Menschen“

(Offb 21, 3) –, sodass der Mensch in seinem Bestreben, die Welt mensch-

licher zu gestalten, nicht allein, verloren oder hilflos ist, sondern in der

Erlöserliebe Christi Halt findet. Sie ist Dienerin des Heils, und das nicht

im abstrakten oder mehr spirituellen Sinne, sondern im Kontext der Ge-

schichte und der Welt, in der der Mensch lebt,74 wo ihn die Liebe Gottes

und die Berufung, dem göttlichen Plan zu entsprechen, erreicht.


61 Jeder Mensch ist in seiner einzigartigen und unwiederholbaren Individualität

offen für die Beziehung zu den anderen in der Gesellschaft. Das Zusammenleben

im Netz der Verhältnisse, das Individuen, Familien und Gruppen in Begeg-

nung, Kommunikation und im Austausch miteinander verknüpft, gewähr-

leistet eine höhere Lebensqualität. Das Gemeinwohl, das die Menschen

durch die Bildung der sozialen Gemeinschaft anstreben und erreichen, ist

 

73 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 1: AAS 58 (1966) 1025–1026.

74 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 40: AAS 58 (1966) 1057–1059;
Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 53–54: AAS 83 (1991) 859–860;
Id., Enz. Sollicitudo rei socialis, 1: AAS 80 (1988) 513–514.

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eine Garantie für das Wohl der Personen, Familien und Vereinigungen.75

Aus diesen Gründen wird die Gesellschaft mit ihren strukturellen, das

heißt politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und kulturellen Ordnungen

hervorgebracht und gestaltet. Die Kirche wendet sich mit ihrer Soziallehre

an den Menschen, „insofern er in das komplexe Beziehungsgeflecht der

modernen Gesellschaften eingebunden ist“.76 „Auf Grund ihrer Erfahrung

in allem, was den Menschen betrifft“,77 ist sie in der Lage, ihn in seiner

Berufung und in seinem Streben, in seiner Begrenztheit und in seiner Un-

zufriedenheit, in seinen Rechten und in seinen Aufgaben zu verstehen und

ein Wort des Lebens für ihn bereitzuhalten, das er in den historischen und

sozialen Wechselfällen des menschlichen Daseins zum Klingen bringen

kann.

b) Die Gesellschaft mit dem Evangelium fruchtbar machen und durchsäuern


62 Mit ihrer Soziallehre will die Kirche das Evangelium im komplexen Netz der

sozialen Beziehungen verkünden und aktualisieren. Es geht nicht einfach darum,

den Menschen in der Gesellschaft, den Menschen als Adressaten des zu ver-

kündenden Evangeliums zu erreichen, sondern die Gesellschaft selbst mit dem

Evangelium fruchtbar zu machen und zu durchsäuern.78 Sich um den Menschen

zu sorgen bedeutet daher für die Kirche, auch die Gesellschaft in ihre mis-

sionarischen und heilbringenden Bemühungen einzubeziehen. Oft sind die

Lebensqualität und damit die Umstände, in denen jeder Mann und jede

Frau sich selbst begreift und über sich und die eigene Berufung entscheidet,

durch das soziale Zusammenleben bedingt. Aus diesem Grund steht die

Kirche allem, was in der Gesellschaft geschieht, hervorgebracht und gelebt

wird, sowie der moralischen, das heißt wahrhaft menschlichen und

menschlich machenden Qualität des gesellschaftlichen Lebens nicht gleich-

 

75 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 32: AAS 58 (1966) 1051.

76 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 54: AAS 83 (1991) 859.

77 Paul VI., Enz. Populorum progressio, 13: AAS 59 (1967) 263.

78 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 40: AAS 58 (1966) 1057–1059.

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gültig gegenüber. Die Gesellschaft und mit ihr die Politik, die Wirtschaft,

die Arbeit, die Rechtsordnung und die Kultur sind keine rein säkulare und

weltliche Wirklichkeit, für die deshalb die Botschaft und Ökonomie des

Heils unbedeutend und fremd wären. Denn die Gesellschaft und alles, was

in ihr geschieht, betrifft den Menschen. Sie ist die Gesellschaft von Men-

schen, die „der erste und grundlegende Weg der Kirche“ sind.79


63 Mit ihrer Soziallehre nimmt die Kirche den Verkündigungsauftrag

wahr, den der Herr ihr anvertraut hat. In den historischen Wechselfällen

aktualisiert sie die befreiende und erlösende Botschaft Christi, das Evangeli-

um vom Reich. Mit der Verkündigung des Evangeliums „bescheinigt sie

dem Menschen im Namen Christi seine Würde und seine Berufung zu per-

sonaler Gemeinschaft; sie lehrt ihn die Forderungen der Gerechtigkeit und

der Liebe, die der göttlichen Weisheit entsprechen“.80

Als Evangelium, das durch die Kirche im Heute des Menschen widerhallt,81 ist

die Soziallehre befreiendes Wort. Das bedeutet, dass sie die Wirksamkeit

der Wahrheit und der Gnade des Geistes Gottes besitzt, der die Herzen

durchdringt und sie bereit macht, Gedanken und Pläne der Liebe, der Ge-

rechtigkeit, der Freiheit und des Friedens zu hegen. Das Soziale zu evan-

gelisieren heißt also, dem Herzen der Menschen die Sinn gebende und be-

freiende Dynamik des Evangeliums einzugießen, so dass sie auf eine

Gesellschaft hinarbeiten, die Christus und damit dem Menschen wahrhaft

angemessen ist: es heißt, eine Stadt des Menschen zu bauen, die mensch-

licher ist, weil sie dem Reich Gottes mehr entspricht.


64 Mit ihrer Soziallehre entfernt sich die Kirche nicht nur nicht von ihrer eigenen

Sendung, sondern ist ihr im strengen Sinne treu. Die von Christus vollbrachte

und der heilbringenden Sendung der Kirche anvertraute Erlösung gehört

sicherlich der übernatürlichen Ordnung an. Diese Dimension ist aber kein

einschränkender, sondern ein umfassender Ausdruck des Heils.82 Das

 

79 Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 14: AAS 71 (1979) 284.

80 Katechismus der Katholischen Kirche,2419.

81 Vgl. Johannes Paul II., Predigt bei der Eucharistiefeier am Pfingstsonntag zum Abschluss
der „Rerum novarum“-Feiern (19. Mai 1991): AAS 84 (1992) 282.

82 Vgl. Paul VI., Ap. Schr. Evangelii nuntiandi, 9. 30: AAS 68 (1976) 10–11. 25–26;
Johannes Paul II., Ansprache auf der Dritten Allgemeinen Konferenz der Lateinamerikani-
schen Bischöfe, Puebla (28. Januar 1979), III/4–7: AAS 71 (1979) 199–204;
Kongregation für die Glaubenslehre, Instr. Libertatis conscientia, 63–64. 80: AAS 79 (1987)581–582. 590–591.

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Übernatürliche hat man sich nicht als eine Größe oder einen Raum vor-

zustellen, der dort beginnt, wo das Natürliche endet, sondern als Erhöhung

des Natürlichen, so dass nichts aus der Ordnung der Schöpfung und des

Menschlichen der übernatürlichen und theologischen Ordnung des Glau-

bens und der Gnade fremd oder von ihr ausgeschlossen, sondern vielmehr

alles in ihr erkannt, aufgenommen und emporgehoben ist: „In Jesus Chris-

tus erhält die sichtbare Welt, die von Gott für den Menschen geschaffen ist

(vgl. Gen 1, 26–30) – jene Welt, die mit der Sünde »der Vergänglichkeit un-

terworfen« wurde (Röm 8, 20; vgl. ibid., 8, 19–22) – erneut ihre ursprüng-

liche Verbindung mit eben dieser göttlichen Quelle der Weisheit und Liebe

zurück. In der Tat, »Gott hat die Welt so geliebt, dass er seinen einzigen

Sohn hingab« (Joh 3, 16). Wie im Menschen-Adam diese Verbindung zerbro-

chen ist, so wird sie im Menschen-Christus wiederhergestellt (vgl. Röm

5, 12–21)“.83


65 Die Erlösung beginnt mit der Menschwerdung, durch die sich der Sohn Gottes

gemäß der von der Weisheit des Schöpfergottes eingesetzten Solidarität alles Mensch-

liche außer der Sünde zu Eigen macht und in sein Geschenk der Erlöserliebe mit

hineinnimmt. Diese Liebe erreicht den Menschen in der Ganzheit seines Seins:

körperlich und geistig und in der solidarischen Beziehung zu den anderen.

Der ganze Mensch – keine losgelöste Seele und kein in seiner Individualität

eingeschlossenes Wesen, sondern die Person und die Gesellschaft der Per-

sonen – ist in die Heilsökonomie des Evangeliums miteinbezogen. Als Trä-

gerin der Botschaft des Evangeliums von der Menschwerdung und Erlö-

sung kann die Kirche keinen anderen Weg gehen: mit ihrer Soziallehre

und mit der durch diese in Gang gesetzten wirkungsvollen Tätigkeit nimmt

sie ihrem Profil und ihrer Sendung nicht nur nichts an Kraft, sondern ist

Christus treu und offenbart sich den Menschen als „allumfassendes Heils-

sakrament“.84 Und dies gilt besonders für eine Epoche wie die unsrige, die

 

83 Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 8: AAS 71 (1979) 270.

84 II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 48: AAS 57 (1965) 53.

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von einer zunehmenden wechselseitigen Abhängigkeit und weltumspan-

nenden Relevanz der sozialen Fragen gekennzeichnet ist.

c) Soziallehre, Evangelisierung und menschlicher Fortschritt


66 Die Soziallehre ist wesentlicher Bestandteil des Evangelisierungsauftrags der

Kirche. Alles, was die Gemeinschaft der Menschen betrifft – Situationen

und Probleme im Kontext der Gerechtigkeit, der Befreiung, der Entwick-

lung, der Beziehungen zwischen den Völkern, des Friedens – hat auch mit

der Evangelisierung zu tun, und diese wäre nicht vollständig, wenn sie die

fordernde Wechselbeziehung zwischen dem Evangelium und dem konkre-

ten, persönlichen und sozialen Leben des Menschen nicht berücksichtigen

würde.85 Zwischen der Evangelisierung und dem menschlichen Fortschritt

gibt es tiefe Verbindungen: „Verbindungen anthropologischer Natur, denn

der Mensch, dem die Evangelisierung gilt, ist kein abstraktes Wesen, son-

dern sozialen und wirtschaftlichen Problemen unterworfen; Verbindungen

theologischer Natur, da man ja den Schöpfungsplan nicht vom Erlösungs-

plan trennen kann, der hineinreicht bis in die ganz konkreten Situationen

des Unrechts, das es zu bekämpfen, und der Gerechtigkeit, die es wieder-

herzustellen gilt. Verbindungen schließlich jener ausgesprochen biblischen

Ordnung, nämlich der der Liebe: Wie könnte man in der Tat das neue Ge-

bot verkünden, ohne in der Gerechtigkeit und im wahren Frieden das echte

Wachstum des Menschen zu fördern?“.86


67 Der Soziallehre kommt „die Bedeutung eines Instrumentes der Glaubensverkün-

digung zu“,87 und sie entwickelt sich in der immer neuen Begegnung zwi-

schen der Botschaft des Evangeliums und der menschlichen Geschichte. So

gesehen ist diese Lehre für die Kirche ein besonderer Weg, um den Dienst

am Wort und ihre prophetische Funktion auszuüben:88 „Die Verkündigung

und Verbreitung der Soziallehre gehört wesentlich zum Sendungsauftrag

der Glaubensverkündigung der Kirche; sie gehört zur christlichen Bot-

 

85 Vgl. Paul VI., Ap. Schr. Evangelii nuntiandi, 29: AAS 68 (1976) 25.

86 Paul VI., Ap. Schr. Evangelii nuntiandi, 31: AAS 68 (1976) 26.

87 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 54: AAS 83 (1991) 860.

88 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 41: AAS 80 (1988) 570–572.

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schaft, weil sie deren konkrete Auswirkungen für das Leben in der Gesell-

schaft vor Augen stellt und damit die tägliche Arbeit und den mit ihr ver-

bundenen Kampf für die Gerechtigkeit in das Zeugnis für Christus, den

Erlöser, miteinbezieht“.89 Wir sprechen hier nicht von einem Interesse oder

einer Tätigkeit „am Rande“, die zum Auftrag der Kirche hinzukommt, son-

dern wir haben es mit dem eigentlichen Kern ihres dienenden Charakters

zu tun: Mit der Soziallehre verkündet die Kirche „jedem Menschen Gott

und das Heilsmysterium in Christus und enthüllt dadurch den Menschen

dem Menschen selbst“.90 Hierbei handelt es sich um einen Dienst, der sich

nicht nur aus der Verkündigung, sondern auch aus der Zeugenschaft ergibt.


68 Die Kirche kommt ihrer Verantwortung für das Leben in der Gesellschaft nicht

unter jedem beliebigen Blickwinkel nach, sondern mit der ihr eigenen Kompetenz der

Verkündigung Christi, des Erlösers:91 „Die ihr eigene Sendung, die Christus der

Kirche übertragen hat, bezieht sich zwar nicht auf den politischen, wirt-

schaftlichen oder sozialen Bereich: das Ziel, das Christus ihr gesetzt hat,

gehört ja der religiösen Ordnung an. Doch fließen aus eben dieser religiö-

sen Sendung Auftrag, Licht und Kraft, um der menschlichen Gemeinschaft

zu Auf bau und Festigung nach göttlichem Gesetz behilflich zu sein“.92 Das

bedeutet, dass sich die Kirche mit ihrer Soziallehre nicht zu technischen

Fragen äußert und keine Systeme oder Modelle der sozialen Organisation

aufstellt oder vorschlägt:93 das gehört nicht zu der ihr von Christus anver-

trauten Sendung. Die Kompetenz der Kirche stammt aus dem Evangelium:

der Botschaft von der Befreiung des Menschen, die der Mensch gewordene

Sohn Gottes verkündet und bezeugt hat.

 

89 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 5: AAS 83 (1991) 799.

90 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 54: AAS 83 (1991) 860.

91 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2420.

92 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 42: AAS 58 (1966) 1060.

93 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 41: AAS 80 (1988) 570–572.

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d) Recht und Pflicht der Kirche


69 Mit ihrer Soziallehre verfolgt die Kirche den Zweck, „dem Menschen auf dem

Weg zu seinem Heil beizustehen“:94 das ist ihr vorrangiges und einziges Ziel. Es

gibt keine anderen Absichten – etwa die, die Aufgaben anderer zu ersetzen

oder zu übernehmen und dabei die eigenen zu vernachlässigen, oder Pläne

zu verfolgen, die nichts mit ihrer Sendung zu tun haben. Diese Sendung

besteht in dem Recht und zugleich der Pflicht der Kirche, eine eigene Sozi-

allehre zu erarbeiten und mit ihr in die Gesellschaft und ihre Strukturen

einzugreifen, indem sie die Verantwortung und die Aufgaben wahrnimmt,

die diese Lehre formuliert hat.


70 Die Kirche hat das Recht, für den Menschen Lehrerin der Glaubenswahrheit zu

sein: nicht nur der dogmatischen, sondern auch der moralischen Wahrheit, die aus der

Natur des Menschen selbst und aus dem Evangelium entspringt.95 Denn das Wort

des Evangeliums soll nicht nur gehört, sondern in die Tat umgesetzt wer-

den (vgl. Mt 7, 24; Lk 6, 46–47; Joh 14, 21.23–24; Jak 1, 22): die Glaubenstreue

äußert sich in einem in sich stimmigen Verhalten, das nicht auf das im

engeren Sinne kirchliche oder spirituelle Umfeld beschränkt ist, sondern

alle Lebens- und Verantwortungsbereiche des Menschen miteinbezieht.

Auch wenn diese weltlicher Natur sind, haben sie doch den Menschen

zum Gegenstand – und damit den, den Gott durch die Kirche dazu beruft,

an seinem Heilsgeschenk teilzuhaben.

Auf das Geschenk des Heils soll der Mensch nicht mit einer partiellen,

abstrakten oder verbalen Zustimmung, sondern mit seinem ganzen Leben

und allen Beziehungen, die es prägen, reagieren und nichts einem profanen

und weltlichen, nicht heilsrelevanten oder dem Heil fern stehenden Bereich

überlassen. Deshalb ist die Soziallehre für die Kirche kein Privileg, keine

Extravaganz, keine besondere Gunst und auch keine Einmischung: es ist

ihr Recht, den sozialen Bereich zu evangelisieren, das heißt, dem befreien-

den Wort des Evangeliums in der vielschichtigen Welt der Produktion, der

 

94 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 54: AAS 83 (1991) 860.

95 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erkl. Dignitatis humanae, 14: AAS 58 (1966) 940;
Johannes Paul II., Enz. Veritatis splendor, 27. 64. 110: AAS 85 (1993) 1154–1155. 1183–1184. 1219–1220.

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Arbeit, des Unternehmertums, der Finanzen, des Handels, der Politik, der

Rechtsprechung, der Kultur und der sozialen Kommunikation, in der der

Mensch lebt, Gehör zu verschaffen.


71 Dieses Recht ist zugleich auch eine Pflicht, auf die die Kirche nicht verzichten

kann, ohne sich selbst und ihre Treue zu Christus zu verleugnen: „Weh mir, wenn ich

das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9, 16). Diese Mahnung, die der heili-

ge Paulus an sich selber richtet, hallen im Bewusstsein der Kirche nach und

erinnern sie daran, alle Wege der Evangelisierung zu beschreiten; nicht nur

die, die sich auf das Gewissen des Einzelnen, sondern auch die, die sich auf

die öffentlichen Einrichtungen erstrecken: einerseits wäre eine „Einschrän-

kung der Religiösen auf den rein privaten Bereich“ falsch,96 andererseits

kann man die christliche Botschaft nicht auf ein rein überirdisches Heil aus-

richten, das nicht in der Lage wäre, die irdische Gegenwart zu erleuchten.97

Aufgrund der öffentlichen Relevanz des Evangeliums und des Glaubens

und aufgrund der zerstörerischen Auswirkungen der Ungerechtigkeit, das

heißt der Sünde, kann die Kirche den sozialen Angelegenheiten gegenüber

nicht gleichgültig bleiben:98 „Der Kirche kommt es zu, immer und überall

die sittlichen Grundsätze auch über die soziale Ordnung zu verkündigen wie

auch über menschliche Dinge jedweder Art zu urteilen, insoweit die Grund-

rechte der menschlichen Person oder das Heil der Seelen dies erfordern“.99

 

II. DAS WESEN DER SOZIALLEHRE

 

a) Die vom Glauben erleuchtete Erkenntnis


72 Die Soziallehre war nicht von Anfang an als ein organisches System beabsich-

tigt, sondern hat sich im Lauf der Zeit durch die zahlreichen lehramtlichen Äußerun-

gen zu sozialen Fragen herausgebildet. Diese Entstehungsgeschichte macht die

 

96 Johannes Paul II., Botschaft zum 30. Jahrestag der Verabschiedung der UN-Erklärung über die
Menschenrechte am 10. Dezember (2. Dezember 1978): Insegnamenti di Giovanni Pao- lo II, I (1978) 261.

97 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 5: AAS 83 (1991) 799.

98 Vgl. Paul VI., Ap. Schr. Evangelii nuntiandi,34: AAS 68(1976) 28.

99 CIC, can. 747, § 2.

71

 

Tatsache verständlich, dass es im Hinblick auf das Wesen, die Methode und

die epistemologische Struktur der Soziallehre der Kirche zu einigen

Schwankungen hat kommen können. In dieser Hinsicht enthält die Enzy-

klika „Sollicitudo rei socialis“ eine entscheidende Klarstellung, der ein bedeut-

samer Hinweis in „Laborem exercens“100 vorangegangen war: die kirchliche

Soziallehre „gehört … nicht in den Bereich der Ideologie, sondern der

Theologie, insbesondere der Moraltheologie“.101 Sie lässt sich nicht nach

sozioökonomischen Parametern definieren. Sie ist kein ideologisches oder

pragmatisches System, das die wirtschaftlichen, politischen und sozialen

Beziehungen festlegen und zusammenfügen soll, sondern eine Kategorie für

sich: sie ist „die genaue Formulierung der Ergebnisse einer sorgfältigen Re-

flexion über die komplexen Wirklichkeiten menschlicher Existenz in der

Gesellschaft und auf internationaler Ebene, und dies im Licht des Glaubens

und der kirchlichen Überlieferung. Ihr Hauptziel ist es, solche Wirklichkei-

ten zu deuten, wobei sie prüft, ob diese mit den Grundlinien der Lehre des

Evangeliums über den Menschen und seine irdische und zugleich transzen-

dente Berufung übereinstimmen oder nicht, um daraufhin dem Verhalten

der Christen eine Orientierung zu geben“.102


73 Daher ist die Soziallehre theologischer und insbesondere moraltheologischer

Natur, „weil es sich um eine Lehre handelt, die darauf abzielt, das Verhalten

der Personen zu beeinf lussen“:103 „Sie liegt im Schnittpunkt des christlichen

Lebens und Bewusstseins mit den Situationen der Welt und findet ihren

Ausdruck in den Anstrengungen, die einzelne, Familien, im Kultur- und

Sozialbereich Tätige, Politiker und Staatsmänner unternehmen, um dem

christlichen Leben Gestalt und Anwendung in der Geschichte zu verlei-

hen“.104 In der Tat spiegelt die Soziallehre die drei Ebenen der moraltheolo-

gischen Lehre wider: die Begründungsebene der Motivationen; die Richtungs-

ebene der Normen des gesellschaftlichen Lebens; und die Entscheidungsebene

des Gewissens, das aufgerufen ist, die objektiven und allgemeinen Normen

 

100 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 3: AAS 73 (1981) 583–584.

101 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 41: AAS 80 (1988) 571.

102 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 41: AAS 80 (1988) 571.

103 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 41: AAS 80 (1988) 572.

104 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 59: AAS 83 (1991) 864–865.

72

 

auf die konkreten und besonderen gesellschaftlichen Situationen zu über-

tragen. Diese drei Ebenen bestimmen implizit auch die eigene Methode und

die spezifische epistemologische Struktur der kirchlichen Soziallehre.


74 Die Soziallehre basiert im Wesentlichen auf der biblischen Offenbarung und der

Überlieferung der Kirche. Aus dieser Quelle, die von oben kommt, schöpft sie

die Inspiration und das Licht, um die menschliche Erfahrung und die Ge-

schichte zu begreifen, zu beurteilen und zu lenken. Vor und über allem

steht der Plan Gottes im Hinblick auf die Schöpfung und insbesondere im

Hinblick auf das Leben und das Schicksal des Menschen, der zur trinitari-

schen Gemeinschaft berufen ist.

Der Glaube, der das göttliche Wort annimmt und in die Tat umsetzt, arbeitet

wirkungsvoll mit der Vernunft zusammen. Die Intelligenz des Glaubens und

vor allem des auf die Praxis hin ausgerichteten Glaubens wird von der Ver-

nunft strukturiert und macht von allen Leistungen Gebrauch, die diese ihr

anbietet. Und auch die Soziallehre als ein auf den zufälligen und histori-

schen Charakter der Praxis angewandtes Wissen verbindet „fides et ratio“105

miteinander und ist ein beredter Ausdruck ihrer fruchtbaren Beziehung.


75 Der Glaube und die Vernunft bilden die beiden Erkenntniswege der Soziallehre,

die ja aus zwei Quellen schöpft: der Offenbarung und der menschlichen Natur.Die

Glaubenserkenntnis versteht und lenkt das Leben des Menschen im Licht

des Heilsgeheimnisses in der Geschichte: dass Gott sich uns Menschen in

Christus offenbart und schenkt. Diese Intelligenz des Glaubens schließt die

Vernunft mit ein, durch die sie, soweit möglich, die geoffenbarte Wahrheit

erklärt und versteht. Sie verschmilzt mit der Wahrheit der menschlichen

Natur, wie sie im göttlichen Schöpfungsplan zum Ausdruck kommt,106

oder besser mit der umfassenden Wahrheit der Person als eines spirituellen

und körperlichen Wesens verschmilzt, das zu Gott, zu den anderen Men-

schen und zu den anderen Geschöpfen in Beziehung steht.107

Jedoch wird die Rolle der Vernunft durch die zentrale Ausrichtung auf das Ge-

 

105 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Fides et ratio: AAS 91 (1999) 5–88.

106 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erkl. Dignitatis humanae, 14: AAS 58 (1966) 940.

107 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Veritatis splendor, 13. 50. 79: AAS 85 (1993) 1143–1144. 1173–1174. 1197.

73

 

heimnis Christi nicht geschwächt oder ausgeschlossen, sodass die rationale Plausibili-

tät und folglich auch die Allgemeingültigkeit der Soziallehre gewahrt bleiben.Da das

Geheimnis Christi das Geheimnis des Menschen erhellt, verleiht die Ver-

nunft dem Verständnis der menschlichen Würde und den zu ihrem Schutz

erhobenen moralischen Forderungen die Fülle des Sinns. Die Soziallehre ist

ein vom Glauben erleuchtetes Erkennen, das – gerade deshalb – eine größere

Erkenntnisfähigkeit zum Ausdruck bringt. Alle Wahrheiten, die sie verkün-

det, und alle Pflichten, die sich daraus ergeben, entsprechen der Vernunft:

Sie können von allen angenommen und geteilt werden.

b) In engem Dialog mit allen Wissensbereichen


76 Die Soziallehre der Kirche nutzt alle kognitiven Beiträge aus sämtlichen Wis-

sensbereichen und verfügt über eine wichtige interdisziplinäre Dimension: „Um in

verschiedenen und sich ständig verändernden sozialen, wirtschaftlichen

und politischen Bereichen die eine Wahrheit über den Menschen besser

zur Geltung zu bringen, tritt diese Lehre mit den verschiedenen Diszipli-

nen, die sich mit dem Menschen befassen, in einen Dialog ein, integriert

ihre Beiträge“.108 Die Soziallehre bedient sich der für sie relevanten Beiträge

der Philosophie und ebenso der beschreibenden Beiträge der Humanwis-

senschaften.


77 Wesentlich ist vor allem der Beitrag des Philosophie, der aus der Rückbesinnung

auf die menschliche Natur als Quelle und auf die Vernunft als Weg der Erkenntnis

hervorgegangen ist, wie sie auch der Glaube fordert. Durch die Vernunft nimmt

die Soziallehre die Philosophie in der ihr eigenen inneren Logik oder Argu-

mentationsweise in sich auf.

Mit der Aussage, dass die Soziallehre eher der Theologie als der Phi-

losophie zuzuordnen ist, sollen die Rolle und der Beitrag der Philosophie

nicht etwa verkannt oder unterbewertet werden. Denn die Philosophie ist

ein geeignetes und unverzichtbares Werkzeug im Hinblick auf das richtige

Verständnis grundlegender Gehalte der Soziallehre – etwa der Person, der

Gesellschaft, der Freiheit, des Bewusstseins, der Ethik, des Rechts, der Jus-

 

108 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 59: AAS 83 (1991) 864.

74

 

tiz, des Gemeinwohls, der Solidarität, der Subsidiarität, des Staates –, und

dieses Verständnis wiederum ist geeignet, ein harmonisches Zusammenle-

ben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Und ebenso lässt die Philosophie

die rationale Plausibilität der Deutung erkennen, die die Gesellschaft im

Licht des Evangeliums erfährt, und drängt jede Intelligenz und jedes Be-

wusstsein dazu, sich der Wahrheit zu öffnen und ihr zuzustimmen.


78 Ein wichtiger Beitrag zur kirchlichen Soziallehre stammt auch aus den Human-

und Sozialwissenschaften:109 aufgrund ihres jeweiligen Anteils an der Wahr-

heit ist keine Wissenschaft ausgeschlossen. Die Kirche erkennt alles an

und nimmt alles auf, was zum Verständnis des Menschen im ständig zu-

nehmenden, veränderlichen und komplexen Netz der sozialen Beziehungen

beiträgt. Sie ist sich der Tatsache bewusst, dass man nicht mit der Theologie

allein und ohne die Beiträge vieler Wissensbereiche, auf die die Theologie

selbst sich immer wieder bezieht, zu einer tieferen Kenntnis des Menschen

gelangt.

Durch die aufmerksame und beständige Offenheit für die Wissenschaften wird die

Soziallehre kompetent, konkret und aktuell. Dank dieser kann die Kirche den

Menschen in der Gesellschaft genauer begreifen, überzeugender zu den

Menschen ihrer eigenen Zeit sprechen und ihre Aufgabe wirksamer erfül-

len, die darin besteht, dem Wort Gottes und dem Glauben, von dem die

Soziallehre ausgeht,110 im Bewusstsein und im sozialen Empfinden unserer

Zeit Gestalt zu geben.

Ein solcher interdisziplinärer Dialog regt auch die Wissenschaften dazu

an, die Bedeutung, den Wert und das Engagement aufzugreifen, die die So-

 

109 In diesem Zusammenhang ist die Einrichtung der Päpstlichen Akademie für Sozi-.
alwissenschaften von Bedeutung; in dem anlässlich ihrer Errichtung herausgegebenen.
Motu proprio heißt es: „Die sozialwissenschaftlichen Forschungen können wirksam zur.
Verbesserung der menschlichen Beziehungen beitragen, wie die auf den verschiedenen.
Gebieten des Zusammenlebens erreichten Fortschritte zeigen, vor allem in unserem.
Jahrhundert, das bald zu Ende geht. Aus diesem Grund hat sich die Kirche, immer auf.
das wahre Wohl des Menschen bedacht, mit wachsendem Interesse diesem Bereich der.
wissenschaftlichen Forschung zugewandt, um so konkrete Hinweise für die Erfüllung.
ihrer Lehraufgaben zu erhalten“: Johannes Paul II., Motu proprio Socialium Scientia-.
rum (1. Januar 1994): AAS 86 (1994) 209.

110 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 54: AAS 83 (1991) 860.

75

 

ziallehre erschließt, und „sich in einem breiteren Horizont dem Dienst am

einzelnen, in seiner vollen Berufung erkannten und geliebten Menschen zu

öffnen“.111

c) Ausdruck des Lehramts der Kirche


79 Die Soziallehre stammt von der Kirche, weil die Kirche das Subjekt ist, das sie

erarbeitet, verbreitet und lehrt. Sie ist nicht das Vorrecht eines Teils, sondern

der ganzen kirchlichen Gemeinschaft: sie ist Ausdruck des Verständnisses,

das die Kirche von der Gesellschaft hat, und des Standpunkts, den sie ge-

genüber ihren Strukturen und Veränderungen einnimmt. Die gesamte

kirchliche Gemeinschaft – Priester, Ordensleute und Laien – ist je nach

ihren unterschiedlichen Aufgaben, Charismen und Diensten an der Entste-

hung der Soziallehre beteiligt.

Die vielfältigen und vielgestaltigen Beiträge – auch sie Ausdruck des „übernatür-

lichen Glaubenssinns des ganzen Volkes“112 – werden vom Lehramt aufgenom-

men, interpretiert und vereinheitlicht und sodann als Soziallehre der Kir-

che promulgiert. Das Lehramt steht in der Kirche denjenigen zu, die das

„munus docendi“ innehaben, also den Auftrag, mit der von Christus empfan-

genen Autorität im Bereich des Glaubens und der Moral zu lehren. Die

Soziallehre ist nicht nur das Ergebnis des Denkens und Wirkens von Per-

sonen, die mit bestimmten Qualifikationen ausgestattet sind, sondern sie

ist das Denken der Kirche, insofern es vom Lehramt mit jener Autorität

artikuliert wird, die Christus den Aposteln und ihren Nachfolgern verlie-

hen hat: dem Papst und den in Gemeinschaft mit ihm stehenden Bischö-

fen.113


80 In der Soziallehre der Kirche wird das ganze Lehramt in all seinen Bestandteilen

und Ausdrucksformen tätig. An erster Stelle steht das universale Lehramt des

Papstes und des Konzils: dieses Lehramt bestimmt die Richtung und Ent-

wicklung der Soziallehre. Es wird durch das Lehramt der Bischöfe ergänzt,

 

111 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 59: AAS 83 (1991) 864.

112 II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 12: AAS 57 (1965) 16.

113 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche,2034.

76

 

das seine Lehre in den konkreten und je eigenen vielfältigen und unter-

schiedlichen Situationen vor Ort verdeutlicht, übersetzt und aktualisiert.114

Die Soziallehre der Bischöfe enthält wertvolle Beiträge und Anregun-

gen für das Lehramt des Römischen Pontifex. Auf diese Weise vollzieht sich

ein Austausch, der die Kollegialität der mit dem Papst vereinten Hirten in

der sozialen Lehre der Kirche faktisch zum Ausdruck bringt. Die Gesamt-

heit der Lehre, die daraus entsteht, umfasst und ergänzt die allgemeine Leh-

re des Papstes und die besondere der Bischöfe.

Als Teil der Sittenlehre der Kirche besitzt die Soziallehre dieselbe Wür-

de und dieselbe Autorität wie diese. Sie ist authentische Lehre, die von den

Gläubigen angenommen und befolgt werden soll.115 Das lehramtliche Ge-

wicht der verschiedenen Unterweisungen und die ihnen geschuldete Zu-

stimmung müssen je nach ihrer Eigenart, dem Grad ihrer Unabhängigkeit

von zufälligen und veränderlichen Bestandteilen und nach der Häufigkeit

bewertet werden, mit der sie herangezogen werden.116

d) Für eine in Gerechtigkeit und Liebe versöhnte Gesellschaft


81 Der Gegenstand der Soziallehre ist im Wesentlichen auch ihre Daseinsberechti-

gung: der Mensch, der zum Heil berufen und deshalb von Christus der Sorge und

Verantwortung der Kirche anvertraut worden ist.117 In ihrer Soziallehre befasst

sich die Kirche mit dem menschlichen Leben in der Gesellschaft, und sie

tut dies in dem Bewusstsein, dass der Schutz und die Entfaltung der Per-

sonen, die das Ziel jeder Gemeinschaft sind, entscheidend von der Qualität

des gesellschaftlichen Lebens oder den Beziehungen der Gerechtigkeit und

der Liebe abhängen, aus denen dieses gewoben ist. Denn in der Gesellschaft

geht es um die Würde und die Rechte der Person und um den Frieden in

den Beziehungen zwischen Personen und Personengemeinschaften. Diese

Güter muss die soziale Gemeinschaft anstreben und gewährleisten.

 

114 Vgl. Paul VI., Ap. Schr. Octogesima adveniens, 3–5: AAS 63 (1971) 402–405.

115 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche,2037.

116 Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Instr. Donum veritatis,16–17. 23:
AAS 82 (1990) 1557–1558. 1559–1560.

117 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 53: AAS 83 (1991) 859.

77

 

So gesehen erfüllt die Soziallehre eine Aufgabe der Verkündigung, aber

auch der Anklage.

Der Verkündigung vor allem dessen, was Eigentum der Kirche ist: „eine umfas-

sende Sicht des Menschen und des Menschentums“,118 und dies nicht nur

auf theoretischer, sondern auch auf praktischer Ebene. Denn die Soziallehre

bietet nicht nur Bedeutungen, Werte und Urteilskriterien, sondern auch die

daraus abgeleiteten Normen und Richtlinien des Handelns.119 Mit dieser

Lehre verfolgt die Kirche nicht das Ziel, die Gesellschaft zu strukturieren

und zu organisieren, sondern die Gewissen anzuspornen, anzusprechen

und zu bilden.

In Gegenwart der Sünde kommt der Soziallehre auch eine Aufgabe der Anklage

zu: die Sünde der Ungerechtigkeit und der Gewalt durchzieht die Gesell-

schaft in vielfältiger Weise und nimmt in ihr Gestalt an.120 Mit dieser An-

klage macht sie sich zum Richter und Anwalt der missachteten und verletz-

ten Rechte, insbesondere der Rechte der Armen, der Kleinen und der

Schwachen,121 und sie tut dies umso nachdrücklicher, je weiter sich diese

Ungerechtigkeiten und Gewalttaten ausbreiten, ganze Gruppen von Per-

sonen und große geographische Gebiete der Welt erfassen und soziale Fra-

gen, Unterdrückung und Ungleichgewichte aufkommen lassen, die die Ge-

sellschaften erschüttern. Ein großer Teil der kirchlichen Soziallehre ist von

den großen sozialen Fragen ausgelöst und bestimmt, auf die sie eine Ant-

wort der sozialen Gerechtigkeit geben will.


82 Die Zielsetzung der Soziallehre ist religiöser und moralischer Natur.
122 Religiös,

weil der Evangelisierungs- und Heilsauftrag der Kirche den Menschen „in

 

118 PaulVI., Enz. Populorum progressio,13: AAS 59 (1967)264.

119 Vgl. Paul VI., Ap. Schr. Octogesima adveniens, 4: AAS 63 (1971) 403–404;
Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 41: AAS 80 (1988) 570–572;
Katechismus der Katholischen Kirche, 2423; Kongregation für die Glaubenslehre, Instr. Libertatis conscien-
tia,72: AAS79(1987)586.

120 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 25: AAS 58 (1966) 1045–1046.

121 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 76: AAS 58 (1966) 1099–1100;
Pius XII., Rundfunkbotschaft zur 50-Jahrfeier des Rundschreibens „Rerum novarum“: AAS 33 (1941) 196–197.

122 Vgl. Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 190; Pius XII., Rundfunkbot-
schaft zur 50-Jahrfeier des Rundschreibens „Rerum novarum“: AAS 33 (1941) 196–197;
II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 42: AAS 58 (1966) 1079;
Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 41: AAS 80 (1988) 570–572;
Id., Enz. Centesimus annus, 53: AAS 83 (1991) 859;
Kongregation für die Glaubenslehre, Instr. Libertatis conscientia,72: AAS 79 (1987) 585–586.

78

 

der vollen Wahrheit seiner Existenz, seines persönlichen und zugleich ge-

meinschaftsbezogenen und sozialen Seins“123 umfasst. Moralisch, weildie

Kirche einen „Humanismus im Vollsinn des Wortes“,124 das heißt die „Be-

freiung von all dem, von dem der Mensch niedergedrückt wird“,125 und die

„umfassende Entwicklung des ganzen Menschen und der ganzen Mensch-

heit“126 anstrebt. Die Soziallehre zeichnet die Wege vor, die gegangen wer-

den müssen, um eine in der Gerechtigkeit und in der Liebe versöhnte und

harmonische Gesellschaft zu verwirklichen, die „einen neuen Himmel und

eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt“ (2Petr 3, 13) als Beginn

und Präfiguration in der Geschichte vorwegnimmt.

e) Eine Botschaft für die Söhne und Töchter der Kirche und für die Menschheit


83 Erster Adressat der Soziallehre ist die kirchliche Gemeinschaft in allen ihren

Gliedern, weil diese alle in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen müssen. Die

Soziallehre ruft das Gewissen dazu auf, die Pflichten der Gerechtigkeit und

der Liebe im gesellschaftlichen Leben zu erkennen und zu erfüllen. Diese

Lehre ist ein Licht sittlicher Wahrheit, das je nach der Berufung und der

Aufgabe eines jeden Christen geeignete Antworten hervorbringt. Die Auf-

gaben der Evangelisierung, das heißt der Lehre, der Katechese und der Bil-

dung, die sich aus der kirchlichen Soziallehre ergeben, wenden sich an je-

den einzelnen Christen seinen jeweiligen Kompetenzen, Charismen,

Ämtern und seinem Verkündigungsauftrag entsprechend.127

Die Soziallehre betrifft außerdem Verantwortlichkeiten im Hinblick auf

 

123 Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 14: AAS 71 (1979) 284;
vgl. Id., Ansprache auf der Dritten Allgemeinen Konferenz der Lateinamerikanischen Bischöfe,
Puebla(28. Januar 1979), III/2: AAS 71 (1979) 199.

124 Paul VI., Enz. Populorum progressio, 42: AAS 59 (1967) 278.

125 Paul VI., Ap. Schr. Evangelii nuntiandi, 9: AAS 68 (1976) 10.

126 Paul VI., Enz. Populorum progressio, 42: AAS 59 (1967) 278.

127 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche,2039.

79

 

die Errichtung, die Organisation und das Funktionieren der Gesellschaft:

politische, wirtschaftliche, verwaltungstechnische, also Verpflichtungen

weltlicher Art, die den gläubigen Laien und nicht den Priestern und Or-

densleuten obliegen.128 Für diese Aufgaben sind die Laien aufgrund der

Weltlichkeit ihres Lebensstatus’ und ihrer Berufung in besonderer Weise zu-

ständig:129 indem sie diese Verantwortung wahrnehmen, setzen die Laien

die Soziallehre in die Tat um und erfüllen den weltlichen Sendungsauftrag

der Kirche.130


84 Über ihre vorrangige und besondere Bestimmung für die Söhne und Töchter der

Kirche hinaus hat die Soziallehre eine universale Bestimmung. Das Licht des Evan-

geliums, das die Soziallehre in der Gesellschaft verbreitet, erleuchtet alle

Menschen, und jedes Bewusstsein und jede Intelligenz ist in der Lage, die

menschliche Tiefe der von ihr formulierten Inhalte und Werte und die

menschliche und humanisierende Kraft ihrer Handlungsnormen zu ermes-

sen. Und so sind alle im Namen des Menschen, seiner einen und einzigarti-

gen Würde sowie seines Schutzes und seiner Entfaltung in der Gesellschaft,

alle im Namen des einen Gottes, der der Schöpfer und das letzte Ziel des

Menschen ist, Adressaten der Soziallehre der Kirche.131 Die Soziallehre

richtet sich ausdrücklich an alle Menschen guten Willens132 und wird in

der Tat gehört von den Mitgliedern der anderen Kirchen und kirchlichen

Gemeinschaften, den Anhängern anderer religiöser Traditionen und von

Personen, die keiner religiösen Gruppe angehören.

 

128 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2442.

129 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 15: AAS 81 (1989) 413;
II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 31: AAS 57 (1965) 37.

130 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 43: AAS 58 (1966) 1061–1064;
Paul VI., Enz. Populorum progressio, 81: AAS 59 (1967) 296–297.

131 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et magistra, AAS 53 (1961) 453.

132 Hierauf wird seit der Enzyklika Johannes’ XXIII. Pacem in terris in den Grußworten aller
sozialen Dokumente hingewiesen.

80

 

f) Im Zeichen von Kontinuität und Erneuerung


85 Da sich die Soziallehre vom ewigen Licht des Evangeliums leiten lässt und die

Entwicklung der Gesellschaft beständig im Blick hat, ist sie von Kontinuität und Er-

neuerung gekennzeichnet.133

Sie weist vor allem die Kontinuität einer Lehre auf, die sich auf univer-

sale, aus der Offenbarung und von der menschlichen Natur abgeleitete

Werte beruft. Deshalb ist die Soziallehre von den verschiedenen Kulturen,

den unterschiedlichen Ideologien, den vielfältigen Meinungen unabhängig:

sie ist eine konstante Lehre, die sich „gleich bleibt in ihrer Grundidee, in

ihren »Leitprinzipien«, in ihren »Urteilskriterien«, in ihren wesentlichen

»Richtlinien für das konkrete Handeln« und vor allem in ihrer lebendigen

Verbindung mit der Botschaft des Herrn“.134 In diesem ihrem zentralen und

dauerhaften Kern bewegt sich die Soziallehre durch die Geschichte, ohne

von ihr beeinflusst zu werden und ohne dass sie Gefahr läuft, sich selbst

untreu zu werden.

Andererseits bezieht die Soziallehre der Kirche in ihrer beständigen

Hinwendung zur Geschichte Stellung zu den Ereignissen, die in dieser ge-

schehen, und legt damit eine Fähigkeit der beständigen Erneuerung an den Tag.Die

Festigkeit in den Prinzipien macht aus ihr kein starres Lehrsystem, sondern

ein Lehramt, das sich dem Neuen zu öffnen vermag, ohne dadurch seine

Identität zu verlieren,135 weil es „die notwendigen und ratsamen Anpassun-

gen erfährt, die vom Wandel der geschichtlichen Bedingungen und vom

unaufhörlichen Fluss der Ereignisse nahe gelegt werden, in dem das tägli-

che Leben der Menschen und Gesellschaften verläuft“.136

 

133 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 3: AAS 80 (1988) 515;
Pius XII.,Ansprache an die Teilnehmer der Versammlung der Katholischen Aktion (29. April 1945):
Discorsi e Radiomessaggi di Pio XII,VII,37–38;
Johannes Paul II., Ansprache beim Internationalen Symposion „Von »Rerum novarum« zu
»Laborem exercens«: in Richtung auf das Jahr 2000“ (3. April 1982): Insegnamenti di
Giovanni Paolo II, V, 1 (1982) 1095–1096.

134 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 3: AAS 80 (1988) 515.

135 Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Instr. Libertatis conscientia, 72: AAS 79 (1987) 585–586.

136 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 3: AAS 80 (1988) 515.

81

 


86 Die Soziallehre präsentiert sich als eine „Baustelle“, auf der immer gearbeitet

wird und wo die ewige Wahrheit das jeweils Neue durchdringt und durchwirkt und

Wege der Gerechtigkeit und des Friedens aufzeigt. Der Glaube will die veränderli-

che soziale und politische Wirklichkeit nicht in ein geschlossenes Schema

einsperren.137 Vielmehr trifft das Gegenteil zu: der Glaube ist der Sauerteig

des Neuen und der Kreativität. Die beständig aus ihm hervorgehende Lehre

„entfaltet sich durch Überlegung und Forschung in ständiger Anwendung

auf den ständigen Wechsel der Dinge dieser Welt, alles unter dem Impuls

des Evangeliums als einer Quelle der Erneuerung“.138

Als Mutter und Lehrmeisterin ist die Kirche nicht verschlossen und

nicht in sich selbst zurückgezogen, sondern immer auf den Menschen hin

offen, hingeordnet und ihm zugewandt, dessen Heilsbestimmung ihre Da-

seinsberechtigung ist. Sie ist unter den Menschen das Bildnis des Guten

Hirten, der den Menschen dort sucht und findet, wo er steht, in seiner exis-

tentiellen und historischen Lebenssituation. Und hier ermöglicht ihm die

Kirche auch die Begegnung mit dem Evangelium, der Botschaft der Befrei-

ung und Versöhnung, der Gerechtigkeit und des Friedens.

 

III. DIE SOZIALLEHRE IN UNSERER ZEIT: HISTORISCHE HINWEISE

 

a) Der Beginn eines neuen Weges


87 Der Begriff der Soziallehre geht auf Pius XI. zurück
139 und bezeichnet

das „Corpus“ der Lehre zu sozial relevanten Themen, die sich seit der Enzy-

 

137 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 46 AAS 83 (1991) 850–851.

138 Paul >VI., Ap. Schr. Octogesima adveniens, 42: AAS 63 (1971) 431.

139 Vgl. Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 179; Pius XII. spricht in der
Rundfunkbotschaft zur 50-Jahrfeier des Rundschreibens „Rerum novarum“: AAS 33 (1941) 197,
von der „katholischen Soziallehre“, und im Ap. Schr. Menti nostrae vom 23. September
1950: AAS 42 (1950) 657, von der „Soziallehre der Kirche“. Johannes XXIII. verwen-
det die Begriffe „Soziallehre der Kirche“ (Enz. Mater et magistra: AAS 53 [1961] 453; Enz.
Pacem in terris: AAS 55 [1963] 300–301), „christliche Soziallehre“ (Enz. Mater et magistra:
AAS 53 [1961] 453) oder auch „katholische Soziallehre“ (Enz. Mater et magistra:AAS 53
[1961] 454).

82

 

klika „Rerum novarum“ Leos XIII.140 in der Kirche durch das Lehramt der

römischen Päpste und der mit ihnen in Gemeinschaft stehenden Bischöfe

entwickelt hat.141 Die Sorge um die sozialen Belange hat natürlich nicht erst

mit diesem Dokument ihren Anfang genommen, denn die Kirche hat der

Gesellschaft nie gleichgültig gegenübergestanden; nichtsdestoweniger ist

die Enzyklika „Rerum novarum“ der Ausgangspunkt eines neuen Weges: ge-

stützt auf eine jahrhundertealte Tradition markiert sie einen Neubeginn

und eine wesentliche Entwicklung der Lehre im sozialen Bereich.142

In ihrer kontinuierlichen Aufmerksamkeit für den Menschen in der Gesellschaft

hat die Kirche auf diese Weise einen reichen Bestand an Lehraussagen angesammelt.

Dieser hat seine Wurzeln in der Heiligen Schrift, insbesondere im Evangeli-

um und in den Schriften der Apostel, und er hat unter den Händen der

Kirchenväter und der großen Theologen des Mittelalters Form und Gestalt

angenommen, bis auf diese Weise eine Lehre entstanden ist, in der sich die

Kirche – wenn auch ohne ausdrückliche und direkte Eingriffe von Seiten

des Lehramts – nach und nach wiedererkannt hat.


88 Die ökonomischen Ereignisse des 19. Jahrhunderts hatten einschneidende sozia-

le, politische und kulturelle Folgen. Die Geschehnisse im Zusammenhang mit

der industriellen Revolution stürzten jahrhundertealte soziale Ordnungen

um und warfen schwerwiegende Probleme der Gerechtigkeit sowie die ers-

te große soziale Frage, die Arbeiterfrage, auf, die aus dem Konflikt zwischen

Kapital und Arbeit entstand. In dieser Situation erkannte die Kirche die

Notwendigkeit, auf neue Weise einzugreifen: die „res novae“, die diese Ereig-

nisse darstellten, waren eine Herausforderung an ihre Lehre und Anlass für

eine besondere pastorale Sorge für die breiten Massen von Männern und

Frauen. Es bedurfte einer neuen Einschätzung der Situation, die auch für

ungewohnte und unerforschte Probleme geeignete Lösungen aufzeigen

konnte.

 

140 Vgl. Leo XIII., Enz. Rerum novarum: Acta Leonis XIII, 11 (1892) 97–144.

141 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 3: AAS 73 (1981) 583–584;
Id., Enz. Sollicitudo rei socialis, 1: AAS 80 (1988) 513–514.

142 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2421.

83

 

b) Von „Rerum novarum“ bis heute


89 Als Antwort auf die erste große soziale Frage promulgiert Leo XIII. die erste

Sozialenzyklika „Rerum novarum“.143 Sie untersucht die Situation der Lohn-

arbeiter, die damals vor allem für die Arbeiter in den Industriebetrieben

erbärmlich ist und sie einem unwürdigen Elend aussetzt. Die Arbeiterfrage

wird in ihrer tatsächlichen Tragweite behandelt: sie wird in all ihren sozia-

len und politischen Ausprägungen untersucht, um sodann im Licht der auf

der Offenbarung und dem natürlichen Sittengesetz basierenden Lehr-

grundsätze angemessen bewertet zu werden.

Die Enzyklika „Rerum novarum“ listet die Irrtümer auf, die die sozialen

Missstände hervorrufen, schließt den Sozialismus als Lösungsweg aus und

bietet in einer präzisierten und aktualisierten Fassung „die katholische Leh-

re über die Arbeit (…), über das Eigentumsrecht, über das Prinzip der Zu-

sammenarbeit im Gegensatz zum Klassenkampf als Hauptmittel für die

soziale Veränderung, über die Rechte der Schwachen, die Würde der Ar-

men und die Pflichten der Reichen, über die Vervollkommnung der Ge-

rechtigkeit durch die Liebe, endlich über das Recht, Berufsverbände zu

gründen“.144

Die Enzyklika „Rerum novarum“ ist zur Quelle der Inspiration und zum Bezugs-

punkt für die christliche Aktivität im sozialen Bereich geworden.145 Zentrales The-

ma der Enzyklika ist die Schaffung einer gerechten sozialen Ordnung: hier-

zu müssen Urteilskriterien gefunden werden, die helfen, die bestehenden

soziopolitischen Ordnungen zu bewerten und Handlungsentwürfe für ihre

angemessene Umgestaltung vorzulegen.


90 Die Enzyklika „Rerum novarum“ hat in ihrer Auseinandersetzung mit

der Arbeiterfrage eine Methode verwendet, die „ein bleibendes Beispiel“ 146 für

die nachfolgenden Entwicklungen der Soziallehre geworden ist. Die von

 

143 Vgl. Leo XIII., Enz. Rerum novarum: Acta Leonis XIII, 11 (1892) 97–144.

144 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium
und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung, 20: Der Apostolische
Stuhl 1989, 1376.

145 Vgl. Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 189; Pius XII., Rundfunkbotschaft
zur 50-Jahrfeier des Rundschreibens „Rerum novarum“: AAS 33 (1941) 198.

146 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 5: AAS 83 (1991) 799.

84

 

Leo XIII. formulierten Grundsätze sind in den darauf folgenden Sozial-

enzykliken aufgegriffen und vertieft worden. Man könnte die gesamte

Soziallehre als Aktualisierung, Vertiefung und Ausweitung des ursprüng-

lichen Kernstücks der in „Rerum novarum“ dargelegten Prinzipien verstehen.

Mit diesem mutigen und weitblickenden Text hat Leo XIII. „der Kirche

gleichsam das »Statut des Bürgerrechtes« in der wechselvollen Wirklichkeit

des öffentlichen Lebens der Menschen und der Staaten“ 147 verliehen und

„einen entscheidenden Satz“148 geschrieben, der „zu einem bleibenden Ele-

ment der Soziallehre der Kirche geworden“149 ist, als er versicherte, dass die

großen sozialen Probleme „nur durch die Zusammenarbeit aller Kräfte ge-

löst werden“ 150 können und hinzufügte: „Was aber die Kirche angeht, so

wird diese keinen Augenblick ihre allseitige Hilfe vermissen lassen“.151


91 Anfang der dreißiger Jahre veröffentlicht Pius XI. unter dem Eindruck

der schweren Wirtschaftskrise des Jahres 1929 die Enzyklika „Quadragesimo

anno“ 152 zum vierzigjährigen Gedenken an „Rerum novarum“. Der Papst deutet

die Vergangenheit im Licht einer sozioökonomischen Situation, in der

auf nationaler und internationaler Ebene der Machtzuwachs der Finanz-

gruppen zur Industrialisierung hinzukommt. In der Nachkriegszeit setzten

sich in Europa die totalitären Regime durch, während der Konflikt zwi-

schen den Klassen an Schärfe zunahm. Die Enzyklika weist mahnend auf

den fehlenden Respekt vor der Vereinigungsfreiheit hin und hebt erneut die

Prinzipien der Solidarität und Zusammenarbeit hervor, um die sozialen

Gegensätze zu überwinden. Die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit

müssen im Zeichen der Zusammenarbeit stehen.153

Die Enzyklika „Quadragesimo anno“ betont den Grundsatz, dass der

Lohn nicht nur den Bedürfnissen des Arbeiters, sondern auch denen seiner

Familie angemessen sein muss. In den Beziehungen mit dem Privatbereich

 

147 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 5: AAS 83 (1991) 799.

148 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 56: AAS 83 (1991) 862.

149 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 60: AAS 83 (1991) 865.

150 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 60: AAS 83 (1991) 865.

151 Leo XIII., Enz. Rerum novarum: Acta Leonis XIII, 11 (1892) 143.
Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 56: AAS 83 (1991) 862.

152 Vgl. Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 177–228.

153 Vgl. Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 186–189.

85

 

muss der Staat das Subsidiaritätsprinzip anwenden, das zu einem festen Be-

standteil der Soziallehre werden wird. Die Enzyklika lehnt den Liberalismus

im Sinne eines unbegrenzten Wettbewerbs der wirtschaftlichen Kräfte ab,

unterstreicht aber die Bedeutung des Privateigentums, auf dessen gesell-

schaftliche Funktion sie sich bezieht. In einer Gesellschaft, die von den wirt-

schaftlichen Grundlagen her wieder aufgebaut werden muss und die selbst

als Ganzes „die Frage“ ist, der man sich zu stellen hat, „sah es Pius XI. als

seine Pflicht und Verantwortung an, eine größere Kenntnis, eine genauere

Interpretation und eine dringliche Anwendung des moralischen Gesetzes

als Regulativ der menschlichen Beziehungen in jenem Bereich anzuregen.

Damit sollte der Klassenkampf überwunden und eine neue Sozialordnung,

auf Gerechtigkeit und Liebe beruhend, erreicht werden“.154


92 Pius XI. versäumte es nicht, seine Stimme gegen die totalitären Regime zu er-

heben, die während seines Pontifikats in Europa an die Macht gelangten. Schon am

29. Juni 1931 hatte er mit der Enzyklika „Non abbiamo bisogno“ 155 gegen die

Übergriffe des faschistischen Regimes in Italien protestiert. 1937 veröffent-

lichte er die Enzyklika „Mit brennender Sorge“156 zur Situation der katholischen

Kirche im Dritten Reich. Der Text wurde von den Kanzeln aller katholischen

Kirchen Deutschlands verlesen, nachdem er unter größter Geheimhaltung

verbreitet worden war. Die Enzyklika erschien nach Jahren der Unterdrü-

ckung und Gewalt und nachdem die deutschen Bischöfe Pius XI. ausdrück-

lich darum gebeten hatten, weil das Reich vor allem den Jugendlichen ge-

genüber, die dazu verpflichtet wurden, der „Hitlerjugend“ beizutreten, seit

1936 immer repressivere Maßnahmen anwandte. Der Papst wendet sich an

die Priester, Ordensleute und Laien, um ihnen Mut zu machen und sie zum

Widerstand aufzurufen, solange noch kein echter Friede zwischen Kirche

und Staat geschlossen sei. 1938 sagte der Papst angesichts des sich ausbrei-

tenden Antisemitismus: „Wir sind Semiten im Geist“.157

 

154 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium
und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung, 21: Der Apostolische
Stuhl 1989, 1377.

155 Vgl. Pius XI., Enz. Non abbiamo bisogno: AAS 23 (1931) 285–312.

156 Offizieller Text (deutsch): AAS 29 (1937) 145–167.

157 Pius XI., Ansprache an belgische Rundfunkjournalisten (6. September 1938),
in Johannes Paul II., Ansprache an führende Vertreter der „Anti-Defamation League of B’nai B’rith“
(22. März 1984): Insegnamenti di Giovanni Paolo II, VII, 1 (1984) 740–742.

86

 

Mit der Enzyklika „Divini Redemptoris“158 über den atheistischen Kom-

munismus und die christliche Soziallehre legte Pius XI. eine systematische

Kritik des Kommunismus vor, der als „in sich verdorben“159 definiert wird,

und nannte als wichtigste Mittel zur Heilung der von diesem verursachten

Übel die Erneuerung des christlichen Lebens, die Übung der Nächstenliebe

des Evangeliums, die auf das Gemeinwohl ausgerichtete Erfüllung der Ge-

rechtigkeitspflichten auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene sowie

die Institutionalisierung von beruflichen und berufsübergreifenden Kör-

perschaften.


93 Die weihnachtlichen Rundfunkbotschaften Pius XII.
160 vertiefen in Verbin-

dung mit anderen wichtigen Stellungnahmen zu sozialen Themen die lehr-

amtlichen Überlegungen zu einer neuen, von Moral und Recht bestimmten

und auf Gerechtigkeit und Frieden ausgerichteten Gesellschaftsordnung.

Das Pontifikat Pius’ XII. fiel in die furchtbaren Jahre des Zweiten Welt-

kriegs und in die schwierige Zeit des Wiederauf baus. Er veröffentlichte kei-

ne Sozialenzykliken, verlieh aber immer wieder in unzähligen Zusammen-

hängen seiner Sorgen um die erschütterte internationale Ordnung

Ausdruck: „In den Kriegs- und Nachkriegsjahren war das soziale Lehramt

Pius’ XII. für viele Völker aller Kontinente und für Millionen Gläubige und

Nichtgläubige die Stimme des Weltgewissens, interpretiert und verkündet

 

158 Offizieller Text (lateinisch): AAS 29 (1937) 65–106.

159 Pius XI., Enz. Divini Redemptoris: AAS 29 (1937) 96.

160 Vgl. Pius XII., Weihnachtliche Rundfunkbotschaften: über den Frieden und die interna-
tionale Ordnung aus den Jahren: 1939: AAS 32 (1940) 5–13;
1940: AAS 33 (1941) 5–14; 1941: AAS 34 (1942) 10–21; 1945: AAS 38 (1946) 15–25; 1946: AAS 39 (1947) 7–17;
1948: AAS 41 (1949) 8–16; 1950: AAS 43 (1951) 49–59; 1951: AAS 44 (1952) 5–15; 1954: AAS 47 (1955) 15–28);
1955: AAS 48 (1956) 26–41;
über die innere Ordnung der Völker, von 1942: AAS 35 (1943) 9–24;
über die Demokratie, von 1944: AAS 37 (1945) 10–23;
über die Aufgabe der christlichen Zivilisation, vom 1. September 1944: AAS 36 (1944) 249–258;
über die Rückkehr zu Gott in Großmut und Brüderlichkeit, von 1947: AAS 40 (1948) 8–16;
über das Jahr der großen Rückkehr und der großen Vergebung, von 1949: AAS 42 (1959) 121–133;
über die Entpersönlichung des Menschen, von 1952: AAS 45 (1953) 33–46;
über die Rolle des technischen Fortschritts und den Frieden der Völker, von 1953: AAS 46 (1954) 5–16.

87

 

in inniger Verbundenheit mit dem Wort Gottes. Mit seiner moralischen

Autorität und seinem Ansehen brachte Pius XII. zahllosen Menschen jegli-

cher Art und sozialen Stellung das Licht der christlichen Weisheit“.161

Einer der charakteristischen Züge der Stellungnahmen Pius’ XII. liegt

in der Betonung der Beziehung zwischen Moral und Recht. Der Papst be-

steht auf dem Begriff des Naturrechts als der Seele der auf nationaler wie

internationaler Ebene zu errichtenden Ordnung. Ein weiterer wichtiger

Aspekt der Lehre Pius’ XII. ist seine Aufmerksamkeit für die Berufs- und

Unternehmerstände, die in besonderer Weise dazu berufen sind, miteinan-

der um die Verwirklichung des Gemeinwohls zu wetteifern: „Aufgrund der

Sensibilität und Intelligenz, mit der er die »Zeichen der Zeit« erfasste, kann

Pius XII. sich als unmittelbaren Vorläufer des Zweiten Vatikanischen Kon-

zils und der Soziallehre seiner Nachfolger im Papstamt betrachten“.162


94 Die sechziger Jahre eröffnen viel versprechende Horizonte:
die Erho-

lung nach den Verwüstungen des Krieges, der Beginn der Entkolonialisie-

rung, die ersten zaghaften Signale einer Erwärmung der Beziehungen zwi-

schen den beiden Blöcken, dem amerikanischen und dem sowjetischen. In

diesem Klima deutet der selige Johannes XXIII. mit großem Scharfblick die

„Zeichen der Zeit“.163 Die soziale Frage erlangt universale Bedeutung und

betrifft alle Länder: neben der Arbeiterfrage und der industriellen Revolu-

tion zeichnen sich die Probleme der Landwirtschaft, der in der Entwicklung

begriffenen Gebiete, des Bevölkerungswachstums und einer notwendigen

weltweiten wirtschaftlichen Zusammenarbeit ab. Die zuvor innerhalb der

einzelnen Nationen empfundenen Ungleichheiten treten nun auf inter-

nationaler Ebene auf und enthüllen mit immer größerer Klarheit die dra-

matische Situation der Dritten Welt.

In der Enzyklika „Mater et magistra“164 verfolgt Johannes XXIII. das Ziel,

 

161 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium
und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung, 22: Der Apostolische
Stuhl 1989, 1377–1378.

162 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium<
und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung, 22 (1989).

163 Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 267–269. 278–279. 291. 295–296.

164 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et magistra: AAS 53 (1961) 401–464.

88

 

„die schon bekannten Dokumente auf den neuesten Stand zu bringen und

einen weiteren Schritt vorwärts zu tun, um die ganze christliche Gemein-

schaft noch mehr darin einzubeziehen“.165 Die Schlüsselbegriffe der Enzy-

klika sind Gemeinschaft und Sozialisation:166 die Kirche ist berufen, in der

Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe mit allen Menschen zusammen-

zuarbeiten, um eine echte Gemeinschaft zu schaffen. Auf diesem Weg wird

sich das wirtschaftliche Wachstum nicht darauf beschränken, die Bedürf-

nisse der Menschen zu befriedigen, sondern wird außerdem ihre Würde

fördern können.


95 Mit der Enzyklika „Pacem in terris“
167 macht Johannes XXIII. in einer

Zeit der nuklearen Aufrüstung den Frieden zum zentralen Thema. „Pacem

in terris“ enthält darüber hinaus eine erste, vertiefte Reflexion der Kirche

über die Rechte: sie ist die Enzyklika des Friedens und der Menschenwürde.

Sie setzt die Ausführungen von „Mater et magistra“ fort und ergänzt sie, und

sie folgt der von Leo XIII. eingeschlagenen Richtung, indem sie unter-

streicht, wie wichtig es ist, dass alle zusammenarbeiten: zum ersten Mal

richtet sich ein Dokument der Kirche auch „an alle Menschen guten Wil-

lens“168, denen „eine große Aufgabe gestellt“ ist: „die Beziehungen des Zu-

sammenlebens in der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Liebe und der Frei-

heit neu zu knüpfen“.169 Die Enzyklika „Pacem in terris“ befasst sich auch mit

den öffentlichen Gewalten der Weltgemeinschaft, die dazu aufgerufen sind,

„jene Fragen zu behandeln und zu entscheiden, die sich bezüglich des uni-

versalen Gemeinwohls stellen, und zwar in wirtschaftlicher, sozialer und

politischer wie auch in kultureller Hinsicht“.170 Zum zehnten Jahrestag

von „Pacem in terris“ sandte Kardinal Maurice Roy, der Vorsitzende der

Päpstlichen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden, einen Brief an

Paul VI., dem er ein Dokument mit einer Reihe von Überlegungen darüber

 

165 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium und den
Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung, 23: Der Apostolische
Stuhl 1989, 1378.

166 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et magistra: AAS 53 (1961) 415–418.

167 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris, AAS 55 (1963) 257–304.

168 Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris, Anrede: AAS 55 (1963) 257.

169 Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris, Anrede: AAS 55 (1963) 301.

170 Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris, Anrede: AAS 55 (1963) 294.

89

 

beifügte, ob die Lehre der Enzyklika Johannes’ XXIII. geeignet sei, ein hel-

leres Licht auf die in Bezug auf die Förderung des Friedens neu entstande-

nen Probleme zu werfen.171


">
96 Die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“
172 des Zweiten Vatika-

nischen Konzils stellt eine bedeutsame Antwort der Kirche auf die Erwar-

tungen der heutigen Welt dar. In dieser Konstitution spiegelt sich „in Ein-

klang mit der ekklesiologischen Erneuerung ein neues Bewusstsein von

Glaubensgemeinschaft und Volk-Gottes-Sein. Die Pastoralkonstitution hat

daher neues Interesse geweckt für die in den vorausgehenden Dokumenten

enthaltene Lehre über das Zeugnis und das Leben der Christen als authen-

tische Wege, um die Gegenwart Gottes in der Welt sichtbar zu machen“.173

Die Konstitution „Gaudium et spes“ zeichnet das Bild einer Kirche, die „sich

mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden“

fühlt,174 die mit der gesamten Menschheit unterwegs und demselben irdi-

schen Schicksal unterworfen ist wie die Welt, zugleich aber „gewisserma-

ßen der Sauerteig und die Seele der in Christus zu erneuernden und in die

Familie Gottes umzugestaltenden menschlichen Gesellschaft“ ist.175

„Gaudium et spes“ setzt sich im Licht der christlichen Anthropologie und

der Sendung der Kirche in organischer Weise mit den Themen der Kultur,

des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, der Ehe und Familie,

der politischen Gemeinschaft, des Friedens und der Völkergemeinschaft

auseinander. Alles wird von der Person her und auf die Person hin gedeutet:

„auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur“.176

Die Gesellschaft, ihre Strukturen und ihre Entwicklung müssen auf den

 

171 Vgl. Roy Kard. Maurice, Brief an Paul VI. und Dokument anlässlich des 10. Jahrestags
der Enzyklika „Pacem in terris“: L’Osservatore Romano, 11. April 1973, S. 3–6.

172 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes: AAS 58 (1966) 1025–1120.

173 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium
und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung, 24: Der Apostolische
Stuhl 1989, 1379.

174 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 1: AAS 58 (1966) 1026.

175 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes,40: AAS 58 (1966) 1058.

176 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 24: AAS 58 (1966) 1045.

90

 

„Fortschritt der menschlichen Person“ ausgerichtet sein.177 Zum ersten Mal

äußert sich das Lehramt der Kirche auf seiner höchsten Ebene in so aus-

führlicher Weise über die verschiedenen zeitlichen Aspekte des christlichen

Lebens: „Man muss erkennen, dass die Aufmerksamkeit, die die Konstituti-

on den sozialen, psychologischen, politischen, wirtschaftlichen, sittlichen

und religiösen Veränderungen widmete, … die pastorale Besorgnis der Kir-

che für die Probleme der Menschen und für den Dialog mit der Welt ge-

weckt hat“.178


97 Ein weiteres im „Corpus“ der kirchlichen Soziallehre sehr bedeutendes

Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils ist die Erklärung „Dignitatis

humanae“,179 in der das Recht auf Religionsfreiheit verkündet wird. Das Doku-

ment behandelt dieses Thema in zwei Kapiteln. Im ersten, das eher all-

gemein gehalten ist, wird erklärt, dass das Recht auf religiöse Freiheit auf

der Würde der menschlichen Person basiert und als Bürgerrecht in der

Rechtsordnung der Gesellschaft verankert sein muss. Das zweite Kapitel

setzt sich im Licht der Offenbarung mit dem Thema auseinander und er-

läutert die seelsorgerischen Konsequenzen, wobei es darauf hinweist, dass

es sich um ein Recht handelt, das nicht nur die einzelnen Personen, son-

dern auch die verschiedenen Gemeinschaften betrifft.


98 „Entwicklung“ ist „der neue Name für Friede“,
180 schreibt Paul VI. in

der Enzyklika „Populorum progressio“,181 die als eine Erweiterung des Kapitels

der Konstitution „Gaudium et spes“ über das ökonomisch-soziale Leben an-

gesehen werden kann, wobei sie allerdings auf einige bedeutsame neue Er-

kenntnisse hinweist. Im Besonderen legt das Dokument die Grundlinien

für eine umfassende Entwicklung des Menschen und eine solidarische Ent-

wicklung der Menschheit fest: „zwei Themenbereiche, die man als Achsen

ansehen kann, um die herum das Gewebe der Enzyklika strukturiert ist.

 

177 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 25: AAS 58 (1966) 1045.

178 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium
und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung, 24: Der Apostolische
Stuhl 1989, 1380.

179 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erkl. Dignitatis humanae: AAS 58 (1966) 929–946.

180 Paul VI., Enz. Populorum progressio 76–80: AAS 59 (1967) 294–296.

181 Vgl. Paul VI., Enz. Populorum progressio: AAS 59 (1967) 257–299.

91

 

Der Papst will die Adressaten von der Dringlichkeit einer gemeinsamen

Aktion überzeugen. Er will unter Fortschritt »den Übergang von wenig hu-

manen Lebensbedingungen zu humaneren« verstanden wissen und nennt

ihre Eigenschaften“.182 Dieser Weg wird nicht nur in seinen rein wirtschaft-

lichen und technischen Dimensionen beschrieben, sondern setzt für jede

Person den Erwerb von Kultur, den Respekt vor der Würde der anderen

sowie „die Anerkennung letzter Werte von Seiten des Menschen und die

Anerkennung Gottes, ihrer Quelle und ihres Zieles“ voraus.183 Die Entwick-

lung zugunsten aller entspricht der Forderung nach einer weltweiten Ge-

rechtigkeit, die einen universalen Frieden garantiert und einen von spiritu-

ellen Werten gelenkten „Humanismus im Vollsinn des Wortes“184

ermöglicht.


99 Mit dieser Zielsetzung richtet Paul VI. 1967 die Päpstliche Kommission

„Iustitia et Pax“ ein und folgt damit dem Votum der Konzilsväter, die es „für

sehr zweckmäßig“ gehalten hatten, „ein Organ der Gesamtkirche zu schaf-

fen, um die Gerechtigkeit und Liebe Christi den Armen in aller Welt zuteil

werden zu lassen. Seine Aufgabe soll es sein, die Gemeinschaft der Katho-

liken immer wieder anzuregen, den Aufstieg der Not leidenden Gebiete

und die soziale Gerechtigkeit unter den Völkern zu fördern“.185 Der Welt-

friedenstag, der seit 1968 am ersten Tag eines jeden Jahres von der Kirche

begangen wird, geht ebenfalls auf eine Initiative Pauls VI. zurück. Derselbe

Pontifex führt auch die Tradition der Botschaften ein, die sich mit dem je-

weils für den Weltfriedenstag gewählten Thema auseinandersetzen und so

das „Corpus“ der Soziallehre vergrößern.


100 Zu Beginn der siebziger Jahre greift Paul VI. in einem turbulenten

Klima stark ideologisch gefärbter Proteste mit dem apostolischen Schreiben

„Octogesima adveniens“186 zum achtzigsten Jahrestag der Enzyklika „Rerum

 

182 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium
und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung, 25: Der Apostolische
Stuhl 1989, 1380.

183 Paul VI., Enz. Populorum progressio, 21: AAS 59 (1967) 267.

184 Paul VI., Enz. Populorum progressio, 42: AAS 59 (1967) 278.

185 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 90: AAS 58 (1966) 1112.

186 Vgl. Paul VI., Ap. Schr. Octogesima adveniens: AAS 63 (1971) 401–441.

92

 

novarum“ die Soziallehre Leos XIII. wieder auf und aktualisiert sie. Der Papst

reflektiert über die postindustrielle Gesellschaft mit all ihren komplexen

Problemen und stellt die mangelnde Fähigkeit der Ideologien heraus, auf

diese Herausforderungen zu reagieren: die Urbanisierung, die Situation

der Jugendlichen, die Lage der Frau, die Arbeitslosigkeit, die Diskriminie-

rungen, die Emigration, das Bevölkerungswachstum, den Einfluss der so-

zialen Kommunikationsmittel, die Umweltproblematik.


101 Neunzig Jahre nach „Rerum novarum“ widmet Johannes Paul II. die

Enzyklika „Laborem exercens“ 187 der Arbeit als grundlegendem Gut der Per-

son, vorrangigem Faktor der wirtschaftlichen Aktivität und als Schlüssel

zur sozialen Frage in ihrer Gesamtheit. „Laborem exercens“ zeichnet eine Spi-

ritualität und eine Ethik der Arbeit und stellt diese in den Kontext einer

profunden theologischen und philosophischen Reflexion. Die Arbeit darf

nicht nur im objektiven und materiellen Sinn verstanden, sondern muss als

eine Aktivität, die Ausdruck der Person ist, auch in ihrer subjektiven Di-

mension gebührend berücksichtigt werden. Die Arbeit ist nicht nur ein ent-

scheidendes Paradigma des sozialen Lebens, sie besitzt darüber hinaus die

ganze Würde eines Umfelds, in dem sich die natürliche und übernatürliche

Berufung der Person verwirklichen muss.


102 Mit der Enzyklika „Sollicitudo rei socialis“
188 gedenkt Johannes Paul II.

des zwanzigsten Jahrestags von „Populorum progressio“ und setzt sich erneut

mit dem Thema der Entwicklung auseinander, wobei ihn vor allem zwei

Leitgedanken beschäftigen: „einerseits die dramatische Lage der heutigen

Welt unter dem Gesichtspunkt der fehlenden Entwicklung in der Dritten

Welt, und andererseits der Sinn, die Bedingungen und die Erfordernisse

eines menschenwürdigen Fortschritts“.189 Die Enzyklika unterscheidet zwi-

schen Fortschritt und Entwicklung und bekräftigt, dass „der echte Fort-

schritt sich nicht darauf beschränken kann, Güter und Dienstleistungen

bei den Besitzenden zu vermehren, sondern dass er zum vollen »Sein« des

 

187 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens: AAS 73 (1981) 577–647.

188 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis: AAS 80 (1988) 513–586.

189 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium
und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung, 26: Der Apostolische
Stuhl 1989, 1382.

93

 

Menschen beitragen muss. Auf diese Weise tritt die sittliche Natur des ech-

ten Fortschritts klar hervor“.190 Unter Anspielung auf den Leitspruch des

Pontifikats Pius’ XII., „Opus iustitiae pax“, der Friede ist das Werk der Ge-

rechtigkeit, schreibt er: „Heute könnte man mit derselben Genauigkeit

und der gleichen Kraft biblischer Inspiration (vgl. Jes 32, 17; Jak 3, 18) sagen:

Opus solidaritatis pax – Friede, die Frucht der Solidarität“.191


103 Zum hundertsten Jahrestag von „Rerum novarum“ veröffentlicht Jo-

hannes Paul II. seine dritte Sozialenzyklika, „Centesimus annus“,192 an der

die Kontinuität des hundertjährigen sozialen Lehramts der Kirche erkenn-

bar wird. Mit Bezug auf eines der grundlegenden Prinzipien des christli-

chen Verständnisses von sozialer und politischer Organisation, das das

zentrale Thema der vorangegangenen Enzyklika gewesen war, schreibt der

Papst: „Das Prinzip, das wir heute Solidaritätsprinzip nennen (…) wird von

Leo XIII. mehrmals unter dem Namen »Freundschaft« angeführt (…). Von

Pius XI. wird es mit dem nicht weniger bedeutungsvollen Namen »soziale

Liebe« bezeichnet. Paul VI. hat den Begriff mit den heutigen vielfältigen Di-

mensionen der sozialen Frage erweitert und von »Zivilisation der Liebe«

gesprochen“.193 Johannes Paul II. macht deutlich, wie die Soziallehre der

Kirche entlang der Achse der wechselseitigen Beziehung zwischen Gott

und dem Menschen verläuft: Gott in jedem Menschen und jeden Menschen

in Gott zu erkennen ist die Voraussetzung für eine echte menschliche Ent-

wicklung. Die klar strukturierte und eingehende Analyse der „res novae“ und

insbesondere der großen Wende von 1989 mit dem Zusammenbruch des

sowjetischen Systems beinhaltet eine Würdigung der Demokratie und der

freien Marktwirtschaft im Rahmen einer unverzichtbaren Solidarität.

 

190 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium und den
Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung, 26: Der Apostolische Stuhl 1989, 1383.

191 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 39: AAS 80 (1988) 568.

192 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus: AAS 83 (1991) 793–867.

193 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 10: AAS 83 (1991) 805.

94

 

c) Vom Evangelium erleuchtet und angespornt


104 Die hier erwähnten Dokumente sind die Meilensteine auf dem Weg, den die

kirchliche Soziallehre von den Zeiten Leos XIII. bis in unsere Tage zurückgelegt hat.

Dieser knappe Überblick würde sehr viel länger ausfallen, wenn man auch

alle diejenigen Stellungnahmen berücksichtigen wollte, die über ein spe-

zielles Thema hinaus von der pastoralen Sorge bestimmt gewesen sind,

„der christlichen Gemeinschaft und allen Menschen guten Willens die

Grundprinzipien, die allgemeinen Kriterien und die Richtlinien vorzulegen,

die dazu geeignet sind, eine gute Entscheidung zu treffen und der konkre-

ten Situation entsprechend zu handeln“.194

Die Ausarbeitung und Verkündigung der Soziallehre war und ist nicht

theoretisch, sondern seelsorgerisch motiviert, weil die Kirche sich mit den

Auswirkungen der sozialen Veränderungen auf die einzelnen Menschen,

auf die große Zahl der Männer und Frauen und auf deren Würde befassen

muss, und das in einem Kontext, in welchem man „unverdrossen nach

einer vollkommeneren Ordnung im irdischen Bereich [strebt], aber das

geistliche Wachstum (…) damit nicht gleichen Schritt“ hält.195 Aus diesen

Gründen hat sich die Soziallehre herausgebildet, „ein zeitgemäßes Lehr-

gebäude (…), das sich in dem Maße entwickelt, wie die Kirche aus der Fülle

der von Jesus Christus offenbarten Wahrheit und mit dem Beistand des

Heiligen Geistes (vgl. Joh 14, 16.26; 16, 13–15) die Ereignisse deutet, die sich

im Verlauf der Geschichte zutragen“.196

 

194 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium
und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung, 27: Der Apostolische
Stuhl 1989, 1383.

195 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 4: AAS 58 (1966) 1028.

196 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 1: AAS 80 (1988) 514; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2422.

95