Fünftes Kapitel

ZWEITER TEIL

 

„Daraus folgt, dass der Soziallehre die Bedeutung eines Instrumentes der

Glaubensverkündigung zukommt: Als solches verkündet sie jedem Men-

schen Gott und das Heilsmysterium in Christus und enthüllt dadurch

den Menschen dem Menschen selbst. In diesem und nur in diesem

Licht befasst sie sich mit den anderen Fragen: mit den Menschenrech-

ten jedes Einzelnen, insbesondere des »Proletariats«, mit Familie und

Erziehung, mit den Aufgaben des Staates, mit der nationalen und in-

ternationalen Ordnung, mit dem Wirtschaftsleben, der Kultur, mit

Krieg und Frieden, mit der Achtung des Lebens vom Zeitpunkt der

Empfängnis bis zum Tod“

(Centesimus annus,54)

 

 

 

FÜNFTES KAPITEL

DIE FAMILIE: LEBENSZELLE DER GESELLSCHAFT

 

I. DIE FAMILIE ALS ERSTE NATÜRLICHE GESELLSCHAFT


209 Wiederholt hebt die Heilige Schrift die zentrale Bedeutung der Familie für die

Person und für die Gesellschaft hervor: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein

bleibt“ (Gen 2, 18). Schon in den Texten, die von der Erschaffung des Men-

schen erzählen (vgl. Gen 1, 26–28; 2, 7–24), wird deutlich, dass das Paar – im

Plan Gottes – „die erste Form personaler Gemeinschaft“ ist.458 Eva wird

dem Adam ähnlich geschaffen als die, die ihn durch ihr Anderssein ergänzt

(vgl. Gen 2, 18), um mit ihm „ein Fleisch“ zu werden (Gen 2, 24; vgl. Mt 19, 5–

6).459 Gleichzeitig werden beide in die Aufgabe der Fortpflanzung einge-

bunden, die sie zu Mitarbeitern des Schöpfers macht: „Seid fruchtbar, und

vermehrt euch, bevölkert die Erde“ (Gen 1, 28). Im Plan des Schöpfers ist die

Familie „als erster Ort der »Humanisierung« der Person und der Gesellschaft“

und als „Wiege des Lebens und der Liebe“ vorgesehen.460


210 In der Familie erfährt man die Liebe und Treue des Herrn sowie die Notwen-

digkeit, ihr zu entsprechen (vgl. Ex 12, 25–27; 13, 8.14–15; Dtn 6, 20–25; 13, 7–11;

1 Sam 3, 13); die Kinder lernen die ersten und entscheidenden Lektionen der

praktischen Weisheit, die Grundlage der Tugenden ist (vgl. Spr 1, 8–9; 4, 1–

4; 6, 20–21; Sir 3, 1–16; 7, 27–28). Deshalb macht sich der Herr zum Garanten

der ehelichen Liebe und Treue (vgl. Mal 2, 14–15).

Jesus wurde in eine konkrete Familie hineingeboren, hat in ihr gelebt und sie

dadurch in ihren Grundzügen bejaht,461 und er hat der Einrichtung der Ehe eine

 

458 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 12: AAS 58 (1966) 1034.

459 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche,1605.

460 Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 40: AAS 81 (1989) 469.

461 Die heilige Familie ist ein Vorbild für das Familienleben: „Nazareth erinnert uns
daran, was die Familie ist, was die Gemeinschaft der Liebe ist, ihre strenge und
schlichte Schönheit, ihr heiliger und unverletzlicher Charakter; es lässt uns erkennen,
wie süß und unersetzlich die Erziehung in der Familie ist; es lehrt uns ihre natürliche
Funktion innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung. Und schließlich lernen wir die
Lektion der Arbeit“: Paul VI., Ansprache in Nazareth (5. Januar 1964): AAS 56 (1964) 168.

167

 

herausragende Würde verliehen, als er sie zum Sakrament des Neuen Bundes

machte (vgl. Mt 19, 3–9). In diesem Kontext entdeckt das Paar seine ganze

Würde und die Familie die ihr eigene Stärke.


211 Erleuchtet vom Licht der biblischen Botschaft betrachtet die Kirche die Familie

als die erste natürliche Gesellschaft mit ihren eigenen und ursprünglichen Rechten und

stellt sie ins Zentrum des sozialen Lebens: Die Familie „in eine untergeordnete

und nebensächliche Rolle zu versetzen, sie aus der ihr in der Gesellschaft

gebührenden Stellung auszuschließen, heißt, dem echten Wachstum des

gesamten Sozialgefüges einen schweren Schaden zufügen“.462 Die Familie,

die aus der im Ehebund zwischen Mann und Frau gestifteten innigen Ge-

meinschaft des Lebens und der Liebe erwächst,463 besitzt eine nur ihr eige-

ne und ursprüngliche soziale Dimension, weil sie der erste Schauplatz zwi-

schenmenschlicher Beziehungen, die „Grund- und Lebenszelle der Gesellschaft“

ist:464 Sie ist eine göttliche Einrichtung, die als Prototyp jeder sozialen Ord-

nung das Fundament des Lebens der Personen bildet.

a) Die Bedeutung der Familie für die Person


212 Die Familie ist für die Person wichtig und von zentraler Bedeutung.
In dieser

Wiege des Lebens und der Liebe wird der Mensch geboren und wächst heran:

Wenn ein Kind zur Welt kommt, wird der Gesellschaft eine neue Person

geschenkt, die „von innen her zur Gemeinschaft mit anderen und zur vollen

Hingabe an sie berufen“ ist.465 Deshalb erzeugt die gegenseitige Hingabe des

Mannes und der Frau, die in der Ehe vereint sind, in der Familie eine Atmo-

sphäre des Lebens, in der das Kind „seine Fähigkeiten entfalten kann. Wo es

 

462 Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 17: AAS 86 (1994) 906.

463 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 48: AAS 58 (1966) 1067–1069.

464 II. Vatikanisches Konzil,Dekr. Apostolicam actuositatem, 11: AAS 58 (1966) 848.

465 Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 40: AAS 81 (1989) 468.

168

 

sich seiner Würde bewusst wird und sich auf die Auseinandersetzung mit

seinem einmaligen und unwiederholbaren Schicksal vorbereiten kann“.466

Im Klima der natürlichen Zuneigung, die die Mitglieder einer Familiengemein-

schaft miteinander verbindet, werden die Personen als Ganzes anerkannt und zur Ver-

antwortung erzogen: „Die erste und grundlegende Struktur zu Gunsten der

»Humanökologie« ist die Familie, in deren Schoß der Mensch die entschei-

denden Anfangsgründe über die Wahrheit und das Gute empfängt, wo er

lernt, was lieben und geliebt werden heißt und was es konkret besagt, Per-

son zu sein“.467 Denn die Pflichten ihrer Mitglieder sind nicht vertraglich

festgelegt, sondern ergeben sich aus dem Wesen der Familie selbst, die auf

einen unwiderruflichen Ehebund gegründet und von Beziehungen struktu-

riert ist, die nach der Zeugung oder Adoption von Kindern aus diesem er-

wachsen.

b) Die Bedeutung der Familie für die Gesellschaft


213 Als natürliche Gemeinschaft, in der die menschliche Sozialität erfahren wird,

leistet die Familie einen einzigartigen und unersetzlichen Beitrag zum Wohl der Ge-

sellschaft. Denn die Familiengemeinschaft erwächst aus der Gemeinschaft

der Personen: „Die »Gemeinsamkeit« betrifft die persönliche Beziehung zwi-

schen dem »Ich« und dem »Du«. Die »Gemeinschaft« dagegen übersteigt dieses

Schema in Richtung einer »Gesellschaft«, eines »Wir«. Die Familie als Ge-

meinschaft von Personen ist daher die erste menschliche »Gesellschaft«“.468

Eine nach dem Maßstab der Familie gestaltete Gesellschaft ist der beste Schutz

gegen jegliche individualistische oder kollektivistische Verirrung, denn sie stellt immer

die Person, und zwar nicht als Mittel, sondern als Zweck, ins Zentrum der Aufmerk-

samkeit. Es ist vollkommen einleuchtend, dass das Wohl der Personen und

das gute Funktionieren der Gesellschaft eng mit dem „Wohlergehen der

Ehe- und Familiengemeinschaft verbunden“ sind.469 Ohne Familien, die in

 

466 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 39: AAS 83 (1991) 841.

467 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 39: AAS 83 (1991) 841.

468 Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 7: AAS 86 (1994) 875;
vgl. Katechismus der Katholischen Kirche,2206.

469 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 47: AAS 58 (1966) 1067;
vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2210.

169

 

der Gemeinschaft stark und in ihrem Engagement beständig sind, verlieren

die Völker an Kraft. Von den ersten Lebensjahren an leistet die Familie eine

Verinnerlichung der moralischen Werte sowie eine Weitergabe des geisti-

gen und kulturellen Erbes der Religionsgemeinschaft und der Nation. In ihr

lernt man soziale Verantwortung und Solidarität.470


214 Der Familie muss der Vorrang vor der Gesellschaft und dem Staat eingeräumt

werden. Zumindest unter dem Aspekt der Fortpflanzung ist die Familie die

Voraussetzung dafür, dass Gesellschaft und Staat überhaupt existieren kön-

nen. Die anderen Funktionen, die sie zum Vorteil ihrer Mitglieder ausübt,

sind wichtiger und wertvoller als die, die von der Gesellschaft und vom

Staat wahrgenommen werden müssen.471 Als Trägerin unverletzlicher

Rechte besitzt die Familie ihre Legitimation in der menschlichen Natur

und nicht in der Anerkennung von Seiten des Staates. Sie ist also nicht für

die Gesellschaft und den Staat da, sondern die Gesellschaft und der Staat sind für die

Familie da.

Kein Gesellschaftsmodell, das dem Wohl des Menschen dienen will,

kann über die zentrale Bedeutung und die soziale Verantwortung der Fami-

lie hinwegsehen. Gesellschaft und Staat haben im Gegenteil die Verpflich-

tung, sich in ihren Beziehungen zur Familie an das Subsidiaritätsprinzip zu

halten. Aufgrund dieses Prinzips dürfen die öffentlichen Autoritäten der

Familie jene Aufgaben, die sie gut allein oder im freien Verband mit ande-

ren Familien erfüllen kann, nicht entziehen; andererseits haben dieselben

Autoritäten die Pflicht, die Familie zu unterstützen, indem sie ihr alle Hilfs-

mittel zur Verfügung stellen, die sie benötigt, um ihre Verantwortung in

angemessener Weise wahrzunehmen.472

 

470 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche,2224.

471 Vgl. Der Heilige Stuhl, Charta der Familienrechte (22. Oktober 1983), Präambel,
D-E, Der Apostolische Stuhl 1983, 1598.

472 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 45: AAS 74 (1982) 136–137;
Katechismus der Katholischen Kirche, 2209.

170

 

II. DIE EHE ALS FUNDAMENT DER FAMILIE

a) Der Wert der Ehe


215 Die Grundlage der Familie ist der freie Wille der Brautleute, die Ehe miteinan-

der einzugehen und dabei die spezifischen Bedeutungen und Werte dieser Einrichtung,

die nicht vom Menschen, sondern von Gott selbst abhängt, zu achten: „Dieses heili-

ge Band unterliegt im Hinblick auf das Wohl der Gatten und der Nachkom-

menschaft sowie auf das Wohl der Gesellschaft nicht mehr menschlicher

Willkür. Gott selbst ist Urheber der Ehe, die mit verschiedenen Gütern und

Zielen ausgestattet ist“.473 Die Einrichtung der Ehe – „innige Gemeinschaft

des Lebens und der Liebe (…), vom Schöpfer begründet und mit eigenen

Gesetzen geschützt“ 474 – ist also kein Produkt menschlicher Übereinkünfte

und gesetzlicher Vorschriften, sondern verdankt ihre Beständigkeit der

göttlichen Ordnung.475 Sie ist eine Einrichtung, die auch in den Augen der

Gesellschaft „durch den personal freien Akt, in dem sich die Eheleute ge-

genseitig schenken und annehmen“,476 entsteht, und sie wurzelt in der Na-

tur der ehelichen Liebe selbst, die als rückhaltloses und ausschließliches Ge-

schenk von Person zu Person eine endgültige Verpflichtung beinhaltet,

welche wiederum in einem wechselseitigen, unwiderruflichen und öffent-

lichen Konsens ausgedrückt wird.477 Diese Verpflichtung setzt voraus, dass

die Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern auch vom Gerechtig-

keitssinn und damit von der Achtung der jeweiligen Rechte und Pflichten

geprägt sind.


216 Keine Macht kann das natürliche Recht der Eheschließung außer Kraft setzen

noch die Ehe in ihren Eigenschaften und in ihrer Zielsetzung verändern. Die Ehe ist

nämlich mit eigenen, ursprünglichen und unveränderlichen Kennzeichen ausgestattet.

Trotz der zahlreichen Änderungen, die sie im Lauf der Jahrhunderte in den

 

473 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 48: AAS 58 (1966) 1067–1068.

474 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 48: AAS 58 (1966) 1067.

475 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche,1603.

476 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 48: AAS 58 (1966) 1067.

477 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1639.

171

 

verschiedenen Kulturen, Gesellschaftsstrukturen und Geisteshaltungen er-

fahren hat, gibt es in allen Kulturkreisen ein sicheres Gespür für die Würde

des Ehebundes, auch wenn dies nicht überall mit derselben Deutlichkeit

zutage tritt.478 Diese Würde muss in ihrer besonderen Eigenart respektiert

und vor jeder Verzerrung geschützt werden. Die Gesellschaft hat keine Ver-

fügungsgewalt über die eheliche Verbindung, in der die beiden Brautleute

einander Treue, Beistand und Offenheit für Kinder versprechen, aber sie ist

dazu befugt, ihre zivilen Aspekte zu regeln.


217 Die charakteristischen Züge der Ehe sind: die Ganzheitlichkeit, mit der die

Eheleute sich in allem, was die Person leiblich und geistig ausmacht, einan-

der schenken; die Einheit, die sie „ein Fleisch“ (Gen 2, 24) werden lässt; die

Unauflöslichkeit und Treue, die die gegenseitige und endgültige Hingabe mit-

einschließt; die Fruchtbarkeit, für die sie von Natur aus offen ist.479 Der weise

Plan Gottes für die Ehe – ein Plan, der der Vernunft des Menschen trotz der

durch seine Hartherzigkeit (vgl. Mt 19, 8; Mk 10,5) bedingten Schwierigkei-

ten zugänglich ist – darf nicht ausschließlich im Licht der davon abwei-

chenden faktischen Verhaltensweisen und konkreten Situationen beurteilt

werden. Die Polygamie steht in grundlegendem Widerspruch zum ur-

sprünglichen Plan Gottes, „denn sie widerspricht der gleichen personalen

Würde von Mann und Frau, die sich in der Ehe mit einer Liebe schenken,

die total und eben deshalb einzig und ausschließlich ist“.480


218 In ihrer objektiven Wahrheit ist die Ehe auf die Zeugung und Erziehung von

Kindern ausgerichtet.481 In der ehelichen Gemeinschaft gelangt jene aufrichti-

ge Selbsthingabe zu Leben und Fülle, deren Frucht, die Kinder, ihrerseits ein

Geschenk für die Eltern, für die gesamte Familie und die ganze Gesellschaft

ist.482 Dennoch ist die Ehe nicht ausschließlich zum Zweck der Fortpflanzung einge-

 

478 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche,1603.

479 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 13: AAS 74 (1982) 93–96.

480 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 19: AAS 74 (1982) 102.

481 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 48.50: AAS 58 (1966) 1067–1069. 1070–1072.

482 Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 11: AAS 86 (1994) 883–886.

172

 

setzt worden:483 Ihr unauflöslicher Charakter und ihr Wert als Gemeinschaft

bestehen auch dann, wenn das Eheleben nicht durch die sehnlichst er-

wünschten Kinder vervollkommnet wird. In diesem Fall können die Ehe-

leute „ihre Großmut zeigen, indem sie verlassene Kinder adoptieren oder

anspruchsvolle Dienste an ihnen erfüllen“.484

b) Das Sakrament der Ehe


219 Die menschliche und ursprüngliche Realität der Ehe wird von den Getauften in

der von Christus eingesetzten übernatürlichen Form des Sakraments, das Zeichen und

Werkzeug der Gnade ist, gelebt. Die Heilsgeschichte ist durchzogen vom The-

ma des bräutlichen Bundes, der ein bedeutsamer Ausdruck für die Liebes-

gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen und ein Schlüssel ist, um

die Stationen des großen Bundes, den Gott mit seinem Volk geschlossen

hat, in ihrer Symbolik zu begreifen.485 Kern der Offenbarung des Plans der

Liebe Gottes ist das Geschenk, das Gott der Menschheit in seinem Sohn

Jesus Christus macht, „dem liebenden Bräutigam, der sich hingibt als Erlö-

ser der Menschheit und sie als seinen Leib mit sich vereint. Er offenbart die

Urwahrheit über die Ehe, die Wahrheit des »Anfangs« (vgl. Gen 2, 24; Mt

19, 5), und macht den Menschen fähig, sie vollends zu verwirklichen, indem

er ihn von seiner Herzenshärte befreit“.486 Aus der bräutlichen Liebe Christi

 

483 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 50: AAS 58 (1966) 1070–72.

484 Katechismus der Katholischen Kirche,2379.

485 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 12: AAS 74 (1982) 93: „Deshalb
wird das im Mittelpunkt der Offenbarung stehende Wort »Gott liebt sein Volk«
auch in den persönlichen Worten ausgesprochen, mit denen Mann und Frau einander
ihre eheliche Liebe konkret kundtun. Ihr Liebesband wird zum Abbild und Symbol
>des Bundes, der Gott und sein Volk verbindet (vgl. z. B. Hos 2, 21; Jes 54). Selbst die<
>Sünde, die den ehelichen Bund verletzen kann, wird zum Abbild der Untreue des Volkes
gegen seinen Gott: der Götzendienst ist Prostitution (vgl. Jer 3, 6–13; Ez 16, 25), die
Untreue ist Ehebruch, der Ungehorsam gegen das Gesetz ist ein Verrat an der bräutlichen
Liebe des Herrn. Die Untreue Israels zerstört jedoch nicht die ewige Treue des
Herrn, und somit wird die immer treue Liebe Gottes zum Vorbild für das Verhältnis
treuer Liebe, das zwischen den Eheleuten bestehen muss (vgl. Hos 3)“.

486 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 13: AAS 74 (1982) 93–94.

173

 

zu seiner Kirche, deren Fülle sich im Kreuzesopfer erweist, geht der sakra-

mentale Charakter der Ehe hervor, deren Gnade die Liebe der Brautleute der

Liebe Christi zur Kirche angleicht. Die Ehe als Sakrament ist der in der

Liebe geschlossene Bund eines Mannes und einer Frau.487


220 Das Sakrament der Ehe umfasst die menschliche Wirklichkeit der ehelichen

Liebe mit allen Konsequenzen und „befähigt und verpflichtet (…) die christli-

chen Ehegatten und Eltern, ihre Berufung als Laien zu leben, und so »in der

Behandlung und gottgewollten Gestaltung der weltlichen Dinge das Reich

Gottes zu suchen«“.488 Durch das sakramentale Band, das sie zu einer Haus-

kirche oder Kirche im Kleinen macht, ist die christliche Familie zuinnerst

mit der Kirche verbunden und dazu berufen, „Zeichen der Einheit für die

Welt zu sein und so ihr prophetisches Amt auszuüben, indem sie Christi

Herrschaft und Frieden bezeugt, woraufhin die ganze Welt unterwegs

ist“.489

Die im Sakrament geschenkte eheliche Liebe, die aus der Liebe Christi

selbst erwächst, macht die christlichen Eheleute zu Zeugen einer neuen,

vom Evangelium und vom Ostergeheimnis inspirierten Sozialität. Die na-

türliche Dimension ihrer Liebe wird durch die sakramentale Gnade bestän-

dig geläutert, gefestigt und erhöht. Auf diese Weise stehen die christlichen

Eheleute sich nicht nur gegenseitig auf dem Weg der Heiligung bei, sondern

werden darüber hinaus zu Zeichen und Werkzeug der Liebe Christi in der

Welt. Sie sind dazu berufen, die religiöse Bedeutung der Ehe mit ihrem

eigenen Leben zu bezeugen und zu verkündigen, zumal es der gegenwärti-

gen Gesellschaft immer schwerer fällt, diese zu erkennen – insbesondere

dann, wenn sie sich Sichtweisen zu Eigen macht, die auch die natürliche

Grundlage der Institution der Ehe relativieren.

 

487 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 48: AAS 58 (1966) 1067–69.

488 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 47: AAS 74 (1982) 139. Das Zitat
stammt aus: II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 31: AAS 57 (1965) 37.

489 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 48: AAS 74 (1982) 140;
vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1656–1657. 2204.

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III. DER SOZIALE SUBJEKTCHARAKTER DER FAMILIE

 

a) Die Liebe und die Bildung einer Gemeinschaft von Personen


221 Die Familie bietet sich als Raum für jene in einer zunehmend individualisti-

schen Gesellschaft so notwendige Gemeinschaft an, in der dank der unermüdlichen

Dynamik der Liebe eine authentische Gemeinsamkeit der Personen490 entstehen kann.

Diese Dynamik der Liebe ist die grundlegende Dimension der menschlichen Erfah-

rung und hat gerade in der Familie den Ort, an dem sie bevorzugt in Erscheinung

tritt: „Die Liebe sorgt dafür, dass sich der Mensch durch die aufrichtige

Selbsthingabe verwirklicht: Lieben heißt, alles geben und empfangen, was

man weder kaufen noch verkaufen, sondern sich nur aus freien Stücken

gegenseitig schenken kann“.491

Dank der Liebe, die für die Definition von Ehe und Familie wesentlich ist, wird

jede Person, Mann und Frau, in ihrer Würde anerkannt, angenommen und respektiert.

Die Liebe bringt Beziehungen hervor, die im Zeichen des ungeschuldeten

Schenkens gelebt werden, das „in allen und in jedem einzelnen die Person-

würde als einzig entscheidenden Wertmaßstab achtet und fördert, woraus

dann herzliche Zuneigung und Begegnung im Gespräch, selbstlose Einsatz-

bereitschaft und hochherziger Wille zum Dienen sowie tief empfundene

Solidarität erwachsen können“.492 Die Existenz von Familien, die in diesem

Geist leben, stellt die Mängel und Widersprüchlichkeiten einer Gesellschaft

bloß, die sich überwiegend, wenn nicht ausschließlich von Kriterien der

Effizienz und Funktionalität leiten lässt. Ein Familienleben, das Tag für

Tag nach innen und außen ein Netz von zwischenmenschlichen Beziehun-

gen knüpft, wird dagegen „zu einer ersten unersetzlichen Schule für ge-

meinschaftliches Verhalten, zu einem Beispiel und Ansporn für weiterrei-

chende zwischenmenschliche Beziehungen im Zeichen von Achtung,

Gerechtigkeit, Dialog und Liebe“.493

 

490 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 18: AAS 74 (1982) 100–101.

491 Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 11: AAS 86 (1994) 883.

492 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 43: AAS 74 (1982) 134.

493 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 43: AAS 74 (1982) 134.

175

 


222 Die Liebe drückt sich auch in der aufmerksamen Fürsorge für die älteren Men-

schen aus, die in der Familie leben: Ihre Anwesenheit kann sich als sehr wertvoll

erweisen. Sie sind ein Beispiel der Verbundenheit zwischen den Generatio-

nen und eine Quelle des Wohlergehens für die Familie und die gesamte

Gesellschaft: „Nicht nur können sie für die Tatsache Zeugnis geben, dass

gewisse Aspekte des Lebens, wie menschliche und kulturelle, moralische

und soziale Werte, nicht nach wirtschaftlichen oder funktionellen Kriterien

gemessen werden; ebenso sind sie in der Lage, einen konkreten Beitrag im

Bereich der Arbeit und als Verantwortungsträger zu leisten. Schließlich

geht es nicht allein darum, etwas für die alten Menschen zu tun, es gilt

vielmehr, diese Personen auf konkrete Weise auch als verantwortliche Mit-

arbeiter, als Förderer von Projekten zu akzeptieren, an denen sie sowohl in

der Phase der Planung als auch des Dialogs und der Durchführung teilneh-

men“.494 „Sie tragen Frucht noch im Alter“ (Ps 92, 15), so heißt es in der

Heiligen Schrift. Die älteren Menschen stellen eine wichtige Schule des Le-

bens dar, denn sie können Werte und Traditionen vermitteln und das

Wachstum der Jüngeren fördern, die auf diese Weise lernen, nicht nur das

eigene Wohl, sondern auch das der anderen anzustreben. Wenn ältere Men-

schen sich in einer Situation des Leids und der Abhängigkeit befinden, sind

sie nicht nur auf medizinische Pflege und entsprechende Versorgung, son-

dern vor allem auf eine liebevolle Behandlung angewiesen.


223 Der Mensch ist geschaffen, um zu lieben, und er kann ohne Liebe nicht leben.

Wenn sie sich in der völligen Hingabe zweier sich ergänzender Personen

äußert, kann die Liebe nicht auf Stimmungen und Gefühle und schon gar

nicht auf ihre bloß sexuelle Ausdrucksform reduziert werden. Eine Gesell-

schaft, die immer mehr dazu tendiert, die Erfahrung der Liebe und der Se-

xualität zu relativieren und zu banalisieren, überschätzt die vergänglichen

Aspekte des Lebens und missachtet seine grundlegenden Werte: Umso

dringender ist es, zu verkünden und zu bezeugen, dass die Wahrheit der ehe-

lichen Liebe und Sexualität dort existiert, wo sich die Personen einander in

 

494 Johannes Paul II., Botschaft zur Zweiten Weltversammlung über das Altern (3. April
2002): AAS 94 (2002) 582; vgl. ID., Ap. Schr. Familiaris consortio, 27: AAS 74 (1982) 113–114.

176

 

Einheit und Treue voll und ganz hingeben.495 Diese Wahrheit, Quelle der

Freude, der Hoffnung und des Lebens, ist für niemanden zu durchdringen

und zu erreichen, der sich ihr in Relativismus und Skeptizismus ver-

schließt.


224 Gegenüber denjenigen Theorien, die die Geschlechteridentität lediglich als ein

kulturelles und soziales Produkt der Interaktion zwischen Gemeinschaft und Individu-

um betrachten, ohne die personale sexuelle Identität zu berücksichtigen oder die wahre

Bedeutung der Sexualität in irgendeiner Weise in Betracht zu ziehen, wird die Kirche

es nicht müde, ihre eigene Lehre immer wieder deutlich zu formulieren: „Jeder Mensch,

ob Mann oder Frau, muss seine Geschlechtlichkeit anerkennen und annehmen. Die

leibliche, moralische und geistige Verschiedenheit und gegenseitige Ergän-

zung sind auf die Güter der Ehe und auf die Entfaltung des Familienlebens

hingeordnet. Die Harmonie des Paares und der Gesellschaft hängt zum Teil

davon ab, wie Gegenseitigkeit, Bedürftigkeit und wechselseitige Hilfe von

Mann und Frau gelebt werden“.496 Aus dieser Sichtweise ergibt sich die Ver-

pflichtung, das positive Recht dem Naturgesetz anzugleichen, dem zufolge

die sexuelle Identität als objektive Voraussetzung dafür, in der Ehe ein Paar

zu bilden, nicht beliebig ist.


225 Die Natur der ehelichen Liebe erfordert die Beständigkeit und Unauflöslichkeit

des Ehebundes. Das Fehlen dieser Eigenschaften beeinträchtigt die für den

Ehebund charakteristische Ausschließlichkeit und Totalität der Liebes-

beziehung, hat schweres Leid für die Kinder zufolge und wirkt sich auch

auf das soziale Gefüge schädlich aus.

Die Beständigkeit und Unauflöslichkeit der ehelichen Verbindung dür-

fen nicht ausschließlich der Absicht und dem Engagement der einzelnen

Betroffenen überlassen werden: Vielmehr ist die gesamte Gesellschaft gera-

de im Hinblick auf die lebenswichtigen und unverzichtbaren Aspekte der

Familie dafür verantwortlich, sie als eine grundlegende natürliche Einrich-

tung zu schützen und zu fördern. Die Notwendigkeit, der Ehe einen insti-

tutionellen Charakter zu verleihen und sie auf das Fundament eines öffent-

 

495 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 48: AAS 58 (1966) 1067–1069;
Katechismus der Katholischen Kirche, 1644–1651.

496 Katechismus der Katholischen Kirche, 2333.

177

 

lichen, sozial und rechtlich anerkannten Akts zu stellen, leitet sich von

grundlegenden gesellschaftlichen Forderungen ab.

Mit der Einführung der Ehescheidung in die bürgerliche Rechtsprechung wurde

einer relativistischen Deutung des ehelichen Bundes Vorschub geleistet, die „zu einer

tiefen Wunde“ geworden ist und in der Gesellschaft weit um sich greift.497

Die Paare, die die Güter der Beständigkeit und der Unauflöslichkeit bewah-

ren und entfalten, „erfüllen so (…) die ihnen anvertraute Aufgabe, in der

Welt ein »Zeichen« zu sein – ein kleines und wertvolles Zeichen, das

manchmal Versuchungen ausgesetzt ist und doch immer wieder erneuert

wird – für die unerschütterliche Treue, mit der Gott in Jesus Christus alle

Menschen und jeden Menschen liebt“.498


226 Die Kirche lässt die Menschen, die nach einer Scheidung wieder geheiratet

haben, nicht im Stich. Sie betet für sie, ermutigt sie in den spirituellen Schwierig-

keiten, die ihnen begegnen, und stärkt sie im Glauben und in der Hoffnung. Ihrer-

seits können und müssen diese Personen, weil sie getauft sind, am kirchli-

chen Leben teilnehmen: Sie sind dazu aufgerufen, das Wort Gottes zu

hören, dem Messopfer beizuwohnen, beharrlich zu beten, sich vermehrt

für die Werke der Nächstenliebe und die gemeinschaftlichen Initiativen zu-

gunsten des Friedens und der Gerechtigkeit einzusetzen, ihre Kinder im

Glauben zu erziehen und sich im Geist und in den Werken der Buße zu

üben, um auf diese Weise Tag für Tag die Gnade Gottes zu erflehen.

Die Versöhnung im Sakrament der Buße – die den Weg zum Empfang

des eucharistischen Sakraments ebnen würde – kann nur denjenigen ge-

währt werden, die voller Reue aufrichtig zu einer Lebensweise entschlossen

sind, die nicht mehr im Widerspruch zur Unauflöslichkeit der Ehe steht.499

Durch dieses Verhalten bekennt die Kirche ihre eigene Treue zu Chris-

tus und seiner Wahrheit; gleichzeitig wendet sie sich mit mütterlichem

 

497 Katechismus der Katholischen Kirche, 2385; vgl. auch 1650–1651. 2384.

498 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 20: AAS 74 (1982) 104.

499 Der gebührende Respekt sowohl vor dem Sakrament der Ehe als auch vor den Eheleuten
und ihren Familien selbst als auch vor der Gemeinschaft der Gläubigen verbietet
es jedem Seelsorger, aus irgendeinem Grund oder unter irgendeinem Vorwand, und sei
dieser auch pastoraler Natur, eine wie auch immer geartete Zeremonie für Geschiedene
zu vollziehen, die sich wieder verheiraten wollen.
Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 20: AAS 74 (1982) 104.

178

 

Sinn diesen ihren Kindern zu, vor allem denjenigen, die ohne eigene Schuld

von ihrem rechtmäßigen Ehepartner verlassen worden sind. Mit fester Zu-

versicht glaubt sie, dass auch die, die sich vom Gebot des Herrn entfernt

haben und in diesem Zustand leben, von Gott die Gnade der Umkehr und

des Heils erhalten können, wenn sie in der Haltung des Gebets, der Buße

und der Liebe verharren.500


227 Die nichtehelichen Lebensgemeinschaften, deren Zahl fortlaufend gestiegen

ist, beruhen auf einer falschen Vorstellung von der individuellen Wahlfreiheit501 und

auf einer Haltung, die Ehe und Familie als eine reine Privatangelegenheit

betrachtet. Die Ehe ist nicht einfach ein durch Vereinbarung geregeltes Zu-

sammenleben, sondern eine Beziehung, die, verglichen mit allen anderen

Beziehungen, über eine einzigartige soziale Dimension verfügt, weil die Fa-

milie dadurch, dass sie für die Kinder und deren Erziehung sorgt, im Hin-

blick auf das umfassende Wachstum jeder Person und ihre positive Einglie-

derung in das gesellschaftliche Leben eine ganz besondere Funktion erfüllt.

Die mögliche gesetzliche Gleichstellung zwischen der Familie und den „nichtehe-

lichen Lebensgemeinschaften“ würde sich nachteilig auf das Modell der Familie aus-

wirken. Dieses kann nicht in einer zerbrechlichen Beziehung zwischen Per-

sonen,502 sondern nur in einer beständigen Verbindung verwirklicht

werden, die ihren Ursprung in der Ehe hat, das heißt in einem Pakt zwi-

schen einem Mann und einer Frau, der auf der beiderseitigen und freien

Entscheidung für eine vollgültige, auf die Fortpflanzung ausgerichtete ehe-

liche Gemeinschaft beruht.


228 Im Zusammenhang mit den nichtehelichen Lebensgemeinschaften stellt die in

der Öffentlichkeit immer stärker diskutierte Forderung nach rechtlicher Anerkennung

der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ein besonderes Problem dar. Nur eine An-

thropologie, die die volle Wahrheit über den Menschen in den Blick nimmt,

kann auf diese Frage eine angemessene Antwort geben, die sowohl auf ge-

sellschaftlicher wie auch auf kirchlicher Ebene verschiedene Aspekte bein-

 

500 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 77. 84: AAS 74 (1982) 175–178. 184–186.

501 Vgl. Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 14: AAS 86 (1994) 893–896;
Katechismus der Katholischen Kirche, 2390.

502 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2390.

179

 

haltet.503 Eine solche Anthropologie macht deutlich, „wie unangemessen es

ist, den Verbindungen zwischen gleichgeschlechtlichen Personen eine »ehe-

liche« Realität zuzuschreiben. Dem steht in erster Linie die objektive Un-

möglichkeit entgegen, eine solche Verbindung durch die Weitergabe des

Lebens Frucht bringen zu lassen – gemäß dem von Gott in die Struktur

des Menschen eingeschriebenen Plan. Ein Hindernis sind die mangelnden

Voraussetzungen für jene interpersonale Komplementarität, die der Schöp-

fer für Mann und Frau gewollt hat, und zwar sowohl auf physisch-biologi-

scher als auch besonders auf psychologischer Ebene. Nur in der Verbindung

zwischen zwei geschlechtlich verschiedenen Personen kann sich die Ver-

vollkommnung des Einzelnen in einer Synthese der Einheit und der gegen-

seitigen psycho-physischen Ergänzung verwirklichen“.504

Die homosexuellen Personen müssen in ihrer Würde voll respektiert505 und dazu

ermutigt werden, dem Plan Gottes Folge zu leisten, indem sie sich in be-

sonderer Weise um Keuschheit bemühen.506 Der ihnen gebührende Res-

pekt darf jedoch nicht zu einer Legitimierung von Verhaltensweisen füh-

ren, die mit dem moralischen Gesetz nicht vereinbar sind, und noch

weniger dazu, dass Personen des gleichen Geschlechts ein Recht auf Ehe

zugestanden und ihre Verbindung damit der Familie gleichgestellt wird:507

 

503 Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Brief Die Seelsorge der homosexuellen
Personen (1. Oktober 1986), 1–2: AAS 79 (1987) 543–544.

504 Johannes Paul II., Ansprache zur Eröffnung des Gerichtsjahres der Römischen Rota (21. Januar 1999),
5: AAS 91 (1999) 625.

505 Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Anmerkungen zur gesetzlichen Nichtdiskriminierung
von Homosexuellen (23. Juli 1992): L’Osservatore Romano, 24. Juli 1992, S. 4;
Id., Erkl. Persona humana (29. Dezember 1975), 8: AAS 68 (1976) 84–85.506
Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2357–2359.

507 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache beim Ad-limina-Besuch der Bischöfe Spaniens (19. Februar 1998),
4: AAS 90 (1998) 809–810;
Päpstlicher Rat für die Familie, Ehe, Familie und „faktische Lebensgemeinschaften“
(26. Juli 2000), 23, Libreria Editrice Vaticana,Vatikanstadt 2000, S. 42–44 (deutscher Text unter:
www.vatican.va/roman curia/pontifical_councils/family/documents/rc_pc_family_doc_20001109_de-facto-unions_ge.html);
Kongregation für die Glaubenslehre, Erwägungen zu den Entwürfen einer
rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen (3. Juni
2003), Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 162.

180

 

„Wenn die Ehe zwischen zwei Personen verschiedenen Geschlechts in

rechtlicher Hinsicht nur als eine mögliche Form der Ehe betrachtet würde,

brächte dies eine radikale Veränderung des Begriffs der Ehe zum schweren

Schaden für das Gemeinwohl mit sich. Wenn der Staat die homosexuelle

Lebensgemeinschaft auf eine rechtliche Ebene stellt, die jener der Ehe und

Familie analog ist, handelt er willkürlich und tritt in Widerspruch zu seinen

eigenen Verpflichtungen“.508


229 Die Festigkeit der Kernfamilie ist eine entscheidende Grundlage für das soziale

Zusammenleben, und deshalb kann die Zivilgemeinschaft den zersetzenden Tenden-

zen gegenüber, die ihre eigenen tragenden Stützen untergraben, nicht gleichgültig bleiben.

Eine Gesetzgebung kann zuweilen moralisch inakzeptable Verhaltens-

weisen tolerieren509 – aber sie darf niemals zulassen, dass die Anerkennung der

unauflöslichen monogamen Ehe als einziger authentischer Form der Familie ge-

schwächt wird. Daher ist es notwendig, dass sich die öffentlichen Autoritäten

„diesen Tendenzen mit ihren zersetzenden Wirkungen auf die Gesellschaft

und ihren Schäden für die Würde, Sicherheit und das Wohl der einzelnen

Bürger entschieden widersetzen; sie sollen sich bemühen, dass die öffent-

liche Meinung nicht zu einer Unterbewertung der Bedeutung der Institu-

tion von Ehe und Familie verleitet werde“.510

Es ist die Aufgabe der christlichen Gemeinschaft und all derjenigen,

denen das Wohl der Gesellschaft am Herzen liegt, wieder sicherzustellen,

dass „die Familie, die viel mehr ist als eine bloße juridische, soziale und

ökonomische Einheit, eine Gemeinschaft der Liebe und der Solidarität bil-

det, die in einzigartiger Weise geeignet ist, kulturelle, ethische, soziale, geis-

tige und religiöse Werte zu lehren und zu übermitteln, wie sie wesentlich

 

508 Kongregation für die Glaubenslehre, Erwägungen zu den Entwürfen einer recht-
lichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen (3. Juni
v2003), 8, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des
Apostolivschen Stuhls 162, S. 12–13.

509 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Evangelium vitae, 71: AAS 87 (1995) 483;
Thomas von Aquin, Summa theologiae, I-II, q. 96, a. 2 („Utrum ad legem humanam
pertineat omnia vitia cohibere“).

510 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 81: AAS 74 (1982) 183.

181

 

sind für die Entwicklung und das Wohlergehen ihrer eigenen Mitglieder

und der ganzen Gesellschaft“.511

b) Die Familie ist das Heiligtum des Lebens


230 Die eheliche Liebe ist von Natur aus offen für das Leben.
512 In der Aufgabe

der Fortpflanzung wird die Würde des Menschen, der dazu berufen ist, die

von Gott stammende Güte und Fruchtbarkeit zu verkünden, in heraus-

ragender Weise offenbar: „Die menschliche Elternschaft hat, obwohl sie je-

ner anderer Lebewesen in der Natur biologisch ähnlich ist, an sich wesen-

haft und ausschließlich eine »Ähnlichkeit« mit Gott, auf die sich die Familie

gründet, die als menschliche Lebensgemeinschaft, als Gemeinschaft von

Personen, die in der Liebe vereint sind (communio personarum), verstanden

wird“.513

Die Fortpflanzung bringt den sozialen Subjektcharakter der Familie

zum Ausdruck und setzt eine Dynamik der Liebe und Solidarität zwischen

den Generationen in Gang, die die Grundlage der Gesellschaft bildet. Es

gilt, die soziale Bedeutung der Tatsache wiederzuentdecken, dass in jedem

neuen menschlichen Wesen ein kleines Stück des Gemeinwohls verborgen

liegt: Jedes Kind „wird von sich aus zu einem Geschenk für die Geschwister,

für die Eltern, für die ganze Familie. Sein Leben wird zum Geschenk für die Geber

des Lebens, die nicht umhin können werden, die Anwesenheit des Kindes,

seine Teilnahme an ihrer Existenz, seinen Beitrag zu ihrem und zum ge-

meinsamen Wohl der Familiengemeinschaft wahrzunehmen“.514


231 Die auf der Ehe gegründete Familie ist wahrhaft das Heiligtum des Lebens,

„der Ort, an dem das Leben, Gabe Gottes, in angemessener Weise ange-

nommen und gegen die vielfältigen Angriffe, denen es ausgesetzt ist, ge-

schützt wird und wo es sich entsprechend den Forderungen eines echten

 

511 Der Heilige Stuhl, Charta der Familienrechte (22. Oktober 1983), Präambel, E, Der
Apostolische Stuhl 1983, 1598.

512 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1652.

513 Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 6: AAS 86 (1994) 874;
vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2366.

514 Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 11: AAS 86 (1994) 884.

182

 

menschlichen Wachstums entfalten kann“.515 Die Familie spielt eine ent-

scheidende und unersetzliche Rolle für die Förderung und Schaffung der

Kultur des Lebens516 und gegen die Ausbreitung „einer destruktiven »Anti-

Zivilisation« (…), wie das in der Tat heute von vielen Tendenzen und Situa-

tionen bestätigt wird“.517

In der Kraft des empfangenen Sakraments haben die christlichen Familien den

besonderen Auftrag, das Evangelium des Lebens zu bezeugen und zu verkünden. Die-

ser Aufgabe kommt in der Gesellschaft die Bedeutung einer wahren und

mutigen Prophezeiung zu. Aus diesem Grund „ist der Dienst am Evangeli-

um vom Leben damit verbunden, dass sich die Familien besonders durch

aktive Mitgliedschaft in eigenen Familienverbänden darum bemühen, dass

die Gesetze und Einrichtungen des Staates auf keinen Fall das Recht auf

Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod verletzen, sondern es

schützen und fördern“.518


232 Die Familie leistet durch die verantwortliche Mutter- und Vaterschaft, mit der

die Eheleute in besonderer Weise am schöpferischen Wirken Gottes teilhaben, einen

herausragenden Beitrag zum Wohl der Gesellschaft.519 Die Last einer solchen Ver-

antwortung darf nicht als Rechtfertigung für eine egoistische Verweige-

rungshaltung herangezogen werden, sondern muss die Entscheidungen

der Eheleute so lenken, dass sie sich in großzügiger Weise dem Leben öff-

nen: „Im Hinblick schließlich auf die gesundheitliche, wirtschaftliche, see-

lische und soziale Situation bedeutet verantwortungsbewusste Eltern-

schaft, dass man entweder, nach klug abwägender Überlegung, sich

hochherzig zu einem größeren Kinderreichtum entschließt, oder bei erns-

ten Gründen und unter Beobachtung des Sittengesetzes zur Entscheidung

kommt, zeitweise oder dauernd auf weitere Kinder zu verzichten“.520 Die

Beweggründe, die die Eheleute in der verantwortlichen Ausübung ihrer Va-

 

515 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 39: AAS 83 (1991) 842.

516 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Evangelium vitae, 92: AAS87(1995)505–507.

517 Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 13: AAS 86 (1994) 891.

518 Johannes Paul I., Enz. Evangelium vitae,93: AAS 87 (1995) 507–508.

519 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes,50: AAS 58 (1966) 1070–1072;
Katechismus der Katholischen Kirche, 2367.

520 Paul VI., Enz. Humanae vitae, 10: AAS 60 (1968) 487;
vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 50: AAS 58 (1966) 1070–1072.

183

 

terschaft und Mutterschaft lenken müssen, ergeben sich aus der vollen An-

erkennung der eigenen Pflichten gegenüber Gott, gegenüber sich selbst,

gegenüber der Familie und gegenüber der Gesellschaft unter Beachtung

einer gerechten Hierarchie der Werte.


233 Was die „Methoden“ einer verantwortungsbewussten Fortpflanzung angeht,

sind vor allem Sterilisierung und Schwangerschaftsabbruch als moralisch unzulässig

abzulehnen.521 Vor allem letzterer ist ein abscheuliches Verbrechen und stellt

immer eine besonders schwere moralische Verirrung dar;522 weit davon

entfernt, ein Recht zu sein, ist es im Gegenteil eine traurige Erscheinung,

die sehr zur Ausbreitung einer lebensfeindlichen Mentalität beiträgt und

ein gerechtes und demokratisches Zusammenleben in der Gesellschaft in

gefährlicher Weise bedroht.523

Auch der Rückgriff auf empfängnisverhütende Mittel in ihren verschiedenen For-

men ist abzulehnen:524 Diese Ablehnung basiert auf einem richtigen und umfassen-

den Verständnis der menschlichen Person und Sexualität525 und hat das Gewicht

einer moralischen Forderung zur Verteidigung der wahren Entwicklung der Völker.526

Dieselben anthropologischen Gründe rechtfertigen jedoch die Inanspruch-

nahme einer zeitweisen Abstinenz in den Perioden der weiblichen Frucht-

barkeit.527 Die Empfängnisverhütung abzulehnen und auf natürliche Me-

 

521 Vgl. Paul VI., Enz. Humanae vitae, 14: AAS 60 (1968) 490–491.

522 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 51: AAS 58 (1966) 1072–1073;
Katechismus der Katholischen Kirche, 2271–2272;
Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 21: AAS 86 (1994) 919–920;
Id., Enz. Evangelium vitae, 58.59.61–62: AAS 87 (1995) 466–468. 470–472.

523 Vgl. Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 21: AAS 86 (1994) 919–920;
Id., Enz. Evangelium vitae, 72.101: AAS 87 (1995) 484–485.516–518;
Katechismus der Katholischen Kirche, 2273.

524 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 51: AAS 58 (1966) 1072–1073;
Paul VI., Enz. Humanae vitae, 14: AAS 60 (1968) 490–491;
Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 32: AAS 74 (1982) 118–120;
Katechismus der Katholischen Kirche, 2370;
Pius XI., Enz. Casti connubii: AAS 22 (1930) 559–561.

525 Vgl. Paul VI., Enz. Humanae vitae, 7: AAS 60 (1968) 485;
Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 32: AAS 74 (1982) 118–120.

526 Vgl. Paul VI., Enz. Humanae vitae, 17: AAS 60 (1968) 493–494.

527 Paul VI., Enz. Humanae vitae, 16: AAS 60 (1968) 491–492;
Johannes Paul II., Aps Schr. Familiaris consortio, 32: AAS 74 (1982) 118–120;
Katechismus der Katholischen Kirche, 2370.

184

 

thoden der Geburtenregelung zurückzugreifen bedeutet, die zwischen-

menschlichen Beziehungen zwischen Eheleuten auf gegenseitigen Respekt

und völlige Offenheit zu gründen, was sich auch auf die Verwirklichung

einer menschlicheren Gesellschaftsordnung positiv auswirkt.


234 Die Entscheidung über den Zeitraum zwischen den Geburten und über die

Zahl der zu zeugenden Kinder ist allein Sache der Eheleute. Dies ist ihr unver-

äußerliches Recht, das sie vor Gott und mit Rücksicht auf ihre Pflichten

sich selbst, den schon geborenen Kindern, der Familie und der Gesellschaft

gegenüber ausüben.528 Wenn öffentliche Autoritäten zum Zweck einer an-

gemessenen Information und der Ergreifung geeigneter Maßnahmen auf

dem demographischen Sektor in ihren Zuständigkeitsbereich eingreifen,

so müssen sie dies im Respekt vor den Personen und vor der Freiheit der

Paare tun: Auf keinen Fall dürfen sie ihnen ihre Entscheidung abnehmen,529

und ebenso wenig ist dies den verschiedenen in diesem Bereich tätigen Or-

ganisationen erlaubt.

Alle wirtschaftlichen Hilfsprogramme, die dazu bestimmt sind, Sterilisierungs-

oder Verhütungskampagnen oder die Vorbereitung solcher Kampagnen zu finanzieren,

sind Angriffe auf die Würde der Person und der Familie und als solche moralisch

verwerflich. Die Lösung der mit dem Bevölkerungswachstum verbundenen

Fragen muss vielmehr im gleichzeitigen Respekt sowohl vor der Sexual- als

auch vor der Sozialmoral erfolgen und eine größere und echte Solidarität

fördern, um, angefangen bei den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen

Verhältnissen, dem Leben überall Würde zu geben.


235 Der Wunsch, Mutter oder Vater zu werden, beinhaltet kein „Recht auf das

Kind“, wohingegen die Rechte des ungeborenen Lebens auf der Hand liegen: Ihm

müssen mit der Beständigkeit einer auf der Ehe gegründeten Familie und der auf

wechselseitiger Ergänzung beruhenden Vater-Mutter-Beziehung optimale Daseins-

bedingungen garantiert werden.530 Die rasche Entwicklung der Forschung und

ihrer technischen Anwendungsmöglichkeiten im Bereich der Reprodukti-

 

528 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes,50: AAS 58 (1966) 1070–1072;
Katechismus der Katholischen Kirche, 2368;
Paul VI., Enz. Populorum progressio, 37: AAS 59 (1967) 275–276.

529 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2372.

530 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2378.

185

 

on wirft neue und heikle Fragen auf, die die Gesellschaft und die Normen

des menschlichen Zusammenlebens angehen.

Es muss betont werden, dass alle Fortpflanzungstechnologien – die

Spende von Sperma oder Eizellen; die Leihmutterschaft; die heterologe

künstliche Befruchtung – moralisch nicht zu akzeptieren sind, die die Ver-

wendung der Gebärmutter oder der Geschlechtszellen anderer Personen als

der betreffenden Ehepartner vorsehen und damit das Recht der Kinder ver-

letzen, von Eltern geboren zu werden, die dies im biologischen und juristi-

schen Sinne sind, oder die den Akt der Vereinigung von dem der Zeugung

trennen, indem sie Labortechniken wie die homologe künstliche Besamung

oder Befruchtung anwenden, sodass das Kind eher das Resultat eines tech-

nischen Vorgangs als die natürliche Frucht des menschlichen Akts der völ-

ligen und totalen Hingabe der Eheleute zu sein scheint.531 Wenn man darauf

verzichtet, sich der verschiedenen Formen der so genannten unterstützten

Fortpflanzung, die den ehelichen Akt ersetzt, zu bedienen, bedeutet dies, die

ganzheitliche Würde der menschlichen Person – in den Eltern ebenso wie in

den Kindern, die sie zeugen wollen – zu respektieren.532 Erlaubt sind dage-

gen diejenigen Mittel, die den ehelichen Akt oder das Erreichen seiner Ziele

unterstützen.533


236 Eine Frage, die aufgrund ihrer zahlreichen und schwerwiegenden moralischen

Folgen von besonderer sozialer und kultureller Bedeutung ist, betrifft das menschliche

Klonen. Der Begriff an sich bedeutet allgemein gesprochen die Reproduktion einer

biologischen Größe, die genetisch mit der Ursprungsgröße identisch ist. Im heutigen

Sprachgebrauch und in der experimentellen Praxis bezeichnet er jedoch

Vorgehensweisen, die sich in der Art ihrer technischen Durchführung und

der damit verfolgten Ziele unterscheiden. Er kann die einfache Replikation

von Zellen oder DNA-Teilen im Labor bezeichnen, doch versteht man unter

Klonen heute insbesondere die durch nicht natürliche Befruchtungsmetho-

den herbeigeführte Reproduktion von Einzellebewesen im embryonalen

 

531 Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Instr. Donum vitae, II, 2.3.5: AAS 80 (1988) 88–89. 92–94;
Katechismus der Katholischen Kirche, 2376–2377.

532 Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Instr. Donum vitae, II, 7: AAS 80 (1988) 95–96.

533 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2375.

186

 

Stadium, die mit dem Individuum, von dem sie abstammen, genetisch iden-

tisch sind. Diese Art des Klonens kann zur Reproduktion von menschlichen

Embryonen oder zu so genannten therapeutischen Zwecken eingesetzt wer-

den, wenn die genannten Embryonen in der wissenschaftlichen Forschung

oder, genauer, für die Gewinnung von Stammzellen benutzt werden sollen.

Vom ethischen Standpunkt aus betrachtet wirft die einfache Replikati-

on normaler Zellen oder DNA-Teile keine besonderen ethischen Probleme

auf. Ganz anders lautet dagegen das Urteil des Lehramts über das Klonen

im eigentlichen Sinne. Es steht im Widerspruch zur Würde der mensch-

lichen Fortpflanzung, weil es sich als agame und asexuelle Form der Repro-

duktion völlig außerhalb des Aktes der personalen Liebe zwischen den Ehe-

leuten vollzieht.534 Z weitens stellt es eine Form der totalen Herrschaft des

Reproduzierenden über das reproduzierte Individuum dar.535 Die Tatsache,

dass das Klonen durchgeführt wird, um Embryonen zu reproduzieren, aus

denen Zellen zu therapeutischen Zwecken gewonnen werden sollen, kann

die moralische Schwere nicht mindern, auch deshalb, weil für die Gewin-

nung solcher Zellen der Embryo zunächst produziert und dann vernichtet

werden muss.536


237 Als Diener des Lebens dürfen die Eltern nie vergessen, dass die spirituelle Di-

mension der Fortpflanzung größere Berücksichtigung verdient als jeder andere Aspekt:

„Die Elternschaft stellt eine Aufgabe nicht nur physischer, sondern geist-

licher Natur dar; denn über sie verläuft die Genealogie der Person, die ihren

ewigen Anfang in Gott hat und zu Ihm hinführen soll“.537 Indem sie das

menschliche Leben als Einheit aus seiner leiblichen und seiner geistigen Di-

 

534 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Päpstliche Akademie für das
Leben (21. Februar 2004), 2: AAS 96 (2004) 418.

535 Vgl. Päpstliche Akademie für das Leben, Reflexionen über Klonierung: L’Osservatore
Romano, 5. September 1997, S. 9–11; Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und
Frieden, L’Eglise face au racisme. Contribution du Saint-Siège
à la Conférence mondiale contre le Racisme, la Discrimination raciale,
la Xénophobie et l’Intolérance qui y est associée (29. August 2001),
21, Tipografia Vaticana, Vatikanstadt 2001, S. 23.

536 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache auf dem 18. Internationalen Kongress der Transplan-
tationsgesellschaft (29. August 2000), 8: AAS 92 (2000) 826.

537 Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 10: AAS 86 (1994) 881.

187

 

mension annehmen, tragen die Familien zur „Gemeinschaft der Generatio-

nen“ und damit wesentlich und unabdingbar zur Entwicklung der Gesell-

schaft bei. Aus diesem Grund hat die Familie „ein Recht auf Unterstützung

durch die Gesellschaft bei der Geburt und Erziehung von Kindern. Jene

Ehepaare, die eine große Familie haben, haben ein Recht auf angemessene

Hilfe und sollten keiner Diskrimination ausgesetzt werden“.538

c) Die Aufgabe der Erziehung


238 In der Erziehung formt die Familie den Menschen und führt ihn in all seinen

Dimensionen, einschließlich der sozialen, zur Fülle seiner Würde. Denn die Familie

bildet „eine Gemeinschaft der Liebe und der Solidarität (…), die in einzig-

artiger Weise geeignet ist, kulturelle, ethische, soziale, geistige und religiöse

Werte zu lehren und zu übermitteln, wie sie wesentlich sind für die Ent-

wicklung und das Wohlergehen ihrer eigenen Mitglieder und der ganzen

Gesellschaft“.539 Indem sie ihren Erziehungsauftrag erfüllt, trägt die Familie

zum Gemeinwohl bei und bildet die erste Schule der sozialen Tugenden,

auf die alle Gesellschaften angewiesen sind.540 Die Familie hilft den Per-

sonen, in der Freiheit und in der Verantwortung zu wachsen, was für die

Übernahme aller Arten von Aufgaben in der Gesellschaft die unverzicht-

bare Voraussetzung ist. In der Erziehung werden ihnen überdies Werte zur

Aneignung vermittelt, die für jeden freien, ehrbaren und verantwortungs-

bewussten Bürger grundlegend sind.541

 

538 Der Heilige Stuhl, Charta der Familienrechte (22. Oktober 1983), Art. 3, c, Der
Apostolische Stuhl 1983, 1601; in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es:
„Die Familie ist die natürliche und grundlegende Einheit der Gesellschaft und hat An-
spruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat“ (Art. 16.3);
Allgemeine Erklärung derMenschenrechte, Frankfurt 1990, S. 42.

539 Der Heilige Stuhl, Charta der Familienrechte (22. Oktober 1983), Präambel, E, Der
Apostolische Stuhl 1983, 1598.

540 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erkl. Gravissimum educationis, 3: AAS 58 (1966) 731–732;
Id., Pastoralkonst. Gaudium et spes, 52: AAS 58 (1966) 1073–1074;
Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 37: AAS 74 (1982) 127–129;
Katechismus der Katholischen Kirche, 1653. 2228.

541 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 43: AAS 74 (1982) 134–135.

188

 


239 Die Familie spielt für die Erziehung der Kinder eine ursprüngliche und uner-

setzliche Rolle.542 Die Liebe der Eltern, die sich in den Dienst ihrer Kinder

stellen, weil sie ihnen dabei helfen wollen, das Beste aus sich zu machen,

findet gerade in der erzieherischen Aufgabe ihre volle Verwirklichung: „Die

Liebe der Eltern bleibt nicht nur Quelle, sie wird die Seele und somit die

Norm, die das gesamte konkrete erzieherische Wirken prägt und leitet und

mit jenen Werten wie Verständnis, Beständigkeit, Güte, Dienen, Selbst-

losigkeit und Opferbereitschaft bereichert, die die kostbarsten Früchte der

Liebe sind“.543

Das Recht und die Pflicht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen, „sind als

wesentlich zu bezeichnen, da sie mit der Weitergabe des menschlichen Le-

bens verbunden sind; als unabgeleitet und ursprünglich, verglichen mit der Er-

ziehungsaufgabe anderer, aufgrund der Einzigartigkeit der Beziehung, die

zwischen Eltern und Kindern besteht; als unersetzlich und unveräußerlich, wes-

halb sie anderen nicht völlig übertragen noch von anderen in Beschlag ge-

nommen werden können“.544 Die Eltern haben das Recht und die Pflicht,

ihren Kindern eine religiöse Erziehung und eine moralische Bildung zuteil

werden zu lassen:545 ein Recht, das ihnen der Staat nicht nehmen kann,

sondern respektieren und stärken muss; eine vorrangige Pflicht, die die Fa-

milie nicht vernachlässigen oder an andere abtreten darf.


240 Die Eltern sind die ersten, aber nicht die einzigen Erzieher ihrer Kinder.
Es ist

daher an ihnen, ihre erzieherische Aufgabe verantwortungsbewusst und in enger und

wachsamer Zusammenarbeit mit den zivilen und kirchlichen Organisationen wahr-

zunehmen: „Die soziale Dimension des Menschen, zivil und kirchlich gese-

hen, verlangt und bedingt von sich aus ein umfassenderes, gegliedertes

 

542 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erkl. Gravissimum educationis, 3: AAS 58 (1966) 731–732;
Id., Pastoralkonst. Gaudium et spes, 61: AAS 58 (1966) 1081–1082;
Der Heilige Stuhl, Charta der Familienrechte (22. Oktober 1983), Art. 5, Der Apostolische Stuhl 1983,1602;
Katechismus der Katholischen Kirche, 2223. Der Kodex des Kanonischen Rechts widmet
diesem Recht und dieser Pflicht der Eltern die Kanones 793–799 und den Kanon 1136.

543 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 36: AAS 74 (1982) 127.

544 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 36: AAS 74 (1982) 126;
vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2221.

545 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erkl. Dignitatis humanae, 5: AAS 58 (1966) 933;
Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1994, 5: AAS 86 (1994) 159–160.

189

 

Werk als Ergebnis der geordneten Zusammenarbeit verschiedener Erzie-

hungsinstanzen. Diese Instanzen sind alle notwendig, wenn auch jede ein-

zelne nach der jeweiligen Kompetenz ihren speziellen Beitrag leisten kann

und muss“.546 Die Eltern haben das Recht, diejenigen Bildungsinstrumente

auszuwählen, die ihren eigenen Überzeugungen entsprechen, und die Mit-

tel zu suchen, die ihnen bei ihrer Aufgabe als Erzieher auch im spirituellen

und religiösen Bereich helfen. Die öffentlichen Autoritäten haben die

Pflicht, dieses Recht zu garantieren und die konkreten Bedingungen zu

schaffen, die seine Ausübung ermöglichen.547 In diesem Zusammenhang

ist vor allem auch das Thema der Zusammenarbeit zwischen den Familien

und den schulischen Einrichtungen zu erwähnen.


241 Die Eltern haben das Recht, Erziehungseinrichtungen zu gründen und zu un-

terstützen. Die öffentlichen Autoritäten müssen dafür sorgen, dass „die staat-

lichen Unterstützungen so zugeteilt werden, dass die Eltern dieses Recht

wirklich frei ausüben können, ohne ungerechtfertigte Lasten tragen zu

müssen. Es dürfte nicht sein, dass Eltern direkt oder indirekt Sonderlasten

tragen müssen, die die Ausübung dieser Freiheit unmöglich machen oder

in ungerechter Weise einschränken würden“.548 Es ist als Unrecht anzuse-

hen, wenn nichtstaatlichen Schulen, die der Zivilgesellschaft einen Dienst

leisten, die öffentliche wirtschaftliche Unterstützung verweigert wird, auf

die sie angewiesen sind: „Wenn der Staat das Erziehungsmonopol bean-

sprucht, so überschreitet er seine Rechte und verletzt die Gerechtigkeit.

(…) Der Staat kann sich nicht ohne Ungerechtigkeit damit begnügen, die

so genannten Privatschulen nur zu tolerieren. Diese leisten einen öffent-

lichen Dienst und haben folglich das Recht, auch finanziell unterstützt zu

werden“.549

 

546 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 40: AAS 74 (1982) 131.

547 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erkl. Gravissimum educationis, 6: AAS 58 (1966) 733–734;
Katechismus der Katholischen Kirche, 2229.

548 Der Heilige Stuhl, Charta der Familienrechte (22. Oktober 1983), Art. 5, b, Der
Apostolische Stuhl 1983, 1602;
vgl. auch II. Vatikanisches Konzil, Erkl. Dignitatis humanae, 5: AAS 58 (1966) 933.

549 Kongregation für die Glaubenslehre, Instr. Libertatis conscientia, 94: AAS 79 (1987) 595–596.

190

 


242 Es liegt in der Verantwortung der Familie, eine umfassende Erziehung anzu-

bieten. Jede echte Erziehung muss „die Bildung der menschlichen Person in

Hinordnung auf ihr letztes Ziel, zugleich aber auch auf das Wohl der Ge-

meinschaften, deren Glied der Mensch ist und an deren Aufgaben er als

Erwachsener einmal Anteil erhalten soll“ anstreben.550 Eine umfassende Er-

ziehung ist dann gewährleistet, wenn die Kinder – durch das lebendige Bei-

spiel und durch das Wort – zum Dialog, zur Begegnung, zur Gesellschaft-

lichkeit, zur Gesetzestreue, zur Solidarität und zum Frieden hingeführt

werden, indem sie lernen, die grundlegenden Tugenden der Gerechtigkeit

und der Liebe zu üben.551

Bei der Erziehung der Kinder sind Vater- und Mutterrolle gleichermaßen wich-

tig.552 Die Eltern müssen folglich zusammenarbeiten. Sie sollen ihre Auto-

rität respektvoll und feinfühlig, aber auch mit Festigkeit und Stärke aus-

üben: Sie muss glaubwürdig, konsequent, klug und immer auf das Gesamt-

wohl der Kinder ausgerichtet sein.


243 Die Eltern tragen ferner eine besondere Verantwortung im Bereich der Sexual-

erziehung. Für eine ausgewogene Entwicklung ist es von grundlegender

Wichtigkeit, dass die Kinder nach und nach in geordneter Weise die Bedeu-

tung der Sexualität kennen und die mit ihr verbundenen menschlichen und

moralischen Werte schätzen lernen: „Aufgrund der engen Verbindungen

zwischen der geschlechtlichen Dimension der Person und ihren ethischen

Werten muss die Erziehung die Kinder dazu führen, die sittlichen Normen

als notwendige und wertvolle Garantie für ein verantwortliches persönli-

ches Wachsen in der menschlichen Geschlechtlichkeit zu erkennen und zu

schätzen“.553 Die Eltern sollten die Methoden der Sexualerziehung in den

Erziehungseinrichtungen überprüfen, um zu kontrollieren, ob ein so wich-

tiges und heikles Thema in angemessener Weise behandelt wird.

 

550 II. Vatikanisches Konzil, Erkl. Gravissimum educationis, 1: AAS 58 (1966) 729.

551 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 43: AAS 74 (1982) 134–135.

552 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes,52: AAS 58 (1966) 1073–1074.

553 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 37: AAS 74 (1982) 128;
vgl. Päpstlicher Rat für die Familie, Menschliche Sexualität: Wahrheit und Bedeutung. Orientie-
rungshilfen für die Erziehung in der Familie (8. Dezember 1995), Sekretariat der Deutschen
Bischofskonferenz, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 127.

191

 

d) Würde und Rechte der Kinder


244 Die kirchliche Soziallehre weist immer wieder auf die Notwendigkeit hin, die

Würde der Kinder zu achten: „In der Familie als einer Gemeinschaft von Per-

sonen muss dem Kind ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden,

in tiefem Gespür für seine personale Würde, in großer Achtung und selbst-

losem Dienst für seine Rechte. Das gilt für jedes Kind, gewinnt aber eine

besondere Dringlichkeit, wenn das Kind noch klein und hilflos ist, krank,

leidend oder behindert“.554

Die Rechte der Kinder müssen von der Rechtsordnung geschützt werden. Es ist

vor allen Dingen unerlässlich, dass der gesellschaftliche Wert der Kindheit

in allen Ländern öffentlich anerkannt wird: „Kein Land der Welt, kein poli-

tisches System kann anders an seine eigene Zukunft denken als nur mit

dem Blick auf diese neuen Generationen, die von ihren Eltern das vielfältige

Erbe an Werten, Verpflichtungen und Hoffnungen der Nation, zu der sie

gehören, zusammen mit dem Erbe der gesamten Menschheitsfamilie über-

nehmen“.555 Das erste Recht des Kindes ist das Recht darauf, „in einer wah-

ren Familie geboren zu werden“,556 ein Recht, dessen Beachtung immer

problematisch gewesen ist und dessen Verletzungen heute infolge der Ent-

wicklung der Gentechnologien neue Formen annehmen.


245 Die Situation eines großen Teils der Kinder auf der Welt ist alles andere als

zufrieden stellend, weil es an Voraussetzungen fehlt, die ihre umfassende Entwicklung

begünstigen, obwohl mittlerweile ein eigenes internationales Rechtsinstrument zum

Schutz der Rechte des Kindes existiert,557 das für fast alle Mitglieder der interna-

tionalen Gemeinschaft verbindlich ist. Es geht um Bedingungen im Zusam-

menhang mit der Tatsache, dass es an medizinischer Versorgung, angemes-

 

554 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 26: AAS 74 (1982) 111–112.

555 Johannes Paul II., Ansprache an die Vollversammlung der Vereinten Nationen (2. Oktober 1979),
21: AAS 71 (1979) 1159;
vgl. auch Id., Botschaft an den UN-Generalsekretär Javier Pérez de Cuellar anlässlich des
Welt-Gipfeltreffens zum Schutz der Kinder (22. September 1990): AAS 83 (1991) 358–361.

556 Johannes Paul II., Ansprache vor dem Komitee der europäischen Journalisten für die<
Rechte des Kindes (13. Januar 1979): AAS 71 (1979) 360.

557 Vgl. die 1990 in Kraft getretene und auch vom Heiligen Stuhl mit unterzeichnete
Konvention über die Rechte des Kindes.

192

 

sener Ernährung, einem Mindestangebot an schulischer Bildung und an

einem Zuhause fehlt. Zudem sind einige äußerst schwerwiegende Probleme

nach wie vor ungelöst: Kinderhandel, Kinderarbeit, das Phänomen der

„Straßenkinder“, der Einsatz von Kindern in bewaffneten Konflikten, die

Verheiratung von Kindern, der Missbrauch von Kindern für den auch mit

den modernsten sozialen Kommunikationsmitteln betriebenen Handel mit

pornographischem Material. Es ist unerlässlich, auf nationaler wie interna-

tionaler Ebene gegen die Verletzung der Würde von Jungen und Mädchen

zu kämpfen, die durch sexuelle Ausbeutung, durch Personen mit pädophi-

len Neigungen und durch alle Arten von Gewalt verursacht werden, die

diese schutzbedürftigsten menschlichen Personen erleiden.558 Es handelt

sich um Straftaten, die wirkungsvoll und mit geeigneten vorbeugenden so-

wie strafrechtlichen Maßnahmen durch ein entschlossenes Handeln der

verschiedenen Autoritäten bekämpft werden müssen.

 

IV. DIE FAMILIE ALS GESTALTENDE KRAFT DES GESELLSCHAFTLICHEN LEBENS

 

a) Familiäre Solidarität


246 Der soziale Subjektcharakter sowohl der einzelnen als auch der miteinander

verbundenen Familien drückt sich außerdem in Bekundungen der Solidarität und des

Miteinanders nicht nur unter den Familien selbst, sondern auch auf den unterschied-

lichen Wegen der Beteiligung am gesellschaftlichen und politischen Leben aus. Es

handelt sich hierbei um die Konsequenz aus der auf Liebe gegründeten fa-

miliären Wirklichkeit: Die Solidarität geht aus der Liebe hervor und wächst

in der Liebe, und deshalb gehört sie wesentlich und strukturell zur Familie

dazu.

Diese Solidarität kann sich im Dienst und in Zuwendung denjenigen

gegenüber äußern, die in Armut und Bedürftigkeit leben, Waisen, Behin-

derte, Kranke, Alte, Menschen, die kämpfen, zweifeln, einsam oder verlas-

sen sind; es ist eine Solidarität, die sich der Aufnahme, Pflegschaft oder

 

558 Vgl. Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1996,2–6:AAS 88 (1996) 104–107.

193

 

Adoption öffnet; die sich bei den Institutionen zum Sprachrohr jeglichen

Missstands macht, damit diese ihrer jeweiligen Zielsetzung entsprechend

eingreifen.


247 Weit davon entfernt, nur Objekt des politischen Handelns zu sein, können und

müssen die Familien zum Subjekt dieser Tätigkeit werden, indem sie sich dafür

einsetzen, dass „die Gesetze und Einrichtungen des Staates die Rechte und

Pflichten der Familie nicht nur nicht beeinträchtigen, sondern positiv stüt-

zen und verteidigen. In diesem Sinne sollen die Familien sich dessen immer

mehr bewusst werden, dass in erster Linie sie selbst im Bereich der so

genannten »Familienpolitik« die Initiative ergreifen müssen; sie sollen die

Verantwortung für die Veränderung der Gesellschaft übernehmen“.559 Zu

diesem Zweck müssen die Familien darin bestärkt werden, sich zusam-

menzuschließen: „Familien haben das Recht, Vereinigungen mit anderen

Familien und Institutionen zu bilden, um die Aufgaben der Familie in ge-

eigneter und wirksamer Weise zu erfüllen sowie ihre Rechte zu schützen,

ihr Wohlergehen zu fördern und ihre Interessen zu vertreten. Auf wirt-

schaftlichem, sozialem, juristischem und kulturellem Gebiet muss die

rechtmäßige Rolle der Familien und Familienverbände für die Planung

und Entwicklung von Programmen, die das Familienleben berühren, aner-

kannt werden“.560

b) Familie, Wirtschaftsleben und Arbeit


248 Von besonderer Bedeutung ist die Beziehung zwischen der Familie und dem

Wirtschaftsleben. Einerseits nämlich ist die „Öko-nomie“ aus der häuslichen

Arbeit hervorgegangen: Das Haus ist lange Zeit Grundlage der Produktion

und Zentrum des Lebens gewesen und ist es vielerorts noch heute. Ande-

rerseits entfaltet sich die Dynamik des wirtschaftlichen Lebens durch die

Initiative der Personen und setzt sich in konzentrischen Kreisen und in im-

 

559 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 44: AAS 74 (1982) 136;
vgl. Der Heilige Stuhl, Charta der Familienrechte (22. Oktober 1983), Art. 9, Der Apostolische
Stuhl 1983, 1604–1605.

560 Der Heilige Stuhl, Charta der Familienrechte (22. Oktober 1983), Art. 8, a-b, Der
Apostolische Stuhl 1983, 1604.

194

 

mer größeren Netzen der Produktion und des Austauschs von Gütern und

Dienstleistungen fort, die in zunehmendem Maße auch die Familie betref-

fen. Die Familie kann also mit gutem Recht als eine gestaltende Kraft des

gesellschaftlichen Lebens betrachtet werden, die nicht von der Logik des

Markts, sondern von der Logik des Teilens und der Solidarität zwischen

den Generationen gelenkt wird.


249 Ein ganz besonderes Verhältnis besteht zwischen der Familie und der Arbeit:

„Die Familie [bildet] einen der wichtigsten Bezugspunkte für den rechten

Aufbau einer sozial-ethischen Ordnung der menschlichen Arbeit“.561 Die-

ses Verhältnis wurzelt in der Beziehung zwischen der Person und ihrem

Recht, die Frucht ihrer eigenen Arbeit zu besitzen, und sie betrifft den Ein-

zelnen nicht nur als Individuum, sondern auch als Mitglied einer als „häus-

liche Gemeinschaft“562 verstandenen Familie.

Die Arbeit ist wesentlich, weil sie die Voraussetzung für die Gründung einer Fa-

milie ist, deren Lebensunterhalt durch die Arbeit erworben wird. Die Arbeit prägt

auch den Entwicklungsprozess der Personen, denn eine Familie, die von

Arbeitslosigkeit betroffen ist, läuft Gefahr, ihre Bestimmung nicht voll

und ganz zu verwirklichen.563

Der Beitrag, den die Familie zur Arbeitswirklichkeit leisten kann, ist kostbar und

in vielerlei Hinsicht unersetzlich. Es handelt sich um einen Beitrag, der sich

sowohl in wirtschaftlichen Begriffen als auch in dem großen Vorrat an So-

lidarität fassen lässt, über den die Familie verfügt und der eine wichtige

Unterstützung für diejenigen ihrer Mitglieder darstellen, die keine Arbeit

haben oder nach einer Beschäftigung suchen. Grundsätzlich wird dieser

Beitrag vor allem durch eine Erziehung geleistet, die den Wert der Arbeit

deutlich macht und angesichts beruflicher Entscheidungen Orientierung

und Hilfe bietet.


250 Um dieses Verhältnis zwischen Familie und Arbeit zu bewahren, muss der

Familienlohn, das heißt ein Lohn, der ausreicht, um der Familie ein menschenwürdi-

ges Dasein zu ermöglichen, berücksichtigt und geschützt werden.564 Dieser Lohn

 

561 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 10: AAS 73 (1981) 601.

562 Leo XIII., Enz. Rerum novarum: Acta Leonis XIII, 11 (1892) 104.

563 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 10: AAS 73 (1981) 600–602.

564 Vgl. Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 200;
II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 67: AAS 58 (1966) 1088–1089;
Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 19: AAS 73 (1981) 625–629.

195

 

muss die Bildung von Ersparnissen ermöglichen, die den Erwerb von Ei-

gentum erlauben und damit Freiheit garantieren: Das Recht auf Eigentum

ist eng mit der Existenz der Familien verbunden, die sich auch dank ihrer

Ersparnisse und der Bildung von Familieneigentum vor der Bedürftigkeit

schützen können.565 Es gibt vielfältige Möglichkeiten, den Familienlohn

konkret werden zu lassen. Zu seinem Zustandekommen tragen einige

wichtige gesellschaftliche Maßnahmen bei wie etwa das Kindergeld und

andere Leistungen für Personen, die eine Familie zu ernähren haben, oder

auch die Vergütung der von Vater oder Mutter geleisteten häuslichen Ar-

beit.566


251 Im Verhältnis von Familie und Arbeit verdient die Arbeit der Frau in der Fa-

milie, die so genannte Pflegearbeit, die auch einen Appell an die Verantwor-

tung des Mannes als Ehepartner und Vater darstellt, besondere Aufmerk-

samkeit. Die Pflegearbeit, angefangen bei der mütterlichen Pflege, stellt,

gerade weil sie dem Dienst an der Lebensqualität gewidmet und auf diesen

ausgerichtet ist, eine Tätigkeit dar, die in herausragender Weise persönlich

und persönlichkeitsbildend ist. Sie muss sozial entsprechend anerkannt

und aufgewertet werden,567 womöglich durch eine wirtschaftliche Ver-

gütung ähnlich derjenigen, die auch für andere Arbeiten geleistet wird.568

Gleichzeitig muss alles beseitigt werden, was die Eheleute daran hindert,

ihre Verantwortung für die Fortpflanzung in Freiheit wahrzunehmen,

 

565 Vgl. Leo XIII., Enz. Rerum novarum: Acta Leonis XIII, 11 (1892) 105; Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 193–194.

566 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 19: AAS 73 (1981) 625–629;
Der Heilige Stuhl, Charta der Familienrechte (22. Oktober 1983), Art. 10, a, Der Apostolische Stuhl 1983, 1605.

567 Vgl. Pius XII., Ansprache an die Frauen über die Würde und Sendung der
Frau (21. Oktober 1945): AAS 37 (1945) 284–295;
Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 19: AAS73 (1981) 625–629;
Id., Ap. Schr. Familiaris consortio, 23: AAS 74 (1982) 107–109;
Der Heilige Stuhl, Charta der Familienrechte (22. Oktober 1983), Art. 10, b, Der
Apostolische Stuhl 1983, 1605.

568 Vgl. Johannes Paul II., Brief an die Familien Gratissimam sane, 17: AAS 86 (1994) 903–906.

196

 

und insbesondere alles, was die Frau davon abhält, ihr Muttersein voll und

ganz zu entfalten.569

 

V. DIE GESELLSCHAFT IM DIENST DER FAMILIE

 

252 Der Ausgangspunkt für ein richtiges und konstruktives Verhältnis zwischen

Familie und Gesellschaft ist die Anerkennung des Subjektcharakters und der sozialen

Vorrangstellung der Familie. Ihre innere Zuordnung macht es erforderlich,

„dass die Gesellschaft stets ihrem grundlegenden Auftrag nachkommt,

ihrerseits die Familie zu achten und zu fördern“.570 Die Gesellschaft und

insbesondere die staatlichen Einrichtungen – die den Vorrang und die „Ur-

sprünglichkeit“ der Familie zu respektieren haben – sind dazu aufgerufen,

die ureigene Identität des Familienlebens zu gewährleisten und zu begüns-

tigen und alles das zu unterbinden und zu bekämpfen, was diese verzerrt

und verletzt. Das setzt voraus, dass das politische und gesetzgeberische

Handeln die Werte der Familie bewahrt: angefangen bei der Stärkung des

vertrauten Zusammenlebens innerhalb der Familie bis hin zum Respekt

vor dem ungeborenen Leben und zur wirklichen Wahlfreiheit hinsichtlich

der Erziehung der Kinder. Die Gesellschaft und der Staat dürfen daher die

soziale Dimension der Familie selbst weder aufsaugen noch ersetzen noch

schmälern; vielmehr müssen sie sie gemäß dem Subsidiaritätsprinzip ehren,

anerkennen, respektieren und stärken.571


253 Der Dienst der Gesellschaft an der Familie konkretisiert sich in der Anerken-

nung, Achtung und Stärkung der Rechte der Familie.572 All das erfordert die Umset-

zung einer echten und wirkungsvollen Familienpolitik mit präzisen Maßnahmen,

die geeignet sind, den aus den Rechten der Familie als solcher abgeleiteten

Forderungen zu begegnen. In diesem Zusammenhang muss als wesentliche

und unverzichtbare Vorbedingung die Identität der Familie als einer auf der

 

569 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 19: AAS 73 (1981) 625–629; Id., Ap.
Schr. Familiaris consortio, 23: AAS 74 (1982) 107–109.

570 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 45: AAS 74 (1982) 136.

571 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2211.

572 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 46: AAS 74 (1982) 137–139.

197

 

Ehe gegründeten natürlichen Gemeinschaft anerkannt – das heißt geschützt, an-

gemessen bewertet und gestärkt – werden. Diese Anerkennung zieht eine

klare Demarkationslinie zwischen der Familie im eigentlichen Sinne und

den anderen Formen des Zusammenlebens, die – aufgrund ihrer Natur –

weder den Namen noch den Status der Familie für sich in Anspruch neh-

men können.


254 Wenn die zivilen Einrichtungen und der Staat den Vorrang der Familie vor

jeder anderen Gemeinschaft und vor der Realität des Staates selbst anerkennen, hat

dies die Überwindung rein individualistischer Betrachtungsweisen sowie die Akzep-

tanz der familiären Dimension als einer im Hinblick auf die Person unverzichtbaren

kulturellen und politischen Perspektive zur Folge. Dies ist nicht als eine Alternati-

ve, sondern als Unterstützung und Schutz der Rechte zu verstehen, die die

Personen als einzelne besitzen. Diese Sichtweise ermöglicht die Ausarbei-

tung normativer Kriterien für eine angemessene Lösung der verschiedenen

gesellschaftlichen Probleme, da die Personen nicht nur einzeln betrachtet

werden dürfen, sondern auch in ihrer Beziehung zu den Kernfamilien zu

sehen sind, denen sie angehören und deren besondere Werte und Ansprü-

che berücksichtigt werden müssen.

 

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