Sechstes Kapitel

SECHSTES KAPITEL

DIE MENSCHLICHE ARBEIT

 

I. BIBLISCHE ASPEKTE

 

a) Die Aufgabe, die Erde zu bebauen und zu hüten


255 Das Alte Testament verweist auf Gott als den allmächtigen Schöpfer (vgl. Gen

2, 2; Ijob 38–41; Ps 104; Ps 147), der den Menschen nach seinem Bild formt, ihn

auffordert, den Boden zu bearbeiten (vgl. Gen 2,5–6) und den Garten Eden, in den

er ihn gestellt hat, zu hüten (vgl. Gen 2, 15). Dem ersten Menschenpaar vertraut

Gott die Aufgabe an, sich die Erde zu unterwerfen und über alle Lebewesen

zu herrschen (vgl. Gen 1, 28). Die Herrschaft des Menschen über die anderen

Lebewesen darf jedoch nicht despotisch oder gegen die Vernunft sein; er

muss im Gegenteil die von Gott geschaffenen Güter bebauen und hüten

(vgl. Gen 2, 15): Güter, die der Mensch nicht geschaffen, sondern als kost-

bares Geschenk erhalten hat, das der Schöpfer in seine Verantwortung legt.

Die Erde bebauen heißt nicht, sie sich selbst zu überlassen; sie zu beherr-

schen heißt, für sie zu sorgen, so wie ein weiser König für sein Volk oder ein

Hirt für seine Herde sorgt.

Im Plan des Schöpfers sind die geschaffenen Dinge, die in sich gut sind, für den

Menschen da. Das Staunen über das Geheimnis der Größe des Menschen

lässt den Psalmisten ausrufen: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst,

des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig

geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Du

hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm

alles zu Füßen gelegt“ (Ps 8, 5–7).


256 Die Arbeit gehört schon vor dem Sündenfall zur ursprünglichen Situation des

Menschen; deshalb ist sie weder Strafe noch Fluch. Sie wird Mühe und Last auf-

grund der Sünde Adams und Evas, die ihre vertrauensvolle und harmo-

nische Beziehung zu Gott abbrechen (vgl. Gen 3, 6–8). Das Verbot, „vom

Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ (Gen 2, 17) zu essen, erinnert den

Menschen daran, dass er alles zum Geschenk erhalten hat und auch wei-

 

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terhin ein Geschöpf und nicht der Schöpfer ist. Genau diese Versuchung

war es, die Adam und Eva sündigen ließ: „Ihr werdet wie Gott“ (Gen 3, 5).

Sie wollten die absolute Herrschaft über alles, ohne sich dem Willen des

Schöpfers zu unterwerfen. Seither ist der Boden karg, undankbar, von einer

unterschwelligen Feindseligkeit (vgl. Gen 4, 12); nur im Schweiße seines An-

gesichts wird man seine Nahrung aus ihm gewinnen können (vgl. Gen

3, 17.19). Trotz der Sünde der Stammeltern bleibt jedoch der Plan des Schöp-

fers, der Daseinszweck seiner Geschöpfe und des Menschen unverändert:

Er ist dazu berufen, das Geschaffene zu bebauen und zu hüten.


257 Die Arbeit muss geehrt werden, denn sie ist eine Quelle des Reichtums oder

zumindest angemessener Lebensbedingungen und, allgemein gesprochen, ein wir-

kungsvolles Mittel gegen die Armut (vgl. Spr 10, 4). Dennoch darf man der Ver-

suchung, sie zum Götzen zu machen, nicht nachgeben, denn den letzten und endgül-

tigen Sinn des Lebens wird man in ihr nicht finden. Die Arbeit ist von wesentlicher

Bedeutung, doch Gott, nicht die Arbeit, ist die Quelle des Lebens und das Ziel des

Menschen. Das grundlegende Prinzip der Weisheit ist die Furcht des Herrn;

die Forderung der Gerechtigkeit, die sich daraus ergibt, steht über der des

Gewinns: „Besser wenig in Gottesfurcht als reiche Schätze und keine Ruhe“

(Spr 15, 16); „Besser wenig und gerecht als viel Besitz und Unrecht“ (Spr

16, 8).


258 Gipfel der biblischen Lehre über die Arbeit ist das Gebot der Sabbatruhe.
Dem

Menschen, der an die Notwendigkeit der Arbeit gebunden ist, eröffnet die

Ruhe die Möglichkeit einer umfassenderen Freiheit: der des ewigen Sabbats

(vgl. Hebr 4, 9–10). Die Ruhe erlaubt es den Menschen, der Werke Gottes

von der Schöpfung bis zur Erlösung zu gedenken und sie neu zu erfahren,

sich selbst als sein Werk zu erkennen (vgl. Eph 2, 10) und ihm, dem Urheber

all dessen, für das eigene Leben und den eigenen Unterhalt zu danken.

Das Gedenken und die Erfahrung des Sabbats bilden ein Bollwerk ge-

gen eine freiwillige oder erzwungene Versklavung durch die Arbeit und

gegen jegliche Form der heimlichen oder offenen Ausbeutung. Die Sabbat-

ruhe ist nämlich nicht nur eingerichtet worden, um die Teilnahme am Got-

tesdienst zu ermöglichen, sondern auch zum Schutz der Armen; ihre Funk-

tion besteht auch in der Befreiung von den antisozialen Entartungen der

Arbeit. Denn diese Ruhezeit, die auch ein ganzes Jahr dauern kann, sieht

 

200

 

außerdem eine Enteignung von den Früchten der Erde zugunsten der Ar-

men und die Aussetzung der Eigentumsrechte der Grundbesitzer vor:

„Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; im

siebten sollst du es brachliegen lassen und nicht bestellen. Die Armen in

deinem Volk sollen davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fres-

sen. Das gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen tun“

(Ex 23, 10–11). Dieser Brauch entspricht einer tiefen Ahnung: Die Anhäu-

fung von Gütern durch die einen kann dazu führen, dass diese Güter ande-

ren vorenthalten werden.

 

b) Jesus als Mann der Arbeit


259 Jesus lehrt in seiner Verkündigung, die Arbeit zu schätzen.
Er selbst, der uns

„in allem gleich geworden ist, [hat] den größten Teil seiner irdischen Le-

bensjahre der körperlichen Arbeit in der Werkstatt eines Zimmermanns ge-

widmet“ 573 – der Werkstatt Josefs (vgl. Mt 13, 55; Mk 6, 3), dem er gehorsam

war (vgl. Lk 2,51). Jesus verurteilt das Verhalten des faulen Dieners, der sein

Talent in der Erde vergräbt (vgl. Mt 25, 14–30), und lobt den tüchtigen und

treuen Diener, der, wie sein Herr feststellen darf, bemüht ist, den ihm anver-

trauten Auftrag zu erfüllen (vgl. Mt 24, 46). Seine eigene Sendung beschreibt er

als eine Werktätigkeit: „Mein Vater ist noch immer am Werk, und auch ich bin

am Werk“(Joh 5, 17), und seine Jünger als Arbeiter in der Ernte des Herrn,der

Menschheit, der das Evangelium verkündet werden soll (vgl. Mt 9, 37–38).

Für diese Arbeiter gilt der allgemeine Grundsatz: „Wer arbeitet, hat ein

Recht auf seinen Lohn“ (Lk 10, 7); sie sind dazu befugt, in den Häusern, in

denen man sie aufnimmt, zu verweilen und zu essen und zu trinken, was

ihnen angeboten wird (vgl. ibidem).


260 Jesus lehrt die Menschen in seiner Verkündigung, sich nicht von der Arbeit

versklaven zu lassen. Sie müssen sich vor allem anderen um ihre Seele kümmern; das

Ziel ihres Lebens besteht nicht darin, die ganze Welt zu gewinnen (vgl. Mk 8, 36).

Die Schätze der Erde vergehen, während die Schätze des Himmels unver-

gänglich sind: An diese soll man sein Herz hängen (vgl. Mt 6, 19–21). Die

 

573 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 6: AAS 73 (1981) 591.

201

 

Arbeit darf nicht zur Sorge werden (vgl. Mt 6, 25.31.34): Der viel beschäftig-

te und umtriebige Mensch läuft Gefahr, das Reich Gottes und seine Gerech-

tigkeit und damit das, was er eigentlich braucht, zu vernachlässigen (vgl. Mt

6, 33); alles Übrige einschließlich der Arbeit findet seinen Platz, seinen Sinn

und seinen Wert nur dann, wenn es auf jenes einzig Notwendige ausgerich-

tet ist, das dem Menschen nicht genommen werden wird (vgl. Lk 10, 40–

42).


261 Während seines Erdenlebens arbeitet Jesus unermüdlich und vollbringt macht-

volle Taten, um den Menschen von Krankheit, Leid und Tod zu befreien. Der Sabbat,

den das Alte Testament als Tag der Befreiung vorgesehen hatte und der nur

noch in einer formalen, sinnentleerten Weise begangen wurde, wird von

Jesus in seiner ursprünglichen Bedeutung wiederhergestellt: „Der Sabbat

ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Mk 2, 27). Mit

den an diesem Ruhetag vollbrachten Heilungen (vgl. Mt 12, 9–14; Mk 3, 1–6;

Lk 6, 6–11; 13, 10–17; 14, 1–6) will er deutlich machen, dass er wahrhaftig der

Sohn Gottes und damit Herr über den Sabbat ist und dass der Sabbat der

Tag ist, an dem man sich Zeit für Gott und für die anderen nehmen soll.

Vom Bösen zu befreien und ein brüderliches Miteinander zu praktizieren

heißt, der Arbeit ihre vornehmste Bedeutung zu geben: jene Bedeutung, die

die Menschheit dem ewigen Sabbat entgegenführt, wo die Ruhe zu jenem

Fest wird, nach dem sich der Mensch in seinem Innersten sehnt. Gerade

dadurch, dass sie den Menschen dazu bringt, den Sabbat Gottes und seine

lebendige Mahlgemeinschaft zu erfahren, stellt die Arbeit den Beginn der

neuen Schöpfung auf Erden dar.


262 Die menschliche Tätigkeit der Bereicherung und Umgestaltung des Univer-

sums kann und soll die darin verborgene Vollkommenheit zutage fördern, die im un-

geschaffenen Wort ihren Anfang und ihr Vorbild hat. Die paulinischen und johan-

neischen Schriften lassen die trinitarische Dimension der Schöpfung und

insbesondere die Beziehung zwischen dem Sohn-Wort, dem „Logos“,und

der Schöpfung deutlich werden (vgl. Joh 1, 3; 1 Kor 8, 6; Kol 1, 15–17). Von

ihm und durch ihn geschaffen und von ihm erlöst, ist das Universum keine

zufällige Anhäufung, sondern ein „Kosmos“,574 dessen Ordnung der

 

574 Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 1: AAS 71 (1979) 257.

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Mensch entdecken, befolgen und zur Vollendung führen soll: „In Jesus

Christus erhält die sichtbare Welt, die von Gott für den Menschen geschaf-

fen ist – jene Welt, die mit der Sünde »der Vergänglichkeit unterworfen«

wurde (Röm 8, 20; vgl. ibid., 8, 19–22) – erneut ihre ursprüngliche Verbin-

dung mit eben dieser göttlichen Quelle der Weisheit und Liebe zurück“.575

Auf diese Weise wird die menschliche Arbeit, indem sie „den unergründ-

lichen Reichtum Christi“ (Eph 3, 8) in der Schöpfung immer mehr ans Licht

bringt, zu einem Dienst an der Größe Gottes.


263 Die Arbeit ist eine grundlegende Dimension des menschlichen Daseins, weil

sie den Menschen nicht nur am Werk der Schöpfung, sondern auch am Werk der

Erlösung beteiligt. Wer die Mühe und Anstrengung der Arbeit auf sich nimmt

und sich darin mit Jesus vereint, wirkt in gewisser Hinsicht gemeinsam mit

dem Sohn Gottes an seinem Erlösungswerk mit und erweist sich als Jünger

Christi, indem er jeden Tag in der Tätigkeit, zu der er berufen ist, sein Kreuz

auf sich nimmt. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Arbeit als ein Mittel

der Heiligung und als eine Beseelung der irdischen Wirklichkeiten mit dem

Geist Christi betrachten.576 So gesehen drückt sich in der Arbeit die Fülle

der Menschlichkeit des Menschen in ihrer historischen Bedingtheit ebenso

wie in ihrer eschatologischen Ausrichtung aus: In seinem freien und verant-

wortungsbewussten Handeln werden seine innige Beziehung zum Schöp-

fer und sein kreatives Potential offenbar, während er Tag für Tag gegen die

Entstellungen der Sünde kämpft und im Schweiße seines Angesichts sein

Brot verdient.

 

c) Die Pf licht zu arbeiten


264 Das Wissen um die Vergänglichkeit der „Gestalt dieser Welt“ (1 Kor 7, 31)

befreit von keiner historischen Pflicht und schon gar nicht von der Arbeit (vgl.

2 Thess 3, 7–15), die zwar nicht der einzige Daseinsgrund, aber doch ein wesentlicher

Bestandteil des Menschseins ist. Kein Christ darf sich aufgrund der Tatsache,

dass er einer solidarischen und brüderlichen Gemeinschaft angehört, dazu

 

575 Johannes Paul II., Enz. Redemptor hominis, 8: AAS 71 (1979) 270.

576 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2427; Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 27: AAS 73 (1981) 644–647.

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berechtigt fühlen, nicht zu arbeiten und auf Kosten der anderen zu leben

(vgl. 2 Thess 3, 6–12); vielmehr sind alle vom Apostel Paulus dazu aufgeru-

fen, dass sie „ihre Ehre“ dareinsetzen, mit den eigenen „Händen zu arbeiten“,

um „auf niemand angewiesen“ zu sein (1 Thess 4, 11–12), und eine auch ma-

terielle Solidarität zu üben, indem sie die Früchte der Arbeit mit „den Not-

leidenden“ teilen (Eph 4, 28). Der heilige Jakobus verteidigt die Rechte der

Arbeiter, die mit Füßen getreten werden: „Der Lohn der Arbeiter, die eure

Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit

zum Himmel; die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben, drin-

gen zu den Ohren des Herrn der himmlischen Heere“ (Jak 5, 4). Die Gläubi-

gen sollen die Arbeit im Stil Christi verrichten und als eine Chance nutzen,

„vor denen, die nicht zu euch gehören“ Zeugnis abzulegen (1 Thess 4, 12).


265 Die Kirchenväter betrachten die Arbeit nie als „opus servile“ – als solche galt

sie in der Kultur ihrer Zeit –, sondern stets als „opus humanum“ und sind bestrebt, sie

in all ihren Formen zu ehren. Gemeinsam mit Gott lenkt der Mensch durch die

Arbeit die Geschicke der Welt, ist Herr über sie und tut Gutes für sich und

die anderen. Die Trägheit schadet dem Sein des Menschen, während die

Tätigkeit seinen Körper und seinen Geist stärkt.577 Der Christ ist nicht nur

zum Arbeiten aufgerufen, um sich sein Brot zu verdienen, sondern auch,

um für den Nächsten zu sorgen, der ärmer ist als er und dem er nach dem

Gebot des Herrn zu essen, zu trinken, Kleidung, Obdach, Pflege und Ge-

sellschaft gewähren soll (vgl. Mt 25, 35–36).578 Jeder Arbeiter, so der heilige

Ambrosius, ist die Hand Christi, die seine Schöpfung und seine guten Wer-

ke fortsetzt.579

266 Mit seiner Arbeit und seinem Fleiß hat der Mensch Anteil an der göttlichen

Kunst und Weisheit, verschönert die Schöpfung und den Kosmos, den der Vater ge-

ordnet hat,580 und weckt jene gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Kräfte, die

dem Gemeinwohl dienen und vor allem den Bedürftigsten zugute kommen.581 Die

 

577 Vgl. Johannes Chrysostomus, Acta Apostolorum Homiliae 35, 3: PG 60, 258.

578 Vgl. Basilius der Große, Regulae fusius tractatae, 42: PG 31, 1023–1027;
Athanasius von Alexandrien, Vita S. Antonii, c. 3: PG 26, 846.

579 Vgl. Ambrosius, De obitu Valentiniani consolatio, 62: PL 16, 1438.

580 Vgl. Irenäus von Lyon, Adversus haereses, 5, 32, 2: PG 7, 1210–1211.

581 Vgl. Theodoret von Cyrrhus, De Providentia, Orationes 5–7: PG 83, 625–686.

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auf die Liebe ausgerichtete menschliche Arbeit verwandelt sich in eine Ge-

legenheit zur Kontemplation, in andächtiges Gebet, wachsame Askese und

bebende Erwartung des Tages ohne Nacht: „In dieser höheren Sicht bein-

haltet die Arbeit, Last und zugleich Lohn der menschlichen Tätigkeit, noch

einen weiteren Aspekt, nämlich jenen wesentlich religiösen, der in der be-

nediktinischen Formel »Ora et labora!« so glücklich ausgedrückt ist. Das

Religiöse verleiht der menschlichen Arbeit eine belebende und erlösende

Spiritualität. Diese Verwandtschaft zwischen Arbeit und Religion spiegelt

den geheimnisvollen, aber realen Bund zwischen dem Handeln des Men-

schen und dem der göttlichen Vorsehung wider“.582

 

II. DIE PROPHETISCHE BEDEUTUNG DER ENZYKLIKA „RERUM NOVARUM“

 

267 Der Lauf der Geschichte ist gekennzeichnet von den tief greifenden Verände-

rungen und den begeisternden Errungenschaften der Arbeit, aber auch von der Aus-

beutung und Entwürdigung zahlloser Arbeiter. Die industrielle Revolution war für die

Kirche eine große Herausforderung, auf die das soziale Lehramt mit prophetischer

Kraft reagiert hat, indem es zur Unterstützung des arbeitenden Menschen und seiner

Rechte Grundsätze von allgemeiner Gültigkeit und immerwährender Aktualität ver-

kündete.

Jahrhundertelang hatte sich die Botschaft der Kirche an eine Gesell-

schaft gerichtet, die von den regelmäßigen und zyklischen Abläufen der

Landwirtschaft geprägt war; nun musste das Evangelium vor einem neuen

Areopag und inmitten der sozialen Umwälzungen einer dynamischeren Ge-

sellschaft verkündet und gelebt werden, und man musste die Vielschichtig-

keit der neuen Gegebenheiten und der unvorstellbaren Veränderungen be-

rücksichtigen, die durch die Technik möglich geworden waren. Im

Mittelpunkt der pastoralen Sorge der Kirche stand mit zunehmender Dring-

lichkeit die Arbeiterfrage, das heißt das vom Kapitalismus herrührende Pro-

blem der Ausbeutung der Arbeiter infolge der neuen, industriellen Organi-

 

582 Johannes Paul II., Ansprache an die Arbeiter des Industriezentrums von Pomezia, Italien
(14. September 1979), 3: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, II, 2 (1979) 299.

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sation der Arbeit, und das nicht minder schwere Problem der von Kom-

munismus und Sozialismus betriebenen ideologischen Instrumentalisie-

rung der Welt der Arbeit und ihrer berechtigten Forderungen. Das ist der

historische Kontext, in den die Gedanken und Ermahnungen der Enzyklika

„Rerum novarum“ Leos XIII. einzuordnen sind.


268 „Rerum novarum“ ist vor allem eine bewegende Verteidigung der unveräußer-

lichen Würde der Arbeiter, die mit so wichtigen Punkten wie dem Recht auf

Eigentum, dem Prinzip der Zusammenarbeit zwischen den Klassen, den

Rechten der Schwachen und Armen, den Pflichten der Arbeitnehmer und

Arbeitgeber und dem Recht, Vereinigungen zu bilden, in Verbindung ge-

bracht wird.

Die in der Enzyklika formulierten Leitgedanken stärkten das christliche

Engagement im sozialen Leben, wie die Entstehung und Konsolidierung

zahlreicher bedeutender ziviler Initiativen zeigt: Vereinigungen und Zen-

tren für soziale Studien, Vereine, Arbeiterverbände, Gewerkschaften, Ko-

operativen, ländliche Kreditgenossenschaften, Versicherungen, Hilfswerke.

Dies alles hat dem Arbeitsrecht zum Schutz der Arbeiter und vor allem der

Kinder und Frauen, dem Bildungswesen sowie der Verbesserung der Löhne

und der hygienischen Verhältnisse spürbare Impulse gegeben.


269 Seit „Rerum novarum“ hat die Kirche die Probleme der Arbeit stets im Ge-

samtzusammenhang einer sozialen Frage betrachtet, die nach und nach globale Aus-

maße angenommen hat.583 Die Enzyklika „Laborem exercens“ vertieft die für die

vorangegangenen Dokumente der Soziallehre charakteristische personale

Sicht der Arbeit und weist auf die Notwendigkeit hin, sich eingehender

mit den Bedeutungen und Aufgaben zu befassen, die sich aus der Arbeit

ergeben: „Da unablässig neue Fragen und Probleme auftreten, entstehen

immer neue Erwartungen, aber auch Ängste und Bedrohungen, welche

mit dieser grundlegenden Dimension menschlicher Existenz verbunden

sind, die Tag für Tag das Leben des Menschen auf baut, aus der es die ihm

eigene Würde bezieht, die aber gleichzeitig das nie fehlende Maß mensch-

licher Mühen, des Leidens und auch der Benachteiligung und Ungerechtig-

keit in sich trägt, welche das gesellschaftliche Leben innerhalb der einzel-

 

583 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 2: AAS 73 (1981) 580–583.

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nen Nationen und auf internationaler Ebene zutiefst durchdringen“.584 Die

Arbeit, „der wesentliche Schlüssel“585 der gesamten sozialen Frage, beein-

flusst nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die kulturelle und mora-

lische Entwicklung der Personen, der Familie, der Gesellschaft und des gan-

zen Menschengeschlechts.

 

III. DIE WÜRDE DER ARBEIT

 

a) Die subjektive und objektive Bedeutung der Arbeit


270 Die menschliche Arbeit hat zwei Bedeutungen: eine objektive und eine subjek-

tive. Im objektiven Sinne ist sie die Gesamtheit der Tätigkeiten, Ressourcen,

Werkzeuge und Techniken, deren der Mensch sich bedient, um zu pro-

duzieren, um, entsprechend den Worten des Buches Genesis, über die Erde

zu herrschen.Im subjektiven Sinne ist die Arbeit das Handeln des Menschen als

eines dynamischen Wesens, das fähig ist, verschiedene Dinge zu tun, die

zum Arbeitsprozess gehören und seiner personalen Berufung entsprechen:

„Der Mensch soll sich die Erde untertan machen, soll sie beherrschen, da er

als »Abbild Gottes« eine Person ist, das heißt ein subjekthaftes Wesen, das

imstande ist, auf geordnete und rationale Weise zu handeln, fähig, über sich

zu entscheiden, und auf Selbstverwirklichung ausgerichtet. Als Person ist

der Mensch daher Subjekt der Arbeit“.586

Die Arbeit im objektiven Sinne stellt den zufälligen Aspekt der menschlichen

Tätigkeit dar, dessen Bedingungen sich mit dem Wandel der technischen,

kulturellen, sozialen und politischen Gegebenheiten beständig verändern.

Im subjektiven Sinn dagegen gestaltet sie sich stabil, weil sie nicht von dem ab-

hängig ist, was der Mensch konkret verwirklicht, noch von der Art der

Tätigkeit, die er ausübt, sondern einzig und allein von seiner Würde als

personales Wesen. Diese Unterscheidung ist wichtig: zum einen, um zu

begreifen, worin der Wert und die Würde der Arbeit letztlich begründet

sind, und zum anderen im Hinblick auf das Problem einer Organisation

 

584 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 1: AAS 73 (1981) 579.

585 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 3: AAS 73 (1981) 584.

586 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 6: AAS 73 (1981) 589–590.

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der Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme, die die Rechte des Menschen

respektiert.


271 Die Subjektivität verleiht der Arbeit die ihr eigene Würde, die es verbietet, sie

als bloße Ware oder als unpersönlichen Bestandteil des Produktionsprozesses zu be-

trachten. Unabhängig davon, ob ihr objektiver Wert eher groß oder eher

klein ist, ist die Arbeit wesentlicher Ausdruck der Person, ist „actus per-

sonae“. Jede Form des Materialismus und des Ökonomismus, die versuchen

würde, den Arbeiter als reines Produktionswerkzeug, als bloße Arbeits-

kraft, als einen ausschließlich materiellen Wert zu betrachten, würde dem

Wesen der Arbeit seine vornehmste und zutiefst menschliche Zielsetzung

rauben und es damit in nicht wieder gut zu machender Weise verfälschen.

Die Würde der Arbeit misst sich an der Person: „Denn es steht außer Zweifel,

dass die menschliche Arbeit ihren ethischen Wert hat, der unmittelbar

und direkt mit der Tatsache verbunden ist, dass der, welcher sie ausführt,

Person ist“.587

Die subjektive Dimension der Arbeit muss den Vorrang vor der objektiven haben,

weil sie die Dimension des Menschen selbst ist, der die Arbeit verrichtet

und dabei ihre Qualität und ihren höchsten Wert bestimmt. Wenn dieses

Bewusstsein fehlt oder man diese Wahrheit nicht anerkennen will, verliert

die Arbeit ihre wahrhaftigste und tiefste Bedeutung: In diesem Fall, der lei-

der häufig und weit verbreitet ist, werden die Arbeitsaktivität und sogar die

angewandten Techniken wichtiger als der Mensch selbst und sind nicht

länger Verbündete, sondern Feinde seiner Würde.


272 Die menschliche Arbeit geht nicht nur von der Person aus, sondern ist außer-

dem wesentlich auf sie hingeordnet und ausgerichtet. Unabhängig von ihrem ob-

jektiven Gegenstand muss die Arbeit sich am arbeitenden Subjekt orientie-

ren, weil das Ziel der Arbeit, jeder Arbeit, immer der Mensch bleibt. Auch

wenn man nicht außer Acht lassen darf, dass auch der objektive Aspekt der

Arbeit für ihre Qualität von Bedeutung ist, muss dieser Aspekt doch der

Verwirklichung des Menschen untergeordnet werden – und damit der sub-

jektiven Dimension, die dafür sorgt, dass die Arbeit für den Menschen und nicht

der Mensch für die Arbeit da ist und dass „Zweck der Arbeit, jeder vom Men-

 

587 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 6: AAS 73 (1981) 590.

208

 

schen verrichteten Arbeit – gelte sie auch in der allgemeinen Wertschät-

zung als die niedrigste Dienstleistung, als völlig monotone, ja als geächtete

Arbeit –, (…) letztlich immer der Mensch selbst [bleibt]“.588


273 Die menschliche Arbeit besitzt auch eine ihr wesentlich zugehörige soziale

Dimension, denn die Arbeit eines Menschen und die Arbeit anderer Men-

schen greifen auf natürliche Weise ineinander: „Arbeiten ist heute mehr

denn je ein Arbeiten mit den anderen und ein Arbeiten für die anderen: Arbeiten

besagt, etwas für jemanden tun“.589 Auch durch die Früchte der Arbeit er-

geben sich Gelegenheiten zu Austausch, Beziehung und Begegnung. Man

kann die Arbeit daher nicht richtig bewerten, ohne auch ihre soziale Seite

in Betracht zu ziehen: „Wenn nämlich kein wahrhaft soziales und organi-

sches Gefüge besteht, wenn keine soziale und rechtliche Ordnung die Aus-

übung der Arbeit schützt, wenn nicht verschiedene Berufe, von denen die

einen von den anderen abhängen, untereinander zusammenarbeiten und

sich gegenseitig ergänzen, wenn, was noch wichtiger ist, sich nicht Geist,

Besitz und Arbeit verbinden und gleichsam in eins zusammenkommen, so

kann die Tätigkeit der Menschen nicht ihre Früchte erzeugen. Diese kann

also weder gerecht bewertet noch nach Billigkeit vergolten werden, wenn

ihre soziale und individuelle Natur hintangestellt wird“.590


274 Die Arbeit ist auch „eine Pflicht, eine Verpflichtung des Menschen“.
591 Der

Mensch muss arbeiten, zum einen, weil der Schöpfer es ihm aufgetragen

hat, und zum anderen, um auf die Notwendigkeit des Erhalts und der Ent-

faltung seiner eigenen Menschlichkeit zu reagieren. Die Arbeit stellt sich als

moralische Verpflichtung gegenüber dem Nächsten dar, also an erster Stelle

gegenüber der eigenen Familie, aber auch gegenüber der Gesellschaft, der

man angehört, der Nation, deren Sohn oder Tochter man ist, der gesamten

Menschheitsfamilie, deren Mitglied man ist: Wir sind Erben der Arbeit von

Generationen und zugleich Gestalter der Zukunft für all die Menschen, die

nach uns leben werden.

 

588 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 6: AAS 73 (1981) 592;
vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2428.

589 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 31: AAS 83 (1991) 832.

590 Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 200.

591 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 16: AAS 73 (1981) 619.

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275 Die Arbeit bestärkt den Menschen, der nach dem Bild Gottes und Gott ähn-

lich geschaffen ist, in der Tiefe seiner Identität: „Während der Mensch durch seine

Arbeit immer mehr zum Herrn der Erde wird und wiederum durch die

Arbeit seine Herrschaft über die sichtbare Welt festigt, bleibt er in jedem

Fall und in jeder Phase dieses Prozesses auf der Linie jener ursprünglichen

Weisung des Schöpfers, welche notwendig und unlösbar an die Tatsache

gebunden ist, dass der Mensch als Mann und Frau »nach dem Abbild Got-

tes« geschaffen ist“.592 So ist die Tätigkeit des Menschen im Universum be-

schaffen: Er ist nicht sein Herr, sondern sein Treuhänder, und er ist dazu

berufen, in seinem eigenen Wirken das Antlitz dessen widerzuspiegeln,

dessen Bild er ist.

 

b) Die Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital


276 Aufgrund ihres subjektiven oder personalen Charakters steht die Arbeit über

jedem anderen Produktionsfaktor: Dieser Grundsatz gilt insbesondere im Hinblick auf

das Kapital. Heute hat der Begriff „Kapital“ unterschiedliche Bedeutungen:

Zuweilen bezeichnet er die materiellen Produktionsmittel eines Unterneh-

mens, zuweilen die finanziellen Ressourcen, die in eine Produktionsinitia-

tive oder auch in Börsenmarktoperationen investiert worden sind. Man

spricht auch in etwas unpassender Weise von „Humankapital“, womit die

menschlichen Ressourcen, also die Menschen selbst bezeichnet werden, in-

sofern sie zu Arbeitsanstrengungen in der Lage sind oder über Kenntnisse,

Kreativität, Vorstellungskraft hinsichtlich der Bedürfnisse von ihresglei-

chen und, als Mitglieder einer Organisation, über Teamfähigkeit verfügen.

Und man spricht von „sozialem Kapital“, um die Fähigkeit zur Zusammen-

arbeit innerhalb einer Gesamtheit zu bezeichnen, die zustande kommt,

wenn man in eine wechselseitige Vertrauensbeziehung investiert. Diese Be-

deutungsvielfalt bietet weitere Anhaltspunkte, um darüber nachzudenken,

was heutzutage mit der Beziehung zwischen Arbeit und Kapital gemeint

sein kann.

 

592 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 4: AAS 73 (1981) 586.

210

 


277 Die Soziallehre hat sich mit den Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital

auseinandergesetzt und dabei den Vorrang der ersten vor dem zweiten ebenso heraus-

gestellt wie die Tatsache, dass beide einander ergänzen.

Die Arbeit hat einen ihr wesentlich zugehörigen Vorrang vor dem Kapital: „Die-

ses Prinzip betrifft direkt den Produktionsprozess, für den die Arbeit im-

mer eine der hauptsächlichen Wirkursachen ist, während das Kapital, das ja

in der Gesamtheit der Produktionsmittel besteht, bloß Instrument oder in-

strumentale Ursache ist. Dieses Prinzip ist eine offensichtliche Wahrheit,

die sich aus der ganzen geschichtlichen Erfahrung des Menschen ergibt“.593

Es gehört „zum festen Bestand der kirchlichen Lehre“.594

Arbeit und Kapital müssen einander ergänzen: Die eigene Logik des Produk-

tionsprozesses macht deutlich, wie wichtig ihre wechselseitige Durchdrin-

gung ist und wie dringend Wirtschaftssysteme geschaffen werden müssen,

in denen der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital überwunden ist.595 In

Zeiten eines weniger komplexen wirtschaftlichen Systems, da „das Kapital“

und „die Lohnarbeit“ mit einer gewissen Präzision nicht nur zwei Produk-

tionsfaktoren, sondern auch und vor allem zwei konkrete gesellschaftliche

Klassen bezeichneten, hat die Kirche bereits darauf hingewiesen, dass beide

in sich ihre Berechtigung haben:596 „So wenig das Kapital ohne die Arbeit,

so wenig kann die Arbeit ohne das Kapital bestehen“.597 Hierbei handelt es

sich um eine auch für die Gegenwart gültige Wahrheit, denn „es widerstrei-

tet (…) den Tatsachen, einem der beiden, dem Kapital oder der Arbeit, die

Alleinursächlichkeit an dem Ertrag ihres Zusammenwirkens zuzuschrei-

ben; vollends widerspricht es der Gerechtigkeit, wenn der eine oder der

andere Teil auf diese angebliche Alleinursächlichkeit pochend das ganze

Erträgnis für sich beansprucht“.598


278 Im Hinblick auf die Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital darf man vor

allem angesichts der großen Veränderungen unserer Zeit nicht vergessen, dass „die

 

593 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 12: AAS 73 (1981) 606.

594 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 12: AAS 73 (1981) 608.

595 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 13: AAS 73 (1981) 608–612.

596 Vgl. Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 194–198.

597 Leo XIII., Enz. Rerum novarum: Acta Leonis XIII, 11 (1892) 109.

598 Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 195.

211

 

wichtigste Ressource“ und „der entscheidende Faktor“,599 der dem Menschen zur Ver-

fügung steht, der Mensch selbst ist, und dass „die umfassende Entwicklung des

Menschen in der Arbeit (…) nicht den Anforderungen einer höheren Pro-

duktivität und eines größeren Ertrages der Arbeit [widerspricht]. Im Ge-

genteil, sie fördert diese sogar, auch wenn das verfestigte Machtverhältnisse

schwächen kann“.600 Mehr und mehr stellt die Welt der Arbeit fest, dass der

Wert des „Humankapitals“ seinen Ausdruck in den Kenntnissen der Arbeiter

findet, in ihrer Bereitschaft, Beziehungen zu knüpfen, in ihrer Kreativität,

ihrem selbstständigen Unternehmergeist, in der Fähigkeit, sich bewusst

dem Neuen zu stellen, zusammenzuarbeiten und gemeinsame Ziele zu ver-

folgen. Dies sind rein personale Qualitäten, die eher dem Subjekt der Arbeit

als ihren objektiven, technischen oder praktischen Aspekten angehören.

All dies trägt zu einer neuen Sicht der Beziehungen zwischen Arbeit und

Kapital bei: Es ist festzuhalten, dass im Gegensatz zu den alten Formen der

Arbeitsorganisation, wo das Subjekt letztlich dem Objekt, der Maschine

untergeordnet wurde, heute die subjektive Dimension der Arbeit tenden-

ziell entscheidender und wichtiger als die objektive wird.


279 Das Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital weist häufig Merkmale eines

Konflikts auf, der mit den veränderten sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen

neue Charakterzüge annimmt. Früher entstand der Konflikt zwischen Kapital

und Arbeit vor allem dadurch, „dass die Arbeiter ihre Kräfte der Gruppe

der Unternehmer zur Verfügung stellten und diese, weil vom Prinzip des

größten Gewinns geleitet, darum bestrebt war, für die Leistung der Arbeiter

eine möglichst niedrige Entlohnung festzulegen“.601 Der gegenwärtige Konflikt

weist neue und vielleicht noch besorgniserregendere Aspekte auf: Der wissenschaft-

liche und technologische Fortschritt und die Globalisierung der Märkte, die

eigentlich Quelle der Entwicklung und des Wachstums sein sollten, setzen

die Arbeiter dem Risiko aus, vom Räderwerk der Wirtschaft und von einem

ungezügelten Produktivitätsstreben ausgebeutet zu werden.602

 

599 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 32: AAS 83 (1991) 833.

600 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 43: AAS 83 (1991) 847.

601 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 11: AAS 73 (1981) 604.

602 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie für
Sozialwissenschaften (6. März 1999), 2: AAS 91 (1999) 889.

212

 


280 Man darf nicht in den Irrtum verfallen zu denken, dass mit der Überwindung

der Abhängigkeit der Arbeit von der Materie automatisch auch die Entfremdung in

der Arbeit und von der Arbeit beseitigt wird. Damit sind nicht nur die vielfältigen

Bereiche der Arbeitslosigkeit, der Schwarzarbeit, der Kinderarbeit, der un-

terbezahlten und der ausgebeuteten Arbeit gemeint, die nach wie vor weiter

bestehen, sondern auch die neuen und weitaus subtileren Formen der Aus-

beutung der modernen Arbeitswelt: das Übermaß an Arbeit, das Karriere-

denken, das zuweilen anderen, für die Person ebenso wichtigen Dimensio-

nen des Menschseins den Raum nimmt, die übertriebene Flexibilität in der

Arbeit, die das Familienleben zerbrechlich und manchmal unmöglich

macht, die Austauschbarkeit der Arbeitnehmer, die schwere Folgen für die

einheitliche Wahrnehmung der eigenen Existenz und die Stabilität der Fa-

milienbeziehungen haben kann. Wenn Entfremdung bedeutet, dass der

Mensch Mittel und Zweck verwechselt, dann kann es auch in der neuen,

immateriellen, leichter gewordenen, eher durch Qualität als durch Quanti-

tät bestimmten Arbeitssituation Elemente der Entfremdung des Menschen

geben „je nachdem, ob seine Teilnahme an einer echten solidarischen Ge-

meinschaft wächst oder ob seine Isolierung in einem Komplex von Bezie-

hungen eines erbitterten Konkurrenzkampfes und gegenseitiger Entfrem-

dung zunimmt“.603

 

c) Die Arbeit: Anspruch auf Beteiligung


281 Das Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital drückt sich auch in der Betei-

ligung der Arbeiter am Eigentum, an seiner Verwaltung und an seinen Erträgen aus.

Diese allzu oft vernachlässigte Forderung kann gar nicht zu hoch bewertet

werden, weil „jeder aufgrund der eigenen Arbeit den vollen Anspruch hat,

sich zugleich als Miteigentümer der großen Werkstätte zu betrachten, in

der er gemeinsam mit allen anderen arbeitet. Ein Weg auf dieses Ziel hin

könnte sein, die Arbeit soweit wie möglich mit dem Eigentum am Kapital

zu verbinden und eine große Vielfalt mittlerer Körperschaften mit wirt-

schaftlicher, sozialer oder kultureller Zielsetzung ins Leben zu rufen: Kör-

perschaften mit echter Autonomie gegenüber den öffentlichen Behörden,

 

603 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 41: AAS 83 (1991) 844.

213

 

Körperschaften, die ihre spezifischen Ziele in ehrlicher Zusammenarbeit

und mit Rücksicht auf die Forderungen des Gemeinwohls verfolgen und

sich in Form und Wesen als lebensvolle Gemeinschaften erweisen, sodass

sie ihre Mitglieder als Personen betrachten und behandeln und zu aktiver

Teilnahme an ihrem Leben anregen“.604 Die neue Organisation der Arbeit,

in der das Wissen mehr zählt als der bloße Besitz von Produktionsmitteln,

belegt ganz konkret, dass die Arbeit aufgrund ihres subjektiven Charakters

ein Recht auf Beteiligung beinhaltet: Es ist unerlässlich, sich dieser Tatsache

bewusst zu werden, wenn man die Stellung der Arbeit im Produktionspro-

zess richtig bewerten und Formen der Beteiligung finden will, die in der

Besonderheit der vielfältigen konkreten Situationen mit der Subjektivität

der Arbeit vereinbar sind.605

 

d) Das Verhältnis zwischen Arbeit und Privateigentum


282 Das soziale Lehramt der Kirche thematisiert das Verhältnis zwischen Arbeit

und Kapital auch in Bezug auf die Einrichtung des Privateigentums, das Recht auf

dieses sowie seine Verwendung. Das Recht auf Privateigentum ist dem Prinzip

von der allgemeinen Bestimmung der Güter untergeordnet und darf keinen

Grund darstellen, andere in ihrer Arbeit und Entfaltung zu behindern. Das

Eigentum, das man vor allem durch die Arbeit erwirbt, soll der Arbeit die-

nen. Das gilt in besonderer Weise für den Besitz von Produktionsmitteln;

doch dieser Grundsatz betrifft auch die finanziellen, technischen, intellek-

tuellen und personalen Güter.

Die Produktionsmittel darf man „nicht gegen die Arbeit besitzen; man

darf sie auch nicht um des Besitzes willen besitzen“.606 Ihr Besitz wird un-

rechtmäßig, wenn das Eigentum „nicht aufgewertet wird oder dazu dient,

die Arbeit anderer zu behindern, um einen Gewinn zu erzielen, der nicht

aus der Gesamtausweitung der Arbeit und des gesellschaftlichen Reich-

tums erwächst, sondern aus ihrer Unterdrückung, aus der unzulässigen

 

604 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 14: AAS 73 (1981) 616.

605 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 9: AAS 58 (1966) 1031–1032.

606 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 14: AAS 73 (1981) 613.

214

 

Ausbeutung, aus der Spekulation und aus dem Zerbrechen der Solidarität

in der Welt der Arbeit“.607


283 Das private und öffentliche Eigentum und die verschiedenen Mechanismen des

Wirtschaftssystems müssen auf eine Wirtschaft ausgerichtet sein, die dem Menschen

dient, das heißt, sie müssen dazu beitragen, das Prinzip von der allgemeinen

Bestimmung der Güter umzusetzen. In diesem Zusammenhang wird die

Frage nach dem Besitz und Gebrauch der neuen Technologien und Kennt-

nisse relevant: Sie stellen in unserer Zeit eine weitere Sonderform des Ei-

gentums dar, die dem Besitz von Land oder Kapital in nichts nachsteht.608

Diese Ressourcen haben wie alle anderen Güter auch eine allgemeine Be-

stimmung; auch sie müssen in einen Kontext rechtlicher Normen und so-

zialer Regeln eingebettet werden, die dafür sorgen, dass ihr Gebrauch sich

nach Kriterien der Gerechtigkeit, der Billigkeit und der Achtung vor den

Menschenrechten richtet. Die neuen Kenntnisse und Technologien können

dank ihres enormen Potentials einen entscheidenden Beitrag zum sozialen

Fortschritt leisten, doch sie können ebenso zur Quelle von Arbeitslosigkeit

werden und die Kluft zwischen den entwickelten und den unterentwickel-

ten Gebieten noch vergrößern, wenn sie in den reichsten Ländern oder in

der Hand kleiner, mächtiger Gruppierungen verbleiben.

 

e) Die Feiertagsruhe


284 Die Feiertagsruhe ist ein Recht.
609 Gott „ruhte am siebten Tag, nachdem

er sein ganzes Werk vollbracht hatte“ (Gen 2, 2): Auch die Menschen, die

nach seinem Bild geschaffen sind, müssen über ein ausreichendes Maß an

Ruhe und Freizeit verfügen, um ihr familiäres, kulturelles, soziales und re-

ligiöses Leben zu pflegen.610 Hierzu trägt die „Einsetzung des Tages des

Herrn“ bei.611 An den Sonntagen und den übrigen gebotenen Feiertagen

 

607 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 43: AAS 83 (1991) 847.

608 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 32: AAS 83 (1991) 832–833.

609 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 19: AAS 73 (1981) 625–629: Id., Enz. Centesimus annus,
9: AAS 83 (1991) 804.

610

Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 67: AAS 58 (1966) 1088–1089.

611 Katechismus der Katholischen Kirche, 2184.

215

 

sollen die Gläubigen „keine Arbeiten oder Tätigkeiten ausüben, die die

schuldige Gottesverehrung, die Freude am Tag des Herrn, das Verrichten

von Werken der Barmherzigkeit und die angemessene Erholung von Geist

und Körper verhindern“.612 Familiäre Notsituationen oder gesellschaftliche

Verpflichtungen können dazu berechtigen, die Sonntagsruhe nicht ein-

zuhalten, aber sie dürfen nicht zu Gewohnheiten führen, die der Religion,

dem Familienleben und der Gesundheit schaden.


285 Der Sonntag ist ein Tag, der mit tätiger Nächstenliebe geheiligt und insbeson-

dere der Familie und den Eltern, aber auch den kranken, schwachen und älteren Men-

schen vorbehalten sein soll; ebenso dürfen auch die „Brüder und Schwestern“

nicht vergessen werden, „die die gleichen Bedürfnisse und Rechte haben,

sich jedoch aus Gründen der Armut und der Not nicht ausruhen kön-

nen“;613 außerdem bietet der Sonntag Zeit zum Nachdenken, Schweigen

und der Beschäftigung mit Dingen, die das Wachstum des inneren und

christlichen Lebens begünstigen. Auch an diesem Tag sollten die Gläubigen

daran zu erkennen sein, dass sie Maß halten und Ausschreitungen und Ge-

walttätigkeit meiden, die für Massenveranstaltungen oft typisch sind.614

Der Tag des Herrn soll stets als Tag der Befreiung gelebt werden, der uns

an „einer festlichen Versammlung“ und an der „Gemeinschaft der Erst-

geborenen, die im Himmel verzeichnet sind“ (Hebr 12, 22–23), teilnehmen

lässt und die Feier des ewigen Pascha in der Herrlichkeit des Himmels vor-

wegnimmt.615


286 Die öffentlichen Autoritäten haben die Pflicht, darauf zu achten, dass die für

die Ruhe und den Gottesdienst bestimmte Zeit den Bürgern nicht aus Gründen der

wirtschaftlichen Produktivität entzogen wird. Eine entsprechende Verpflichtung

haben auch die Arbeitgeber ihren Beschäftigten gegenüber.616 Mit Rück-

sicht auf die Religionsfreiheit und das Gemeinwohl aller müssen die Chris-

 

612 Katechismus der Katholischen Kirche, 2185.

613 Katechismus der Katholischen Kirche, 2186.

614 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2187.

615 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Dies Domini, 26: AAS 90 (1998) 729: „Die Feier
des Sonntags, des »ersten« und zugleich »achten« Tages, verweist den Christen auf das
Ziel des ewigen Lebens“.

616 Vgl. Leo XIII., Enz. Rerum novarum: Acta Leonis XIII, 11 (1892) 110.

216

 

ten sich dafür einsetzen, dass die Gesetze die Sonntage und die anderen

liturgischen Feste als Feiertage anerkennen: „Sie sollen allen ein öffentliches

Beispiel des Gebetes, der Ehrerbietung und der Freude geben und ihre Über-

lieferungen als einen wertvollen Beitrag zum geistlichen Leben der

menschlichen Gesellschaft verteidigen“.617 Jeder Christ „soll sich hüten,

einen anderen ohne Not zu etwas zu verpflichten, das ihn daran hindern

würde, den Tag des Herrn zu feiern“.618

 

IV. DAS RECHT AUF ARBEIT

 

a) Die Arbeit ist notwendig


287 Die Arbeit ist ein Grundrecht und ein Gut für den Menschen:
619 ein nützli-

ches Gut, das seiner würdig ist, weil es Ausdruck und Steigerung der

menschlichen Würde sein kann. Die Kirche verkündet den Wert der Arbeit

nicht nur, weil diese immer personal, sondern auch, weil sie notwendig

ist.620 Die Arbeit ist notwendig, um eine Familie zu gründen und zu erhal-

ten,621 um ein Recht auf Eigentum zu erwerben,622 um zum Gemeinwohl der

Menschheitsfamilie beizutragen.623 Die Erwägung der moralischen Auswir-

kungen, die die Frage der Arbeit auf das gesellschaftliche Leben hat, ver-

anlasst die Kirche dazu, die Arbeitslosigkeit vor allem im Hinblick auf die

jungen Generationen als einen „echten sozialen Notstand“ zu bezeichnen.624

 

617 Katechismus der Katholischen Kirche, 2188.

618 Katechismus der Katholischen Kirche, 2187.

619 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 26: AAS 58 (1966) 1046–1047;
Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 9.18: AAS 73 (1981) 598–600. 622–625;
Id., Ansprache an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften
(25. April 1997), 3: AAS 90 (1998) 139–140;
Id., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1999, 8: AAS 91 (1999) 382–383.

620 Vgl. Leo XIII., Enz. Rerum novarum: Acta Leonis XIII, 11 (1892) 128.

621 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 10: AAS 73 (1981) 600–602.

622 Vgl. Leo XIII., Enz. Rerum novarum: Acta Leonis XIII, 11 (1892) 103;
Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 14: AAS 73 (1981) 612–616;
Id., Enz. Centesimus annus,31: AAS 83 (1991) 831–832.

623 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 16: AAS 73 (1981) 618–620.

624 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 18: AAS 73 (1981) 623.

217

 


288 Die Arbeit ist ein allgemeines Gut, das allen, die arbeitsfähig sind, zur Ver-

fügung stehen muss. Die „Vollbeschäftigung“ ist daher ein Pflichtziel für jede auf

Gerechtigkeit und Gemeinwohl ausgerichtete wirtschaftliche Ordnung. Eine Gesell-

schaft, in der das Recht auf Arbeit ausgehöhlt oder systematisch geleugnet

wird und in der die wirtschaftspolitischen Maßnahmen es den Arbeitern

nicht ermöglichen, ein zufrieden stellendes Beschäftigungsniveau zu errei-

chen, „kann weder ihre sittliche Rechtfertigung noch den gerechten sozia-

len Frieden erlangen“.625 Eine wichtige Rolle und folglich eine besondere

und schwere Verantwortung kommen in diesem Bereich dem „indirekten

Arbeitgeber“ zu,626 das heißt jenen Subjekten – Personen oder Institutionen

verschiedener Art –, die in der Lage sind, die Arbeits- und Wirtschaftspoli-

tik auf nationaler und internationaler Ebene mitzubestimmen.


289 Die Planungsfähigkeit einer auf das Gemeinwohl und auf die Zukunft gerich-

teten Gesellschaft misst sich auch und vor allem an den Arbeitsperspektiven, die sie zu

bieten hat. Die hohe Arbeitslosenquote, das Fortbestehen veralteter Bil-

dungssysteme, die nach wie vor mit dem Zugang zur Bildung und zum

Arbeitsmarkt verbundenen Schwierigkeiten stellen vor allem für viele Ju-

gendliche ein großes Hindernis auf dem Weg ihrer menschlichen und be-

ruflichen Entfaltung dar. Wer arbeitslos oder unterbeschäftigt ist, leidet

auch unter den zutiefst negativen Folgen, die diese Situation für die Persön-

lichkeit hat, und läuft Gefahr, an den Rand der Gesellschaft gedrängt und

sozial ausgegrenzt zu werden.627 Diese Tragödie trifft neben den Jugend-

lichen vor allem die Frauen, die weniger spezialisierten Arbeiter, Menschen

mit Behinderungen, Einwanderer, ehemalige Strafgefangene, Analphabeten

und alle, denen es schwer fällt, ihren Platz in der Welt der Arbeit zu finden.


290 Der Erhalt der Beschäftigung hängt zunehmend von den beruflichen Fähig-

keiten ab.628 Das Erziehungs- und Bildungssystem darf die menschliche und tech-

nische Bildung nicht vernachlässigen, die notwendig ist, um die erforderlichen Auf-

 

625 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 43: AAS 83 (1991) 848;
vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2433.

626 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 17: AAS 73 (1981) 620–622.

627 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche,2436.

628 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 66: AAS 58 (1966)

218

 

gaben mit Erfolg zu erfüllen. Die immer weiter verbreitete Notwendigkeit, den

Arbeitsplatz im Laufe eines Lebens mehrere Male zu wechseln, stellt das

Bildungssystem vor die Aufgabe, in den Personen die Bereitschaft zu för-

dern, sich beständig auf dem Laufenden zu halten und neu zu qualifizieren.

Die Jugendlichen müssen lernen, selbstständig zu handeln, und sie müssen

die Fähigkeit erlangen, sich verantwortungsbewusst und mit den entspre-

chenden Fähigkeiten den Risiken zu stellen, die mit einer veränderlichen

und in ihren Entwicklungsszenarien häufig unvorhersehbaren wirtschaftli-

chen Gesamtsituation verbunden sind.629 Ebenso unerlässlich ist ein geeig-

netes Bildungsangebot für Erwachsene, die sich weiterqualifizieren wollen,

und für Arbeitslose. Allgemeiner gesprochen müssen die Personen in ihrem

beruflichen Werdegang, angefangen beim Bildungssystem, neue, konkrete

Formen der Unterstützung finden, die es ihnen erleichtern, auch Phasen der

Veränderung, der Ungewissheit oder des Übergangs durchzustehen.

 

b) Die Rolle des Staates und der Zivilgesellschaft bei der Stärkung

des Rechts auf Arbeit


291 Die Probleme der Beschäftigung rufen die Verantwortung des Staates auf den

Plan, dem es obliegt, eine aktive Arbeitspolitik zu betreiben, das heißt eine Politik,

die die Schaffung von Arbeitsplätzen innerhalb des nationalen Territori-

ums begünstigt und die Produktion auf diese Weise ankurbelt. Die Pflicht

des Staates besteht nicht so sehr darin, das Recht aller Bürger auf Arbeit

direkt zu gewährleisten und damit das gesamte Wirtschaftsleben zu regle-

mentieren und die freie Initiative der Einzelpersonen zu unterbinden: Der

Staat hat vielmehr die Aufgabe, „die Tätigkeit der Unternehmen dahin-

gehend zu unterstützen, dass er Bedingungen für die Sicherstellung von

Arbeitsgelegenheiten schafft. Er muss die Tätigkeit dort, wo sie sich als un-

zureichend erweist, anregen bzw. ihr in Augenblicken der Krise unter die

Arme greifen“.630


292 Angesichts eines Arbeitsmarkts und wirtschaftlich-finanzieller Beziehungen,

die rasch globale Ausmaße angenommen haben, muss eine wirkungsvolle Zusam-

 

629 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 12: AAS 73 (1981) 605–608.

630 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 48: AAS 83 (1991) 853.

219

 

menarbeit der Staaten untereinander mit Hilfe von Verträgen, Übereinkünften und

gemeinsamen Aktionsplänen gefördert werden, die das Recht auf Arbeit auch in

höchst kritischen Phasen des Wirtschaftskreislaufs auf nationaler und in-

ternationaler Ebene aufrechterhalten. Man muss sich der Tatsache bewusst

sein, dass die menschliche Arbeit ein Recht ist, von der die Förderung der

sozialen Gerechtigkeit und des zivilen Friedens unmittelbar abhängen. In

dieser Hinsicht kommen den internationalen und gewerkschaftlichen Or-

ganisationen wichtige Aufgaben zu: Sie müssen sich in möglichst geeig-

neter Weise zusammenschließen und sich vor allem anderen dafür einset-

zen, „ein immer engmaschigeres Netz aus juristischen Verfügungen zu

flechten, die die Arbeit der Männer, der Frauen, der jungen Menschen

schützen und ihre angemessene Vergütung gewährleisten“.631


293 Für die Förderung des Rechts auf Arbeit ist es heute wie in den Tagen der

Enzyklika „Rerum novarum“ wichtig, dass es einen freien Prozess „der organisierten

Selbsthilfe der Gesellschaft“ gibt.632 Bedeutende Zeugnisse und Beispiele einer

solchen organisierten Selbsthilfe lassen sich in den zahlreichen unterneh-

merischen und gesellschaftlichen Initiativen finden, die von Formen der

Beteiligung, der Mitwirkung und der Selbstverwaltung getragen sind und

eine Verschmelzung solidarischer Kräfte erkennen lassen. Sie bieten sich

dem Markt als ein reichhaltiger Sektor von Arbeitsaktivitäten dar, die sich

in vielfältigen Bereichen durch eine besondere Aufmerksamkeit für die Be-

ziehungskomponenten der produzierten Güter und der erbrachten Dienst-

leistungen auszeichnen: in der Bildung, dem Schutz der Gesundheit, den

gesellschaftlichen Basisdienstleistungen, der Kultur. Die Initiativen des so

genannten „dritten Sektors“ stellen eine immer wichtigere Chance für die

Entwicklung von Arbeit und Wirtschaft dar.

 

631 Paul VI., Ansprache vor der Internationalen Arbeitsorganisation (10. Juni 1969), 21: AAS61 (1969) 400;
vgl. Johannes Paul II., Ansprache vor der Internationalen Arbeitsorganisation (15. Juni 1982),
13: AAS 74 (1982) 1004–1005.

632 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 16: AAS 83 (1991) 813.

220

 

c) Die Familie und das Recht auf Arbeit


294 Die Arbeit ist „eine Grundlage für den Aufbau des Familienlebens, welches ein

Recht und eine Berufung des Menschen ist“:633 Sie sichert den Lebensunterhalt

und gewährleistet die Erziehung der Kinder.634 Die Familie und die Arbeit,

die somit in der Erfahrungswelt der großen Mehrheit der Personen eng an-

einander gebunden sind, verdienen schließlich eine Betrachtungsweise, die

der Wirklichkeit eher entspricht, eine Aufmerksamkeit, die sie in ihrem

Zusammenhang – ohne die Scheuklappen einer ausschließlich privaten

Sicht der Familie oder einer ökonomistischen Sicht der Arbeit – begreift.

In dieser Hinsicht ist es notwendig, dass die Unternehmen, die beruflichen

Organisationen, die Gewerkschaften und der Staat eine Arbeitspolitik för-

dern, die die Kernfamilie unter dem Aspekt der Beschäftigung nicht

benachteiligt, sondern begünstigt. Das Familienleben und die Arbeit bedin-

gen einander in vielfältiger Weise. Das Pendlerdasein, die Doppelbeschäfti-

gung und die körperliche und psychologische Erschöpfung gehen zu Las-

ten der Zeit, die dem Familienleben gewidmet wird;635 die Situationen der

Arbeitslosigkeit haben materielle und spirituelle Folgen für die Familien,

und ebenso wirken sich auch die Spannungen und Krisen in der Familie

negativ auf das Verhalten und die Leistung im Arbeitsleben aus.

 

d) Die Frauen und das Recht auf Arbeit


295 Das spezifisch Weibliche ist in allen Ausprägungen des gesellschaftlichen Le-

bens notwendig, und deshalb muss die Anwesenheit der Frauen auch auf dem Sektor

der Arbeit gewährleistet sein. Der erste unerlässliche Schritt in diese Richtung

ist die konkrete Möglichkeit des Zugangs zur beruflichen Bildung. Die An-

erkennung und der Schutz der Rechte der Frau im Bereich der Arbeit hän-

gen im Allgemeinen von der Organisation der Arbeit ab, die die Würde und

Berufung der Frau berücksichtigen muss, deren wahre Förderung „eine Ar-

 

633 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 10: AAS 73 (1981) 600.

634 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 10: AAS 73 (1981) 600–602;
Id., Ap. Schr. Familiaris consortio, 23: AAS 74 (1982) 107–109.

635 Der Heilige Stuhl, Charta der Familienrechte (22. Oktober 1983), Art. 10,
Der Apostolische Stuhl 1983, 1605.

221

 

beitsordnung [erfordert], die so strukturiert ist, dass sie diese Aufwertung

nicht mit dem Aufgeben ihrer Eigenheit bezahlen muss und zum Schaden

der Familie, wo ihr als Mutter eine unersetzliche Rolle zukommt“.636 An

dieser Frage müssen sich die Qualität einer Gesellschaft und die Wirksamkeit

messen lassen, mit der sie das Recht der Frauen auf Arbeit schützt.

Die Tatsache, dass die Würde und Berufung der Frau in der Arbeitswelt

nach wie vor in verletzender Weise diskriminiert werden, ist die Folge einer

langen Reihe von Benachteiligungen der Frau, die „in ihren Vorzügen ent-

stellt, oft ausgegrenzt und sogar versklavt wurde“637 und noch immer wird.

Diese Schwierigkeiten sind leider nicht überwunden, wie die verschiedenen

Situationen überall dort zeigen, wo Frauen erniedrigt und sogar regelrech-

ten Formen der Ausbeutung unterworfen werden. Die Dringlichkeit einer

wirklichen Anerkennung der Rechte der Frauen in der Arbeitswelt wird vor

allem unter dem Aspekt der Bezahlung, der Versicherung und der sozialen

Versorgung deutlich.638

 

e) Kinderarbeit


296 Die Kinderarbeit stellt in ihren nicht zu duldenden Formen eine weniger auffäl-

lige, aber deshalb nicht weniger schreckliche Art der Gewalt dar,639 eine Gewalt, die

über ihre politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Implikationen hi-

naus im Wesentlichen ein moralisches Problem bleibt. So mahnt Leo XIII.:

„Es wäre nicht zuzulassen, dass Kinder in die Werkstatt oder Fabrik eintre-

ten, ehe Leib und Geist zur gehörigen Reife gediehen sind. Die Entfaltung

der Kräfte wird in den jungen Wesen durch vorzeitige Anspannung er-

stickt, und ist einmal die Blüte des kindlichen Alters gebrochen, so ist es

um die ganze Entwicklung in traurigster Weise geschehen“.640 Auch heute,

nach über hundert Jahren, ist das Übel der Kinderarbeit noch immer nicht

aus der Welt geschafft.

 

636 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 19: AAS 73 (1981) 628.

637 Johannes Paul II., Brief an die Frauen (29. Juni 1995), 3: AAS 87 (1995) 804.

638 Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 24: AAS 74 (1982) 109–110.

639 Vgl. Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1996,5: AAS 88 (1996) 106–107.

640 Leo XIII., Enz. Rerum novarum: Acta Leonis XIII, 11 (1892) 129.

222

 

In dem Bewusstsein, dass zumindest derzeit in bestimmten Ländern

der Beitrag der Kinderarbeit für den Unterhalt der Familien und die natio-

nale Wirtschaft unverzichtbar ist und dass zumindest einige Arten der Teil-

zeitarbeit für die Kinder selbst von Vorteil sein können, verurteilt die Sozi-

allehre die zunehmende „Ausbeutung der Arbeitskraft von Minderjährigen

unter den Bedingungen der Sklaverei“.641 Diese Ausbeutung stellt eine

schwere Verletzung der Menschenwürde dar, die jedem Menschen zu Eigen

ist, „unabhängig davon, wie klein oder – utilitaristisch betrachtet – schein-

bar unwichtig er sein mag“.642

 

f) Migration und Arbeit


297 Die Einwanderung muss kein Hindernis, sie kann vielmehr eine Quelle der

Entwicklung sein. In der heutigen Welt, in der das Ungleichgewicht zwischen

reichen und armen Ländern stärker wird und die Entwicklung der Kom-

munikation die Entfernungen rasch verringert, kommt es in zunehmen-

dem Maße zur Migration von Personen, die aus den weniger begünstigten

Gebieten der Erde kommen und nach besseren Lebensbedingungen suchen:

Ihr Eintreffen in den entwickelten Ländern wird häufig als eine Bedrohung

des in Jahrzehnten des Wirtschaftswachstums erreichten gehobenen Wohl-

standsniveaus gesehen. In der Mehrzahl der Fälle decken die Eingewander-

ten jedoch in Bereichen und Gebieten, wo die örtlichen Arbeitskräfte nicht

ausreichend vorhanden oder nicht bereit sind, ihren eigenen Arbeitsbeitrag

zu leisten, einen Bedarf ab, der ohne sie nicht befriedigt werden konnte.


298 Die Institutionen der Aufnahmeländer müssen sorgfältig darüber wachen,

dass die Versuchung nicht an Boden gewinnt, ausländische Arbeitskräfte auszubeu-

ten, indem man ihnen die Rechte, die den inländischen Arbeitskräften garantiert sind

und allen ohne Unterschied zugestanden werden müssen, versagt. Die Regelung der

Migration nach Kriterien der Billigkeit und des Gleichgewichts643 ist eine

 

641 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1998, 6: AAS 90 (1998) 153.

642 Johannes Paul II., Botschaft an den UN-Generalsekretär Javier Pérez de Cuellar anlässlich
des Welt-Gipfeltreffens zum Schutz der Kinder (22. September 1990): AAS 83 (1991) 360.

643 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2001, 13: AAS 93 (2001) 241;
Päpstlicher Rat „Cor Unum“ – Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs,
Flüchtlinge – eine Herausforderung zur Solidarität, 6, Der Apostolische Stuhl 1992, 1279.

223

 

der unerlässlichen Voraussetzungen dafür, dass sich die Eingliederung in

einer Weise vollzieht, die die von der Würde des Menschen geforderten Si-

cherheiten garantiert. Die Einwanderer müssen als Personen aufgenommen

und gemeinsam mit ihren Familien bei der Integration in das gesellschaftli-

che Leben unterstützt werden.644 Zu diesem Zweck muss das Recht auf Fa-

milienzusammenführung respektiert und gefördert werden.645 Gleichzeitig

müssen, soweit möglich, alle Umstände begünstigt werden, die die Arbeits-

möglichkeiten in den Herkunftsländern verbessern.646

 

g) Die Landwirtschaft und das Recht auf Arbeit


299 Die landwirtschaftliche Arbeit verdient aufgrund ihrer sozialen, kulturellen

und ökonomischen Rolle, die sie in den Wirtschaftssystemen vieler Länder spielt, auf-

grund der zahlreichen Probleme, mit denen sie in einer zunehmend globalisierten

Wirtschaft zu kämpfen hat, und aufgrund ihrer wachsenden Bedeutung für die Be-

wahrung der natürlichen Umwelt besondere Aufmerksamkeit: Es „sind also radika-

le Änderungen dringend notwendig, um der Landwirtschaft und den in ihr

Tätigen wieder den wahren Wert zu geben, der ihnen als Grundlage einer

gesunden Volkswirtschaft in der gesamten Entwicklung der Gesellschaft

zukommt“.647

Die tiefen und grundlegenden Veränderungen, die sich derzeit auf so-

zialer und kultureller Ebene auch in der Landwirtschaft und der ländlichen

Welt im weiteren Sinne vollziehen, weisen wieder auf die dringende Not-

wendigkeit hin, sich eingehender mit der Bedeutung der landwirtschaftli-

chen Arbeit in ihren vielfältigen Dimensionen auseinanderzusetzen. Es

 

644 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2241.

645 Vgl. Der Heilige Stuhl, Charta der Familienrechte (22. Oktober 1983), Art. 12, Der
Apostolische Stuhl 1983, 1606;
Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio,77: AAS 74 (1982) 175–178.

646 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 66: AAS 58 (1966) 1087–1088;
Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1993,3:AAS 85 (1993) 431–433.

647 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 21: AAS 73 (1981) 634.

224

 

handelt sich hierbei um eine äußerst wichtige Herausforderung, und ihr ist

mit einer Landwirtschafts- und Umweltpolitik zu begegnen, die geeignet

ist, gewisse Vorurteile der Rückständigkeit oder Nebensächlichkeit zu über-

winden und neue Perspektiven für eine moderne Landwirtschaft zu erar-

beiten, die eine bedeutende Rolle im gesellschaftlichen und wirtschaftli-

chen Leben übernehmen kann.


300 In einigen Ländern ist im Kontext einer wirkungsvollen Politik der Agrarre-

form eine Neuverteilung des Bodens unumgänglich, um das Hindernis zu überwinden,

das der von der kirchlichen Soziallehre verurteilte648 unproduktive Großgrundbesitz

einer echten ökonomischen Entwicklung in den Weg legt: „Wenn die Entwick-

lungsländer bestimmte Schwierigkeiten in Angriff nehmen, die als klassi-

sche Strukturprobleme zu definieren sind, können sie dem derzeitigen Pro-

zess des Eigentums an Grund und Boden wirksam entgegenwirken. Zu

diesen Schwierigkeiten zählen Mängel und Versäumnisse in der Gesetz-

gebung bezüglich der Anerkennung von Eigentumsrechten an Grund und

Boden sowie im Hinblick auf den Kreditmarkt; die Vernachlässigung von

Forschung und Ausbildung im Agrarsektor sowie des Sozialwesens und

der Infrastruktur in den ländlichen Gebieten“.649 Die Agrarreform wird so-

mit nicht nur zu einer politischen Notwendigkeit, sondern zu einer mora-

lischen Verpflichtung, da ihre Nichtdurchführung in diesen Ländern die

positiven Auswirkungen verhindert, die sich aus der Öffnung der Märkte

und allgemein aus jenen gewinnbringenden Wachstumschancen ergeben,

die der gegenwärtige Globalisierungsprozess bietet.650

 

648 Vgl. Paul VI., Enz. Populorum progressio, 23: AAS 59 (1967) 268–269.

649 Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Für eine bessere Landverteilung.
Die Herausforderung der Agrarreform (23. November 1997), 13, Sekretariat der
Deutschen Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 140, S. 18.

650 Vgl. Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Für eine bessere Landverteilung.
Die Herausforderung der Agrarreform (23. November 1997), 35, Sekretariat der
Deutschen Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 140, S. 33–34.

225

 

V. RECHTE DER ARBEITNEHMER

 

a) Würde der Arbeitnehmer und Achtung ihrer Rechte


301 Die Rechte der Arbeitnehmer basieren wie alle übrigen Rechte auf der Natur

der menschlichen Person und auf ihrer transzendenten Würde. Das soziale Lehramt

der Kirche sah es als geboten an, einige davon aufzuzählen und ihre Aner-

kennung in den Rechtsordnungen anzumahnen: das Recht auf gerechte

Vergütung;651 das Recht auf Ruhe;652 das Recht auf „Arbeitsräume und Pro-

duktionsprozesse (…), die dem Arbeitnehmer weder gesundheitlich noch

geistig-sittlich schaden“;653 das Recht auf Wahrung der eigenen Persönlich-

keit am Arbeitsplatz, „ohne dass dabei das eigene Gewissen oder die Men-

schenwürde Schaden leiden“;654 das Recht auf angemessene Unterstützung,

die für den Unterhalt der arbeitslosen Arbeitnehmer und ihrer Familien

unerlässlich ist;655 das Recht auf Ruhestandsgeld und Versicherung in Alter,

Krankheit und nach Arbeitsunfällen;656 das Recht auf Mutterschutz;657 das

Versammlungs- und Vereinigungsrecht.658 Diese Rechte werden häufig ver-

letzt, wie die traurigen Phänomene der ungeschützten oder nicht in ange-

messener Weise vertretenen unterbezahlten Arbeit beweisen. Oft sind die

Arbeitsbedingungen für Männer, Frauen und Kinder vor allem in den Ent-

wicklungsländern so unmenschlich, dass sie ihre Würde verletzen und

ihrer Gesundheit schaden.

 

651 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 19: AAS 73 (1981) 625–629.

652 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 19: AAS 73 (1981) 625–629.

653 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 19: AAS 73 (1981) 629.

654 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 15: AAS 83 (1991) 812.

655 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 18: AAS 73 (1981) 622–625.

656 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 19: AAS 73 (1981) 625–629.

657 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 19: AAS 73 (1981) 625–629.

658 Vgl. Leo XIII., Enz. Rerum novarum: Acta Leonis XIII,11(1892) 135;
Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 186;
Pius XII., Enz. Sertum laetitiae: AAS 31 (1939) 643;
Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 262–263;
II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 68: AAS 58 (1966) 1089–1090;
Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 20: AAS 73 (1981) 629–632;
Id., Enz. Centesimus annus,7: AAS 83 (1991) 801–802.

226

 

b) Das Recht auf gerechte Vergütung und Verteilung des Einkommens


302 Die Vergütung ist das wichtigste Mittel, um die Gerechtigkeit in den Arbeits-

verhältnissen zu verwirklichen.659 „Der gerechte Lohn ist die rechtmäßige

Frucht der Arbeit“;660 wer ihn verweigert oder nicht rechtzeitig und im

richtigen Verhältnis zur geleisteten Arbeit auszahlt, begeht ein schweres

Unrecht (vgl. Lk 19, 13; Dtn 24, 14–15; Jak 5, 4). Der Lohn ist das Mittel, das

dem Arbeitnehmer Zugang zu den Gütern der Erde verschafft: „Schließlich

ist die Arbeit so zu entlohnen, dass dem Arbeiter die Mittel zu Gebote ste-

hen, um sein und der Seinigen materielles, soziales, kulturelles und spiritu-

elles Dasein angemessen zu gestalten – gemäß der Funktion und Leistungs-

fähigkeit des Einzelnen, der Lage des Unternehmens und unter Rücksicht

auf das Gemeinwohl“.661 Die einfache Übereinkunft zwischen Arbeitneh-

mer und Arbeitgeber hinsichtlich der Höhe der Vergütung genügt nicht,

um den vereinbarten Lohn als „gerecht“ zu qualifizieren, denn dieser darf

nicht so niedrig sein, „dass er einem genügsamen, rechtschaffenen Arbeiter

den Lebensunterhalt nicht abwirft“:662 die natürliche Gerechtigkeit ist der

Vertragsfreiheit vor- und übergeordnet.


303 Der wirtschaftliche Wohlstand eines Landes misst sich nicht ausschließlich an

der Menge der produzierten Güter, sondern auch daran, wie diese produziert werden

und am Grad der Billigkeit, mit der die Verteilung des Einkommens vorgenommen

wird, die es allen ermöglichen muss, das zu ihrer Verfügung zu haben, was

sie zur Entfaltung und Vervollkommnung der eigenen Person benötigen.

Eine gerechte Verteilung des Einkommens wird auf der Grundlage der Kri-

terien nicht nur der ausgleichenden, sondern auch der sozialen Gerechtig-

keit erzielt, das heißt sie berücksichtigt neben dem objektiven Wert der

Arbeitsleistung auch die Menschenwürde der Subjekte, die diese Leistung

 

659 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 19: AAS 73 (1981) 625–629.

660 Katechismus der Katholischen Kirche, 2434;
vgl. Pius XI., Enz. Quadragesimo anno:AAS 23 (1931) 198–202: „Der gerechte Lohn“
ist der Titel des 4. Kapitels im 2. Teil.

661 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 67: AAS 58 (1966) 1088–1089.

662 Leo XIII., Enz. Rerum novarum: Acta Leonis XIII, 11 (1892) 131.

227

 

erbringen. Ein echter wirtschaftlicher Wohlstand lässt sich außerdem auch

durch eine geeignete Sozialpolitik der Umverteilung des Einkommens verwirk-

lichen, die unter Berücksichtigung der allgemeinen Situation die Verdienste

und die Bedürfnisse jedes einzelnen Bürgers in angemessener Weise in Be-

tracht zieht.

 

c) Das Streikrecht


304 Die Soziallehre erkennt die Rechtmäßigkeit des Streiks an, „wenn er ein un-

vermeidliches, ja notwendiges Mittel zu einem angemessenen Nutzen dar-

stellt“,663 nachdem alle anderen Mittel der Konfliktbewältigung sich als un-

wirksam erwiesen haben.664 Der Streik, eine der am härtesten erkämpften

Errungenschaften der gewerkschaftlichen Verbände, kann als die kollektive

und aufeinander abgestimmte Weigerung der Arbeitnehmer definiert wer-

den, ihre Leistung zu erbringen, mit dem Ziel, über den auf diese Weise auf

die Arbeitgeber, den Staat und die öffentliche Meinung ausgeübten Druck

eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und ihrer sozialen Situation zu

erreichen. Auch der Streik im Sinne „einer Art von Ultimatum“665 muss

immer eine friedliche Methode bleiben, die eigenen Rechte einzufordern

und für sie zu kämpfen; er wird „sittlich unannehmbar, wenn er von Ge-

walttätigkeiten begleitet ist oder wenn man mit ihm Ziele verfolgt, die

nicht direkt mit den Arbeitsbedingungen zusammenhängen oder die dem

Gemeinwohl widersprechen“.666

 

663 Katechismus der Katholischen Kirche, 2435.

664 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 68: AAS 58 (1966) 1089–1090;
Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 20: AAS 73 (1981) 629–630;
Katechismus der Katholischen Kirche, 2430.

665 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 20: AAS 73 (1981) 632.

666 Katechismus der Katholischen Kirche, 2435.

228

 

VI. SOLIDARITÄT UNTER DEN ARBEITNEHMERN

 

a) Die Bedeutung der Gewerkschaften


305 Das Lehramt erkennt die grundlegende Bedeutung der Arbeitnehmergewerk-

schaften an, deren Daseinsberechtigung in dem Recht der Arbeitnehmer besteht, Ver-

einigungen und Verbände zu gründen, um die lebenswichtigen Interessen derer zu

schützen, die in den verschiedenen Bereichen beschäftigt sind. Die Gewerkschaften

„sind aus dem Kampf der Arbeitnehmer, der Arbeiterschaft und vor allem

der Industriearbeiter für den Schutz ihrer legitimen Rechte gegenüber den

Unternehmern und den Besitzern der Produktionsmittel entstanden“.667

Die gewerkschaftlichen Organisationen, die ihr je besonderes Ziel im

Dienst des Gemeinwohls verfolgen, sind ein konstruktiver Faktor der sozia-

len Ordnung und der Solidarität und damit ein unverzichtbarer Bestandteil des

gesellschaftlichen Lebens. Die Anerkennung der Rechte der Arbeit stellt schon

immer ein schwer lösbares Problem dar, weil sie sich innerhalb vielschich-

tiger historischer und institutioneller Prozesse vollzieht, und man kann sa-

gen, dass sie noch heute nicht abgeschlossen ist. Das macht eine echte So-

lidaritätspraxis unter den Arbeitnehmern heute aktueller und notwendiger

denn je.


306 Die Soziallehre fordert, dass die Verhältnisse innerhalb der Arbeitswelt von

Zusammenarbeit geprägt sein müssen: der Hass und der Kampf, der darauf abzielt,

den anderen zu vernichten, sind unter anderem deshalb als Methoden gänzlich unan-

nehmbar, weil die Arbeit und das Kapital für den Produktionsprozess glei-

chermaßen unverzichtbar sind. Ausgehend von dieser Überzeugung ver-

tritt die Soziallehre „nicht die Meinung, dass die Gewerkschaften nur

Ausdruck der »Klassen«-Struktur einer Gesellschaft und Teilnehmer des

Klassenkampfes seien, der unvermeidlich das gesellschaftliche Leben be-

herrsche“.668 Genau genommen sind die Gewerkschaften die treibenden

Kräfte des Kampfes für die soziale Gerechtigkeit, für die Rechte der Arbeit-

nehmer in ihren je eigenen Berufen: „Dieser »Kampf« muss jedoch als ein

normaler Einsatz »für« ein gerechtes Gut angesehen werden (…). Es ist dies

 

667 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 20: AAS 73 (1981) 629.

668 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 20: AAS 73 (1981) 630.

229

 

aber kein Kampf »gegen« andere“.669 Die Gewerkschaft, die vor allem ein

Instrument der Solidarität und Gerechtigkeit ist, darf die Mittel des Kamp-

fes nicht missbrauchen; um ihrer Bestimmung willen muss sie den Ver-

suchungen des Korporativismus widerstehen und lernen, sich selbst zu re-

geln und die Folgen ihrer eigenen Entscheidungen für den größeren

Zusammenhang des Gemeinwohls abzuschätzen.670


307 Der Gewerkschaft kommt neben ihren schützenden und fordernden Funktio-

nen zum einen eine Vertretungsaufgabe zu, die darauf ausgerichtet ist, „zur rechten

Gestaltung des Wirtschaftslebens einen wirksamen Beitrag zu leisten“,671 und zum

anderen die Erziehung des sozialen Gewissens der Arbeitnehmer, damit diese sich

je nach den Fähigkeiten und Einstellungen eines jeden am gesamten Werk

der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung und der Schaffung

des weltweiten Gemeinwohls aktiv beteiligt fühlen. Die Gewerkschaften

und die anderen Formen der Arbeiterverbände müssen eine Funktion der

Zusammenarbeit mit den übrigen sozialen Subjekten übernehmen und

sich für die Verwaltung der öffentlichen Sache interessieren. Die gewerk-

schaftlichen Organisationen haben die Pflicht, die politische Macht dahin-

gehend zu beeinflussen, dass sie in gebührender Weise für die Probleme der

Arbeitswelt sensibilisiert und dazu verpflichtet wird, sich für die Verwirk-

lichung der Arbeiterrechte einzusetzen. Dennoch haben die Gewerkschaf-

ten nicht den Charakter „politischer Parteien“, die um die Macht kämpfen,

und dürfen auch nicht den Entscheidungen der politischen Parteien unter-

worfen werden oder allzu enge Beziehungen mit ihnen unterhalten: „Sonst

verlieren sie nämlich leicht den Kontakt mit ihrem eigentlichen Auftrag,

der Sicherung der berechtigten Ansprüche der Arbeitnehmer im Rahmen

des Gemeinwohls des ganzen Landes, und werden statt dessen ein Werkzeug

für andere Zwecke“.672

 

669 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 20: AAS 73 (1981) 630.

670 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2430.

671 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 68: AAS 58 (1966) 1090.

672 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 20: AAS 73 (1981) 631.

230

 

b) Neue Formen der Solidarität


308 Der heutige sozioökonomische Kontext, der von immer schnelleren Prozessen

der wirtschaftlichen und finanziellen Globalisierung gekennzeichnet ist, drängt die

Gewerkschaften zur Erneuerung. Die Gewerkschaften sind heute zu neuen Formen

des Handelns aufgerufen,673 die darin bestehen, ihren eigenen Aktionsradius

der Solidarität so zu vergrößern, dass neben den traditionellen Kategorien

der Arbeit auch Arbeiter mit atypischen oder mit Teilzeitverträgen geschützt

sind, ebenso wie andere, deren Stellen durch die immer häufigeren Unter-

nehmensfusionen auch auf internationaler Ebene gefährdet sind, Menschen

ohne Beschäftigung, Einwanderer, Saisonarbeiter sowie alle diejenigen, die

vom Arbeitsmarkt verdrängt werden, weil sie in ihrem Beruf nicht mehr

auf dem neuesten Stand sind und ohne entsprechende Fortbildungsmaß-

nahmen dort nicht mehr Fuß fassen können.

Angesichts der Veränderungen in der Arbeitswelt kann die Solidarität

wiederhergestellt und vielleicht noch besser begründet werden als in der

Vergangenheit, wenn man sich für eine Wiederentdeckung des subjektiven

Werts der Arbeit einsetzt: „Man muss sich daher weiterhin die Frage nach

dem Subjekt der Arbeit und nach seinen Lebensbedingungen stellen“. Des-

halb „bedarf es immer neuer Bewegungen von Solidarität der Arbeitenden

und mit den Arbeitenden“.674


309 Indem sie „neue Formen der Solidarität“
675 anstreben, müssen die Arbeit-

nehmerverbände sich darauf einstellen, mehr Verantwortung zu überneh-

men, und zwar nicht nur in Bezug auf die traditionellen Mechanismen der

Umverteilung, sondern auch im Hinblick auf die Produktion des Reichtums

und auf die Schaffung von sozialen, politischen und kulturellen Bedingun-

gen, die es allen, die arbeiten können und wollen, unter vollständiger Wah-

rung ihrer Würde als Arbeitnehmer ermöglichen, ihr Recht auf Arbeit

wahrzunehmen. Die schrittweise Überwindung des auf der Lohnarbeit in

 

673 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des Internationalen Treffens für
Gewerkschaftsvertreter (2. Dezember 1996), 4: Insegnamenti di Giovanni Paolo II,XIX,2 (1996) 865.

674 Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 8: AAS 73 (1981) 597.

675 Johannes Paul II., Botschaft an die Teilnehmer des Internationalen Treffens zur Arbeit
(14. September 2001), 4: L’Osservatore Romano, 16. September 2001, S. 7.

231

 

einem großen Unternehmen basierenden Organisationsmodells lässt zu-

dem eine Aktualisierung der Normen und sozialen Versorgungssysteme

als ratsam erscheinen, durch die die Arbeitnehmer bisher geschützt worden

sind, wobei ihre Grundrechte natürlich unangetastet bleiben müssen.

 

VII. DIE „RES NOVAE“ DER ARBEITSWELT

 

a) Eine Epoche des Übergangs


310 Eine der bedeutendsten Ursachen für die gegenwärtige Wandlung der Arbeits-

organisation ist im Phänomen der Globalisierung gegeben: Dadurch, dass Unterneh-

men an Orte verlagert werden, die weit von den Schauplätzen der strategischen Ent-

scheidungen und von den eigentlichen Konsummärkten entfernt sind, wird es möglich,

neue Produktionsformen zu erproben. Zwei Faktoren treiben dieses Phänomen

voran: die außerordentliche Schnelligkeit einer räumlich und zeitlich unbe-

grenzten Kommunikation sowie die relative Mühelosigkeit, mit der Waren

und Personen von einem Teil des Erdballs zum anderen transportiert wer-

den. Dies bringt eine grundlegende Konsequenz für die Produktionsprozes-

se mit sich: Das Eigentum ist immer weiter entfernt und den sozialen Aus-

wirkungen der getroffenen Entscheidungen gegenüber oft gleichgültig.

Wenn es aber andererseits zutrifft, dass die Globalisierung an sich a priori

weder gut noch schlecht ist, sondern davon abhängt, wie der Mensch sie

gebraucht,676 dann ist festzuhalten, dass eine Globalisierung der Schutzmaßnah-

men, der wesentlichen Mindestrechte und der Billigkeit erforderlich ist.


311 Eines der wichtigsten Merkmale der Neuorganisation der Arbeit ist die physi-

sche Aufsplitterung des Produktionskreislaufs zum Zweck einer höheren Effizienz und

höherer Gewinne. In diesem Zusammenhang erleben die Koordinaten von

Raum und Zeit, die den Rahmen für den Produktionskreislauf bildeten,

eine nie da gewesene Umgestaltung, die eine Wandlung der Struktur der

Arbeit selbst zur Folge hat. All das hat bedeutende Auswirkungen auf das

Leben der Einzelnen und der Gemeinschaften, die sowohl hinsichtlich der

 

676 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie für
Sozialwissenschaften (27. April 2001), 2: AAS 93 (2001) 599.

232

 

materiellen Bedingungen als auch hinsichtlich der Kultur und der Werte

radikalen Veränderungen unterworfen sind. Dieses Phänomen betrifft auf

globaler und lokaler Ebene Millionen von Menschen unabhängig von

ihrem Beruf, ihrer sozialen Situation, ihren kulturellen Voraussetzungen.

Die Neuorganisation der Zeit, ihre Regelung und die sich in der Nutzung

des Raums vollziehenden Änderungen – die in ihrem Ausmaß der ersten

industriellen Revolution vergleichbar sind, da sie ungeachtet des Entwick-

lungsgrades alle Produktionssektoren auf allen Kontinenten betreffen –

sind daher auch auf ethischer und kultureller Ebene als eine entscheidende

Herausforderung im Hinblick auf die Definition eines erneuerten Systems

zum Schutz der Arbeit zu betrachten.


312 Die Globalisierung der Wirtschaft – und mit ihr die Liberalisierung der Märk-

te, die Verschärfung der Konkurrenz, die wachsende Zahl von Firmen, die sich auf die

Lieferung von Produkten und Dienstleistungen spezialisieren – erfordert eine größere

Flexibilität am Arbeitsmarkt und in der Organisation und Verwaltung der Produkti-

onsprozesse. Bei der Bewertung dieser schwierigen Materie scheint es ratsam,

auf der Ebene der Moral, der Kultur und der Planung besondere Aufmerk-

samkeit darauf zu verwenden, dass das soziale und politische Handeln sich

in einer ihrerseits völlig neuen marktwirtschaftlichen Situation auf die The-

menbereiche konzentriert, die mit der Identität und den Inhalten der neuen

Arbeit verbunden sind. Die Veränderungen des Arbeitsmarkts sind häufig

nicht die Ursache, sondern eine Folge der Veränderungen der Arbeit selbst.


313 Die Arbeit durchläuft vor allem in den Wirtschaftssystemen der eher weit ent-

wickelten Länder eine Phase des Übergangs von einer industriellen zu einer im We-

sentlichen auf Dienstleistungen und technologischer Innovation basierenden Wirt-

schaft. Das heißt, die stark informativ geprägten Dienstleistungen und

Tätigkeiten wachsen schneller als die der traditionellen Primär- und Sekun-

därsektoren, was weitreichende Konsequenzen für die Organisation der

Produktion und des Austauschs, den Inhalt und die Form der Arbeitsleis-

tungen und die sozialen Versorgungssysteme hat.

Dank der technologischen Innovationen wird die Arbeitswelt durch neue Berufe

bereichert, während andere verschwinden. In der gegenwärtigen Übergangsphase

findet eine beständige Abwanderung der Beschäftigten vom industriellen

zum Dienstleistungssektor statt. Während das wirtschaftliche und soziale

 

233

 

Modell der großen Fabrik und der Arbeit einer homogenen Klasse von

Werktätigen an Boden verliert, verbessern sich die Beschäftigungsaussich-

ten im tertiären Sektor und nehmen insbesondere die Arbeitstätigkeiten im

Bereich der persönlichen Dienstleistungen, der Teilzeitarbeit, der vorüber-

gehenden und der „atypischen“ Beschäftigungen zu, bei denen es sich um

Formen der Arbeit handelt, die sich weder als abhängige noch als selbst-

ständige Arbeit definieren lassen.


314 Gegenwärtig vollzieht sich ein Übergang von der auf unbegrenzte Zeit abhän-

gigen Arbeit im Sinne einer Festanstellung hin zu einem Berufsleben, das von einer

Vielfalt von Arbeitstätigkeiten gekennzeichnet ist; von einer kompakten, klar de-

finierten und anerkannten Arbeitswelt hin zu einem bunten, sich ständig

verändernden, verheißungsvollen Universum, das aber auch vor allem an-

gesichts der wachsenden Unsicherheit der Beschäftigungsperspektiven, der

fortdauernden Phänomene struktureller Arbeitslosigkeit und der Unzu-

länglichkeit der derzeitigen sozialen Versorgungssysteme besorgniserre-

gende Fragen aufwirft. Die Forderungen des Wettbewerbs, der technologi-

schen Innovation und der Komplexität des Kapitalf lusses müssen mit dem

Schutz des Arbeiters und seiner Rechte in Einklang gebracht werden.

Unsicherheit und Instabilität prägen nicht nur die Arbeitssituation der

Menschen in den eher weit entwickelten Ländern, sondern auch und vor

allem die wirtschaftlich weniger fortgeschrittenen Regionen des Planeten

in Entwicklungsländern und in Staaten, deren Wirtschaft sich in einer Pha-

se der Umgestaltung befindet. Letztere müssen sich neben den vielschichti-

gen Problemen, die mit dem Wandel der Wirtschafts- und Produktions-

modelle verknüpft sind, auch täglich mit den schwierigen Forderungen

auseinandersetzen, die sich aus dem aktuellen Globalisierungsprozess erge-

ben. Besonders für die Arbeitswelt ist die Situation dramatisch, weil von

umfassenden und radikalen Veränderungen kultureller und struktureller

Art betroffen, die häufig weder von der Gesetzgebung noch vom Bildungs-

system noch von sozialen Hilfeleistungen aufgefangen werden.


315 Dadurch, dass die Dezentralisierung der Produktion den kleineren Betrieben

vielfältige Aufgaben zuweist, die zuvor in den großen Produktionseinheiten konzen-

triert waren, gewinnen die kleinen und mittleren Unternehmen Kraft und neuen

Schwung. Auf diese Weise entstehen neben dem traditionellen Handwerk

 

234

 

neue Betriebe mit kleinen Produktionseinheiten, die moderne Produkti-

onsbereiche oder von den größeren Unternehmen abgekoppelte Tätigkei-

ten übernehmen. Viele Tätigkeiten, für die gestern noch Angestellte erfor-

derlich waren, werden heute in neuen Formen umgesetzt, die die

selbstständige Arbeit begünstigen und von einem größeren Risiko und grö-

ßerer Verantwortung geprägt sind.

Die Arbeit in den kleinen und mittleren Betrieben, die handwerkliche und die

selbstständige Arbeit können zu einer Gelegenheit werden, das Arbeitsleben mensch-

licher zu gestalten, sei es durch die Möglichkeit, in einer überschaubaren Ge-

meinschaft positive zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen, sei es

durch die Vorteile, die sich aus einem Mehr an Initiative und Unternehmer-

geist ergeben; dennoch sind auch die Fälle ungerechter Behandlung sowie

schlecht bezahlter und vor allem unsicherer Arbeit in diesen Sektoren nicht

selten.


316 In den Entwicklungsländern hat sich zudem in den vergangenen Jahren das

Phänomen einer wachsenden Zahl „informeller“ oder „schattenwirtschaftlicher“ Ak-

tivitäten ausgebreitet, das zwar ein vielversprechendes Zeichen für ökonomisches

Wachstums darstellt, andererseits jedoch ethische und juristische Probleme aufwirft.

Der durch diese Tätigkeiten hervorgerufene beträchtliche Anstieg an Ar-

beitsplätzen ist eine Folge der fehlenden Spezialisierung eines großen Teils

der örtlichen Arbeitnehmer und der ungeordneten Entwicklung der for-

mellen Wirtschaftssektoren. Eine große Zahl von Personen ist somit dazu

gezwungen, unter äußerst unangenehmen Bedingungen und in einem Rah-

men zu arbeiten, in dem die Würde des Arbeiters nicht durch Regeln ge-

schützt ist. Das Niveau der Produktivität, des Einkommens und des Lebens-

standards ist extrem niedrig und erweist sich oft als nicht ausreichend, um

den Unterhalt der Arbeiter und ihrer Familien zu gewährleisten.

 

b) Soziallehre und „res novae“


317 Angesichts der eindrucksvollen „res novae“ der Arbeitswelt warnt die Kirche

insbesondere vor der irrtümlichen Ansicht, die gegenwärtigen Veränderungen voll-

zögen sich in deterministischer Weise. Der entscheidende Faktor und der

„Schiedsrichter“ dieser komplexen Phase des Wandels ist noch immer der

 

235

 

Mensch, der der eigentliche Protagonist seiner Arbeit bleiben muss. Er kann

und muss die gegenwärtigen Innovationen und Umstrukturierungen krea-

tiv und verantwortungsbewusst so gestalten, dass sie zum Wachstum der

Person, der Familie, der Gesellschaft und der gesamten Menschheitsfamilie

beitragen.677 Erhellend für alle ist der Hinweis auf die subjektive Dimension der

Arbeit, der nach der kirchlichen Soziallehre der Vorrang gebührt, weil die

menschliche Arbeit „das unmittelbare Werk der nach dem Bilde Gottes ge-

schaffenen Menschen [ist]. Diese sind dazu berufen, miteinander das

Schöpfungswerk fortzusetzen, indem sie über die Erde herrschen“.678


318 Die mechanistischen und ökonomistischen Deutungen der produktiven Tätig-

keit halten, obwohl sie vorherrschend oder doch zumindest einflussreich sind, einer

wissenschaftlichen Analyse der mit der Arbeit verbundenen Probleme nicht stand.

Derartige Vorstellungen erweisen sich heute mehr denn je als vollkommen

unzureichend, um die Tatsachen zu interpretieren, die die Bedeutung der

Arbeit als einer freien und kreativen Tätigkeit des Menschen jeden Tag

deutlicher werden lassen. Auch die konkrete Situation muss ein Anlass da-

zu sein, eingeschränkte und in Anbetracht der Dynamik, die derzeit am

Werk ist, unzureichende theoretische Horizonte und praktische Kriterien

unverzüglich zu überwinden, die in sich ungeeignet sind, die ganze Palette

der konkreten und drängenden menschlichen Bedürfnisse auszumachen,

zumal diese weit über die rein wirtschaftlichen Kategorien hinausgehen.

Die Kirche weiß sehr wohl und lehrt schon immer, dass der Mensch im

Unterschied zu jedem anderen Lebewesen Bedürfnisse hat, die sich nicht

auf das „Haben“ beschränken,679 weil seine Natur und seine Berufung un-

trennbar mit dem Transzendenten verbunden sind. Die menschliche Per-

son lässt sich auf das Abenteuer ein, die Sachenwelt durch Arbeit umzuge-

stalten, um in erster Linie materielle Bedürfnisse zu befriedigen, aber sie

folgt damit einem Impuls, der sie dazu drängt, immer über das Erreichte

 

677 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 10: AAS 73 (1981) 600–602.

678 Katechismus der Katholischen Kirche,2427.

679 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 35: AAS 58 (1966) 1053;
Paul VI., Enz. Populorum progressio, 19: AAS 59 (1967) 266–267;
Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 20: AAS 73 (1981) 629–632;
Id., Enz. Sollicitudo rei socialis, 28: AAS 80 (1988) 548–550.

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hinauszugehen und weiter nach dem zu suchen, was ihren unauslösch-

lichen inneren Bedürfnissen in tieferer Weise entspricht.


319 Die historischen Ausdrucksformen der menschlichen Arbeit verändern sich,

doch ihre bleibenden Forderungen, die sich im Respekt vor den unveräußerlichen Rech-

ten des arbeitenden Menschen zusammenfassen lassen, dürfen sich nicht verändern.

Angesichts der Gefahr, dass diese Rechte geleugnet werden, müssen neue

Formen der Solidarität erdacht und geschaffen werden, die die wechselseitige

Abhängigkeit der arbeitenden Menschen untereinander in Betracht ziehen.

Je tiefer die Veränderungen greifen, desto entschlossener müssen sich Intel-

ligenz und Wille dafür einsetzen, die Würde der Arbeit zu schützen, indem

sie die auf den verschiedenen Ebenen zuständigen Institutionen stärken.

Diese Sichtweise ermöglicht es, die gegenwärtigen Wandlungsprozesse in

die so notwendige Richtung der Komplementarität zwischen dem örtlichen

und dem globalen Wirtschaftsraum zu lenken; zwischen „alter“ und „neu-

er“ Wirtschaft; zwischen technologischer Innovation und der Forderung,

die menschliche Arbeit zu schützen; zwischen Wirtschaftswachstum und

umweltverträglicher Entwicklung.


320 Die Wissenschaftler und die Menschen von Bildung sind dazu aufgerufen, zur

Lösung der umfangreichen und vielschichtigen Probleme der Arbeit, die in manchen

Bereichen dramatische Ausmaße annehmen, ihren je eigenen und im Hinblick auf die

richtigen Entscheidungen so wichtigen Beitrag zu leisten. Diese Verantwortung

verlangt von ihnen, die Risiken und die Chancen der sich abzeichnenden

Veränderungen aufzuzeigen und vor allem Handlungsentwürfe vorzulegen,

die den Wandel in die Richtung lenken, die für die Entwicklung der gesam-

ten Menschheitsfamilie die günstigste ist. Ihnen kommt die schwere Auf-

gabe zu, die gesellschaftlichen Phänomene mit Einsicht und Wahrheitsliebe

und unbeeinflusst von persönlichen oder Gruppeninteressen zu verstehen

und zu deuten. Ihr Beitrag wird gerade wegen seiner theoretischen Natur zu

einem wichtigen Bezugspunkt für das konkrete Handeln der Wirtschafts-

politik.680

 

680 Vgl. Johannes Paul II., Botschaft an die Teilnehmer der Internationalen Treffens zur
Arbeit (14. September 2001), 5: L’Osservatore Romano, 16. September 2001, S. 7.

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321 Die derzeitigen Szenarien einer tiefen Umgestaltung der menschlichen Arbeit

lassen eine wirklich globale und solidarische Entwicklung noch wichtiger werden, die

alle Gebiete der Welt, auch die weniger begünstigten, umfasst. Für diese letzteren

stellt der Beginn eines weitreichenden solidarischen Entwicklungsprozes-

ses nicht nur eine konkrete Möglichkeit zur Schaffung neuer Arbeitsplätze,

sondern auch eine wahre und eigentliche Voraussetzung für das Überleben

ganzer Völker dar: „Es ist nötig, dass wir die Solidarität globalisieren“.681

Das bestehende wirtschaftliche und soziale Ungleichgewicht in der Arbeitswelt

muss mit der Wiedereinsetzung einer gerechten Wertehierarchie und mit der Vorrang-

stellung der Würde der arbeitenden Person bekämpft werden: „Nie dürfen die neuen

Gegebenheiten, die sich machtvoll in den Produktionsprozess einschalten,

wie zum Beispiel die Globalisierung der Finanzwelt, der Wirtschaft, des

Handels und der Arbeit, die Würde und die Vorrangstellung des Menschen

oder die Freiheit und Demokratie der Völker verletzen. Solidarität, Betei-

ligung und die Möglichkeit, diese radikalen Veränderungen zu beherrschen,

sind – wenn schon nicht die Lösung – so doch sicherlich die nötige ethische

Gewähr, damit Personen und Völker nicht Werkzeuge, sondern Hauptver-

antwortliche ihrer Zukunft werden. All das kann Wirklichkeit werden, und

da es möglich ist, wird es auch zur Pflicht“.682


322 Es wird immer wichtiger, die neue Arbeitssituation im gegenwärtigen Kontext

der Globalisierung zu betrachten und dabei zu berücksichtigen, dass der Mensch von

Natur aus dazu neigt, Beziehungen zu knüpfen. In diesem Zusammenhang ist

festzuhalten, dass die Universalität keine Dimension der Sachen, sondern

eine Dimension des Menschen ist. Die Technik mag die instrumentelle Ur-

sache der Globalisierung sein, doch ihre letzte Ursache ist die Universalität

der Menschheitsfamilie. Deshalb hat auch die Arbeit eine universale Di-

mension, weil sie auf dem Beziehungscharakter des Menschen basiert. Vor

allem die elektronischen Techniken haben die Globalisierung beschleunigt

und so die Voraussetzungen dafür geschaffen, diesen Beziehungsaspekt der

Arbeit über den ganzen Erdball zu verbreiten. Das letzte Fundament dieser

 

681 Johannes Paul II., Worte nach der heiligen Messe zur Heiligjahrfeier der Arbeiter
(1. Mai 2000), 2: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, XXIII, 1 (2000) 720.

682 Johannes Paul II., Predigt der Heiligen Messe zur Heiligjahrfeier der Arbeiter (1. Mai 2000),
3: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, XXIII, 1 (2000) 717.

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Dynamik ist der arbeitende Mensch, ist immer das subjektive, nie das ob-

jektive Element. Auch die globalisierte Arbeit hat ihren Ursprung daher in

der anthropologischen Grundlage der der Arbeit innewohnenden Bezie-

hungsdimension. Die negativen Seiten der Globalisierung dürfen nicht die

Chancen zunichte machen, die sich für alle auftun, nämlich auf weltweiter

Ebene einem Humanismus der Arbeit und einer Solidarität der Arbeitswelt Gestalt

zu geben, damit der Mensch, der in einem solchen erweiterten und vernetz-

ten Kontext arbeitet, seine Berufung zu Einheit und Solidarität immer bes-

ser versteht.

 

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