Zehntes Kapitel

ZEHNTES KAPITEL

DIE UMWELT BEWAHREN

 

I. BIBLISCHE ASPEKTE

 


451 Die lebendige Erfahrung der Gegenwart Gottes in der Geschichte ist die

Grundlage der Glaubensüberzeugungen des Volkes Gottes: „Wir waren Sklaven

des Pharao in Ägypten, und der Herr hat uns mit starker Hand aus Ägypten

geführt“ (Dtn 6, 21). Das Nachdenken über die Geschichte macht es mög-

lich, die Vergangenheit neu zu begreifen und das Wirken Gottes sogar in

den eigenen Wurzeln – „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer“ (Dtn

26, 5) – zu entdecken: das Wirken eines Gottes, der zu seinem Volk sagen

kann: „Da holte ich euren Vater, Abraham, von jenseits des Stroms“ (Jos

24, 3). Es ist ein Nachdenken, das es möglich macht, sich dank der Verhei-

ßung und des von Gott beständig erneuerten Bundes vertrauensvoll der

Zukunft zuzuwenden.

Der Glaube Israels lebt in der Zeit und im Raum dieser Welt, die nicht

als ein feindliches Umfeld oder ein Übel begriffen werden, von dem es sich

zu befreien gilt, sondern als das Geschenk Gottes selbst, als der Ort und das

Vorhaben, das er der verantwortungsvollen Leitung und dem Fleiß des

Menschen anvertraut. Die Natur, das Werk des schöpferischen Wirkens

Gottes, ist keine gefährliche Konkurrentin. Gott hat alles geschaffen und

gesehen, „dass es gut war“ (Gen 1, 4.10.12.18.21.25). Auf den Gipfel seiner

Schöpfung, die „sehr gut“ ist (Gen 1, 31), stellt Gott den Menschen. Von allen

Geschöpfen sind nur der Mann und die Frau von Gott „als sein Abbild“

gewollt: Ihnen vertraut Gott die Verantwortung für alles Geschaffene an,

die Aufgabe, es in seiner Harmonie zu bewahren und seine Entwicklung

zu behüten (vgl. Gen 1, 26–30). Die besondere Verbindung mit Gott erklärt

die Vorzugsstellung des Menschenpaares in der Ordnung der Schöpfung.


452 Die Beziehung des Menschen zur Welt ist ein wesentlicher Bestandteil der

menschlichen Identität. Sie entsteht als Frucht der noch tieferen Beziehung des Men-

schen zu Gott. Der Herr wollte die menschliche Person als Gesprächspartner:

 

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Nur im Dialog mit Gott findet das menschliche Geschöpf seine eigene

Wahrheit, aus der es Inspiration und Normen gewinnt, um die Zukunft

der Welt zu entwerfen, des Gartens, den Gott ihm gegeben hat, „damit er

ihn bebaue und hüte“ (Gen 2, 15). Auch die Sünde setzt dieser Aufgabe kein

Ende, belastet aber den vornehmen Rang der Arbeit mit Leid und Schmer-

zen (vgl. Gen 3, 17–19).

Die Schöpfung ist im Beten Israels immer Anlass zum Lobpreis: „Herr, wie

zahlreich sind deine Werke! Mit Weisheit hast du sie alle gemacht“ (Ps

104, 24). Das Heil wird als neue Schöpfung verstanden, die jene Harmonie

und Wachstumskraft wiederherstellt, die die Sünde beschädigt hat: „Denn

schon erschaffe ich einen neuen Himmel und eine neue Erde“ (Jes 65, 17) –

spricht der Herr –, „dann wird die Wüste zum Garten (…), die Gerechtig-

keit weilt in den Gärten (…). Mein Volk wird an einer Stätte des Friedens

wohnen“ (Jes 32, 15–18).


453 Das endgültige Heil, das Gott durch seinen eigenen Sohn der gesamten

Menschheit anbietet, vollzieht sich nicht außerhalb dieser Welt. Obwohl von der Sün-

de verwundet, ist sie doch dazu bestimmt, von Grund auf geläutert zu werden (vgl.

1Petr 3, 10) und nach dieser Läuterung, aus der sie erneuert hervorgehen

wird (vgl. Jes 65, 17; 66, 22; Offb 21, 1), endlich der Ort zu sein, an dem „die

Gerechtigkeit wohnt“ (2Petr 3, 13).

In seinem öffentlichen Auftreten würdigt Jesus die natürlichen Elemente. Er ist

nicht nur ein weiser Deuter der Natur in den Bildern, die er aus ihr entlehnt,

und in den Gleichnissen – er ist auch ihr Beherrscher (vgl. die Episode vom

Sturm auf dem See in Mt 14, 22–33; Mk 6, 45–52; Lk 8, 22–25; Joh 6, 16–21):

Der Herr stellt die Natur in den Dienst seines Erlöserplans. Er fordert seine

Jünger dazu auf, auf die Dinge, die Jahreszeiten und die Menschen mit dem

Vertrauen von Söhnen zu achten, die wissen, dass sie einen fürsorglichen

Vater haben, der sie niemals im Stich lassen wird (vgl. Lk 11, 11–13). Weit

davon entfernt, sich zum Sklaven der Dinge zu machen, muss der Jünger

Christi in der Lage sein, sie zu gebrauchen, um eine Atmosphäre des Teilens

und der Brüderlichkeit zu schaffen (vgl. Lk 16, 9–13).


454 Das Eintreten Jesu in die Geschichte der Welt gipfelt im Passions- und Oster-

geschehen, als die Natur selbst am Drama des abgelehnten Gottessohnes und am Sieg

der Auferstehung Anteil nimmt (vgl. Mt 27, 45.51; 28, 2). Indem er den Tod

 

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durchleidet und ihm den neuen Glanz der Auferstehung verleiht, begrün-

det Jesus eine neue Welt, in der alles ihm unterworfen ist (vgl. 1 Kor 15, 20–

28), und stellt jene Verhältnisse der Ordnung und Harmonie wieder her, die

die Sünde zerstört hatte. Das Wissen um das Ungleichgewicht zwischen

Mensch und Natur muss mit dem Bewusstsein einhergehen, dass sich in

Jesus die Wiederversöhnung des Menschen und der Welt mit Gott voll-

zogen hat, sodass jeder Mensch, der um die Liebe Gottes weiß, den verlore-

nen Frieden wiederfinden kann: „Wenn also jemand in Christus ist, dann

ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden“

(2 Kor 5, 17). Die Natur, die im Wort erschaffen worden war, wird durch

dasselbe Wort, das Fleisch geworden ist, mit Gott versöhnt und mit neuem

Frieden erfüllt (vgl. Kol 1, 15–20).


455 Nicht nur das Innere des Menschen wird geheilt, sondern seine ganze Leiblich-

keit wird von der Erlöserkraft Christi berührt; die gesamte Schöpfung nimmt an der

Erneuerung teil, die aus dem Pascha des Herrn entspringt, auch wenn sie noch

seufzend in Geburtswehen liegt und darauf wartet, „einen neuen Himmel

und eine neue Erde“ (Offb 21, 1) zu gebären, die am Ende der Zeiten das

Geschenk des vollendeten Heils sind. Bis dies geschieht, ist nichts diesem

Heil fremd: In jeder Lebenssituation ist der Christ dazu aufgerufen, Chris-

tus zu dienen, seinem Geist gemäß zu leben, indem er sich von der Liebe

leiten lässt, die der Beginn eines neuen Lebens ist, eines Lebens, das die

Welt und den Menschen zu ihrem ursprünglichen Entwurf zurückführt:

„Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: alles gehört euch; ihr aber ge-

hört Christus, und Christus gehört Gott“ (1 Kor 3, 22–23).

 

II. DER MENSCH UND DAS UNIVERSUM DER GESCHAFFENEN DINGE

 


456 Die biblische Sichtweise inspiriert die Einstellung der Christen im Hinblick auf

die Nutzung der Erde sowie die Entwicklung von Wissenschaft und Technik. Das

Zweite Vatikanische Konzil sagt, dass der Mensch „in Teilnahme am Licht

des göttlichen Geistes (…) durch seine Vernunft die Dingwelt überragt“;946

 

946 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes,15: AAS 58 (1966)1036.

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die Konzilsväter erkennen die Fortschritte an, die dank der unermüdlichen

Tätigkeit des menschlichen Geistes durch die Jahrhunderte hindurch in den

empirischen Wissenschaften, in Technik, Kunst und Geisteswissenschaften

erzielt worden sind.947 Der heutige Mensch hat, „vor allem mit den Mitteln

der Wissenschaft und der Technik, seine Herrschaft über beinahe die ge-

samte Natur ausgebreitet und breitet sie beständig weiter aus“.948

Da der „nach Gottes Bild geschaffene Mensch (…) den Auftrag erhalten

[hat], sich die Erde mit allem, was zu ihr gehört, zu unterwerfen, die Welt in

Gerechtigkeit und Heiligkeit zu regieren und durch die Anerkennung Got-

tes als des Schöpfers aller Dinge sich selbst und die Gesamtheit der Wirk-

lichkeit auf Gott hinzuordnen, sodass alles dem Menschen unterworfen

und Gottes Name wunderbar sei auf der ganzen Erde“, lehrt das Konzil,

dass „das persönliche und gemeinsame menschliche Schaffen, dieses ge-

waltige Bemühen der Menschen im Lauf der Jahrhunderte, ihre Lebens-

bedingungen stets zu verbessern, (…) als solches der Absicht Gottes ent-

spricht“.949


457 Die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik sind an sich positiv:
Die

Christen denken nicht im Entferntesten daran, „dass die von des Menschen

Geist und Kraft geschaffenen Werke einen Gegensatz zu Gottes Macht bil-

den oder dass das mit Vernunft begabte Geschöpf sozusagen als Rivale dem

Schöpfer gegenübertrete. Im Gegenteil, sie sind überzeugt, dass die Siege

der Menschheit ein Zeichen der Größe Gottes und die Frucht seines uner-

gründlichen Ratschlusses sind“.950 Die Konzilsväter heben auch diese Tat-

sache hervor: „Je mehr aber die Macht der Menschen wächst, desto mehr

weitet sich ihre Verantwortung, sowohl die der Einzelnen wie die der Ge-

meinschaften“.951 Deshalb muss jede menschliche Tätigkeit gemäß dem

Plan und Willen Gottes dem wirklichen Wohl der Menschheit entspre-

 

947 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 15: AAS 58 (1966) 1036.

948 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 33: AAS 58 (1966) 1052.

949 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 34: AAS 58 (1966) 1052.

950 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes,34: AAS 58 (1966) 1053.

951 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes,34: AAS 58 (1966) 1053.

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chen.952 Vor diesem Hintergrund hat das Lehramt mehrfach betont, dass

die Katholische Kirche sich dem Fortschritt in keiner Weise entgegen-

stellt,953 sondern „die Wissenschaft und die Technologie“ sogar als „ein

großartiges Produkt gottgeschenkter Kreativität“ betrachtet, „weil sie uns

mit einzigartigen Möglichkeiten ausgestattet haben, aus denen wir alle

dankbar Nutzen ziehen“.954 „Als an Gott Glaubende, der die von ihm er-

schaffene Natur für „gut“ befunden hat, freuen wir uns über den tech-

nischen und wirtschaftlichen Fortschritt, den der Mensch mit seiner Intel-

ligenz zu verwirklichen vermag“.955


458 Die Ansichten des Lehramts über Wissenschaft und Technologie im Allgemei-

nen gelten auch für ihre Anwendung in Umwelt und Landwirtschaft. Die Kirche

schätzt „den Nutzen (…), der sich aus dem Studium und der Anwendung

der Molekularbiologie ergibt – und noch ergeben kann –, die durch andere

Disziplinen, wie die Genetik und ihre technologische Anwendung in der

Landwirtschaft und Industrie, (…) ergänzt wird“.956 Denn „die Technik

könnte bei richtiger Anwendung durch die Produktion höher entwickelter

und widerstandsfähigerer Pflanzen und geeigneter Medikamente (…) ein

wertvolles Instrument zur Lösung schwerwiegender Probleme darstellen,

angefangen von denen des Hungers und der Krankheit“.957 Es ist jedoch

wichtig, den Begriff der „richtigen Anwendung“ zu unterstreichen, weil

wir wissen, „dass dieses Potential nicht neutral ist: Es kann entweder zum

Fortschritt des Menschen gebraucht werden oder zu seiner Entwürdi-

 

952 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 35: AAS 58 (1966) 1053.

953 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache beim Besuch des „Mercy Maternity Hospital“,
Melbourne (28. November 1986): Insegnamenti di Giovanni Paolo II, IX, 2 (1986) 1732–1736.

954 Johannes PaulsII., Ansprache an die Vertreter von Wissenschaft und Kultur, Hiroshima
(25. Februar 1981), 3: AAS 73 (1981) 422.

955 Johannes Paul II., Ansprache an die Leitung und Belegschaft von Olivetti, Ivrea
(19. März 1990), 5: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, XIII, 1 (1990) 697.

956 Johannes Paul II., Ansprache an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der
Wissenschaften (3. Oktober 1981), 3: AAS 73 (1981) 670.

957 Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses der italienischen Akademie
der Wissenschaften (21. September 1982), 4: Insegnamenti di Giovanni Paolo II,V,3 (1982) 513.

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gung“.958 Aus diesem Grund ist es „notwendig, eine vorsichtige Haltung zu

bewahren und mit aufmerksamem Blick Natur, Ziele und Modalitäten der

verschiedenen Formen angewandter Technologie zu werten“.959 Folglich

müssen die Wissenschaftler dafür sorgen, dass „ihre Forschungen und ihr

technisches Können wirklich im Dienst der Menschheit stehen“,960 und sie

den „moralischen Prinzipien und Werten“ unterzuordnen wissen, „die die

Würde des Menschen in ihrer ganzen Fülle achten und verwirklichen“.961


459 Zentraler Bezugspunkt für jede wissenschaftliche und technische Anwendung

ist die Achtung vor dem Menschen, die mit einer Haltung des gebührenden Respekts

vor den anderen lebendige Geschöpfen einhergehen muss. Auch wenn man daran

denkt, diese zu verändern, muss man „der Natur eines jeden Wesens und sei-

ner Wechselbeziehung in einem geordneten System wie dem Kosmos Rech-

nung tragen“.962 In diesem Sinne geben die großartigen Möglichkeiten der

biologischen Forschung Anlass zu tiefer Besorgnis, da man „noch nicht im-

stande [ist], die durch eine undifferenzierte genetische Manipulation und

eine leichtfertige Entwicklung neuer Arten von Pflanzen und Formen tieri-

schen Lebens der Natur zugefügten Störungen richtig abzuschätzen; ganz

zu schweigen von nicht annehmbaren Eingriffen in die Ursprünge des

menschlichen Lebens selbst“.963 Denn man muss „feststellen, dass die An-

wendung einiger Entdeckungen im industriellen und landwirtschaftlichen

Bereich langfristig negative Folgen verursacht. Dies hat überdeutlich ge-

zeigt, wie kein Eingriff in einem Bereich des Ökosystems davon absehen

 

958 Johannes Paul II., Ansprache an die Vertreter von Wissenschaft und Kultur,
Hiroshima (25. Februar 1981), 3: AAS 73 (1981) 422.

959 Johannes Paul II., Ansprache an die Leitung und Belegschaft von Olivetti, Ivrea
(19. März 1990), 4: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, XIII, 1 (1990) 695.

960 Johannes Paul II., Predigt bei der Messe, Melbourne (28. November 1986), 11: Insegnamenti
di Giovanni Paolo II, IX, 2 (1986) 1730.

961 Johannes Paul II., Ansprache an Teilnehmer einer Studienwoche der Päpstlichen Akademie
der Wissenschaften (23. Oktober 1982), 6: Insegnamenti di Giovanni Paolo II,V,3 (1982) 898.

962 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 34: AAS 80 (1988) 559.

963 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1990, 7: AAS 82 (1990)

151.

330

 

kann, seine Folgen in anderen Bereichen und allgemein für das Wohl künf-

tiger Generationen mitzubedenken“.964


460 Der Mensch darf folglich nicht vergessen, dass „seine Fähigkeit (…), mit sei-

ner Arbeit die Welt umzugestalten und in einem gewissen Sinne neu zu »schaffen«“,

sich „immer nur auf der Grundlage der ersten Ur-Schenkung der Dinge von Seiten

Gottes ereignet“.965 Er darf nicht „willkürlich über die Erde verfügen (…),

indem er sie ohne Vorbehalte seinem Willen unterwirft, als hätte sie nicht

eine eigene Gestalt und eine ihr vorher von Gott verliehene Bestimmung,

die der Mensch entfalten kann, aber nicht verraten darf“.966 Wenn er sich so

verhält, „statt seine Aufgabe als Mitarbeiter Gottes am Schöpfungswerk zu

verwirklichen, setzt sich der Mensch an die Stelle Gottes und ruft dadurch

schließlich die Auflehnung der Natur hervor, die von ihm mehr tyranni-

siert als verwaltet wird“.967

Wenn der Mensch in die Natur eingreift, ohne sie zu missbrauchen und

zu beschädigen, dann kann man sagen, dass er „nicht eingreift, um die Na-

tur zu ändern, sondern um ihr bei der Entfaltung ihrer selbst behilflich zu

sein, ihrer selbst als einem von Gott gewollten Geschöpf. Mit seiner Arbeit

auf diesem selbstverständlich heiklen Gebiet entspricht der Forscher dem

Plan Gottes. Gott wollte, dass der Mensch König der Schöpfung sei“.968 Im

Grunde ist es Gott selbst, der dem Menschen die Ehre erweist, mit allen

Kräften der Intelligenz am Schöpfungswerk mitzuwirken.

 

III. DIE KRISE IN DER BEZIEHUNG ZWISCHENMENSCH UND UMWELT

 


461 Die biblische Botschaft und das kirchliche Lehramt stellen die wesentlichen

Bezugspunkte dar, um die Probleme zu beurteilen, die in den Beziehungen zwischen

 

964 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1990, 6: AAS 82 (1990) 150.

965 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus,37: AAS 83(1991) 840.

966 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus,37: AAS 83(1991) 840.

967 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus,37: AAS 83(1991) 840.

968 Johannes Paul II., Ansprache an die Mitglieder der Generalversammlung des Weltärztebundes
(29. Oktober 1983), 6: AAS 76 (1984) 394.

331

 

Mensch und Umwelt bestehen.969 Am Ursprung dieser Probleme lässt sich der

Anspruch auf eine bedingungslose Beherrschung der Dinge von Seiten des

Menschen ausmachen, eines Menschen, dem die moralischen Erwägungen,

die doch das Kennzeichen jeder menschlichen Tätigkeit sein sollten, gleich-

gültig sind.

Die Tendenz zu einer „unbedachten“970 Ausbeutung der Ressourcen der

Schöpfung ist das Ergebnis eines langen, historischen und kulturellen Pro-

zesses: „Das moderne Zeitalter weist ein zunehmendes Potential verändern-

den Eingreifens durch den Menschen auf. Der Aspekt der Erschließung und

Ausbeutung der Ressourcen ist allesbeherrschend und verdrängend gewor-

den. Heute ist es gar so weit gekommen, dass die Bewohnbarkeit der Um-

welt selbst bedroht ist: Die Umwelt als »Ressource« läuft Gefahr, die Umwelt

als »Wohnstätte« zu bedrohen. Aufgrund der gewaltigen Mittel zur Ver-

änderung, die uns die technologische Zivilisation bietet, scheint es biswei-

len, dass das Gleichgewicht Mensch-Umwelt einen kritischen Punkt er-

reicht hat“.971


462 Die Natur erscheint als ein Werkzeug in den Händen des Menschen, eine

Wirklichkeit, in die er insbesondere durch die Technologie beständig eingreifen muss.

Ausgehend von der erwiesenermaßen irrigen Annahme, dass man über

eine unbegrenzte Menge von Energie und Ressourcen verfügen könne, dass

diese sofort erneuerbar und dass die negativen Auswirkungen der Manipu-

lationen der natürlichen Ordnung problemlos zu beheben seien, hat sich

eine eingeschränkte Sichtweise ausgebreitet, die die natürliche Welt durch

eine mechanistische und die Entwicklung durch eine konsumistische Brille

betrachtet; dem Tun und Haben wird der Vorrang vor dem Sein eingeräumt,

und das hat schwere Formen menschlicher Entfremdung zur Folge.972

Eine solche Einstellung stammt nicht aus der wissenschaftlichen und technologi-

schen Forschung selbst, sondern aus einer szientistischen und technokratischen Ideo-

logie, die diese zu beeinflussen versucht. Wissenschaft und Technik löschen das

 

969< Vgl. Paul VI., Ap. Schr. Octogesima adveniens, 21: AAS 63 (1971) 416–417.

970 Paul VI., Ap. Schr. Octogesima adveniens, 21: AAS 63 (1971) 417.

971 Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses zum Thema „Umwelt und
Gesundheit“ (24. März 1997), 2: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, XX, 1 (1997) 521.

972 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 28: AAS 80 (1988) 548–550.

332

 

Bedürfnis nach Transzendenz durch ihren Fortschritt nicht aus und sind an

sich nicht die Ursache einer extremen Säkularisierung, die zum Nihilismus

führt; während sie auf ihrem Weg fortschreiten, werfen sie Fragen nach

ihrem Sinn auf und lassen die Notwendigkeit deutlicher werden, die trans-

zendente Dimension der menschlichen Person und der Schöpfung selbst zu

respektieren.


463 Eine richtige Auffassung von der Umwelt darf einerseits die Natur nicht zu

einem bloßen Objekt von Manipulation und Ausbeutung machen, sie aber anderer-

seits nicht verabsolutieren und ihre Würde sogar über die der menschlichen Person

stellen. Dann nämlich gelangt man an einen Punkt, wo die Natur oder die

Erde vergöttlicht werden, was leicht an einigen ökologischen Bewegungen

nachzuweisen ist, die bestrebt sind, ihren Auffassungen ein international

anerkanntes institutionelles Profil zu geben.973

Das Lehramt ist gegen eine von Ökozentrismus und Biozentrismus inspirierte

Sicht der Umwelt, weil „die Aufhebung der seinsmäßigen und wertbezügli-

chen Unterschiede zwischen dem Menschen und anderen Lebewesen pro-

klamiert und die Biosphäre zu einer wertundifferenzierten biotischen Ein-

heit gemacht“ wird. „So wird die höhere Verantwortung des Menschen

zugunsten einer gleichmacherischen Betrachtungsweise der »Würde« aller

Lebewesen aufgehoben“.974


464 Eine Sicht des Menschen und der Dinge ohne jeden Bezug zur Transzendenz

hat dazu geführt, dass die Vorstellung von der Schöpfung abgelehnt und dem Men-

schen und der Natur eine vollkommen autonome Existenz zugeschrieben wird. Damit

ist die Verbindung gerissen, die die Welt mit Gott vereint: Dieser Bruch hat

letztlich auch den Menschen von der Erde entwurzelt und, um es noch

deutlicher zu sagen, seine ganze Identität ärmer gemacht. Der Mensch fühlt

sich der Umwelt gegenüber, in der er lebt, fremd. Es liegt auf der Hand,

welche Konsequenz sich daraus ergibt: „Die Beziehung, die Menschen zu

 

973 Vgl. beispielsweise Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog –
Päpstlicher Rat für Kultur, Jesus Christus – der Spender lebendigen Wassers.
Überlegungen zu New Age aus christlicher Sicht, Referat für Weltanschauungsfragen,
Werkmappe Nr. 88/2003, Wien 2003, S. 35.

974 Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses zum Thema „Umwelt und
Gesundheit“ (24. März 1997), 5: Insegnamenti di Giovanni Paolo II,XX, 1 (1997) 522.

333

 

Gott haben, bestimmt die Beziehung des Menschen zu seinesgleichen und

zu seiner Umwelt. Und deshalb hat die christliche Kultur die Schöpfung, die

den Menschen umgibt, stets als Geschenk Gottes angesehen, das es in

Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer zu pflegen und zu bewahren gilt. In

besonderer Weise haben die benediktinische und die franziskanische Spiri-

tualität von dieser Art verwandtschaftlicher Beziehung zwischen dem

Menschen und seinem kreatürlichen Umfeld Zeugnis abgelegt und im

Menschen eine Haltung des Respekts vor jeder Umwelt-Realität geför-

dert“.975 Die tiefe Verbindung zwischen der Umweltökologie und der „Hu-

manökologie“ 976 muss noch stärker hervorgehoben werden.


465 Das Lehramt betont, dass der Mensch dafür verantwortlich ist, die Umwelt

unversehrt und für alle gesund zu bewahren:977 „Wenn es der Menschheit von

heute gelingt, die neuen Möglichkeiten der Wissenschaft mit einer starken

ethischen Dimension zu verbinden, wird sie gewiss imstande sein, die Um-

welt als Wohnstatt und Ressource für den Menschen zu fördern; wird sie

imstande sein, die Faktoren der Umweltverschmutzung zu beseitigen und

angemessene Voraussetzungen der Hygiene und Gesundheit sowohl für

kleine Gruppen von Menschen als auch für große Ansiedlungen sicher-

zustellen. Technologie, die verschmutzt, kann auch reinigen! Produktion,

die anhäuft, kann auch gerecht verteilen! Dies kann nur unter der Voraus-

setzung geschehen, dass die Ethik der Achtung vor dem Leben und der

Würde des Menschen für die Rechte der gegenwärtigen und der kommen-

den Generationen von Menschen obsiegt“.978

 

975 Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses zum Thema „Umwelt und
Gesundheit“ (24. März 1997), 4: Insegnamenti di Giovanni Paolo II,XX, 1 (1997) 521.

976 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 38: AAS 83 (1991) 841.

977 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 34: AAS 80 (1988) 559–560.

978 Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses zum Thema „Umwelt und
Gesundheit“ (24. März 1997), 5: Insegnamenti di Giovanni Paolo II,XX, 1 (1997) 522.

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IV. EINE GEMEINSAME VERANTWORTUNG

 

a) Die Umwelt, ein gemeinschaftliches Gut


466 Der Umweltschutz stellt eine Herausforderung für die gesamte Menschheit dar:

Es handelt sich um die gemeinsame und allumfassende Pflicht, ein gemeinschaftliches

Gut zu achten,979 das für alle bestimmt ist, und zu verhindern, dass man

„ungestraft von den verschiedenen lebenden oder leblosen Geschöpfen –

Naturelemente, Pflanzen, Tiere – rein nach eigenem Gutdünken und ent-

sprechend den eigenen wirtschaftlichen Erfordernissen Gebrauch machen

kann“.980 Diese Verantwortung muss auf der Grundlage des weltweiten

Charakters der gegenwärtigen ökologischen Krise und der daraus folgen-

den Notwendigkeit reifen, sie auch in einem globalen Rahmen anzugehen,

da alle Seinsformen innerhalb der vom Schöpfer eingerichteten universalen

Ordnung voneinander abhängen: „Man muss der Natur eines jeden Wesens

und seiner Wechselbeziehung in einem geordneten System wie dem Kos-

mos Rechnung tragen“.981

Diese Sichtweise erhält eine besondere Bedeutung, wenn man im Zu-

sammenhang mit den engen Verbindungen zwischen den verschiedenen

Ökosystemen die ökologische Bedeutung der Biodiversität betrachtet, die mit

Verantwortungsbewusstsein behandelt und in angemessener Weise ge-

schützt werden muss, weil sie für die gesamte Menschheit einen außer-

ordentlichen Reichtum darstellt. In dieser Hinsicht ist beispielsweise die

Bedeutung der Amazonasregion für jeden leicht zu erkennen, „einer der

am meisten geschätzten natürlichen Lebensräume auf der Welt, da er für

das ökologische Gleichgewicht des ganzen Planeten lebensnotwendig

ist“.982 Die Wälder tragen dazu bei, ein wesentliches natürliches Gleichge-

wicht zu erhalten, das für das Leben unverzichtbar ist.983 Ihre Zerstörung

auch durch fahrlässige Brandstiftung beschleunigt die Verwüstungsprozes-

 

979 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 40: AAS 83 (1991) 843.

980 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 34: AAS 80 (1988) 559.

981 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 34: AAS 80 (1988) 559.

982 Johannes Paul II., Ap. Schr. Ecclesia in America, 25: AAS 91 (1999) 760.

983 Vgl. Johannes Paul II., Predigt in Val Visdende, Italien, zum Weihefest der Kirche des
heiligen Johannes Gualberto (12. Juli 1987): Insegnamenti di Giovanni Paolo II, X, 3 (1987) 67.

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se mit gefährlichen Folgen für die Wasserreserven und beeinträchtigt das

Leben vieler autochthoner Völker sowie das Wohlergehen der künftigen

Generationen. Alle, Individuen ebenso wie institutionelle Subjekte müssen

sich verpflichtet fühlen, den Waldbestand zu schützen und, wo nötig, ge-

eignete Wiederaufforstungsprogramme in die Wege zu leiten.


467 Die Verantwortung für die Umwelt, die ein gemeinsames Gut des Menschen-

geschlechts darstellt, erstreckt sich auf die Forderungen nicht nur der Gegenwart, son-

dern auch der Zukunft: „Erben unserer Väter und Beschenkte unserer Mitbür-

ger, sind wir allen verpflichtet, und jene können uns nicht gleichgültig sein,

die nach uns den Kreis der Menschheitsfamilie weiten. Die Solidarität aller,

die etwas Wirkliches ist, bringt für uns nicht nur Vorteile mit sich, sondern

auch Pflichten“.984 Es handelt sich um eine Verantwortung, die die gegenwärtigen

für die künftigen Generationen übernehmen müssen985 und die auch eine Verant-

wortung der einzelnen Staaten und der internationalen Gemeinschaft ist.


468 Die Verantwortung für die Umwelt muss sich in angemessener Weise auf ju-

ristischer Ebene niederschlagen. Es ist wichtig, dass die internationale Gemein-

schaft einheitliche Regeln erarbeitet, damit ein solches Regelwerk es den

Staaten ermöglicht, die verschiedenen Aktivitäten, die sich negativ auf die

Umwelt auswirken, wirkungsvoller zu kontrollieren, und die Ökosysteme

dadurch zu schützen, dass man möglichen Unfällen vorbeugt: „Jeder Staat

hat im Bereich des eigenen Territoriums die Aufgabe, der Verschlechterung

der Atmosphäre und der Biosphäre vorzubeugen, indem er unter anderem

die Auswirkungen der neuen technologischen oder wissenschaftlichen Ent-

deckungen aufmerksam kontrolliert und den eigenen Bürgern die Garantie

bietet, nicht Umwelt verschmutzenden Faktoren oder Giftmüll ausgesetzt

zu sein“.986

Der juristische Inhalt des Rechts „auf eine sichere und gesunde natürliche

Umwelt“ 987 wird das Ergebnis einer schrittweisen Ausarbeitung sein, die

 

984 Paul VI., Enz. Populorum progressio, 17: AAS 59 (1967) 266.

985 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus,37: AAS 83(1991) 840.

986 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1990, 9: AAS 82 (1990) 152.

987 Johannes Paul II., Ansprache an den Gerichtshof und die Kommission für Menschenrechte,
Straßburg (8. Oktober 1988), 5: AAS 81 (1989) 685;
vgl. Id., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1990, 9: AAS 82 (1990) 152;
Id., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1999, 10: AAS 91 (1999) 384–385.

336

 

durch das Anliegen der öffentlichen Meinung vorangetrieben wird, die

Nutzung der geschaffenen Güter nach den Forderungen des Gemeinwohls

und in dem gemeinsamen Willen zu regeln, dass für diejenigen, die die

Umwelt verschmutzen, Strafen eingeführt werden. Rechtliche Normen al-

lein genügen jedoch nicht;988 daneben muss ein starkes Verantwortungs-

bewusstsein und eine wirksame Veränderung der Mentalitäten und Lebens-

stile heranreifen.


469 Die Autoritäten, die dazu aufgerufen sind, angesichts von Gefahren für Ge-

sundheit und Umwelt Entscheidungen zu treffen, haben es zuweilen mit Situationen

zu tun, in denen die verfügbaren wissenschaftlichen Informationen widersprüchlich

oder nicht ausreichend sind: Dann kann eine Einschätzung von Vorteil sein, die sich

nach dem „Prinzip der Vorsicht“ richtet. Dieses Prinzip ist keine Regel, die man ein-

fach anwendet, sondern eine Orientierung für Situationen der Unsicherheit. Es ist

Ausdruck der Notwendigkeit, vorläufige Entscheidungen zu treffen, die auf-

grund eventueller neuer Erkenntnisse auch modifiziert werden können.

Die Entscheidung muss im richtigen Verhältnis zu Vorkehrungen stehen,

die im Hinblick auf andere Risiken bereits getroffen worden sind. Die Poli-

tik der Vorsicht, die auf dem genannten Prinzip beruht, erfordert, dass alle

Entscheidungen auf der Grundlage einer Gegenüberstellung der Risiken

und der Vorteile jeder in Frage kommenden Alternative getroffen werden,

wozu auch die Möglichkeit zählt, gar keine Maßnahmen zu ergreifen. Diese

Vorgehensweise ist mit der Forderung verbunden, dass keine Mühe ge-

scheut werden darf, um sich gründlichere Kenntnisse zu verschaffen, wobei

man sich allerdings der Tatsache bewusst sein muss, dass die Wissenschaft

im Hinblick auf das Nichtvorhandensein von Risiken keine schnellen

Schlussfolgerungen ziehen kann. Die Umstände der Unsicherheit und der

Vorläufigkeit machen die Transparenz im Entscheidungsfindungsprozess

besonders wichtig.

 

988 Vgl. Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1999, 10: AAS 91 (1999) 384–385.

337

 


470 Die Planung der wirtschaftlichen Entwicklung muss auf „die Unversehrtheit

und die Rhythmen der Natur (…) achten“,989 weil die natürlichen Ressourcen be-

grenzt und zum Teil nicht erneuerbar sind. Die derzeitige Geschwindigkeit der

Ausbeutung stellt im Hinblick auf die gegenwärtige und zukünftige Verfüg-

barkeit einiger natürlicher Ressourcen eine ernste Beeinträchtigung dar.990

Die Lösung des ökologischen Problems erfordert, dass die wirtschaftliche

Tätigkeit die Umwelt stärker berücksichtigt, indem sie die Forderungen der

wirtschaftlichen Entwicklung mit denen des Umweltschutzes in Einklang

bringt. Jede wirtschaftliche Aktivität, die die natürlichen Ressourcen nutzt, muss sich

auch um den Schutz der Umwelt kümmern und die damit verbundenen Kosten ein-

planen, die als „ein wesentliches Element der aktuellen Kosten wirtschaft-

licher Tätigkeit“ betrachtet werden müssen.991 In diesem Zusammenhang

sind auch die äußerst komplexen Beziehungen zwischen der menschlichen

Aktivität und den klimatischen Veränderungen zu berücksichtigen, die auf

wissenschaftlicher, politischer und rechtlicher Ebene national und inter-

national in der geeigneten Weise beständig beobachtet werden müssen.

Das Klima ist ein Gut, das geschützt werden muss, und deshalb ist es erfor-

derlich, dass die Verbraucher und die Träger industrieller Aktivitäten ein

stärkeres Verantwortungsgefühl entwickeln.992

Eine Wirtschaft, die die Umwelt respektiert, wird nicht ausschließlich das Ziel der

Gewinnmaximierung verfolgen, denn der Umweltschutz kann nicht nur auf der

Grundlage einer finanziellen Kostennutzenrechnung gewährleistet werden.Die Um-

welt ist eines jener Güter, die die Mechanismen des Markts nicht in der

angemessenen Form schützen oder fördern können.993 Alle und vor allem

die entwickelten Länder müssen es als ihre dringende Verpflichtung erken-

nen, die Art und Weise des Gebrauchs der natürlichen Güter zu überden-

 

989 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 26: AAS 80 (1988) 546.

990 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 34: AAS 80 (1988) 559–560.

991 Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer der XXV. Vollversammlung der Organisation
für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) (16. November 1989), 8: AAS 82 (1990) 673.

992 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an eine Studiengruppe der Päpstlichen Akademie der
Wissenschaften (6. November 1987): Insegnamenti di Giovanni Paolo II, X, 3 (1987) 1018–1020.

993 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 40: AAS 83 (1991) 843.

338

 

industrieller Interessen oder aufgrund von Assimilations- oder Urbanisie-

rungsprozessen. Die Rechte der autochthonen Völker müssen in geeigneter

Weise geschützt werden.999 Diese Völker geben uns ein Beispiel für ein Le-

ben in Harmonie mit der Umwelt, die sie kennen und zu bewahren gelernt

haben:1000 ihre außergewöhnliche Erfahrung, die ein unersetzlicher Reich-

tum für die gesamte Menschheit ist, droht gemeinsam mit der Umwelt un-

terzugehen, aus der sie stammt.

b) Die Nutzung der Biotechnologie


472 In den vergangenen Jahren ist die Frage nach dem Einsatz der neuen Biotech-

nologien für Ziele, die mit der Landwirtschaft, der Viehzucht, der Medizin und dem

Umweltschutz in Verbindung stehen, immer lauter geworden. Die neuen Möglichkei-

ten der gegenwärtigen biologischen und biogenetischen Techniken rufen einerseits

Hoffnung und Begeisterung und andererseits Misstrauen und Ablehnung hervor.

Die Anwendungen der Biotechnologien, ihre Zulässigkeit unter mora-

lischen Gesichtspunkten, ihre Konsequenzen für die Gesundheit des Men-

schen, ihre Auswirkungen auf Umwelt und Wirtschaft sind Gegenstand

eingehender Untersuchungen und einer lebhaften Debatte. Bei alledem

handelt es sich um kontroverse Fragen, die Wissenschaftler und Forscher,

Politiker und Gesetzgeber, Wirtschaftswissenschaftler und Umweltschüt-

zer, Produzenten und Verbraucher betreffen. Die Christen sind diesen Pro-

blemfeldern gegenüber nicht gleichgültig, und ihnen ist bewusst, wie wich-

tig die Werte sind, die hier auf dem Spiel stehen.1001

 

999 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Ureinwohner von Guatemala (7. März 1983), 4: AAS 75 (1983) 742–743;
Id., Ansprache an die autochthonen Völker Kanadas (18. September 1984), 7–8: AAS 77 (1985) 421–422;
Id., Ansprache an die autochthonen Völker Ecuadors (31. Januar 1985), II.1: AAS 77 (1985) 861;
Id., Ansprache bei der Begegnung mit den Ureinwohnern Australiens,
Alice Springs (29. November 1986), 10: AAS 79 (1987) 976–977.

1000 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache bei der Begegnung mit den Ureinwohnern Australiens,
Alice Springs (29. November 1986), 4: AAS 79 (1987) 974–975;
Id., Ansprachean die Ureinwohner Amerikas, Phoenix (14. September 1987), 4: Insegnamenti di Giovanni
Paolo II, X, 3 (1987) 514–515.

1001 Vgl. Päpstliche Akademie für das Leben, Biotechnologie für Tiere und Pflanzen:
neue Grenzen und neue Verantwortung (12. Oktober 1999), Libreria Editrice Vaticana, Vatikanstadt 1999.

340

 


473 Die christliche Sicht der Schöpfung beinhaltet ein positives Urteil hinsichtlich

der Zulässigkeit menschlicher Eingriffe in die Natur einschließlich der anderen Lebe-

wesen und gleichzeitig einen nachdrücklichen Appell an das Verantwortungsgefühl.1002

Die Natur ist keine heilige oder göttliche Realität, die sich dem Wirken des

Menschen entzieht. Sie ist vielmehr ein Geschenk, das der Schöpfer der

menschlichen Gemeinschaft gemacht und der Intelligenz und moralischen

Verantwortung des Menschen anvertraut hat. Deshalb tut dieser nichts Un-

zulässiges, wenn er mit Rücksicht auf die Ordnung, die Schönheit und den

Nutzen der einzelnen Lebewesen und ihrer Rolle innerhalb des Ökosystems

in einige ihrer Merkmale und Eigenschaften modifizierend eingreift. Das

Eingreifen des Menschen ist beklagenswert, wenn es den Lebewesen oder

der natürlichen Umwelt Schaden zufügt, doch es ist lobenswert, wenn es zu

einer Verbesserung führt. Das ethische Problem erschöpft sich jedoch nicht in der

Frage, ob es zulässig ist, biologische und biogenetische Techniken einzusetzen:Wie

bei jedem menschlichen Verhalten müssen ihr tatsächlicher Nutzen sowie

ihre möglichen Folgen – und Risiken – gegeneinander abgewogen werden.

Wo es um weitreichende und einschneidende wissenschaftlich-technische

Eingriffe an lebenden Organismen geht und langfristig die Möglichkeit

schwerwiegender Schädigungen besteht, darf man nicht leichtsinnig und

verantwortungslos handeln.


474 Die modernen Biotechnologien haben auf regionaler, nationaler und interna-

tionaler Ebene starke gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Auswirkungen:

Sie sind nach den ethischen Kriterien zu beurteilen, die die menschlichen Tätigkeiten

und Verhältnisse im sozioökonomischen und politischen Bereich immer lenken müs-

sen.1003 Vor allem muss man sich die Kriterien der Gerechtigkeit und Solidarität vor

Augen halten, nach denen sich insbesondere alle die Individuen und Grup-

pen zu richten haben, die auf dem Gebiet der Erforschung und kommerziel-

len Nutzung von Biotechnologien tätig sind. Auf keinen Fall sollte man den

Irrtum begehen zu glauben, dass allein die Verbreitung der mit den neuen

 

1002 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an Teilnehmer einer Studienwoche der Päpstlichen
Akademie der Wissenschaften (23. Oktober 1982), 6: Insegnamenti di Giovanni Paolo II,V,3 (1982) 898.

1003 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der
Wissenschaften (3. Oktober 1981): AAS 73 (1981) 668–672.

341

 

Biotechnologien verbundenen Vorteile alle drängenden Probleme der Ar-

mut und Unterentwicklung lösen könnte, die noch immer so viele Länder

dieser Erde heimsuchen.


475 In einem Geist internationaler Solidarität können im Hinblick auf den Einsatz

der neuen Biotechnologien verschiedene Maßnahmen ergriffen werden. In erster Li-

nie muss ein fairer Handel ohne ungerechte Einschränkungen erleichtert werden.

Die Förderung der Entwicklung der stärker benachteiligten Völker wird

jedoch nicht authentisch und wirkungsvoll sein, wenn sie sich nur auf den

Austausch von Produkten erstreckt. Es ist unerlässlich, auch das Heranreifen

der nötigen technologischen und wissenschaftlichen Autonomie auf Seiten ebendie-

ser Völker zu fördern und für einen verstärkten Austausch wissenschaftlicher

und technologischer Kenntnisse und den entsprechenden Technologietransfer in die

Entwicklungsländer zu sorgen.


476 Die Solidarität appelliert auch an die Verantwortung der Entwicklungsländer

und insbesondere ihrer politischen Autoritäten, eine für ihre Völker nützliche Han-

delspolitik und einen Austausch von Technologien zu betreiben, die geeignet sind, die

sanitären Verhältnisse und die Ernährungslage zu verbessern. In diesen Ländern

muss mit besonderer Aufmerksamkeit für die Merkmale und die besonde-

ren Bedürfnisse des eigenen Gebiets mehr in die Forschung investiert wer-

den, und man muss sich vor allem vergegenwärtigen, dass einige mögli-

cherweise nutzbringende Forschungen im Bereich der Biotechnologie

verhältnismäßig bescheidene Investitionen erfordern. Zu diesem Zweck

wäre die Schaffung nationaler Organe hilfreich, die den Auftrag haben,

das Gemeinwohl durch ein umsichtiges Abwägen der Risiken zu schützen.


477 Die im Bereich der Biotechnologien tätigen Wissenschaftler und Techniker sind

dazu aufgerufen, mit Klugheit und Beharrlichkeit nach verbesserten Lösungen für die

schwerwiegenden und drängenden Probleme in den Bereichen der Gesundheit und der

Ernährung zu suchen. Sie dürfen nicht vergessen, dass sie mit lebenden und

leblosen Materialien arbeiten, die der Menschheit als ihr Erbe gehören und

daher auch für die noch kommenden Generationen bestimmt sind; für die

Gläubigen handelt es sich um ein Geschenk des Schöpfers, das der mensch-

lichen Intelligenz und Freiheit anvertraut ist, die ihrerseits ebenfalls Gaben

des Allerhöchsten sind. Die Wissenschaftler sollen in der Lage sein, ihre

 

342

 

Kräfte und Fähigkeiten für die leidenschaftlich betriebene Forschung ein-

zusetzen, die von einem klaren und aufrichtigen Gewissen geleitet wird.1004


478 Die Unternehmer und die Verantwortlichen der öffentlichen Einrichtungen,

die sich mit der Forschung, der Herstellung und der kommerziellen Nutzung der durch

die neuen Biotechnologien ermöglichten Produkte beschäftigen, müssen nicht nur

ihren rechtmäßigen Gewinn, sondern auch das Gemeinwohl im Blick haben. Dieser

Grundsatz, der für jede Art der wirtschaftlichen Tätigkeit gültig ist, wird

dann besonders wichtig, wenn es sich um Tätigkeiten handelt, die mit der

Ernährung, der Medizin und mit dem Schutz von Gesundheit und Umwelt

zu tun haben. Mit ihren Entscheidungen können die Unternehmer und die

Verantwortlichen der zuständigen öffentlichen Einrichtungen die Entwick-

lungen im Bereich der Biotechnologien auf viel versprechende Ziele hinlen-

ken, was den Kampf gegen den Hunger vor allem in den ärmsten Ländern,

den Kampf gegen die Krankheiten und den Kampf um den Schutz des Öko-

systems, unseres gemeinsamen Erbes, betrifft.


479 Die Politiker, die Gesetzgeber und die öffentlichen Verwaltungen sind dafür

verantwortlich, die Möglichkeiten, die Vorteile und die eventuellen Risiken abzuwä-

gen, die mit dem Einsatz von Biotechnologien verbunden sind. Es ist nicht gut-

zuheißen, wenn ihre Entscheidungen auf nationaler oder internationaler

Ebene unter dem Druck von Teilinteressen gefällt werden. Die öffentlichen

Autoritäten müssen auch dafür sorgen, dass die öffentliche Meinung richtig

informiert wird, und sie müssen in jedem Fall die Entscheidungen zu tref-

fen wissen, die für das Gemeinwohl am vorteilhaftesten sind.


480 Auch die Verantwortlichen im Informationsbereich haben eine wichtige Auf-

gabe, die sie mit Klugheit und Objektivität erfüllen müssen. Die Gesellschaft erwar-

tet von ihnen eine vollständige und objektive Information, die den Bürgern

hilft, sich über die biotechnologischen Produkte eine fundierte Meinung zu

bilden, zumal es sich hierbei um ein Thema handelt, das sie als Verbraucher

 

1004
Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an Teilnehmer einer Studienwoche der Päpstlichen
Akademie der Wissenschaften (23. Oktober 1982), 6: Insegnamenti di Giovanni Paolo II,V,3 (1982) 895–898;
Id., Ansprache an die Teilnehmer des Kongresses der italienischen Akademie
der Wissenschaften (21. September 1982), 4: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, V, 3 (1982) 511–515.

343

 

an erster Stelle betrifft. Man darf daher nicht der Versuchung nachgeben,

eine oberflächliche Information zu betreiben, die von vorschneller Begeis-

terung oder unbegründeter Panik gespeist wird.

c) Umwelt und gemeinsame Nutzung der Güter

481 Auch im Bereich der Ökologie weist die Soziallehre nachdrücklich darauf hin,

dass die Güter der Erde von Gott geschaffen worden sind, um von allen mit Weisheit

genutzt zu werden: Die Menschen müssen diese Güter nach den Kriterien der Gerech-

tigkeit und der Liebe in angemessener Weise miteinander teilen. Hierbei geht es im

Wesentlichen darum, die ungerechte Anhäufung von Ressourcen zu ver-

hindern: Die individuelle und kollektive Habgier widerspricht der Ordnung

der Schöpfung.1005 Die gegenwärtigen globalen ökologischen Probleme können nur

durch eine internationale Zusammenarbeit wirkungsvoll angegangen werden, die ge-

eignet ist, den Gebrauch der Ressourcen der Erde besser zu koordinieren.

482 Das Prinzip von der allgemeinen Bestimmung der Güter bietet eine grund-

legende moralische und kulturelle Orientierung, um den komplexen und dramatischen

Knoten zu lösen, der die ökologische Krise und die Armut miteinander verknüpft.Die

gegenwärtige Umweltkrise trifft in erster Linie die Ärmsten: zum einen,

weil sie in denjenigen Ländern leben, die von Erosion und von der Ausdeh-

nung der Wüsten betroffen sind, weil sie in bewaffnete Konflikte ver-

wickelt oder zur Migration gezwungen sind, zum anderen, weil sie nicht

über die wirtschaftlichen und technologischen Mittel verfügen, um sich ge-

gen die Katastrophen zu schützen.

Sehr viele dieser Armen leben in den verschmutzten Vororten der Städ-

te in Notunterkünften oder Ansammlungen von baufälligen und unsiche-

ren Häusern (slums, bidonvilles, barrios, favelas). Um ihre Umsiedlung in die

Wege zu leiten und nicht Leid auf Leid zu häufen, ist es erforderlich, im

Vorfeld für eine angemessene Information zu sorgen, menschenwürdige

Wohnalternativen anzubieten und die Betroffenen direkt einzubinden.

Überdies sollte man sich die Lage der durch die Regeln eines nicht aus-

gewogenen internationalen Handels benachteiligten Länder vor Augen hal-

 

1005 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 69: AAS 58 (1966) 1090–1092;
Paul VI., Enz. Populorum progressio, 22: AAS 59 (1967) 268.

344

 

ten, in denen der nach wie vor bestehende Mangel an Kapital durch die Last

der Auslandsverschuldung noch erschwert wird: In diesen Fällen machen

Hunger und Armut eine intensive und übermäßige Ausbeutung der Um-

welt praktisch unvermeidlich.


483 Die enge Verbindung zwischen der Entwicklung der ärmeren Länder, demo-

graphischen Veränderungen und einem vertretbaren Umgang mit der Umwelt darf

nicht als Vorwand für politische und wirtschaftliche Entscheidungen herhalten, die

der Würde der menschlichen Person kaum entsprechen. Im Norden des Globus

erleben wir den „Abfall der Geburtenziffer mit Auswirkungen auf die Al-

tersstruktur der Bevölkerung, die sogar unfähig wird, sich biologisch zu

erneuern“,1006 während sich die Situation in der Südhälfte ganz anders dar-

stellt. Wenn es zutrifft, dass die ungleiche Verteilung der Bevölkerung und

der verfügbaren Ressourcen die Entwicklung und den vertretbaren Um-

gang mit der Umwelt behindert, muss auch anerkannt werden, dass eine

wachsende Bevölkerung mit einer umfassenden und solidarischen Ent-

wicklung voll und ganz zu vereinbaren ist:1007 „Man stimmt weitgehend

darin überein, dass eine Bevölkerungspolitik nur ein Teil einer umfassen-

den Entwicklungsstrategie ist. Demnach ist es wichtig, dass in jedem Ge-

spräch über bevölkerungspolitische Themen die konkrete und die geplante

Entwicklung von Nationen und Regionen berücksichtigt wird. Gleichzeitig

ist es nicht möglich, die eigentliche Bedeutung des Begriffs »Entwicklung«

außer Acht zu lassen. Jede Entwicklung, die diese Bezeichnung verdient,

muss vollkommen sein, das heißt, sie muss auf das wahre Wohl jedes Men-

schen und auf die ganze Person des Menschen ausgerichtet sein“.1008


484 Das Prinzip von der allgemeinen Bestimmung der Güter gilt natürlich auch für

das Wasser, das in der Heiligen Schrift als Symbol der Reinigung (vgl. Ps 51, 4; Joh

13, 8) und des Lebens (vgl. Joh 3, 5; Gal 3, 27) betrachtet wird: Wasser ist „ein

vitales Instrument, weil es ein Geschenk Gottes ist, unerlässlich für das

 

1006 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 25: AAS 80 (1988) 543;
vgl. Id., Enz. Evangelium vitae, 16: AAS 87 (1995) 418.

1007 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 25: AAS 80 (1988) 543–544.

1008 Johannes Paul II., Brief an Frau Nafis Sadik, Generalsekretärin der diesjährigen Internationalen
Konferenz für Bevölkerungs- und Entwicklungsfragen und Exekutivdirektorin des
Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (18. März 1994), 3: AAS 87 (1995) 191.

345

 

Überleben und – viel mehr noch – ein Recht aller“.1009 Die Nutzung des

Wassers und der damit verbundenen Dienste muss auf die Befriedigung

der Bedürfnisse aller und vor allem der in Armut lebenden Personen aus-

gerichtet sein. Ein eingeschränkter Zugriff auf Trinkwasser beeinträchtigt

das Wohlergehen einer gewaltigen Zahl von Personen und ist oft Ursache

von Krankheiten, Leiden, Konflikten, Armut und sogar Tod: Um in ange-

messener Weise gelöst zu werden, müssen für diese Frage „moralische Kri-

terien eingerichtet werden (…), die sich nach dem Wert des Lebens und der

Achtung der Rechte und der Würde aller Menschen richten“.1010


485 Aufgrund seiner eigenen Natur kann das Wasser nicht bloß als eine Ware

unter vielen behandelt, sondern muss mit Vernunft und Solidarität genutzt werden.

Seine Verteilung fällt traditionell in die Zuständigkeit öffentlicher Einrich-

tungen, weil das Wasser immer als ein öffentliches Gut gegolten hat, ein

Merkmal, das auch dann bestehen bleiben muss, wenn die diesbezügliche

Verantwortung auf den privaten Bereich übergeht. Das Recht auf Wasser1011

beruht wie alle Rechte des Menschen auf der Menschenwürde und nicht auf

rein quantitativen Bewertungen, die das Wasser lediglich als wirtschaftli-

ches Gut betrachten. Ohne Wasser ist das Leben bedroht. Damit ist das

Recht auf Wasser ein allgemeines und unveräußerliches Recht.

d) Neue Lebensstile


486 Die schwerwiegenden ökologischen Probleme erfordern eine wirkungsvolle

Mentalitätsänderung, die zur Entwicklung von Lebensstilen führt,1012 „in denen

 

1009 Johannes Paul II., Botschaft an Kard. Geraldo Majella Agnelo anlässlich der Kampagne
der Brüderlichkeit der brasilianischen Bischofskonferenz (19. Januar 2004):
L’Osservatore Romano, 4. März 2004, S. 5.

1010 Johannes Paul II., Botschaft an Kard. Geraldo Majella Agnelo anlässlich der Kampagne
der Brüderlichkeit der brasilianischen Bischofskonferenz (19. Januar 2004):
L’Osservatore Romano, 4. März 2004, S. 5.

1011 Vgl. Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2003,5: AAS 95 (2003) 343;
Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Water, an Essential
Element for Life. A Contribution of the Delegation of the Holy See on the
occasion of the 3 World Water Forum, Kyoto, 16.–23. März 2003.

1012 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 36: AAS 83 (1991) 838–840.

346

 

die Suche nach dem Wahren, Schönen und Guten und die Verbundenheit

mit den anderen für ein gemeinsames Wachstum jene Elemente sind, die

die Entscheidungen für Konsum, Sparen und Investitionen bestimmen“.1013

Diese Lebensstile müssen auf personaler wie sozialer Ebene von Nüchtern-

heit, Mäßigung und Selbstdisziplin geprägt sein. Man muss sich von der

Logik des reinen Konsums freimachen und Formen der landwirtschaftli-

chen und industriellen Produktion fördern, die die Ordnung der Schöpfung

respektieren und die vorrangigen Bedürfnisse aller befriedigen. Eine solche

Haltung, die von dem erneuerten Bewusstsein begünstigt wird, dass alle

Bewohner der Erde wechselseitig voneinander abhängig sind, trägt dazu

bei, verschiedene Ursachen ökologischer Katastrophen zu beseitigen, und

ermöglicht ein rasches Handeln, wenn solche Katastrophen Völker und Ge-

biete heimsuchen.1014 Man sollte sich nicht nur im Hinblick auf die verhee-

renden Folgen, die sich aus den Umweltschäden ergeben, mit der ökologi-

schen Frage auseinandersetzen: Sie sollte vor allem von einer starken

Motivation zu einer authentischen, weltweit geübten Solidarität getragen

sein.


487 Der Mensch sollte sich gegenüber der Schöpfung vor allem durch eine Haltung

der Dankbarkeit und Anerkennung auszeichnen: Die Welt verweist auf das Geheim-

nis Gottes, der ihn erschaffen hat und ihn erhält. Wenn man die Beziehung zu

Gott ausklammert, verliert die Natur ihre tiefere Bedeutung und verarmt.

Wenn man dagegen die Natur in ihrer geschöpflichen Dimension wieder-

zuentdecken vermag, dann kann man ein kommunikatives Verhältnis zu

ihr auf bauen, ihre über sich selbst hinausweisende, symbolhafte Bedeutung

erfassen und so zum Horizont des Mysteriums vordringen, das dem Men-

schen den Weg zu Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, eröffnet.

Die Welt bietet sich den Blicken des Menschen als eine Spur Gottes dar, als ein Ort,

an dem seine schöpferische Macht der Vorsehung und Erlösung offenbar

wird.

 

1013 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 36: AAS 83 (1991) 839.

1014 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache beim Besuch des UNO-Umweltprogramms (UNEP),
Nairobi (18. August 1985), 5: AAS 78 (1986) 92.

347