Neuntes Kapitel

NEUNTES KAPITEL

DIE INTERNATIONALE GEMEINSCHAFT

 

I. BIBLISCHE ASPEKTE

 

a) Die Einheit der Menschheitsfamilie


428 Die biblischen Erzählungen von den Ursprüngen zeigen die Einheit des Men-

schengeschlechts und lehren, dass der Gott Israels der Herr der Geschichte und des

Kosmos ist: Sein Wirken umfasst die ganze Welt und die gesamte Mensch-

heitsfamilie, für die das Werk der Schöpfung bestimmt ist. Die Entscheidung

Gottes, den Menschen nach seinem Bild und ihm ähnlich zu erschaffen (vgl.

Gen 1, 26–27), verleiht dem menschlichen Geschöpf eine einzigartige Würde,

die sich über alle Generationen (vgl. Gen 5) auf der ganzen Erde erstreckt

(vgl. Gen 10). Das Buch Genesis zeigt außerdem, dass der Mensch nicht in

der Isolation, sondern innerhalb eines Zusammenhangs geschaffen worden

ist: Wesentlicher Bestandteil dieses Zusammenhangs ist der Lebensraum,

der seine Freiheit (den Garten), die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln

(die Bäume des Gartens), die Arbeit (das Gebot, den Garten zu bebauen)

und vor allem die Gemeinschaft (das Geschenk der Hilfe von seinesglei-

chen) gewährleistet (vgl. Gen 2, 8–24). Die Bedingungen, die die Fülle des

menschlichen Lebens garantieren, sind im ganzen Alten Testament eine

Folge des göttlichen Segens. Gott will dem Menschen die Güter zur Ver-

fügung stellen, die er braucht, um zu wachsen, sich frei auszudrücken, mit

seiner Arbeit positive Erfolge zu erzielen und den Reichtum der Beziehun-

gen zu seinesgleichen zu genießen.


429 Der Bund Gottes mit Noach (vgl. Gen 9, 1–17) und durch ihn mit der gesam-

ten Menschheit macht nach der von der Sintflut verursachten Zerstörung deutlich,

dass Gott der menschlichen Gemeinschaft den Segen der Fruchtbarkeit, die Aufgabe,

über das Geschaffene zu herrschen und die absolute Würde und Unantast-

barkeit des menschlichen Lebens erhalten will, die Kennzeichen der ersten

Schöpfung gewesen waren, obwohl mit der Sünde die Entartungen der Ge-

walt und der Ungerechtigkeit in diese Einzug gehalten und schließlich mit

 

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der Sintflut ihre Strafe gefunden hatten. Voller Bewunderung stellt das

Buch Genesis die Vielfalt der Völker dar, die das Werk des schöpferischen

Handelns Gottes ist (vgl. Gen 10, 1–32), und prangert gleichzeitig in der Ge-

schichte des Turmbaus zu Babel (vgl. Gen 11, 1–9) die fehlende Bereitschaft

des Menschen an, seine Geschöpflichkeit zu akzeptieren. Alle Völker hat-

ten gemäß dem göttlichen Plan „die gleiche Sprache und gebrauchten die

gleichen Worte“ (Gen 11, 1), doch die Menschen entzweiten sich und kehrten

Gott den Rücken zu (vgl. Gen 11, 4).


430 Der Bund, den Gott mit Abraham schließt, dem auserwählten „Stammvater

einer Menge von Völkern“ (Gen 17, 4) macht den Weg frei für die Rückbindung der

Menschheitsfamilie an ihren Schöpfer. Die Heilsgeschichte lässt das Volk Israel

denken, dass das göttliche Wirken auf sein Land beschränkt sei, und doch

festigt sich nach und nach die Überzeugung, dass Gott auch durch die an-

deren Nationen wirkt (vgl. Jes 19, 18–25). Die Propheten kündigen für die

eschatologische Zeit einen Pilgerstrom der Völker zum Tempel des Herrn

und eine Zeit des Friedens zwischen den Nationen an (vgl. Jes 2, 2–5; 66, 18–

23). Das in der Verbannung zerstreute Israel wird sich endgültig seiner Rolle

als Zeuge des einzigen Gottes bewusst werden (vgl. Jes 44, 6–8), der der

Herr der Welt und der Geschichte der Völker ist (vgl. Jes 44, 24–28).

b) Jesus Christus als Vorbild und Grundlage der neuen Menschheit


431 Jesus, der Herr, ist das Vorbild und die Grundlage der neuen Menschheit.
In

ihm, „der Gottes Ebenbild ist“ (2 Kor 4, 4), findet der von Gott nach seinem

Bild geschaffene Mensch seine Erfüllung. Im endgültigen Zeugnis der Liebe

Gottes, dem Kreuz Christi, sind alle Mauern der Feindschaft bereits nieder-

gerissen (vgl. Eph 2, 12–18), und für die, die das neue Leben in Christus le-

ben, sind ethnische und kulturelle Unterschiede nicht länger ein Grund zur

Spaltung (vgl. Röm 10, 12; Gal 3, 26–28; Kol 3, 11).

Durch den Heiligen Geist kennt die Kirche den göttlichen Plan, der das

gesamte Menschengeschlecht umfasst (vgl. Apg 17, 26) und darauf aus-

gerichtet ist, im Geheimnis eines unter der Herrschaft Christi gewirkten

Heils (vgl. Eph 1, 8–10) die gesamte zersplitterte und verstreute geschöpf-

liche Wirklichkeit wieder zusammenzuführen. Seit dem Pfingsttag, an

 

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dem die Botschaft der Auferstehung verschiedenen Völkern verkündet und

von jedem in seiner eigenen Sprache gehört worden ist (vgl. Apg 2, 6), er-

füllt die Kirche ihre Aufgabe, die in Babel verloren gegangene Einheit wie-

derherzustellen und zu bezeugen: Die Menschheitsfamilie ist dazu berufen,

dank dieses kirchlichen Dienstes ihre eigene Einheit wiederzuentdecken

und den Reichtum ihrer Unterschiede zu erkennen, um „die volle Einheit

in Christus“ zu erlangen.873

c) Die universale Berufung der Christenheit


432 Die christliche Botschaft bietet eine allgemeine Sicht auf das Leben der Men-

schen und Völker auf der Erde,874 die die Einheit der Menschheitsgeschichte

verständlich macht.875 Diese Einheit lässt sich nicht durch Waffen, Terror

oder Gewalt erzwingen: Sie erwächst vielmehr aus jenem höchsten „Modell

der Einheit“, dem „Abbild des innersten Lebens Gottes, des Einen in drei

Personen“, das „wir Christen mit dem Wort »Gemeinschaft«“ bezeichnen,876

und ist eine Errungenschaft der moralischen und kulturellen Kraft der Freiheit.877

Die christliche Botschaft hat entscheidend dazu beigetragen, die Mensch-

heit begreifen zu lassen, dass die Völker nicht nur aufgrund von Organisa-

tionsformen, politischen Entwicklungen, wirtschaftlichen Projekten oder

im Namen eines abstrakten und ideologischen Internationalismus nach

Einheit streben, sondern weil sie aus freiem Willen auf Zusammenarbeit

ausgerichtet sind und weil ihnen bewusst ist, „dass sie als lebendige Glieder

zur allgemeinen Menschheitsfamilie gehören“.878 Die Weltgemeinschaft

muss sich die vom Schöpfer gewollte Einheit immer stärker und immer

besser zum Vorbild nehmen: „Kein Zeitalter wird die Einheit der mensch-

 

873 II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 1: AAS 57 (1965) 5.

874 Vgl. Pius XII., Ansprache an die Teilnehmer der 5. nationalen Zusammenkunft des Katho-
lischen Juristenverbands Italiens (6. Dezember 1953), 2: AAS 45 (1953) 795.

875 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 42: AAS 58 (1966) 1060–1061.

876 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 40: AAS 80 (1988) 569.

877 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache vor den Vereinten Nationen zum 50jährigen Bestehen
der Weltorganisation, New York (5. Oktober 1995), 12: Der Apostolische Stuhl 1995, 520.

878 Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 296.

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lichen Schicksalsgemeinschaft zerstören, da diese aus Menschen besteht,

die gleichberechtigt an der naturgegebenen Würde teilhaben. Deshalb for-

dert die in der Natur des Menschen gründende Notwendigkeit immer, dass

in geziemender Weise jenes universale Gemeinwohl angestrebt wird, wel-

ches die gesamte Menschheitsfamilie angeht“.879

 

II. DIE GRUNDREGELN DER INTERNATIONALEN GEMEINSCHAFT

 

a) Internationale Gemeinschaft und Werte


433 Die zentrale Bedeutung der menschlichen Person und das natürliche Bestreben

der Personen und Völker, untereinander Beziehungen zu knüpfen, sind die grundlegen-

den Voraussetzungen für die Schaffung einer wahren internationalen Gemeinschaft,

deren Organisation auf das tatsächliche universale Gemeinwohl ausgerichtet sein

muss.880 Obwohl der Wunsch nach einer echten internationalen Gemein-

schaft weit verbreitet ist, ist die Einheit der Menschheitsfamilie noch nicht

verwirklicht, weil sie von materialistischen und nationalistischen Ideo-

logien verhindert wird: Diese leugnen die Werte, die der als Ganzes in all

ihren Dimensionen – materiell und spirituell, individuell und gemein-

schaftlich – betrachteten Person innewohnen. Insbesondere ist jede Theorie

und Verhaltensweise moralisch unannehmbar, die von Rassismus oder Ras-

sendiskriminierung geprägt ist.881

Das Zusammenleben der Nationen beruht auf denselben Werten, die

auch das Zusammenleben einzelner Menschen bestimmen müssen: Wahr-

heit, Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit.882 Auf der Ebene der grund-

 

879 Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 292.

880 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1911.

881 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erkl. Nostra aetate, 5: AAS 58 (1966) 743–744;
Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 268. 281;
Paul VI., Enz. Populorum progressio, 63: AAS 59 (1967) 288;
Id., Ap. Schr. Octogesima adveniens, 16: AAS 63 (1971) 413;
Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, L’Eglise face au racisme. Contribution
du Saint-Siège à la Conférence mondiale contre le Racisme, la Discrimination raciale, la
Xénophobie et l’Intolérance qui y est associée, Tipografia Vaticana, Vatikanstadt 2001.

882 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 279–280.

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der Kirche, dass die Beziehungen zwischen den Völkern und den politi-

schen Gemeinschaften über Vernunft, Vorurteilslosigkeit, Recht und Ver-

handlung in der angemessenen Weise geregelt werden, während sie Gewalt

und Krieg, Formen der Diskriminierung, der Einschüchterung und der

Täuschung ausschließt.883


434 Das Recht ist ein Mittel, um die internationale Ordnung oder das Zusammen-

leben politischer Gemeinschaften zu garantieren,884 die jede für sich das Gemein-

wohl ihrer eigenen Bürger und kollektiv das Gemeinwohl aller Völker an-

streben müssen, 885 weil sie davon überzeugt sind, dass das Gemeinwohl

einer Nation untrennbar mit dem Gemeinwohl der gesamten Menschheits-

familie verbunden ist.886

Die internationale Gemeinschaft ist eine Rechtsgemeinschaft, die auf

der Souveränität jedes Mitgliedstaates beruht, dessen Unabhängigkeit nicht

durch Bande der Unterordnung negiert oder eingeschränkt wird.887 Die in-

ternationale Gemeinschaft so zu begreifen bedeutet keineswegs, die unter-

schiedlichen und eigenen Merkmale eines jeden Volkes zu relativieren und

zu verwässern, sondern sie stärker zum Ausdruck zu bringen.888 Die Auf-

wertung der unterschiedlichen Identitäten hilft, die verschiedenen Formen

der Spaltung zu überwinden, die die Völker zu trennen drohen und sie

anfällig machen für einen Egoismus mit destabilisierenden Folgen.


435 Das Lehramt erkennt die Wichtigkeit der nationalen Souveränität an, die vor

allem als Ausdruck jener Freiheit begriffen wird, die die Beziehungen zwischen den

 

883 Vgl. Paul VI., Ansprache an die Vereinten Nationen (4. Oktober 1965), 2: AAS 57 (1965) 879–880.

884 Vgl. Pius XII., Enz. Summi Pontificatus: AAS 31 (1939) 438–439.

885 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 292;
Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 52: AAS 83 (1991) 857–858.

886 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 284.

887 Vgl. Pius XII., Weihnachtsansprache (24. Dezember 1939): AAS 32 (1940) 9–11;
Id., Ansprache an die Teilnehmer der 5. nationalen Zusammenkunft des Katholischen
Juristenverbands Italiens (6. Dezember 1953): AAS 45 (1953) 795–796;
Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 289.

888 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache vor den Vereinten Nationen zum 50jährigen Bestehen
der Weltorganisation, New York (5. Oktober 1995), 9–10: Der Apostolische Stuhl 1995, 518–520.

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Staaten regulieren muss.889 Die Souveränität steht für die politische, wirtschaft-

liche, soziale und auch kulturelle Subjektivität890 einer Nation. Die kulturelle

Dimension ist als Basis für den Widerstand gegen Akte der Aggression oder

gegen Herrschaftsformen, die die Freiheit eines Landes einschränken, von

besonderer Bedeutung: Die Kultur stellt eine Garantie dafür dar, dass die

Identität eines Volkes bewahrt bleibt, indem sie seine geistige Unabhängigkeit

zum Ausdruck bringt und stärkt.891

Die nationale Souveränität ist jedoch nicht absolut. Die Nationen können zu-

gunsten eines gemeinsamen Ziels freiwillig auf die Ausübung einiger ihrer Rechte

verzichten, weil ihnen bewusst ist, dass sie eine „Familie“ bilden,892 in der

gegenseitiges Vertrauen herrschen und der eine den anderen unterstützen

und respektieren muss. In diesem Zusammenhang verdient die Tatsache

angemessene Beachtung, dass keine internationale Übereinkunft über „die

Rechte der Nationen“893 existiert. Die Vorbereitung einer solchen wäre eine

gute Gelegenheit, sich mit den Fragen nach der Gerechtigkeit und der Frei-

heit in der heutigen Welt auseinanderzusetzen.

b) Beziehungen auf der Grundlage der Harmonie zwischen rechtlicher und moralischer Ordnung


436 Um eine internationale Ordnung zu verwirklichen und zu festigen, die das

friedliche Zusammenleben der Völker wirkungsvoll garantiert, muss dasselbe Sitten-

gesetz, dass das Leben der Menschen lenkt, auch die Beziehungen zwischen den Staa-

ten regeln: „Ein Sittengesetz, dessen Beachtung von der öffentlichen Mei-

nung aller Nationen und aller Staaten mit einer solchen Einmütigkeit der

 

889 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 289;
Johannes Paul II., Ansprache vor den Vereinten Nationen zum 50jährigen Bestehen der
Weltorganisation, New York (5. Oktober 1995), 12: Der Apostolische Stuhl 1995, 520.

890 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 15: AAS 80 (1988) 528–530.

891 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an den Exekutivrat der UNESCO, Paris (2. Juni 1980),
14: AAS 72 (1980) 744–745.

892 Johannes Paul II., Ansprache vor den Vereinten Nationen zum 50jährigen Bestehen der
Weltorganisation, New York (5. Oktober 1995), 14: Der Apostolische Stuhl 1995, 522;
vgl. auch Id., Ansprache an das Diplomatische Korps (13. Januar 2001), 8: AAS 93 (2001) 319.

893 Johannes Paul II., Ansprache vor den Vereinten Nationen zum 50jährigen Bestehen der
Weltorganisation, New York (5. Oktober 1995), 6: Der Apostolische Stuhl 1995, 516.

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Stimme und der Kraft gefordert und gefördert werden muss, dass niemand

wagen kann, es in Zweifel zu ziehen oder seine Verbindlichkeit zu lo-

ckern“.894 Das allgemeine Sittengesetz, das in das Herz des Menschen hi-

neingeschrieben ist, muss als gültig und unanfechtbar und als lebendiger

Ausdruck des gemeinsamen Gewissens der Menschheit betrachtet werden,

als eine „Grammatik“,895 die geeignet ist, den Dialog über die Zukunft der

Welt zu strukturieren.


437 Die allgemeine Anerkennung der Grundsätze, von denen eine „Rechtsord-

nung“ inspiriert ist, „die mit den Geboten der moralischen Ordnung (…) im Einklang

steht“ 896, ist eine notwendige Voraussetzung für die Stabilität des internationalen

Lebens. Das Streben nach einer solchen Stabilität hat die schrittweise Ausarbeitung

eines Völkerrechts897 („ius gentium“) begünstigt, das als „Vorfahre des interna-

tionalen Rechts“898 betrachtet werden kann. Auf der Grundlage des Natur-

rechts hat das juristische und theologische Denken „allgemeine Prinzipien,

die dem innerstaatlichen Recht vorausgehen und es übertreffen“,899 formu-

liert: die Einheit des Menschengeschlechts, die Gleichheit der Würde jedes

Volkes, die Ablehnung des Krieges als Mittel zur Überwindung von Strei-

tigkeiten, die Verpflichtung zu einer auf das Gemeinwohl ausgerichteten

Zusammenarbeit, die Forderung, unterschriebene Verträge einzuhalten

(„pacta sunt servanda“). Dieses letztgenannte Prinzip muss in besonderer

Weise hervorgehoben werden, um der Versuchung entgegenzuwirken, „lie-

ber auf das Recht des Stärkeren als auf die Kraft des Rechtes zu setzen“.900

 

894 Pius XII., Weihnachtliche Rundfunkbotschaft (24. Dezember 1941): AAS 34 (1942) 16.

895 Johannes Paul II., Ansprache vor den Vereinten Nationen zum 50jährigen Bestehen der
Weltorganisation, New York (5. Oktober 1995), 3: Der Apostolische Stuhl 1995, 515.

896 Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 277.

897 Vgl. Pius XII., Enz. Summi pontificatus: AAS 31 (1939) 438–439;
Id., Weihnachtliche Rundfunkbotschaft (24. Dezember 1941): AAS 34 (1942) 16–17;
Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 290–292.

898 Johannes Paul II., Ansprache an das Diplomatische Korps (12. Januar 1991), 8: Der
Apostolische Stuhl 1991, 867.

899 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2004, 5: AAS 96 (2004) 116.

900 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2004, 5: AAS 96 (2004) 117;
vgl. auch Id., Botschaft an den Rektor der Päpstlichen Lateranuniversität (21. März 2002),
6: L’Osservatore Romano, 22. März 2002, S. 6.

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438 Um die Konflikte zu lösen, die zwischen den verschiedenen politischen Gemein-

schaften entstehen und die Stabilität der Nationen sowie die internationale Sicherheit

gefährden, ist es unerlässlich, sich im Sinne einer Verhandlungsbasis auf gemeinsame

Regeln zu berufen und endgültig auf die Vorstellung zu verzichten, dass der Krieg ein

Mittel ist, um Gerechtigkeit durchzusetzen:901 „Der Krieg kann ohne Sieger und

Besiegte im Selbstmord der Menschheit enden, und deshalb muss man die

Logik, die dazu führt, radikal zurückweisen, nämlich die Idee, dass der

Kampf zur Vernichtung des Feindes, die Gegnerschaft und der Krieg zur

Entwicklung und zum Fortschritt der Geschichte beitragen“.902

Die Charta der Vereinten Nationen hat nicht nur die Anwendung, sondern auch

die bloße Androhung von Gewalt verboten:903 Dieses Verbot ist aus der tragi-

schen Erfahrung des Zweiten Weltkriegs hervorgegangen. Das Lehramt

hatte es während jenes Konflikts nicht versäumt, einige Faktoren aufzuzei-

gen, die für den Auf bau einer erneuerten internationalen Ordnung uner-

lässlich sind: die Freiheit und territoriale Unversehrtheit jeder Nation; der

Schutz der Minderheitenrechte; gerecht geteilte Bodenschätze; die Ableh-

nung des Krieges und die Abrüstung; die Einhaltung abgeschlossener Ver-

träge; das Ende der Religionsverfolgung.904


439 Um die Vorrangstellung des Rechts zu festigen, gilt vor allem das Prinzip des

gegenseitigen Vertrauens.905 Vor diesem Hintergrund müssen die normativen Mittel

zur friedlichen Lösung von Konflikten überdacht und mit einer größeren Reichweite

und Verbindlichkeit ausgestattet werden. Die Einrichtungen der Verhandlung,

der Vermittlung, der Versöhnung, des Schiedsspruchs, die Ausdruck der

internationalen Gesetzlichkeit sind, müssen dadurch unterstützt werden,

dass „eine voll wirksame Gerichtsautorität in einer friedlichen Welt“ 906 ge-

 

901 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 23: AAS 83 (1991) 820–821.

902 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 18: AAS 83 (1991) 816.

903 Vgl. Charta der Vereinten Nationen (26. Juni 1945), Art. 2.4;
Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2004, 6: AAS 96 (2004) 117.

904 Vgl. Pius XII., Weihnachtliche Rundfunkbotschaft (24. Dezember 1941): AAS 34 (1942) 18.

905 Vgl. Pius XII., Weihnachtliche Rundfunkbotschaft (24. Dezember 1945): AAS 38 (1946) 22;
Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 287–288.

906 Johannes Paul II., Ansprache vor dem Internationalen Gerichtshof im Friedenspalast in
Den Haag (13. Mai 1985), 4: AAS 78 (1986) 520.

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schaffen wird. Ein Fortschritt in dieser Richtung wird es der internationalen

Gemeinschaft ermöglichen, sich nicht nur als bloßes Element des Miteinan-

ders im Leben der Staaten, sondern als eine Struktur zu etablieren, in der

Konflikte friedlich gelöst werden können: „Wie in den einzelnen Staaten

(…) der Zeitpunkt kam, wo an die Stelle des Systems der persönlichen

Rache und Vergeltung die Herrschaft des Gesetzes trat, so ist es jetzt drin-

gend notwendig, dass in der internationalen Völkergemeinschaft ein ähn-

licher Fortschritt stattfindet“.907 Letztlich muss das internationale Recht

„der Vorherrschaft des Gesetzes des Stärkeren den Boden entziehen“.908

 

III. DIE ORGANISATION DER INTERNATIONALEN GEMEINSCHAFT

 

a) Die Bedeutung der internationalen Organisationen


440 Der Weg hin zu einer echten internationalen „Gemeinschaft“, der mit der

Schaffung der Organisation der Vereinten Nationen im Jahre 1945 eine präzise Rich-

tung genommen hat, wird von der Kirche begleitet: Diese Organisation hat „durch

die Auf bereitung des kulturellen und institutionellen Bodens für den Auf-

bau des Friedens bedeutend dazu beigetragen (…), die Achtung der Men-

schenwürde, die Freiheit der Völker und den Anspruch auf Entwicklung zu

fördern“.909 Die Soziallehre betrachtet die Rolle der regierungsübergreifen-

den Organisationen – vor allem derjenigen, die in speziellen Bereichen tätig

sind910 – im Allgemeinen als positiv, bringt allerdings ihre Bedenken zum

 

907 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 42: AAS 83 (1991) 858.

908 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2004, 9: AAS 96 (2004) 120.

909 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2004, 7: AAS 96 (2004) 118.

910 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et magistra: AAS 53 (1961) 426. 439;
Johannes Paul II., Ansprache am Sitz der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO)
(12. November 1979), 6: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, II, 2 (1979) 1136–1137;
Id., Ansprache an den Exekutivrat der UNESCO, Paris (2. Juni 1980), 5. 8: AAS 72 (1980) 737. 739–740;
Id., Ansprache an den Ministerrat der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE) (30. November 1993), 3. 5: AAS 86 (1994) 750–751. 752.

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Ausdruck, wenn diese die Probleme nicht in der richtigen Weise ange-

hen.911 Das Lehramt empfiehlt, dass das Handeln der internationalen Orga-

ne den Bedürfnissen der Menschen im gesellschaftlichen Leben und in den

für ein friedliches und geordnetes Zusammenleben der Nationen und Völ-

ker relevanten Bereichen entspricht.912


441 Die Sorge um ein geordnetes und friedliches Zusammenleben der Mensch-

heitsfamilie veranlasst das Lehramt dazu, der Forderung Nachdruck zu verleihen,

„dass eine von allen anerkannte öffentliche Weltautorität eingesetzt wird, die über

wirksame Macht verfügt, um für alle Sicherheit, Wahrung der Gerechtigkeit und Ach-

tung der Rechte zu gewährleisten“.913 Trotz der in den jeweiligen Epochen un-

terschiedlichen Sichtweisen ist das Bedürfnis nach einer solchen Autorität

im Lauf der Geschichte beständig spürbar gewesen, einer Autorität, die auf

die mit der Suche nach dem Gemeinwohl verbundenen, weltweiten Proble-

me reagieren kann: Dabei ist es wesentlich, dass diese Autorität aus einer

Übereinkunft und nicht aus Zwang hervorgeht und dass sie nicht als „glo-

baler Superstaat“914 aufgefasst wird.

Eine im Rahmen der internationalen Gemeinschaft ausgeübte politische Auto-

rität muss das Recht befolgen, das Gemeinwohl anstreben und das Subsidiaritätsprin-

zip achten: „Die öffentlichen Autoritäten der Weltgemeinschaft verfolgen

nicht das Ziel, den Machtbereich der Einzelstaaten einzuschränken oder

ihre Angelegenheiten an sich zu ziehen. Sie muss sich im Gegenteil um

die Schaffung solcher Daseinsbedingungen auf der ganzen Welt bemühen,

in denen nicht nur die Staatsgewalt jeder einzelnen Nation, sondern auch

 

911 Vgl. Johannes Paul II., Brief an Frau Nafis Sadik, Generalsekretärin der diesjährigen
Internationalen Konferenz für Bevölkerungs- und Entwicklungsfragen und Exekutivdirektorin des
Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (18. März 1994): AAS 87 (1995) 191–192;
Id., Brief an die Generalsekretärin der Vierten Weltkonferenz der Vereinten Nationen über die Frauen, Frau
Gertrude Mongella (26. Mai 1995): Insegnamenti di Giovanni Paolo II, XVIII, 1 (1995) 1571–1577.

912 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 84: AAS 58 (1966) 1107–1108.

913 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 82: AAS 58 (1966) 1105;
vgl. Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 293 und Paul VI., Enz. Popu-
lorum progressio 78: AAS 59 (1967) 295.

914 Vgl. Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2003,6: AAS 95 (2993) 344.

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die einzelnen Menschen und die Zwischengruppen in größerer Sicherheit

ihre Angelegenheiten erledigen, ihre Pflichten erfüllen und ihre Rechte aus-

üben können“.915


442 Eine internationale Politik, die mit Hilfe koordinierter Maßnahmen das Ziel

des Friedens und der Entwicklung verfolgt,916 ist aufgrund der Globalisierung der

Probleme heute nötiger denn je. Das Lehramt hebt hervor, dass die wech-

selseitige Abhängigkeit der Menschen und der Nationen untereinander mo-

ralische Relevanz gewinnt und die Beziehungen in der gegenwärtigen Welt

in wirtschaftlicher, kultureller, politischer und religiöser Hinsicht be-

stimmt. In diesem Zusammenhang ist eine Revision der internationalen

Organisationen wünschenswert, ein Prozess, der „die Überwindung der

politischen Rivalitäten sowie den vollständigen Verzicht“ voraussetzt, „die-

se Organisationen, deren einzige Berechtigung das Gemeinwohl ist, miss-

brauchen zu wollen“,917 und der dem Ziel dient, „einen höheren Grad interna-

tionaler Ordnung“ 918 zu erreichen.

Insbesondere die regierungsübergreifenden Strukturen müssen ihre

Kontroll- und Lenkungsfunktionen im Bereich der Wirtschaft wirkungs-

voll ausüben, denn die Verwirklichung des Gemeinwohls entwickelt sich

zu einem Ziel, das nicht länger von einzelnen Staaten erreicht werden kann

– auch nicht von solchen, die aufgrund ihrer Macht, ihres Reichtums oder

ihres politischen Einflusses eine führende Rolle spielen.919 Die internatio-

nalen Organe müssen außerdem unter Berücksichtigung der berechtigten

Unterschiede jene Gleichheit garantieren, auf der das Recht aller basiert, am

Prozess der umfassenden Entwicklung beteiligt zu werden.920

 

915 Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 294–295.

916 Vgl. Paul VI., Enz. Populorum progressio, 51–55 und 77–79: AAS 59 (1967) 282–284 und 295–296.

917 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 43: AAS 80 (1988) 575.

918 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 43: AAS 80 (1988) 575;
vgl. Id., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2004, 7: AAS 96 (2004) 118.

919 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 58: AAS 83 (1991) 863–864.

920 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 33. 39: AAS 80 (1988) 557–559.566–568.

317

 


443 Das Lehramt kommt zu einer positiven Bewertung im Hinblick auf die Rolle

der Gruppierungen, die sich in der Zivilgesellschaft gebildet haben, um die öffentliche

Meinung für bestimmte Aspekte des internationalen Lebens zu sensibilisieren. Bei

der Erfüllung dieser wichtigen Funktion richten sie ihre Aufmerksamkeit

insbesondere auf die Achtung der Menschenrechte, wie „die Zahl der pri-

vaten Vereinigungen“ zeigt, „einige von weltweiter Bedeutung, die in jüngs-

ter Zeit dafür entstanden sind; fast alle bemühen sich darum, mit großer

Sorgfalt und lobenswerter Objektivität das internationale Geschehen in

diesem so delikaten Bereich zu verfolgen“.921

Die Regierungen sollten sich durch ein derartiges Engagement ermutigt

fühlen, das darauf abzielt, „insbesondere durch die konkreten Solidaritäts-

und Friedensgesten vieler Menschen, die in Nichtregierungsorganisationen und

in Menschenrechtsbewegungen arbeiten“,922 die Ideale in die Tat umzusetzen,

die dem Gedanken der internationalen Gemeinschaft zugrunde liegen.

b) Die juristische Person des Heiligen Stuhls


444 Der Heilige Stuhl – oder Apostolische Stuhl
923 – verfügt als souveräne Auto-

rität, die im juristischen Sinne eigenständig handelt, über eine uneingeschränkte in-

ternationale Subjektivität. Er übt nach außen hin eine im Rahmen der internationa-

len Gemeinschaft anerkannte Souveränität aus, die seine Handlungsweise im Innern

der Kirche widerspiegelt und von organisatorischer Einheit und Unabhängigkeit

gekennzeichnet ist. Die Kirche bedient sich dieser juristischen Formen, da

sie sich im Hinblick auf die Erfüllung ihres Auftrags als notwendig oder

nützlich erweisen.

Die internationale Aktivität des Heiligen Stuhls äußert sich objektiv unter ver-

schiedenen Aspekten. Dazu gehören: das aktive oder passive Legationsrecht; die

Ausübung des „ius contrahendi“ mit dem Abschluss von Verträgen; die Betei-

ligung an regierungsübergreifenden Organisationen wie beispielsweise

denjenigen, die dem System der Vereinten Nationen eingegliedert sind; Ver-

 

921 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 26: AAS 80 (1988) 544–547.

922 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2004, 7: AAS 96 (2004) 118.

923 Vgl. CIC, can. 361.

318

 

mittlungsinitiativen im Konfliktfall. Diese Tätigkeit erfolgt in der Absicht,

der Internationalen Gemeinschaft einen uneigennützigen Dienst zu erwei-

sen, der keinen Teilinteressen folgt, sondern auf das Gemeinwohl der ge-

samten Menschheitsfamilie ausgerichtet ist. In diesem Zusammenhang ver-

fügt der Heilige Stuhl insbesondere auch über eigenes diplomatisches

Personal.


445 Der diplomatische Dienst des Heiligen Stuhls ist als das Ergebnis einer alten

und bewährten Praxis ein Instrument, das nicht nur für die „libertas Ecclesiae“

arbeitet, sondern auch für die Verteidigung und Förderung der Menschenwürde und

für eine Gesellschaftsordnung, die auf den Werten der Gerechtigkeit, Wahrheit,

Freiheit und Liebe beruht: „Wir entsenden sie auch zu den höchsten Trä-

gern der Staatsgewalt, nämlich dorthin, wo die katholische Kirche gleich-

sam verwurzelt oder doch wenigstens irgendwie gegenwärtig ist. Das Recht

dazu liegt von Natur aus in dem Uns eigenen geistlichen Amte und ist zu-

dem im Laufe der Jahrhunderte durch gewisse geschichtliche Ereignisse

sehr begünstigt worden. ist. Freilich ist es nicht zu leugnen, dass die Ziele

von Kirche und Staat unterschiedlicher Ordnung angehören. Kirche und

Staat sind aber, jeweils in der ihnen eigenen Ordnung, vollkommene Ge-

sellschaften. Ihnen stehen daher – in dem einem jeden von ihnen zukom-

menden Bereich – die ihnen eigenen Rechte und Mittel zur Verfügung, und

sie können ihre Gesetze anwenden. Aber es ist auch wahr, dass beide zum

Wohle des gleichen Untergebenen arbeiten, nämlich des Menschen, der

von Gott berufen ist, das ewige Heil zu erlangen. Er wurde ja auf die Erde

gestellt, dass er durch ein Leben der Arbeit im friedlichen Zusammen-

schluss mit seinesgleichen auf seinen und den allgemeinen Wohlstand be-

dacht sei und mit Hilfe der göttlichen Gnade so sein Heil erwirke“.924 Das

Wohl der menschlichen Personen und Gemeinschaften wird durch einen

strukturierten Dialog zwischen der Kirche und den zivilen Autoritäten be-

günstigt, der sich auch im Abschluss gemeinsamer Verträge niederschlägt.

Dieser Dialog strebt danach, Beziehungen des gegenseitigen Verständnisses

und der Zusammenarbeit zu festigen oder zu stärken und eventuellen Mei-

nungsverschiedenheiten vorzubeugen oder sie auszuräumen und auf diese

 

924 Paul VI., Ap. Schr. Sollicitudo omnium ecclesiarum: AAS 61 (1969) 476.

319

 

Weise dazu beizutragen, dass jedes Volk und die gesamte Menschheit auf

dem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens voranschreitet.

 

IV. DIE INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT FÜR DIE ENTWICKLUNG

 

a) Zusammenarbeit, um das Recht auf Entwicklung zu sichern


446 Die Lösung des Problems der Entwicklung erfordert die Zusammenarbeit der

einzelnen politischen Gemeinschaften: „Die politischen Gemeinschaften bedin-

gen sich gegenseitig, und man kann sagen, dass jede sich selbst zu ent-

wickeln vermag, indem sie zur Entwicklung der anderen beiträgt. Deshalb

sind unter ihnen Verständigung und Zusammenarbeit notwendig“.925 Die

Situation der Unterentwicklung scheint unabwendbar wie ein Todesurteil,

wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass sie nicht nur die Folge mensch-

licher Fehlentscheidungen, sondern auch das Ergebnis „wirtschaftlicher, fi-

nanzieller und sozialer Mechanismen“926 und von „Strukturen der Sün-

de“ 927 ist, die die uneingeschränkte Entwicklung der Menschen und Völker

behindern.

Dennoch müssen diese Schwierigkeiten mit fester und beharrlicher Entschlossen-

heit angegangen werden, weil die Entwicklung nicht nur ein Wunsch, sondern ein

Recht ist,928 das wie jedes Recht auch eine Pflicht miteinschließt: „Die Zusammen-

 

925 Johannes XXIII., Enz. Mater et magistra: AAS 53 (1961) 449;
vgl. Pius XII., Weihnachtliche Rundfunkbotschaft (24. Dezember 1945): AAS 38 (1946) 22.

926 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 16: AAS 80 (1988) 531.

927 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 36–37. 39: AAS 80 (1988) 561–564.567.

928 Vgl. Paul VI., Enz. Populorum progressio,22: AAS 59(1967) 268;
Id., Ap. Schr. Octogesima adveniens, 43: AAS 63 (1971) 431–432;
Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 32–33: AAS 80 (1988) 556–559;
Id., Enz. Centesimus annus, 35: AAS 83 (1991) 836–838;
vgl. auch Paul VI., Ansprache an die Internationale Arbeitsorganisation (10. Juni 1969),
22: AAS 61 (1969) 500–501;
Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer eines Kongresses des Päpstlichen Rates
für Gerechtigkeit und Frieden (20. Juni 1997), 5: Insegnamenti divGiovanni Paolo II,XX, 1(1997)1554–1555; Id., Ansprache an die Arbeitswelt (2. Mai 2000), 3:

Insegnamenti di Giovanni Paolo II, XXIII, 1 (2000) 726.

320

 

arbeit für die Entwicklung des ganzen Menschen und jedes Menschen ist ja

eine Pflicht aller gegenüber allen und muss zugleich den vier Teilen der

Welt, Ost und West, Nord und Süd (…) gemeinsam sein“.929 In der Sicht-

weise des Lehramts basiert das Recht auf Entwicklung auf folgenden Grund-

sätzen: dem einheitlichen Ursprung und der gemeinsamen Bestimmung

der Menschheitsfamilie; der Gleichheit jeder Person und jeder auf der Men-

schenwürde gründenden Gemeinschaft; der allgemeinen Bestimmung der

Güter der Erde; dem umfassenden Charakter des Entwicklungsbegriffs; der

zentralen Stellung der menschlichen Person; der Solidarität.


447 Die Soziallehre ermutigt zu Formen der Zusammenarbeit, die geeignet sind,

den von Armut und Unterentwicklung gezeichneten Ländern Zugang zum interna-

tionalen Markt zu verschaffen: „Noch vor wenigen Jahren wurde behauptet, die

Entwicklung würde von der Isolierung der ärmsten Länder vom Weltmarkt

und davon abhängen, dass sie nur auf ihre eigenen Kräfte vertrauen. Die

jüngste Erfahrung aber hat bewiesen, dass die Länder, die sich ausgeschlos-

sen haben, Stagnation und Rückgang erlitten haben; eine Entwicklung hin-

gegen haben jene Länder durchgemacht, denen es gelungen ist, in das all-

gemeine Gefüge der internationalen Wirtschaftsbeziehungen einzutreten.

Das größte Problem scheint also darin zu bestehen, einen gerechten Zu-

gang zum internationalen Markt zu erhalten, der nicht auf dem einseitigen

Prinzip der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, sondern auf der Er-

schließung menschlicher Ressourcen beruht“.930 Zu den Gründen, die am

stärksten zu Unterentwicklung und Armut beitragen, müssen neben dem

nicht vorhandenen Zugang zum internationalen Markt931 der Analpha-

betismus, die unsichere Ernährungslage, das Fehlen von Strukturen und

Dienstleistungen sowie von Maßnahmen zur Gewährleistung der medizi-

nischen Grundversorgung, der Mangel an Trinkwasser, die Korruption so-

wie die Instabilität der Institutionen und des gesamten politischen Lebens

genannt werden. In vielen Ländern ist die Armut durch Unfreiheit bedingt,

durch das Fehlen von Möglichkeiten wirtschaftlicher Initiative und durch

 

929 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 32: AAS 80 (1988) 556.

930 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 33: AAS 83 (1991) 835.

931 Vgl. Paul VI., Enz. Populorum progressio, 56–61: AAS 59 (1967) 285–287.

321

 

die Unfähigkeit der staatlichen Verwaltung, ein angemessenes Bildungs-

und Informationssystem zur Verfügung zu stellen.


448 Der Geist der internationalen Zusammenarbeit verlangt, dass das Bewusst-

sein einer Pflicht zu Solidarität und allumfassender sozialer Gerechtigkeit und Lie-

be932 der strengen Logik des Marktes übergeordnet wird, denn es gibt „etwas, das

dem Menschen als Menschen zusteht, das heißt auf Grund seiner einmali-

gen Würde“.933 Die Zusammenarbeit ist der Weg, um den sich die Gesamt-

heit der internationalen Gemeinschaft im Hinblick „auf ein richtig verstan-

denes Gemeinwohl für die ganze Menschheitsfamilie“ 934 bemühen muss.

Das wird sehr positive Auswirkungen haben: zum Beispiel ein größeres

Vertrauen in die Möglichkeiten bedürftiger Personen und armer Länder

und eine gerechte Verteilung der Güter.

b) Kampf gegen die Armut


449 Zu Beginn des neuen Jahrtausends ist die Armut von Milliarden von Männern

und Frauen „die Frage, die mehr als jede andere an unser menschliches und christliches

Gewissen appelliert“.935 Die Armut wirft ein dramatisches Gerechtigkeitspro-

blem auf, denn sie ist in ihren verschiedenen Formen und Auswirkungen

von einem ungleichen Wachstum gekennzeichnet und erkennt nicht jedem

Volk „das gleiche Recht“ zu, „»mit am Tisch des gemeinsamen Mahles zu

sitzen«“.936 Diese Armut macht es unmöglich, jenen allumfassenden Huma-

nismus zu verwirklichen, den die Kirche wünscht und anstrebt, damit die

Personen und die Völker „mehr (…) gelten“ 937 und in „menschlicheren Le-

bensbedingungen“ 938 existieren können.

 

932 Vgl. Paul VI., Enz. Populorum progressio, 44: AAS 59 (1967) 279.

933 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 34: AAS 83 (1991) 836.

934 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 58: AAS 83 (1991) 863.

935 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2000, 14: AAS 92 (2000) 366;
vgl. auch Id., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1993, 1: AAS 85 (1993) 429–430.

936 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 33: AAS 80 (1988) 558.
Vgl. Paul VI., Enz. Populorum progressio, 47: AAS 59 (1967) 280.

937 Paul VI., Enz. Populorum progressio, 6: AAS 59 (1967) 260;
vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 28: AAS 80 (1988) 548–550.

938 Paul VI., Enz. Populorum progressio, 20–21: AAS 59 (1967) 267–268.

322

 

Der Kampf gegen die Armut ist in besonderer Weise durch die vorrangige Option

oder Liebe der Kirche zu den Armen motiviert.939 In ihrer gesamten Soziallehre

wird die Kirche es nicht müde, immer wieder auch auf ihre anderen, grund-

legenden Prinzipien hinzuweisen: in erster Linie auf das von der allgemeinen

Bestimmung der Güter.940 Mit der wiederholten Bekräftigung des Solidaritäts-

prinzips drängt die Soziallehre darauf, zu handeln und sich „für das Wohl

aller und eines jeden“ einzusetzen, „weil wir alle für alle verantwortlich

sind“.941 Das Prinzip der Solidarität muss auch im Kampf gegen die Armut

immer in geeigneter Weise mit dem Prinzip der Subsidiarität verbunden

werden, denn dieses vermag die Initiative zu wecken, die gerade in den ar-

men Ländern Grundlage jeder sozioökonomischen Entwicklung ist:942 Man

darf die Armen „nicht als ein Problem“ ansehen, denn „sie können (…) zu

Trägern und Vorkämpfern einer neuen und menschlicheren Zukunft für

die ganze Welt werden“.943

c) Die Auslandsverschuldung


450 Das Recht auf Entwicklung ist auch in den Fragen zu berücksichtigen, die sich

aus der Schuldenkrise vieler armer Länder ergeben.944 Dieser Krise liegen viel-

schichtige und verschiedenartige Ursachen zugrunde, sowohl auf interna-

tionaler Ebene – Kursschwankungen, finanzielle Spekulationen, wirtschaft-

licher Neokolonialismus – als auch innerhalb der verschuldeten Länder –

Korruption, Veruntreuung öffentlicher Gelder, Zweckentfremdung der er-

 

939 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die III. Hauptkonferenz der Lateinamerikanischen
Bischöfe, Puebla (28. Januar 1979), I/8: AAS 71 (1979) 194–195.

940 Vgl. Paul VI., Enz. Populorum progressio, 22: AAS 59 (1967) 268.

941 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 38: AAS 80 (1988) 566.

942 Vgl. Paul VI., Enz. Populorum progressio, 55: AAS 59 (1967) 284;
Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 44: AAS 80 (1988) 575–577.

943 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2000, 14: AAS 92 (2000) 366.

944 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Tertio millennio adveniente, 51: AAS87(1995)36;
Id ., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1998, 4: AAS 90 (1998) 151–152;
Id., Ansprache an den Rat der Interparlamentarischen Union (30. November 1998): Insegnamenti di Giovanni
Paolo II, XXI, 2 (1998) 1162–1163;
Id., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1999,9: AAS 91 (1999) 383–384.

323

 

haltenen Anleihen. Das größte Leid, das sich auf strukturelle Probleme,

aber auch auf Verhaltensweisen Einzelner zurückführen lässt, trifft die Be-

völkerung der verschuldeten und armen Länder, die nicht dafür verant-

wortlich zu machen sind. Die internationale Gemeinschaft darf eine der-

artige Situation nicht ignorieren: Obwohl der Grundsatz, dass Schulden

beglichen werden müssen, berechtigt ist, ist es notwendig, Wege zu finden,

die das „Grundrecht der Völker auf Erhaltung und Fortschritt“ nicht ver-

letzen.945

 

945 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 35: AAS 83 (1991) 838;
vgl. auch Päpstliche Kommission Iustitia et Pax, Im Dienste der menschlichen Gemeinschaft:
Ein ethischer Ansatz zur Überwindung der internationalen Schuldenkrise (27. Januar 1987),
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 50.

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