Siebtes Kapitel

SIEBTES KAPITEL

DAS WIRTSCHAFTSLEBEN

 

I. BIBLISCHE ASPEKTE

 

a) Der Mensch, Armut und Reichtum

323 Im Alten Testament begegnen wir einer zweigeteilten Einstellung zu den wirt-

schaftlichen Gütern und zum Reichtum. Auf der einen Seite schätzt man die Verfüg-

barkeit der materiellen Güter, die als lebensnotwendig betrachtet werden: Die Fülle –

nicht aber der Reichtum oder der Luxus – wird zuweilen als ein Segen Got-

tes betrachtet. In der Weisheitsliteratur wird die Armut als negative Folge

der Trägheit und des fehlenden Fleißes (vgl. Spr 10, 4), doch auch als natür-

liche Gegebenheit beschrieben (vgl. Spr 22, 2). Auf der anderen Seite werden

nicht die wirtschaftlichen Güter und der Reichtum selbst, sondern nur ihr negativer

Gebrauch verurteilt. Die prophetische Tradition brandmarkt Betrügereien,

Wucher, Ausbeutung, grobe Ungerechtigkeiten vor allem den Ärmsten ge-

genüber (vgl. Jes 58, 3–11; Jer 7, 4–7; Hos 4, 1–2; Am 2, 6–7; Mi 2, 1–2). Diese

Tradition betrachtet die Armut der Unterdrückten, der Schwachen und der

Bedürftigen zwar als ein Übel, sieht darin jedoch auch ein Symbol der Si-

tuation des Menschen vor Gott, von dem alles Gute kommt – als ein Ge-

schenk, das es zu verwalten und zu teilen gilt.


324 Wer unabhängig von seiner Lebenssituation seine eigene Armut vor Gott er-

kennt, zieht Gottes besondere Aufmerksamkeit auf sich: Wenn der Arme sucht,

antwortet der Herr; wenn er schreit, wird er erhört. Den Armen gelten die

Verheißungen Gottes: Sie werden die Erben des Bundes sein, den er mit

seinem Volk geschlossen hat. Das heilbringende Eingreifen Gottes wird

durch einen neuen David geschehen (vgl. Ez 34, 22–31), der ebenso und

noch mehr als König David die Armen verteidigen und sich für die Gerech-

tigkeit einsetzen wird; er wird einen neuen Bund schließen und ein neues

Gesetz in die Herzen der Gläubigen schreiben (vgl. Jer 31, 31–34).

Wenn die Armut im Geist der Religiosität angenommen und gesucht wird, befä-

higt sie dazu, die Ordnung des Geschaffenen anzuerkennen und zu akzeptieren;der

 

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„Reiche“ ist in diesem Zusammenhang derjenige, der den Dingen, die er

besitzt, mehr vertraut als Gott, der Mensch, der stark wird durch das Werk

seiner Hände und sich allein auf diese seine Stärke verlässt. Die Armut wird

zu einem moralischen Wert, wenn sie sich in demütiger Verfügbarkeit und

vertrauensvoller Offenheit gegenüber Gott äußert. Diese Haltungen verset-

zen den Menschen in die Lage, die Relativität der wirtschaftlichen Güter zu

erkennen und sie als göttliche Geschenke zu behandeln, die es zu verwalten

und zu teilen gilt, weil Gott der ursprüngliche Eigentümer aller Güter ist.


325 Jesus greift die gesamte Überlieferung des Alten Testaments auch hinsichtlich

der wirtschaftlichen Güter, des Reichtums und der Armut auf und verleiht ihnen eine

endgültige Klarheit und Fülle (vgl. Mt 6, 24 und 13, 22; Lk 6, 20–24 und 12, 15–21;

Röm 14, 6–8 und 1 Tim 4, 4). Indem er seinen Geist aussendet und die Her-

zen verwandelt, errichtet er das „Reich Gottes“, in dem ein neues Zusam-

menleben in Gerechtigkeit, Brüderlichkeit, Solidarität und im Teilen mög-

lich sein wird. Das von Christus gegründete Reich vervollkommnet die

ursprüngliche Gutheit des Geschaffenen und des menschlichen Tuns, die

durch die Sünde beeinträchtigt worden war. Vom Bösen befreit und wieder

in die Gemeinschaft mit Gott hineingenommen, kann jeder Mensch mit

der Hilfe des Heiligen Geistes das Werk Jesu fortsetzen: den Armen Gerech-

tigkeit widerfahren lassen, die Unterdrückten befreien, die Betrübten trös-

ten und aktiv nach einer neuen sozialen Ordnung streben, die angemessene

Lösungen für das Problem der materiellen Armut bereithält und jenen

Kräften wirkungsvoller Einhalt gebietet, die verhindern wollen, dass die

Schwächsten ihre Situation des Elends und der Sklaverei abzuschütteln ver-

mögen. Wenn das geschieht, ist das Reich Gottes auf dieser Erde bereits

gegenwärtig, obwohl es ihr nicht angehört. In ihm finden die Verheißun-

gen der Propheten ihre letzte Erfüllung.


326 Im Licht der Offenbarung muss die wirtschaftliche Aktivität als eine bejahen-

de Antwort auf die Berufung betrachtet und entfaltet werden, die Gott jedem Men-

schen schenkt. Er ist in den Garten hineingestellt, um ihn zu bebauen und zu

hüten, ihn innerhalb genau festgelegter Grenzen (vgl. Gen 2, 16–17) zu nut-

zen und ihn so letztlich zu vervollkommnen (vgl. Gen 1, 26–30; 2, 15–16;

Weish 9, 2–3). Indem er zum Zeugen der Größe und Güte des Schöpfers

wird, geht der Mensch der Fülle der Freiheit entgegen, zu der Gott ihn be-

 

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rufen hat. Eine gute Verwaltung der empfangenen – auch materiellen – Gü-

ter ist ein Werk der Gerechtigkeit gegenüber sich selbst und den anderen

Menschen: Das, was man empfängt, muss gut genutzt, bewahrt und ver-

mehrt werden, wie das Gleichnis von den Talenten lehrt (vgl. Mt 25, 14–

30; Lk 19, 12–27).

Die wirtschaftliche Tätigkeit und der materielle Fortschritt müssen in den Dienst

des Menschen und der Gesellschaft gestellt werden; wenn man sich ihnen mit dem

Glauben, der Hoffnung und der Liebe der Jünger Christi widmet, können

auch Wirtschaft und Fortschritt zu Orten des Heils und der Heiligung wer-

den; auch in diesen Bereichen ist es möglich, einer mehr als menschlichen

Liebe und Solidarität Ausdruck zu verleihen und zum Wachstum einer

neuen Menschheit beizutragen, die die Welt der letzten Zeiten vorweg-

nimmt.683 Jesus fasst die gesamte Offenbarung in der Aufforderung an

den Gläubigen zusammen, vor Gott reich zu werden (vgl. Lk 12, 21): Auch

die Wirtschaft dient diesem Ziel, wenn sie ihre Rolle als Instrument des

globalen Wachstums von Mensch und Gesellschaft und menschlicher Le-

bensqualität nicht verleugnet.


327 Der Glaube an Jesus Christus ermöglicht ein richtiges Verständnis der sozialen

Entwicklung im Kontext eines umfassenden und solidarischen Humanismus. Der

theologische Beitrag des sozialen Lehramts ist in dieser Hinsicht sehr nütz-

lich: „Während der Glaube an Christus, den Erlöser, das Wesen der Entwick-

lung von innen her erhellt, weist er uns auch den Weg bei der Aufgabe der

Zusammenarbeit. Im Brief des heiligen Paulus an die Kolosser lesen wir,

dass Christus der »Erstgeborene der ganzen Schöpfung« ist und »alles durch

ihn und auf ihn hin geschaffen ist« (1, 15–16). Denn jedes Ding »hat in ihm

Bestand«, weil »Gott mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen wollte, um

durch ihn alles zu versöhnen« (ibid. 1, 20).

In diesen göttlichen Plan, der von Ewigkeit her in Christus, dem voll-

kommenen »Ebenbild« des Vaters, beginnt und in ihm als dem »Erstgebore-

nen der Toten« (ibid. 1, 15–18) seinen Höhepunkt findet, fügt sich unsere Ge-

schichte ein, die von unserem persönlichen wie kollektiven Bemühen

gekennzeichnet ist, die menschliche Lage zu bessern und die auf unserem

 

683 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 25–27: AAS 73 (1981) 638–647.

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Weg immer wieder entstehenden Widerstände zu überwinden, indem wir

uns so auf die Teilnahme an jener Fülle vorbereiten, die »in ihm wohnt« und

die er »seinem Leib, der die Kirche ist«, mitgeteilt hat (ibid. 1, 18; vgl. Eph

1, 22–23), während die Sünde, die uns stets bedrängt und unsere mensch-

lichen Unternehmungen beeinträchtigt, durch die von Christus gewirkte

»Versöhnung« besiegt und entgolten worden ist (vgl. Kol 1, 20)“.684

b) Reichtum existiert, um geteilt zu werden


328 Auch die Güter, die man rechtmäßig besitzt, behalten immer ihre allgemeine

Bestimmung; jede Form ihrer unangemessenen Anhäufung ist unmoralisch, weil sie

der von Gott, dem Schöpfer, allen Gütern verliehenen universalen Bestimmung offen

widerspricht. Das christliche Heil ist nämlich eine umfassende Befreiung des

Menschen: von der Bedürftigkeit, aber auch vom Besitz selbst: „Denn die

Wurzel aller Übel ist die Habsucht. Nicht wenige, die ihr verfielen, sind vom

Glauben abgeirrt und haben sich viele Qualen bereitet“ (1 Tim 6, 10). Die

Kirchenväter betonen die Notwendigkeit der Umkehr und Umbildung des

Gewissens der Gläubigen stärker als die Forderung nach einer Veränderung

der sozialen und politischen Strukturen ihrer Zeit und appellieren an jeden,

der einer wirtschaftlichen Tätigkeit nachgeht und Güter besitzt, sich als

Verwalter dessen zu betrachten, was Gott ihm anvertraut hat.


329 Die Reichtümer erfüllen ihre dienende Funktion am Menschen, wenn sie einge-

setzt werden, um Güter für die anderen und für die Gesellschaft zu produzieren:685

„Wie könnten wir dem Nächsten Gutes tun, wenn alle nichts besäßen?“,

fragt sich Clemens Alexandrinus.686 In der Sicht des heiligen Johannes

Chrysostomus gehören die Reichtümer einigen, damit diese sich Verdienste

erwerben können, indem sie sie mit den anderen teilen.687 Sie sind ein Gut,

das von Gott kommt: Wer es besitzt, muss es gebrauchen und es in Umlauf

bringen, sodass auch die Bedürftigen in seinen Genuss kommen; als Übel

 

684 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 31: AAS 80 (1988) 554–555.

685 Vgl. Hermas, Pastor, Liber Tertium, Similitudo I:PG2, 954.

686 Clemens von Alexandrien, Quis dives salvetur, 13: PG 9, 618.

687 Vgl. Johannes Chrysostomus, Homiliae XXI de Statuis ad populum Antiochenum habitae,2, 6–8:PG49, 41–46.

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ist es zu betrachten, wenn jemand sich übertrieben an den Reichtum klam-

mert und ihn für sich alleine behalten will. Der heilige Basilius der Große

fordert die Reichen dazu auf, die Tore ihrer Lagerräume aufzureißen, und

ruft: „Ein großer Fluss ergießt sich in tausend Kanälen über das fruchtbare

Land: So sollst du auf tausend Wegen dafür sorgen, dass der Reichtum in

den Häusern der Armen Einzug hält“.688 Der Reichtum, so erklärt der hei-

lige Basilius, ist wie das Wasser, das umso klarer aus der Quelle hervorspru-

delt, je häufiger man aus ihr schöpft, während es faulig wird, wenn nie-

mand die Quelle benutzt.689 U nd der heilige Gregor der Große wird später

sagen, dass der Reiche nur ein Verwalter dessen ist, was er besitzt; dem

Bedürftigen das Notwendige zu geben ist ein Werk, das mit Demut verrich-

tet werden muss, weil die Güter nicht dem gehören, der sie verteilt. Wer

den Reichtum für sich behält, ist nicht unschuldig; ihn dem zu geben, der

ihn benötigt, bedeutet, eine Schuld zu begleichen.690

II. MORAL UND WIRTSCHAFT


330 Die Soziallehre der Kirche betont den sittlichen Aspekt der Wirtschaft.
Pius XI.

äußert sich in der Enzyklika „Quadragesimo anno“ zum Verhältnis zwischen

Wirtschaft und Moral: „Wenngleich Wirtschaft und Sittlichkeit jede in

ihrem Bereich eigenständig sind, so wäre es doch ein Irrtum, die Bereiche

des Wirtschaftlichen und des Sittlichen derart auseinanderzureißen, dass

jener außer aller Abhängigkeit von diesem tritt. Die so genannten Wirt-

schaftsgesetze, aus dem Wesen der Sachgüter wie aus dem Geist-Leib-We-

sen des Menschen erfließend, besagen nur etwas über das Verhältnis von

Mittel und Zweck und zeigen so, welche Zielsetzungen auf wirtschaftli-

chem Gebiet in der Macht des Menschen und welche nicht in der Macht

des Menschen liegen. Aus der gleichen Sachgüterwelt sowie der Individual-

und Sozial-Natur des Menschen entnimmt sodann die menschliche Ver-

 

688 Basilius der Große, Homilia in illud Lucae, Destruam horrea mea,5: PG 31, 271.

689 Vgl. Basilius der Große, Homilia in illud Lucae, Destruam horrea mea,5: PG 31, 271.

690 Vgl. Gregor der Große, Regula pastoralis, 3, 21: PL 77, 87–89. § 21 ist so überschrieben:
„Quomodo admonendi qui aliena non appetunt, sed sua retinent; et qui
sua tribuentes, aliena tamen rapiunt“.

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nunft mit voller Bestimmtheit das von Gott, dem Schöpfer, der Wirtschaft

als Ganzem vorgesteckte Ziel. Anders das Sittengesetz. Ihm allein eignet

verpflichtende Kraft, mit der es unsern Willen bindet, wie in all unserm

Tun und Lassen die Richtung auf unser höchstes und letztes Ziel, so in

den verschiedenen Sachbereichen die Ausrichtung auf die jedem einzelnen

von ihnen vom Schöpfer erkennbar vorgesteckten Ziele und damit zu-

gleich die rechte Stufenordnung der Ziele bis zum höchsten und letzten

allzeit innezuhalten“.691


331 Das Verhältnis zwischen Moral und Wirtschaft ist notwendig und wesentlich:

wirtschaftliche Aktivität und moralisches Verhalten durchdringen einander im Inners-

ten. Die notwendige Unterscheidung zwischen Moral und Wirtschaft hat keine Tren-

nung der beiden Bereiche, sondern im Gegenteil eine bedeutsame Wechselseitigkeit zur

Folge. So, wie im moralischen Bereich die Gründe und Forderungen der

Wirtschaft in Betracht gezogen werden müssen, muss der, der im wirt-

schaftlichen Bereich tätig ist, für die moralischen Belange offen sein: „Auch

im Wirtschaftsleben sind die Würde der menschlichen Person und ihre un-

geschmälerte Berufung wie auch das Wohl der gesamten Gesellschaft zu

achten und zu fördern, ist doch der Mensch Urheber, Mittelpunkt und Ziel

aller Wirtschaft“.692 Den Vernunftgründen der Wirtschaft das richtige und

gebührende Gewicht zu geben bedeutet nicht, jede Überlegung der meta-

ökonomischen Ordnung als irrational zurückzuweisen, denn das Ziel der

Wirtschaft liegt ja gerade nicht in der Wirtschaft selbst, sondern in ihrer

menschlichen und gesellschaftlichen Bestimmung.693 Denn das Ziel der

Verwirklichung des Menschen und des guten menschlichen Zusammen-

lebens ist weder im wissenschaftlichen Bereich noch auf praktischer Ebene

der Wirtschaft anvertraut. Ihr kommt vielmehr eine Teilaufgabe zu: die

Produktion, die Verteilung und der Konsum der materiellen Güter und der

Dienstleistungen.

 

691 Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 190–191.

692 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 68: AAS 60 (1966) 1084.

693 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche,2426.

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332 Die moralische Dimension der Wirtschaft lässt die wirtschaftliche Effizienz

und die solidarische Entwicklung der Menschheit als zwei zwar getrennte und alterna-

tive, jedoch voneinander untrennbare Ziele erscheinen. Die Moral, die für das wirt-

schaftliche Leben wesentlich ist, ist diesem weder entgegengesetzt, noch

verhält sie sich neutral: Wenn sie sich von der Gerechtigkeit und der Soli-

darität inspirieren lässt, wird sie für die Wirtschaft selbst zu einem Faktor

der gesellschaftlichen Effizienz. Es ist eine Pflicht, die mit der Produktion

der Güter verbundene Tätigkeit effizient auszuführen, denn sonst werden

Ressourcen verschwendet; andererseits ist ein Wirtschaftswachstum auf

Kosten der Menschen und ganzer Völker und Gesellschaftsgruppen, die zu

Armut und Ausgrenzung verdammt werden, nicht akzeptabel. Die an der

Verfügbarkeit der Güter und Dienstleistungen erkennbare Ausbreitung des

Reichtums und die moralische Forderung nach einer gerechten Verteilung

ebendieser Güter und Dienstleistungen müssen für den Menschen und die

Gesellschaft in ihrer Gesamtheit zu einem Anreiz werden, die wesentliche

Tugend der Solidarität zu üben,694 um im Geist der Gerechtigkeit und Liebe

jene „Strukturen der Sünde“ 695, die Armut, Unterentwicklung und Ernied-

rigung hervorbringen und aufrechterhalten, zu bekämpfen, wo immer sie

sich zeigen. Diese Strukturen werden durch viele konkrete Taten des

menschlichen Egoismus aufgebaut und verfestigt.


333 Um den moralischen Anforderungen zu genügen, muss sich die wirtschaftliche

Aktivität auf alle Menschen und alle Völker als Subjekte stützen. Alle haben das

Recht, am Wirtschaftsleben teilzunehmen, und alle haben die Pflicht, je

nach ihren eigenen Fähigkeiten zum Fortschritt ihres Landes und der ge-

samten Menschheitsfamilie beizutragen.696 Wenn also gewissermaßen alle

für alle verantwortlich sind, dann hat auch jeder die Pflicht, sich für die

wirtschaftliche Entwicklung aller einzusetzen:697 Es ist eine Pflicht der So-

lidarität und der Gerechtigkeit, aber es ist auch der beste Weg, um die gan-

ze Menschheit voranzubringen. Wenn sie auf moralische Weise gelebt

 

694 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 40: AAS 80 (1988) 568–569.

695 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 36: AAS 80 (1988) 561.

696 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 65: AAS 58 (1966) 1086–1087.

697 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 32: AAS 80 (1988) 556–557.

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wird, ist die Wirtschaft folglich durch die Produktion von wachstumsför-

dernden Gütern und Diensten eine Leistung, die auf Gegenseitigkeit be-

ruht, und wird für jeden Menschen zu einer Gelegenheit, die Solidarität

und die Berufung zu jener „Gemeinschaft mit den anderen Menschen“ zu

leben, „für die ihn Gott geschaffen hat“.698 Sozioökonomische Projekte zu

entwerfen und umzusetzen, die geeignet sind, eine gerechtere Gesellschaft

und eine menschlichere Welt zu fördern, ist eine schwierige Herausforde-

rung, aber auch eine reizvolle Aufgabe für alle, die in der Wirtschaft und in

den Wirtschaftswissenschaften tätig sind.699


334 Gegenstand der Wirtschaft ist die Bildung und fortschreitende Vergrößerung

von Reichtum in quantitativer, aber auch qualitativer Hinsicht: All das ist moralisch

richtig, wenn es auf die globale und solidarische Entwicklung des Menschen und der

Gesellschaft, in der er lebt und arbeitet, ausgerichtet ist. Die Entwicklung lässt sich

nämlich nicht auf einen bloßen Prozess der Anhäufung von Gütern und

Dienstleistungen reduzieren. Im Gegenteil: Die bloße Anhäufung ist, auch

wenn sie dem Gemeinwohl dient, keine ausreichende Voraussetzung für die

Verwirklichung des echten menschlichen Glücks. Vor diesem Hintergrund

warnt das soziale Lehramt vor den Verlockungen einer nur quantitativen

Art des Wachstums, weil die übertriebene „Verfügbarkeit von jeder Art ma-

terieller Güter zugunsten einiger sozialer Schichten (…) die Menschen

leicht zu Sklaven des »Besitzens« und des unmittelbaren Genießens“ macht.

„Das ist die so genannte Konsumgesellschaft oder der Konsumismus“.700


335 Unter dem Aspekt der umfassenden und solidarischen Entwicklung lässt sich

auch die moralische Bewertung, die die Marktwirtschaft oder einfach die freie Wirt-

schaft von Seiten der Soziallehre erfährt, richtig einschätzen: „Wird mit »Kapitalis-

mus« ein Wirtschaftssystem bezeichnet, das die grundlegende und positive

Rolle des Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums und der daraus

folgenden Verantwortung für die Produktionsmittel, der freien Kreativität

des Menschen im Bereich der Wirtschaft anerkennt, ist die Antwort sicher

 

698 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 41: AAS 83 (1991) 844.

699 Vgl. Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2000,15–16: AAS 92 (2000) 366–367.

700 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 28: AAS 80 (1988) 548.

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positiv. Vielleicht wäre es passender, von »Unternehmenswirtschaft« oder

»Markwirtschaft« oder einfach »freier Wirtschaft« zu sprechen. Wird aber

unter »Kapitalismus« ein System verstanden, in dem die wirtschaftliche

Freiheit nicht in eine feste Rechtsordnung eingebunden ist, die sie in den

Dienst der vollen menschlichen Freiheit stellt und sie als eine besondere

Dimension dieser Freiheit mit ihrem ethischen und religiösen Mittelpunkt

ansieht, dann ist die Antwort ebenso entschieden negativ“.701 Daran er-

kennt man die christliche Sicht auf die sozialen und politischen Bedingun-

gen der wirtschaftlichen Aktivität: dass sie nicht nur nach ihren Regeln,

sondern auch nach ihrer moralischen Qualität und ihrer Bedeutung fragt.

III. PRIVATINITIATIVE UND UNTERNEHMEN


336 Die Soziallehre der Kirche betrachtet die Freiheit der Person im Bereich der

Wirtschaft als einen grundlegenden Wert und ein unveräußerliches Recht, das ge-

stärkt und geschützt werden muss: „Jeder hat das Recht auf wirtschaftliche Ini-

tiative; jeder darf und soll seine Talente nutzen, um zu einem Wohlstand

beizutragen, der allen zugute kommt, und um die gerechten Früchte seiner

Mühe zu ernten“.702 Diese Lehre warnt vor den negativen Folgen, die aus

der Missachtung oder Verweigerung des Rechts auf wirtschaftliche Initiative

entstehen: „Die Erfahrung lehrt uns, dass die Leugnung eines solchen Rech-

tes oder seine Einschränkung im Namen einer angeblichen »Gleichheit« al-

ler in der Gesellschaft tatsächlich den Unternehmungsgeist, das heißt, die

Kreativität des Bürgers als eines aktiven Subjektes, lähmt oder sogar zerstört“.703

Innerhalb dieser Sichtweise lässt sich die freie und verantwortliche Initiati-

ve im wirtschaftlichen Bereich auch als ein Akt bezeichnen, der das

 

701 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 42: AAS 83 (1991) 845–846.

702 Katechismus der Katholischen Kirche, 2429;
vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 63: AAS 58 (1966) 1084–1085;
Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 48: AAS 83 (1991) 852–854;
Id., Enz. Sollicitudo rei socialis, 15: AAS 80 (1988)528–530;
Id., Enz. Laborem exercens, 17: AAS 73 (1981) 620–622;
Johannes XXIII., Enz. Mater et magistra: AAS 53 (1961) 413–415.

703 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 15: AAS 80 (1988) 529; vgl. Katechis-

mus der Katholischen Kirche,2429.

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Menschsein des Menschen im Sinne eines kreativen und beziehungsfähigen

Subjekts offenbart. Deshalb muss diese Initiative über einen weiten Raum

verfügen. Der Staat hat die moralische Verpflichtung, nur dort enge Gren-

zen zu ziehen, wo die Verwirklichung des Gemeinwohls und die Art der

angebahnten wirtschaftlichen Aktivität oder die Art ihrer Umsetzung nicht

miteinander zu vereinbaren sind.704


337 Die Dimension der Kreativität ist auch im unternehmerischen Bereich ein

wesentlicher Bestandteil des menschlichen Handelns und äußert sich insbesondere in

einer planenden, innovativen Haltung: „Einen solchen Produktionsprozess zu

organisieren, seinen Bestand zu planen, dafür zu sorgen, dass er, unter

Übernahme der notwendigen Risiken, der Befriedigung der Bedürfnisse

positiv entspricht: auch das ist eine Quelle des Reichtums in der heutigen

Gesellschaft. So wird die Rolle der geordneten und schöpferischen mensch-

lichen Arbeit immer offensichtlicher und entscheidender. Aber ebenso sicht-

bar wird – als wesentlich zu dieser Arbeit gehörend – die Bedeutung der

wirtschaftlichen Initiative und des Unternehmertums“.705 Ausgehend von einer

solchen Lehre muss man zu der Überzeugung gelangen, dass die „wichtigs-

te Ressource des Menschen (…) in der Tat, zusammen mit der Erde, der

Mensch selbst [ist]. Sein Verstand entdeckt die Produktivkraft der Erde

und die Vielfalt der Formen, wie die menschlichen Bedürfnisse befriedigt

werden können“.706

a) Das Unternehmen und seine Ziele


338 Das Unternehmen muss sich durch die Fähigkeit auszeichnen, dem Gemein-

wohl der Gesellschaft durch die Produktion nützlicher Güter und Dienstleistungen zu

dienen. Indem es bemüht ist, Güter und Dienstleistungen im Rahmen einer

Logik der Effizienz und der Befriedigung der Interessen der verschiedenen

involvierten Subjekte zu produzieren, bringt es Reichtum für die gesamte

Gesellschaft hervor: nicht nur für die Eigentümer, sondern auch für die an-

deren an seiner Tätigkeit beteiligten Subjekte. Über diese im eigentlichen

 

704 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 16: AAS 83 (1991) 813–814.

705 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 32: AAS 83 (1991) 833.

706 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 32: AAS 83 (1991) 833.

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Sinne wirtschaftliche Funktion hinaus kommt dem Unternehmen auch eine so-

ziale Bedeutung zu, weil es Möglichkeiten der Begegnung und der Zusammenarbeit

schafft und den Fähigkeiten der mitwirkenden Personen einen Wert verleiht. Deshalb

ist die wirtschaftliche Dimension in einem Unternehmen Voraussetzung

für das Erreichen nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch sozialer und mo-

ralischer Ziele, die gemeinsam verfolgt werden müssen.

Das Ziel des Unternehmens muss in einem ökonomischen Rahmen und mit

ökonomischen Kriterien erreicht werden, wobei jedoch die echten Werte nicht vernach-

lässigt werden dürfen, die die konkrete Entwicklung der Person und der Gesellschaft

ermöglichen. In dieser personalen und gemeinschaftlichen Sichtweise darf

das Unternehmen „nicht ausschließlich als »Kapitalgesellschaft« angesehen

werden; es ist zugleich eine »Gemeinschaft von Menschen«, zu der als Part-

ner in je verschiedener Weise und mit spezifischen Verantwortlichkeiten

sowohl jene beitragen, die das für ihre Tätigkeit nötige Kapital einbringen,

als auch jene, die mit ihrer Arbeit daran mitwirken“.707


339 Den Angehörigen des Unternehmens muss bewusst sein, dass die Gemein-

schaft, innerhalb deren sie tätig sind, ein Gut für alle und keine Struktur darstellt,

die ausschließlich dazu da ist, die persönlichen Interessen Einzelner zu befriedigen.

Nur in einem solchen Bewusstsein ist es möglich, eine Wirtschaft auf-

zubauen, die wirklich dem Menschen dient, und Pläne für eine echte Zu-

sammenarbeit zwischen den gesellschaftlichen Gruppierungen auszuarbei-

ten.

Ein sehr wichtiges und bedeutsames Beispiel stellt in dieser Richtung die Tätigkeit

der genossenschaftlichen, der kleinen und der mittleren Unternehmen, der handwerk-

lichen, der landwirtschaftlichen und der Familienbetriebe dar. Die Soziallehre hat

den Beitrag hervorgehoben, den diese im Hinblick auf die Aufwertung der

Arbeit, die Steigerung des persönlichen und sozialen Verantwortungs-

bewusstseins, das demokratische Leben und die für den Fortschritt des

Markts und der Gesellschaft wichtigen menschlichen Werte leisten.708


340 Die Soziallehre erkennt die berechtigte Funktion des Gewinns als eines ersten

Anzeichens für den Erfolg eines Unternehmens an: „Wenn ein Unternehmen mit

 

707 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 43: AAS 83 (1991) 847.

708 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et magistra: AAS 53 (1961) 422–423.

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Gewinn produziert, bedeutet das, dass die Produktionsfaktoren sachgemäß

eingesetzt (…) wurden“.709 Dadurch wird aber das Bewusstsein der Tatsa-

che nicht getrübt, dass der Gewinn nicht immer ein Beweis dafür ist, dass das

Unternehmen der Gesellschaft in angemessener Weise dient.710 Es kann zum Bei-

spiel sein, „dass die Wirtschaftsbilanz in Ordnung ist, aber zugleich die

Menschen, die das kostbarste Vermögen des Unternehmens darstellen, ge-

demütigt und in ihrer Würde verletzt werden“.711 Das geschieht, wenn ein

Unternehmen in soziokulturelle Systeme eingegliedert ist, die es auf die

Ausbeutung der Personen anlegen und bereit sind, sich den Pflichten der

sozialen Gerechtigkeit zu entziehen und die Rechte der Arbeiter zu verlet-

zen.

Es ist unerlässlich, dass das berechtigte Gewinnstreben innerhalb des Unterneh-

mens mit dem unverzichtbaren Schutz der Würde der Personen in Einklang gebracht

wird, die in den verschiedenen Positionen dieses Unternehmens tätig sind. Diese bei-

den Forderungen stehen mitnichten zueinander im Widerspruch, denn ei-

nerseits wäre es unrealistisch, die Zukunft des Unternehmens gewährleis-

ten zu wollen, ohne Güter und Dienstleistungen zu produzieren und ohne

Gewinn zu erzielen, der die Frucht der damit entfalteten wirtschaftlichen

Tätigkeit ist; andererseits wird dadurch, dass dem arbeitenden Menschen

die Entwicklung seiner Persönlichkeit zugestanden wird, auch eine größere

Produktivität und Effizienz der Arbeit selbst gefördert. Das Unternehmen

muss eine Solidargemeinschaft sein,712 die sich nicht nur um die Interessen

des Unternehmens kümmert, sie muss eine „Sozialökologie“713 der Arbeit

anstreben, und sie muss auch durch die Bewahrung der natürlichen Um-

welt zum Gemeinwohl beitragen.


341 Auch wenn das Streben nach einem angemessenen Gewinn in der Wirtschafts-

und Finanzwelt gutgeheißen werden kann, ist der Wucher moralisch zu verurteilen:

„Händler, die durch wucherische und profitgierige Geschäfte ihre Mitmen-

schen hungern und sterben lassen, begehen indirekt einen Mord; für diesen

 

709 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 35: AAS 83 (1991) 837.

710 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2424.

711 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 35: AAS 83 (1991) 837.

712 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 43: AAS 83 (1991) 846–848.

713 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 38: AAS 83 (1991) 841.

251

 

sind sie verantwortlich“.714 Diese Verurteilung erstreckt sich auch auf die

internationalen Wirtschaftsbeziehungen insbesondere im Hinblick auf die

weniger fortgeschrittenen Länder, denen gegenüber es unzulässig ist,

„missbräuchliche, wenn nicht gar wucherische Finanzsysteme“715 in An-

wendung zu bringen. Das Lehramt hat in der jüngeren Vergangenheit kraft-

volle und deutliche Worte für eine Praxis gefunden, die sich derzeit in dra-

matischer Weise ausbreitet: „Treibt keinen Wucher! Diese Plage ist auch in

unseren Tagen eine schamlose Realität, die vielen Menschen die Luft ab-

schnüren kann, die sie zum Leben brauchen“.716


342 Das Unternehmen von heute bewegt sich im Rahmen wirtschaftlicher Szena-

rien von immer größeren Ausmaßen, angesichts deren die Nationalstaaten häufig

an ihre Grenzen stoßen, wenn es darum geht, die schnellen Veränderungs-

prozesse zu lenken, von denen die internationalen finanzwirtschaftlichen

Beziehungen betroffen sind; diese Situation veranlasst die Unternehmen

dazu, neue und größere Verantwortung zu übernehmen als in der Vergangenheit.

Im Hinblick auf eine echte solidarische und umfassende Entwicklung der

Menschheit ist ihre Rolle heute mehr denn je von entscheidender Bedeu-

tung, und ebenso wichtig ist in dieser Hinsicht, wie sehr sie sich der Tatsa-

che bewusst sind, dass „die Entwicklung entweder allen Teilen der Welt

gemeinsam zugute kommt oder einen Prozess der Rezession auch in jenen

Gegenden erleidet, die bisher einen ständigen Fortschritt zu verzeichnen

hatten. Diese Tatsache ist besonders aufschlussreich für das Wesen echter

Entwicklung: Entweder nehmen alle Nationen der Welt daran teil, oder sie

ist tatsächlich nicht echt“.717

b) Die Rolle des Unternehmers und Managers


343 Die wirtschaftliche Initiative ist Ausdruck der menschlichen Intelligenz und

der Notwendigkeit, kreativ und gemeinschaftlich auf die Bedürfnisse des Menschen

 

714 Katechismus der Katholischen Kirche,2269.

715 Katechismus der Katholischen Kirche,2438.

716 Johannes Paul II., Ansprache während der Generalaudienz (4. Februar 2004),
3: L’Osservatore Romano, 5. Februar 2004, S. 4.

717 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 17: AAS 80 (1988) 532.

252

 

zu reagieren. Kreativität und Zusammenarbeit bilden die beiden Säulen eines

richtig verstandenen unternehmerischen Wettbewerbs, der darin bestehen

muss, gemeinsam nach den am besten geeigneten Lösungen zu suchen, um

in der angemessensten Weise auf die nach und nach aufkommenden Be-

dürfnisse zu reagieren. Bei dem Verantwortungsbewusstsein, das aus der

freien wirtschaftlichen Initiative entsteht, handelt es sich nicht nur um eine

für das menschliche Wachstum des Einzelnen unerlässliche individuelle Tu-

gend, sondern auch um eine soziale Tugend, die für die Entwicklung einer

solidarischen Gemeinschaft notwendig ist: „In diesen Prozess sind wichtige

Tugenden miteinbezogen, wie Fleiß, Umsicht beim Eingehen zumutbarer

Risiken, Zuverlässigkeit und Treue in den zwischenmenschlichen Bezie-

hungen, Festigkeit bei der Durchführung von schwierigen und schmerzvol-

len, aber für die Betriebsgemeinschaft notwendigen Entscheidungen und

bei der Bewältigung etwaiger Schicksalsschläge“.718


344 Die Rollen des Unternehmers und des Managers sind vom sozialen Stand-

punkt aus von zentraler Bedeutung, weil sie mitten in jenem Netz von technischen,

kommerziellen, finanziellen und kulturellen Verbindungen angesiedelt sind, die die

moderne Unternehmenswirklichkeit kennzeichnen. Da die in einem Betrieb ge-

troffenen Entscheidungen aufgrund der zunehmenden Komplexität der un-

ternehmerischen Tätigkeit eine Vielfalt miteinander verknüpfter, nicht nur

wirtschaftlich, sondern auch sozial höchst relevanter Auswirkungen haben,

muss jeder, der seine Verantwortung als Unternehmer oder Manager wahr-

nimmt, nicht nur beständig darum bemüht sein, seine fachlichen Kenntnis-

se zu aktualisieren, sondern auch unablässig über die moralischen Zielset-

zungen nachdenken, von denen sich der in diesem Aufgabenbereich Tätige

bei seinen persönlichen Entscheidungen lenken lassen muss.

Die Unternehmer und Manager dürfen nicht ausschließlich das objektive Ziel des

Unternehmens, die Kriterien der wirtschaftlichen Effizienz und die Forderungen der

Pflege des „Kapitals“ im Sinne der Gesamtheit der Produktionsmittel im Auge haben:

Zu ihren klar definierten Pflichten gehört auch der konkrete Respekt vor der Men-

schenwürde der in ihrem Unternehmen tätigen Arbeiter.719 Letztere stellen „das

 

718 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 32: AAS 83 (1991) 833.

719 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2432.

253

 

kostbarste Vermögen des Unternehmens“720 und den entscheidenden Pro-

duktionsfaktor dar.721 In den großen strategischen und finanziellen Ent-

scheidungen über Ankauf oder Verkauf, die Verkleinerung oder das Schlie-

ßen von Niederlassungen sowie in der Fusionspolitik kann man sich nicht

ausschließlich auf finanzielle oder kommerzielle Kriterien beschränken.


345 Die Soziallehre betont, dass der Unternehmer und der Manager sich dafür

einsetzen müssen, die Arbeitstätigkeit in ihren Betrieben so zu strukturieren, dass

die Familie und insbesondere die Familienmütter in der Wahrnehmung ihrer Auf-

gaben unterstützt werden;722 sie müssen im Licht einer umfassenden Sicht des

Menschen und der Entwicklung die Qualitätsanforderungen erfüllen, und zwar im

Hinblick auf die „Qualität der zu erzeugenden und zu konsumierenden Gü-

ter“, die „Qualität der beanspruchten Dienste“ und auch die „Qualität der

Umwelt und des Lebens überhaupt“;723 und sie müssen, wann immer die

wirtschaftlichen Bedingungen und die politische Stabilität dies zulassen,

in jene Produktionsstätten und -sektoren investieren, die Individuen und

Völkern die Chance geben, die „eigene Arbeit zu verwerten“.724

IV. WIRTSCHAFTLICHE EINRICHTUNGEN IM DIENST DES MENSCHEN


346 Eine der vorrangigen Fragen in der Wirtschaft ist die Verwendung der Ressour-

cen,725 das heißt all jener Güter und Dienstleistungen, denen die wirtschaft-

lichen Subjekte, also die öffentlichen und privaten Hersteller und Verbrau-

cher, aufgrund des ihnen innewohnenden Nutzens im Bereich von

Produktion und Konsum einen Wert beimessen. In quantitativer Hinsicht

sind die natürlichen Ressourcen knapp, und das bedeutet zwangsläufig,

 

720 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 35: AAS 83 (1991) 837.

721 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 32–33: AAS 83 (1991) 832–835.

722 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Laborem exercens, 19: AAS 73 (1981) 625–629.

723 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 36: AAS 83 (1991) 838.

724 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 36: AAS 83 (1991) 840.

725 Im Hinblick auf den Gebrauch der Ressourcen verweist die Soziallehre der Kirche
auf ihre Äußerungen zur allgemeinen Bestimmung der Güter und zum
Privateigentum; vgl. Viertes Kapitel, III.

254

 

dass jedes einzelne wirtschaftliche Subjekt ebenso wie jede Gesellschaft

Strategien entwickeln muss, um sie gemäß der vom Prinzip der Wirtschaft-

lichkeit diktierten Logik in möglichst vernünftiger Weise zu gebrauchen.

Davon hängt sowohl die wirksame Lösung des allgemeineren und grund-

sätzlicheren Problems der Begrenztheit der Mittel im Verhältnis zu den öf-

fentlichen und privaten individuellen und sozialen Bedürfnissen ab als auch

die strukturelle und funktionale Effizienz des wirtschaftlichen Systems in

seiner Gesamtheit. Diese Effizienz ist ein indirekter Appell an die Verant-

wortung und die Fähigkeit verschiedener Subjekte wie des Marktes, des

Staates und der gesellschaftlichen Zwischengruppen.

a) Die Rolle des freien Marktes


347 Der freie Markt ist eine in sozialer Hinsicht wichtige Institution, weil er effi-

ziente Ergebnisse in der Produktion der Güter und Dienstleistungen sichern kann.

Historisch gesehen hat der Markt bewiesen, dass er die wirtschaftliche Ent-

wicklung langfristig in Gang setzen und aufrechterhalten kann. Es gibt gute

Gründe, davon auszugehen, dass in vielen Situationen „der freie Markt das

wirksamste Instrument für die Anlage der Ressourcen und für die beste

Befriedigung der Bedürfnisse zu sein“ scheint.726 Die Soziallehre der Kirche

schätzt die sicheren Vorteile, die die Regelungen des freien Marktes im Hin-

blick auf eine bessere Nutzung der Ressourcen oder auch einen erleichter-

ten Austausch der Produkte bieten; diese Mechanismen „stellen den Willen

und die Präferenzen des Menschen in den Mittelpunkt, die sich im Vertrag

mit denen eines anderen Menschen treffen“.727

Ein wirklich von Wettbewerb bestimmter Markt ist ein wirkungsvolles Mittel, um

wichtige Ziele der Gerechtigkeit zu erreichen: die übermäßigen Gewinne einzel-

ner Unternehmen einzudämmen; auf die Forderungen der Verbraucher zu

reagieren; eine bessere und schonendere Nutzung der Ressourcen zu ver-

wirklichen; unternehmerisches Engagement und innovatives Geschick zu

belohnen; Informationen so in Umlauf zu bringen, dass die Produkte in

 

726 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 34: AAS 83 (1991) 835.

727 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 40: AAS 83 (1991) 843.

255

 

einer Atmosphäre gesunden Wettbewerbs wirklich verglichen und erwor-

ben werden können.


348 Bei der Beurteilung des freien Marktes dürfen die Ziele und Werte, die er auf

gesellschaftlicher Ebene verfolgt und vermittelt, nicht außer Acht gelassen werden.

Denn der Markt findet seine Berechtigung nicht in sich selbst. Es ist Sache

des individuellen Gewissens und der öffentlichen Verantwortung, das rich-

tige Verhältnis zwischen Zweck und Mittel herzustellen.728 Der individuelle

Nutzen des Unternehmers ist zwar legitim, darf aber nie das einzige Ziel

sein. Daneben gibt es ein anderes, ebenso grundlegendes und diesem über-

geordnetes Ziel, nämlich den sozialen Nutzen, der nicht gegen, sondern im

Einklang mit der Logik des Marktes erreicht werden muss. Wenn er die

oben erwähnten wichtigen Funktionen ausübt, dient der freie Markt dem

Gemeinwohl und der umfassenden Entwicklung des Menschen, während

das umgekehrte Verhältnis zwischen Mittel und Zweck ihn zu einer un-

menschlichen und entfremdenden Einrichtung mit unabsehbaren Folgen

verkommen lassen kann.


349 Die Soziallehre der Kirche erkennt dem Markt zwar die Funktion eines uner-

setzlichen Regulierungsinstruments innerhalb des Wirtschaftssystems zu, weist jedoch

auch auf die Notwendigkeit hin, ihn in moralischen Zielsetzungen zu verankern, die

seine Autonomie sicherstellen und gleichzeitig in angemessener Weise eingrenzen.729

Die Vorstellung, dass man allein dem Markt die Bereitstellung aller Katego-

rien von Gütern anvertrauen könnte, kann nicht geteilt werden, weil sie auf

einer eingeschränkten Sicht der Person und der Gesellschaft beruht.730 An-

gesichts der konkreten Gefahr, dass der Markt zu einem „Götzen“ gemacht

wird, zeigt die kirchliche Soziallehre seine Grenzen auf, die leicht daran zu

erkennen sind, dass er erwiesenermaßen unfähig ist, menschliche Bedürf-

nisse zu befriedigen, für die Güter erforderlich sind, die „ihrer Natur nach

weder bloße Waren sind noch sein können“,731 Güter, die nach dem markt-

 

728 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 41: AAS 83 (1991) 843–845.

729 Vgl. Paul VI., Enz. Octogesima adveniens, 41: AAS 63 (1971) 429–430.

730 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 34: AAS 83 (1991) 835–836.

731 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 40: AAS 83 (1991) 843;
vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2425.

256

 

typischen „Äquivalenzprinzip“ und der ebenfalls markttypischen Logik des

Vertrags nicht ge- oder verkauft werden können.


350 Der Markt erfüllt in der gegenwärtigen Gesellschaft eine bedeutende soziale

Funktion; deshalb ist es wichtig, seine positivsten Kräfte zu ermitteln und Bedingun-

gen zu schaffen, die deren konkrete Entfaltung ermöglichen. Die Arbeiter müssen

wirklich frei sein, zwischen verschiedenen Optionen zu vergleichen, zu be-

werten und zu wählen, wobei allerdings auch die Freiheit im wirtschaftli-

chen Bereich durch einen angemessenen juristischen Rahmen geregelt sein

muss, sodass sie der menschlichen Freiheit in ihrer Gesamtheit dient: „Die

wirtschaftliche Freiheit [ist] nur ein Element der menschlichen Freiheit

(…). Wenn sie sich für autonom erklärt, das heißt, wenn der Mensch mehr

als Produzent bzw. Konsument von Gütern, nicht aber als ein Subjekt ge-

sehen wird, das produziert und konsumiert, um zu leben, dann verliert sie

ihre notwendige Beziehung zum Menschen, den sie schließlich entfremdet

und unterdrückt“.732

b) Das Handeln des Staates


351 Das Handeln des Staates und der andern öffentlichen Autoritäten muss sich

nach dem Subsidiaritätsprinzip richten und Situationen schaffen, die eine freie Aus-

übung der wirtschaftlichen Aktivität begünstigen; es muss darüber hinaus auch vom

Prinzip der Solidarität inspiriert sein und der Autonomie der Teile Grenzen setzen,

um den Schwächsten zu schützen.733 Ohne Subsidiarität kann die Solidarität

leicht zum Wohlfahrtsstaat entarten, während die Subsidiarität ohne Soli-

darität Gefahr läuft, Formen eines egoistischen Regionalismus zu fördern.

Um diese beiden grundlegenden Prinzipien zu respektieren, darf das Ein-

greifen des Staates auf wirtschaftlichem Gebiet weder allzu aufdringlich

noch allzu zurückhaltend sein, sondern muss sich an den tatsächlichen Be-

dürfnissen der Gesellschaft orientieren: „Der Staat hat die Pflicht, die Tätig-

keit der Unternehmen dahingehend zu unterstützen, dass er Bedingungen

für die Sicherstellung von Arbeitsgelegenheiten schafft. Er muss die Tätig-

 

732 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 39: AAS 83 (1991) 843.

733 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 15: AAS 83 (1991) 811–813.

257

 

keit dort, wo sie sich als unzureichend erweist, anregen bzw. ihr in Augen-

blicken der Krise unter die Arme greifen. Der Staat hat des Weiteren das

Recht einzugreifen, wenn Monopolstellungen die Entwicklung verzögern

oder behindern. Aber außer diesen Aufgaben der Harmonisierung und

Steuerung der Entwicklung kann er in Ausnahmefällen Vertretungsfunktio-

nen wahrnehmen“.734


352 Die grundlegende Aufgabe des Staates im wirtschaftlichen Bereich besteht da-

rin, einen juristischen Rahmen festzulegen, der geeignet ist, die ökonomischen

Beziehungen zu regeln, um „die Grundvoraussetzung für eine freie Wirt-

schaft“ zu schaffen, „die in einer gewissen Gleichheit unter den Beteiligten

besteht, sodass der eine nicht so übermächtig wird, dass er den anderen

praktisch zur Sklaverei verurteilt“.735 Die wirtschaftliche Aktivität darf sich

vor allem im Kontext eines freien Marktes in juristischer und politischer

Hinsicht nicht in einem institutionellen Vakuum entfalten: „Im Gegenteil,

sie setzt die Sicherheit der individuellen Freiheit und des Eigentums sowie

eine stabile Währung und leistungsfähige öffentliche Dienste voraus“.736

Um seine Aufgabe zu erfüllen, muss der Staat eine geeignete Gesetzgebung

erarbeiten; darüber hinaus aber hat er eine umsichtige Wirtschafts- und

Sozialpolitik zu betreiben, ohne seine Macht im Hinblick auf die verschie-

denen Aktivitäten des Marktes zu missbrauchen, die sich frei von struktu-

rellen Überbauten und autoritären oder, schlimmer noch, totalitären Zwän-

gen entfalten muss.


353 Markt und Staat müssen ihr Handeln aufeinander abstimmen und einander

ergänzen. Der freie Markt kann der Gesamtheit nur dann Vorteile bringen, wenn von

Seiten des Staates eine Organisation besteht, die die Richtung der wirtschaftlichen

Entwicklung bestimmt und lenkt; die für die Einhaltung gerechter und durch-

schaubarer Regeln sorgt; die, aber nur solange dies unbedingt notwendig

ist,737 auch direkt eingreift, wenn es dem Markt nicht gelingt, in puncto

 

734 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 48: AAS 83 (1991) 853;
vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2431.

735 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 15: AAS 83 (1991) 811.

736 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 48: AAS 83 (1991) 852–853;
vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2431.

737 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 48: AAS 83 (1991) 852–854.

258

 

Effizienz die gewünschten Resultate zu erbringen, und wenn es gilt, das

Prinzip der Umverteilung in die Tat umzusetzen. In manchen Bereichen

ist der Markt nämlich nicht in der Lage, mit Hilfe seiner eigenen Mecha-

nismen eine gerechte Verteilung einiger Güter und Dienstleistungen zu ge-

währleisten, die für das menschliche Wachstum der Bürger wesentlich sind:

In diesem Fall ist es umso wichtiger, dass Staat und Markt einander ergän-

zen.


354 Der Staat kann die Bürger und die Unternehmen dazu anregen, das Gemein-

wohl zu fördern, indem er für die Umsetzung einer Wirtschaftspolitik sorgt, die die

Beteiligung aller seiner Bürger an den produktiven Tätigkeiten begünstigt. Die Ach-

tung vor dem Subsidiaritätsprinzip muss die öffentlichen Autoritäten dazu

veranlassen, Verhältnisse anzustreben, die die individuellen Kräfte der Ini-

tiative sowie der persönlichen Autonomie und Verantwortung der Bürger

zur Entfaltung bringen, indem sie von jeder Intervention Abstand nehmen,

die eine unangemessene Beeinflussung der unternehmerischen Kräfte dar-

stellen könnte.

Mit Blick auf das Gemeinwohl gilt es, immer und fest entschlossen das Ziel eines

gerechten Gleichgewichts zwischen privater Freiheit und öffentlichem Handeln zu ver-

folgen, wobei letzteres entweder als ein direktes Eingreifen in die Wirtschaft oder auch

als ein Tätigwerden verstanden werden kann, das die wirtschaftliche Entwicklung un-

terstützt. In jedem Fall muss sich das öffentliche Eingreifen nach Kriterien

der Billigkeit, Rationalität und Effizienz richten und darf das Handeln Ein-

zelner nicht unter Missachtung ihres Rechts auf freie wirtschaftliche Initia-

tive überflüssig machen. Dann nämlich wird der Staat schädlich für die

Gesellschaft: Ein direktes Eingreifen, das allzu tief in die gesellschaftlichen

Strukturen eindringt, führt letztlich zur Entmündigung der Bürger und zu

einem übermäßigen Wuchern des öffentlichen Apparats, der mehr von

einer bürokratischen Logik als von dem Ziel gelenkt wird, die Bedürfnisse

der Personen zu befriedigen.738


355 Die Steuereinnahmen und die öffentlichen Ausgaben sind für jede zivile und

politische Gemeinschaft von entscheidender Bedeutung: Das Ziel, das angestrebt wer-

den muss, ist ein öffentliches Finanzwesen, das geeignet ist, als ein Werkzeug der

 

738 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 48: AAS 83 (1991) 852–854.

259

 

Entwicklung und Solidarität zu dienen. Ein angemessenes, effizientes und wir-

kungsvolles öffentliches Finanzwesen wirkt sich positiv auf die Wirtschaft

aus, weil es das Beschäftigungswachstum fördert, die unternehmerischen

Tätigkeiten und die nicht auf Profit ausgerichteten Initiativen unterstützt

und dazu beiträgt, die Glaubwürdigkeit des Staates als eines Garanten so-

zialer Vorsorge- und Absicherungssysteme zu erhöhen, die vor allem zum

Schutz der Schwächeren bestimmt sind.

Das öffentliche Finanzwesen ist dann auf das Gemeinwohl ausgerichtet, wenn es

sich an einige grundlegende Prinzipien hält: das Zahlen der Steuern739 als Aspekt der

Solidaritätspflicht; Vernünftigkeit und Billigkeit bei der Auferlegung der Abgaben;740

Strenge und Integrität bei der Verwaltung und Verwendung der öffentlichen Ressour-

cen.741 Bei der Umverteilung der Ressourcen muss das öffentliche Finanz-

wesen den Prinzipien der Solidarität, der Gleichheit und der Nutzung der

Talente folgen und der Unterstützung der Familien große Aufmerksamkeit

sowie eine angemessene Menge von Ressourcen widmen.742

c) Die Rolle der Zwischengruppen


356 Das sozioökonomische System muss von einem Nebeneinander des öffent-

lichen und des privaten und auch des nicht auf Profit ausgerichteten privaten Handelns

gekennzeichnet sein. Auf diese Weise bildet sich eine Vielzahl von Entscheidungszen-

tren und Aktionsformen heraus. Es gibt einige Kategorien von kollektiven und

gemeinnützigen Gütern, deren Gebrauch nicht von den Mechanismen des

Markts abhängen darf743 und auch nicht der ausschließlichen Zuständigkeit

des Staates unterliegt. Hinsichtlich dieser Güter besteht die Aufgabe des

Staates eher darin, allen von Zwischenorganisationen in die Wege geleite-

 

739 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 30: AAS 58 (1966) 1049–1050.

740 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et magistra: AAS 53 (1961) 433–434, 438.

741 Vgl. Pius XI., Enz. Divini Redemptoris: AAS 29 (1937) 103–104.

742 Vgl. Pius XII., Rundfunkbotschaft zur 50-Jahrfeier des Rundschreibens „Rerum novarum“:AAS 33 (1941) 202;
Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 49: AAS 83 (1991) 854–856;
Id., Ap. Schr. Familiaris consortio, 45: AAS 74 (1982) 136–137.

743 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 40: AAS 83 (1991) 843.

260

 

ten öffentlich wirksamen Initiativen im sozialen oder wirtschaftlichen Be-

reich Geltung zu verschaffen. Die in Zwischengruppen organisierte Zivil-

gesellschaft vermag zur Verwirklichung des Gemeinwohls beizutragen, in-

dem sie mit dem Staat und dem Markt ein Verhältnis der Zusammenarbeit

und der wirksamen Komplementarität eingeht und auf diese Weise die Ent-

wicklung einer sinnvollen Wirtschaftsdemokratie begünstigt. In einem sol-

chen Kontext muss das Eingreifen des Staates von wahrer Solidarität ge-

prägt sein, die als solche niemals von der Subsidiarität getrennt werden

darf.


357 Die privaten, nicht auf Profit ausgerichteten Organisationen nehmen im Be-

reich der Wirtschaft einen besonderen Platz ein. Diese Organisationen zeichnet der

mutige Versuch aus, produktive Effizienz und Solidarität miteinander in Einklang zu

bringen. Im Allgemeinen bilden sie sich auf der Grundlage eines vertragli-

chen Zusammenschlusses und sind Ausdruck eines gemeinsamen ideellen

Strebens der Subjekte, die sich aus freiem Willen dazu entschließen, ihnen

beizutreten. Der Staat ist dazu aufgerufen, die Eigenart dieser Organisatio-

nen zu respektieren und ihre charakteristischen Merkmale zur Geltung zu

bringen, indem er das Prinzip der Subsidiarität konkret in die Praxis um-

setzt, das ja gerade den Respekt und die Stärkung der Würde und auto-

nomen Verantwortung des „subsidiär“ zu fördernden Subjekts verlangt.

d) Sparsamkeit und Konsum


358 Die Verbraucher, die in vielen Fällen deutlich über den eigentlichen Lebens-

unterhalt hinaus über eine weit gespannte Kaufkraft verfügen, können die wirtschaft-

liche Realität mit ihrer freien Wahl zwischen Sparsamkeit und Konsum merklich be-

einflussen. Denn die Möglichkeit, Einfluss auf das wirtschaftliche System

auszuüben, liegt in den Händen derer, die über die Verwendung ihrer eige-

nen finanziellen Mittel entscheiden müssen. Mehr als in der Vergangenheit

ist es heute möglich, die verfügbaren Alternativen nicht nur auf der Basis

des voraussichtlichen Ertrags oder der Größe des damit verbundenen Risi-

kos einzuschätzen, sondern über die entsprechend zu finanzierenden In-

vestitionen auch ein Werturteil zu fällen, in dem Bewusstsein, dass „eine

Entscheidung, lieber an diesem als an jenem Ort, lieber in diesem und nicht

 

261

 

in einem anderen Sektor zu investieren, immer auch eine moralische und

kulturelle Entscheidung ist“.744


359 Die eigene Kaufkraft muss im Kontext der moralischen Forderungen der Ge-

rechtigkeit und Solidarität sowie genau bestimmter sozialer Verantwortlichkeiten aus-

geübt werden: Man darf „die Pflicht der Nächstenliebe“ nicht vergessen, „das

heißt die Pflicht, mit dem eigenen »Überfluss« und bisweilen auch mit dem,

was man selber »nötig« hat, zu helfen, um das bereitzustellen, was für das

Leben des Armen unentbehrlich ist“.745 Diese Verantwortung gibt den Ver-

brauchern die Möglichkeit, dank des schnelleren Informationsaustauschs

das Verhalten der Hersteller dadurch zu lenken, dass man sich – als Indivi-

duum oder Kollektiv – entscheidet, die Produkte mancher Unternehmen

denen anderer vorzuziehen und dabei nicht nur auf die Preise und die Qua-

lität der Produkte, sondern auch darauf zu achten, dass in den betreffenden

Unternehmen korrekte Arbeitsbedingungen herrschen und ein gewisses

Maß an Umweltschutz gewährleistet ist.


360 Das Phänomen des Konsumismus ist von einer dauerhaften Ausrichtung auf

das „Haben“ statt auf das „Sein“ gekennzeichnet. Das macht es unmöglich, „die

neuen und höheren Formen der Befriedigung der menschlichen Bedürfnis-

se einwandfrei von den neuen, künstlich erzeugten Bedürfnissen zu unter-

scheiden, die die Heranbildung einer reifen Persönlichkeit verhindern“.746

Um diesem Phänomen entgegenzuwirken, ist es notwendig, „sich um den

Auf bau von Lebensweisen zu bemühen, in denen die Suche nach dem

Wahren, Schönen und Guten und die Verbundenheit mit den anderen für

ein gemeinsames Wachstum jene Elemente sind, die die Entscheidungen für

Konsum, Sparen und Investitionen bestimmen“.747 Die Lebensweise ist un-

leugbar durch das soziale Umfeld beeinflusst: Deshalb muss die kulturelle

Herausforderung, die der Konsumismus heutzutage darstellt, mit größerer

Entschlossenheit angegangen werden, und zwar vor allem im Hinblick auf

die künftigen Generationen, die Gefahr laufen, in einem natürlichen Um-

 

744 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 36: AAS 83 (1991) 839–840.

745 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 36: AAS 83 (1991) 839.

746 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 36: AAS 83 (1991) 839.

747 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 36: AAS 83 (1991) 839.

262

 

feld aufzuwachsen, das durch ein unmäßiges und ungeordnetes Konsum-

verhalten geplündert worden ist.748

V. DIE „RES NOVAE“ IN DER WIRTSCHAFT

 

a) Die Globalisierung: Chancen und Risiken


361 Unsere Zeit ist von dem vielschichtigen Phänomen der wirtschaftlichen und

finanziellen Globalisierung gekennzeichnet, das heißt von einem Prozess, in dem

die nationalen Volkswirtschaften auf der Ebene des Handels mit Gütern

und Dienstleistungen und auf der Ebene der finanziellen Transaktionen

immer stärker zusammenwachsen und eine immer größere Zahl von Mit-

wirkenden die notwendigen Entscheidungen hinsichtlich der Wachstums-

und Gewinnchancen vor einem globalen Hintergrund treffen muss. Der

neue Horizont der globalen Gesellschaft ist nicht einfach durch das Vor-

handensein wirtschaftlicher und finanzieller Verbindungen zwischen Ak-

teuren gegeben, die in verschiedenen Ländern tätig sind – die es im Übrigen

immer gegeben hat –, sondern durch den alles durchdringenden und abso-

lut neuen Charakter des Beziehungssystems, dessen Entwicklung wir gera-

de erleben. Von zunehmend entscheidender und zentraler Bedeutung sind

dabei die Finanzmärkte, deren Ausmaße infolge der Liberalisierung des

Austauschs und der Zirkulation des Kapitals mit beeindruckender Ge-

schwindigkeit beträchtlich gewachsen sind und es den Beteiligten mittler-

weile sogar ermöglichen, „in Echtzeit“ große Mengen von Kapital von

einem Ende des Erdballs zum anderen zu verschieben. Es handelt sich um

eine vielgestaltige und nicht leicht zu deutende Realität, die sich auf ver-

schiedenen Ebenen abspielt und sich auf schwer vorhersehbaren Wegen be-

ständig weiterentwickelt.


362 Die Globalisierung gibt neuen Hoffnungen Nahrung, wirft jedoch auch beun-

ruhigende Fragen auf.749

Sie kann Auswirkungen haben, die potentiell für die ganze Menschheit von Vor-

 

748 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus,37: AAS 83(1991) 840.

749 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Ecclesia in America, 20: AAS 91 (1999) 756.

263

 

teil sind: Gemeinsam mit der sprunghaften Entwicklung der Telekommuni-

kation hat das Wachstum der wirtschaftlichen und finanziellen Bezie-

hungssysteme gleichzeitig eine beträchtliche Kostensenkung im Bereich

der Kommunikation und der neuen Technologien sowie eine Beschleuni-

gung im Prozess der Ausweitung des globalen kommerziellen Austauschs

und der finanziellen Transaktionen zur Folge gehabt. Mit anderen Worten:

Die beiden Phänomene der wirtschaftlichen und finanziellen Globalisie-

rung und des technologischen Fortschritts haben sich gegenseitig verstärkt

und die Dynamik der gegenwärtigen wirtschaftlichen Phase in ihrer Ge-

samtheit extrem schnell werden lassen.

Die Analyse der gegenwärtigen Situation macht nicht nur die Chancen sichtbar,

die sich im Zeitalter der globalen Wirtschaft eröffnen, sondern zeigt auch die mit den

neuen Dimensionen der kommerziellen und finanziellen Beziehungen verbundenen

Risiken auf. Es fehlt nämlich nicht an Hinweisen, die eine Tendenz zur Ver-

schärfung der Ungleichheiten zwischen entwickelten und Entwicklungslän-

dern oder auch innerhalb der industrialisierten Länder offenbaren. Mit

dem wachsenden wirtschaftlichen Reichtum, der durch die beschriebenen

Prozesse möglich geworden ist, geht das Wachstum der dadurch bedingten

Armut einher.


363 Die Sorge um das Gemeinwohl verpflichtet dazu, die neuen Gelegenheiten zu

einer Umverteilung des Reichtums zwischen den verschiedenen Gebieten der Erde zu-

gunsten derer zu ergreifen, die stärker benachteiligt und bisher außen vor geblieben

sind oder am Rand des sozialen und wirtschaftlichen Fortschritts stehen:750 „Die

Herausforderung besteht also darin, eine Globalisierung in Solidarität, eine

Globalisierung ohne Ausgrenzung zu sichern“.751 D er technologische Fort-

schritt selbst bringt die Gefahr mit sich, dass seine eigenen, positiven Aus-

wirkungen unter den Ländern ungerecht aufgeteilt werden. Denn die Inno-

vationen können eine bestimmte Gesamtheit nur dann durchdringen und

sich in ihrem Inneren ausbreiten, wenn ihre potentiellen Nutznießer ein

Mindestmaß an Kenntnissen und finanziellen Ressourcen auf bieten kön-

 

750 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Mitglieder der vatikanischen Stiftung
„Centesimus Annus“ (9. Mai 1998), 2: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, XXI, 1 (1998) 873–874.

751 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1998, 3: AAS 90 (1998) 150.

264

 

nen: Wenn die Länder in so unterschiedlichem Maß Zugang zu den wissen-

schaftlichen und technischen Kenntnissen und den neuesten technologi-

schen Produkten haben, dann liegt es auf der Hand, dass der Globalisie-

rungsprozess die Ungleichheiten in der wirtschaftlichen und sozialen

Entwicklung zwischen den Ländern nur noch verschärfen wird. Es liegt in

der Natur der derzeit wirksamen Dynamismen, dass der freie Fluss des Ka-

pitals an sich noch nicht ausreicht, um eine Annäherung zwischen den ent-

wickelten und den Entwicklungsländern zu begünstigen.


364 Der Handel stellt einen grundlegenden Bestandteil der internationalen Wirt-

schaftsbeziehungen dar und trägt auf entscheidende Weise zur produktiven Speziali-

sierung und zum wirtschaftlichen Wachstum der verschiedenen Länder bei. Der in-

ternationale Handel fördert, wenn er die geeigneten Ziele anstrebt, heute

mehr denn je die Entwicklung und kann neue Formen der Beschäftigung

hervorbringen und nützliche Ressourcen freisetzen. Die Soziallehre hat

wiederholt auf die Verzerrungen des internationalen Handelssystems hin-

gewiesen,752 das die Produkte aus armen Ländern häufig aufgrund einer

protektionistischen Politik diskriminiert und das Wachstum industrieller

Aktivitäten und den Technologietransfer zugunsten dieser Länder behin-

dert.753 Die beständige Verschlechterung im Austausch der Primärgüter

und die Verschärfung der Ungleichheit zwischen reichen und armen Län-

dern hat das Lehramt dazu veranlasst, auf die Wichtigkeit der ethischen

Kriterien hinzuweisen, nach denen sich die internationalen Wirtschafts-

bestimmungen richten sollten: die Verwirklichung des Gemeinwohls und

die allgemeine Bestimmung der Güter; die Billigkeit von Handelsbeziehun-

gen; eine Politik des Handels und der internationalen Zusammenarbeit, die

die Rechte und Bedürfnisse der Ärmeren berücksichtigt. Andernfalls wer-

den „die armen Völker (…) immer ärmer, die reichen immer reicher“.754


365 Eine dem Globalisierungszeitalter angemessene Solidarität erfordert die Ver-

teidigung der Menschenrechte. In dieser Hinsicht weist das Lehramt darauf hin,

dass sich nicht nur „die Aussicht auf eine völkerrechtlich verankerte öffent-

 

752 Vgl. Paul VI., Enz. Populorum progressio, 61: AAS 59 (1967) 287.

753 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 43: AAS 80 (1988) 574–575.

754 Paul VI., Enz. Populorum progressio, 57: AAS 59 (1967) 285.

265

 

liche Autorität im Dienste der Menschenrechte, der Freiheit und des Frie-

dens, noch nicht zur Gänze verwirklicht [hat]. Man muss leider auch ein

häufiges Zögern der internationalen Gemeinschaft bei der Pflicht, die Men-

schenrechte zu achten und umzusetzen, feststellen. Diese Verpflichtung

betrifft alle Grundrechte und duldet keine willkürlichen Auswahlentschei-

dungen, die Formen der Diskriminierung und Ungerechtigkeit mit sich

bringen würden. Zugleich sind wir Zeugen davon, dass sich eine besorgnis-

erregende Schere zwischen einer Reihe neuer »Rechte«, die in den hoch

technisierten Gesellschaften gefördert werden, und den elementaren Men-

schenrechten auftut, denen vor allem in unterentwickelten Gebieten immer

noch nicht voll Genüge geleistet wird. Ich denke beispielsweise an das

Recht auf Nahrung, auf Trinkwasser, auf Unterkunft, auf Selbstbestim-

mung und Unabhängigkeit“.755


366 Mit der zunehmenden Globalisierung muss von Seiten der Organisationen der

Zivilgesellschaft ein reiferes Bewusstsein für die neuen Aufgaben einhergehen, zu de-

nen sie auf weltweitem Niveau berufen sind. Auch dank eines entschiedenen

Handelns dieser Organisationen wird es möglich sein, den gegenwärtigen

weltweiten wirtschaftlichen und finanziellen Wachstumsprozess in einen

Horizont einzuordnen, der eine tatsächliche Achtung der Menschen- und

Völkerrechte und eine gerechte Aufteilung der Ressourcen innerhalb eines

jeden Landes und zwischen verschiedenen Ländern garantiert: „Der freie

Austausch von Gütern ist nur dann recht und billig, wenn er mit den For-

derungen der sozialen Gerechtigkeit übereinstimmt“.756

Besondere Aufmerksamkeit muss den örtlichen Besonderheiten und den kulturel-

len Unterschieden gelten, die durch die derzeitigen wirtschaftlichen und finanziellen

Prozesse gefährdet sind: „Die Globalisierung darf keine neue Form des Kolo-

nialismus sein. Sie muss die Verschiedenheit der Kulturen achten, die inner-

halb der universalen Harmonie der Völker die Interpretationsschlüssel des

Lebens darstellen. Insbesondere darf sie die Armen nicht ihrer kostbarsten

Habe berauben, einschließlich ihres Glaubens und ihrer religiösen Prakti-

 

755 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2003, 5: AAS 95 (2003) 343.

756 Paul VI., Enz. Populorum progressio, 59: AAS 59 (1967) 286.

266

 

ken, denn echte religiöse Überzeugungen sind der deutlichste Ausdruck der

menschlichen Freiheit“.757


367 In der Epoche der Globalisierung muss die Solidarität der Generationen unter-

einander mit allem Nachdruck unterstrichen werden: „Früher war die Solidarität

zwischen den Generationen in vielen Ländern eine natürliche innere Hal-

tung in den Familien; sie ist inzwischen auch zu einer Pflicht für die Ge-

meinschaft geworden“.758 Es ist gut, dass diese Solidarität auch weiterhin in

den nationalen politischen Gemeinschaften angestrebt wird, doch das Pro-

blem stellt sich heute auch für die weltweite politische Gemeinschaft, damit

die Globalisierung nicht auf Kosten der Bedürftigsten und Schwächsten

verwirklicht wird. Die Solidarität der Generationen untereinander setzt vo-

raus, dass in der globalen Planung nach dem Prinzip der allgemeinen Be-

stimmung der Güter gehandelt wird, aufgrund dessen es in moralischer

Hinsicht unzulässig und in wirtschaftlicher Hinsicht kontraproduktiv ist,

die derzeitigen Kosten auf die künftigen Generationen abzuwälzen: mora-

lisch unzulässig, weil man so seiner Verantwortungspflicht nicht nach-

kommt; wirtschaftlich kontraproduktiv, weil es kostspieliger ist, Schäden

im Nachhinein auszubessern, als ihnen vorzubeugen. Dieses Prinzip muss

vor allem – wenn auch nicht ausschließlich – auf den Bereich der Boden-

schätze und der Bewahrung der Schöpfung angewandt werden, der durch

die Globalisierung besonders empfindlich geworden ist, da diese den gan-

zen Planeten als ein einziges Ökosystem betrifft.759

b) Das internationale Finanzsystem


368 Die Finanzmärkte sind natürlich keine Erfindung unserer Epoche: Schon seit

langer Zeit haben sie in vielfältigen Formen die Aufgabe übernommen, auf die Forde-

rungen der Finanzierung produktiver Aktivitäten zu reagieren. Die historische Erfah-

 

757 Johannes Paul II., Ansprache an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie für Sozial-
wissenschaften (27. April 2001), 4: AAS 93 (2001) 600.

758 Johannes Paul II., Ansprache an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie für Sozial-
wissenschaften (11. April 2002), 3: AAS 94 (2002) 525.

759 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache bei der Audienz für die ACLI (27. April 2002), 4:
L’Osservatore Romano, 28. April 2002, S. 5.

267

 

rung belegt, dass es ohne geeignete Finanzsysteme kein wirtschaftliches Wachstum

gegeben hätte. Die für die modernen Marktwirtschaften typischen umfang-

reichen Investitionen wären nicht möglich gewesen, wenn die Finanzmärk-

te mit ihrer grundlegenden Vermittlerrolle nicht ein Bewusstsein dafür ge-

schaffen hätten, dass das Sparen sich positiv auf die Gesamtentwicklung

des wirtschaftlichen und sozialen Systems auswirkt. Wenn die Schaffung

dessen, was als der „globale Kapitalmarkt“ bezeichnet worden ist, dadurch,

dass die produktiven Aktivitäten dank der größeren Beweglichkeit des Ka-

pitals leichter über Ressourcen verfügen konnten, Vorteile mit sich ge-

bracht hat, so hat dieselbe größere Beweglichkeit auf der anderen Seite auch

das Risiko von Finanzkrisen steigen lassen. Die Entwicklung des Finanzwe-

sens, dessen Transaktionen den Umfang der realen Transaktionen schon

längst hinter sich gelassen haben, läuft Gefahr, einer immer stärker auf sich

selbst bezogenen Logik zu folgen, die nicht mehr auf dem Boden der wirt-

schaftlichen Realität steht.


369 Eine Finanzwirtschaft, die zum Selbstzweck wird, ist dazu bestimmt, ihren

Zielsetzungen zu widersprechen, weil sie sich von ihren eigenen Wurzeln und dem

eigentlichen Grund ihres Bestehens, das heißt von ihrer ursprünglichen und wesentli-

chen Aufgabe löst, der realen Wirtschaft und damit letztlich der Entwicklung der

menschlichen Personen und Gemeinschaften zu dienen. Noch besorgniserregender

wird der Gesamtrahmen, wenn man sich die stark asymmetrische Struktur

vor Augen hält, die das internationale Finanzsystem kennzeichnet: Nur in

einigen Teilen der Welt zeichnet sich eine Konsolidierung der Innovations-

und Deregulierungsprozesse auf den Finanzmärkten ab. Das gibt zu gravie-

renden ethischen Befürchtungen Anlass, denn die Länder, die von den ge-

nannten Prozessen ausgeschlossen sind, kommen nicht nur nicht in den

Genuss der mit diesen verbundenen Vorteile, sondern sind nicht einmal

vor den eventuellen negativen Auswirkungen der finanziellen Instabilität

auf ihre realen Wirtschaftssysteme geschützt, vor allem dann, wenn diese

ohnehin schon anfällig und unterentwickelt sind.760

Angesichts der unvermittelten Beschleunigung von Prozessen wie der

enormen Wertsteigerung der von den Finanzinstitutionen verwalteten

 

760 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie für Sozial-
wissenschaften (25. April 1997), 6: AAS 90 (1998) 141–142.

268

 

Wertpapierbestände und der rasch um sich greifenden neuen und ausgefeil-

ten Finanzinstrumente ist es umso wichtiger, institutionelle Lösungen zu finden,

die die Stabilität des Systems wirksam fördern können, ohne seine Leistungsfähigkeit

und Effizienz zu verringern. Es ist unerlässlich, einen normativen Rahmen zu

schaffen, der es möglich macht, diese Stabilität in all ihren vielschichtigen

Ausdrucksformen zu schützen, die Konkurrenz zwischen den Vermitt-

lungsinstituten zu stärken und die größtmögliche Transparenz zum Nut-

zen der Investoren zu gewährleisten.

c) Die Rolle der internationalen Gemeinschaft in der Epoche der

globalen Wirtschaft


370 Der Verlust der zentralen Bedeutung der staatlichen Akteure muss mit ver-

stärkten Bemühungen der internationalen Gemeinschaft einhergehen, in wirtschaftli-

cher und finanzieller Hinsicht eine entscheidende und richtunggebende Rolle zu spie-

len. Eine wichtige Folge des Globalisierungsprozesses besteht nämlich

darin, dass der Nationalstaat im Hinblick auf die Lenkung der nationalen

wirtschaftlichen und finanziellen Dynamismen zunehmend an Wirksam-

keit verliert. Die Regierungen der einzelnen Länder sehen ihr eigenes Han-

deln im wirtschaftlichen und sozialen Bereich zunehmend von den Erwar-

tungen der internationalen Finanzmärkte und den immer drängenderen

Forderungen der Glaubwürdigkeit von Seiten der Finanzwelt beeinf lusst.

Aufgrund der neuen Verbindungen zwischen den weltweit Tätigen schei-

nen die traditionellen Verteidigungsmaßnahmen der Staaten zum Schei-

tern verurteilt, und der Begriff des nationalen Marktes selbst tritt ange-

sichts der neuen Wettbewerbsbereiche in den Hintergrund.


371 Je vielschichtiger das weltweite Wirtschafts- und Finanzsystem in organisato-

rischer und funktioneller Hinsicht wird, desto vorrangiger wird die Aufgabe, diese

Prozesse zu regulieren und sie auf das Gemeinwohl der Menschheitsfamilie auszurich-

ten. Konkret gesprochen ergibt sich die Notwendigkeit, dass neben den Nationalstaa-

ten die internationale Gemeinschaft selbst diese heikle Aufgabe übernehmen und sich

dabei angemessener und wirksamer politischer und rechtlicher Mittel bedienen muss.

Es ist folglich unerlässlich, dass die internationalen Wirtschafts- und

Finanzinstitutionen die geeignetsten Lösungen finden und die zweck-

 

269

 

mäßigsten Handlungsstrategien entwerfen, um eine Veränderung in die

richtigen Bahnen zu lenken, die, wenn man sich ihr passiv unterwerfen

und sie sich selbst überlassen würde, dramatische Folgen hervorrufen wür-

de, von welchen vor allem die schwächsten und schutzlosesten Schichten

der Weltbevölkerung betroffen wären.

In den internationalen Organisationen müssen die Interessen der gro-

ßen Menschheitsfamilie in rechter Weise vertreten sein; es ist notwendig,

dass diese Institutionen „bei der Einschätzung der Folgen ihrer Entschei-

dungen stets jene Völker und Länder entsprechend berücksichtigen, die

auf dem internationalen Markt kaum ins Gewicht fallen, sondern in denen

sich die schlimmste und bitterste Not ansammelt und die größere Entwick-

lungshilfe nötig haben“.761


372 Wie die Wirtschaft muss auch die Politik ihren eigenen Aktionsradius über die

nationalen Grenzen hinaus ausdehnen und rasch jene weltweite Dimension des Han-

delns erreichen, die es ihr erlaubt, die ablaufenden Prozesse nicht nur nach ökonomi-

schen, sondern auch nach moralischen Parametern zu steuern. Das grundlegende

Ziel wird sein, diese Prozesse so zu lenken, dass die Achtung der Würde des

Menschen und die vollständige Entfaltung seiner Persönlichkeit im Ge-

samtzusammenhang des Gemeinwohls gewährleistet sind.762 Diese Auf-

gabe zu übernehmen schließt das Bemühen mit ein, die Stabilisierung der

bestehenden Institutionen und die Schaffung neuer Organe zu beschleuni-

gen, denen diese Verantwortlichkeiten anvertraut werden können.763 Denn

die wirtschaftliche Entwicklung kann von Dauer sein, wenn sie sich inner-

halb eines fest umrissenen Rahmens von Normen und eines weit gefassten

Spektrums des moralischen, zivilen und kulturellen Wachstums der ge-

samten Menschheitsfamilie entfaltet.

 

761 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 58: AAS 83 (1 991) 864.

762 Vgl. Paul VI., Enz. Octogesima adveniens, 43–44: AAS 63 (1971) 431–433.

763 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2440;
Paul VI., Enz. Populorum progressio, 78: AAS 59 (1967) 295;
Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 43: AAS 80 (1988) 574–575.

270

 

d) Eine umfassende und solidarische Entwicklung


373 Eine der grundlegenden Aufgaben der Handlungsträger der internationalen

Wirtschaft ist die Verwirklichung einer umfassenden und solidarischen Entwicklung

für die Menschheit, das heißt für „jeden Menschen und den ganzen Men-

schen“.764 Diese Aufgabe setzt ein Verständnis der Wirtschaft voraus, das

eine gerechte Verteilung der Ressourcen auf internationaler Ebene gewähr-

leistet und dem Bewusstsein der wechselseitigen – wirtschaftlichen, politi-

schen und kulturellen – Abhängigkeit entspricht, die die Völker nunmehr

endgültig aneinander bindet und zu Gefährten ein und desselben Schick-

sals macht.765 Immer mehr nehmen die gesellschaftlichen Probleme welt-

weite Dimensionen an. Kein Staat kann sich ihnen alleine stellen und sie

alleine lösen wollen. Die Generationen der Gegenwart erfahren die Not-

wendigkeit der Solidarität und das konkrete Bedürfnis, die individualisti-

sche Kultur zu überwinden, am eigenen Leib.766 Immer lauter wird die For-

derung nach Entwicklungsmodellen, deren Ziel nicht nur darin besteht,

„alle Völker auf das Niveau zu heben, dessen sich heute die reichsten Länder

erfreuen. Es geht vielmehr darum, in solidarischer Zusammenarbeit ein

menschenwürdigeres Leben aufzubauen, die Würde und Kreativität jedes

einzelnen wirksam zu steigern, seine Fähigkeit, auf seine Berufung und da-

mit auf den darin enthaltenen Anruf Gottes zu antworten“.767


374 Eine menschlichere und solidarischere Entwicklung wird auch den reichen Län-

dern helfen. Sie „spüren häufig eine Art existentieller Verwirrung, eine Un-

fähigkeit, zu leben und sich am Sinn des Lebens zu erfreuen, und das trotz

der sie im Überfluss umgebenden materiellen Güter, eine Entfremdung

und einen Verlust des eigenen Menschseins in vielen Personen, die sich auf

die Rolle eines Rädchens im Mechanismus von Produktion und Konsum

beschränkt fühlen und keinen Weg finden, ihre eigene Würde als Men-

schen, die nach Gottes Bild und Ähnlichkeit geschaffen sind, zu beja-

 

764 Paul VI., Enz. Populorum progressio, 14: AAS 59 (1967) 264.

765 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2437–2438.

766 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2000,13–14: AAS 92 (2000) 365–366.

767 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 58: AAS 29 (1991) 828–829;
vgl. Paul VI.,Enz. Populorum progressio, 40–42: AAS 59 (1967) 277–278.

271

 

hen“.768 Die reichen Länder haben ihre Fähigkeit, materiellen Wohlstand

hervorzubringen, unter Beweis gestellt – doch häufig auf Kosten des Men-

schen und der schwächeren gesellschaftlichen Schichten: „Man darf nicht

übersehen, dass die Grenzen zwischen Reichtum und Armut durch die ver-

schiedenen Gesellschaften selber verlaufen, und dies sowohl in den Indus-

trieländern als auch in den Entwicklungsländern. Wie es nämlich soziale

Ungleichheiten bis zu den Stufen des Elends auch in reichen Ländern gibt,

so beobachtet man entsprechend in den weniger entwickelten Ländern

nicht selten Zeichen von Egoismus und Zurschaustellung von Reichtum,

die ebenso empörend wie skandalös sind“.769

e) Die Notwendigkeit verstärkter erzieherischer und kultureller

Anstrengung


375 Für die Soziallehre ist die Wirtschaft „nur ein Aspekt und eine Dimension der

Vielfalt des menschlichen Handelns. Wenn sie verabsolutiert wird, wenn die

Produktion und der Konsum der Waren schließlich die Mitte des gesell-

schaftlichen Lebens einnehmen und zum einzigen Wert der Gesellschaft

werden, der keinem anderen mehr untergeordnet wird, so ist die Ursache

dafür nicht allein und nicht so sehr im Wirtschaftssystem selbst als in der

Tatsache zu suchen, dass das ganze soziokulturelle System mit der Ver-

nachlässigung der sittlichen und religiösen Dimension versagt hat und sich

nunmehr allein auf die Produktion von Gütern und Dienstleistungen be-

schränkt“.770 Wie das gesellschaftliche Leben der Gesamtheit darf auch

das Leben des Menschen nicht auf eine materialistische Dimension be-

schränkt werden, auch wenn die materiellen Güter zum Zweck des bloßen

Überlebens wie auch im Hinblick auf eine Verbesserung des Lebensstan-

dards äußerst wichtig sind: „Grundlage ist für jede umfassende Entwicklung

der menschlichen Gesellschaft, den Sinn für Gott und die Selbsterkenntnis zu

fördern“.771

 

768 Johannes Paul II., Ansprache zum 1. Mai 1991: Insegnamenti di Giovanni Paolo II,XIV, 1 (1991) 1985–1991;
vgl. Id., Enz. Sollicitudo rei socialis, 9: AAS 80 (1988) 520–523.

769 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 14: AAS 80 (1988) 526–527.

770 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 39: AAS 83 (1991) 842.

771 Katechismus der Katholischen Kirche, 2441.

272

 


376 Angesichts des raschen technischen und ökonomischen Fortschritts und der

ebenso raschen Veränderlichkeit der Produktions- und Konsumprozesse weist das Lehr-

amt auf die Notwendigkeit einer großen erzieherischen und kulturellen Anstrengung

hin: „Die Nachfrage nach einem qualitativ befriedigenderen und reicheren

Leben ist an sich berechtigt. Man muss dabei aber die neue Verantwortung

und die neuen Gefahren unterstreichen, die mit dieser geschichtlichen Phase

zusammenhängen. (…) Bei der Entdeckung neuer Bedürfnisse und neuer

Möglichkeiten, sie zu befriedigen, muss man sich von einem Menschenbild

leiten lassen, das alle Dimensionen seines Seins berücksichtigt und die ma-

teriellen und triebhaften den inneren und geistigen unterordnet. (…) Es

braucht daher dringend ein groß angelegtes erzieherisches und kulturelles Bemü-

hen, das die Erziehung der Konsumenten zu einem verantwortlichen Ver-

braucherverhalten, die Weckung eines hohen Verantwortungsbewusstseins

bei den Produzenten und vor allem bei den Trägern der Kommunikations-

mittel sowie das notwendige Eingreifen der staatlichen Behörden um-

fasst“.772

 

772 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 36: AAS 83 (1991) 838–839.

273