Zwölftes Kapitel

DRITTER TEIL

 

„Für die Kirche darf

die soziale Botschaft des Evangeliums

nicht als eine Theorie, sondern vor allem

als eine Grundlage und eine Motivierung

zum Handeln angesehen werden“.

(Centesimus annus,57)

 

 

 

ZWÖLFTES KAPITEL

SOZIALLEHRE UND KIRCHLICHES HANDELN

 

I. DAS SEELSORGLICHE WIRKEN IM SOZIALEN BEREICH

a) Soziallehre und Inkulturation des Glaubens


521 Im Bewusstsein der erneuernden Kraft des Christentums auch hinsichtlich der

Kultur und der gesellschaftlichen Wirklichkeit1105 leistet die Kirche mit ihrer ei-

genen Lehre einen Beitrag zum Auf bau der menschlichen Gemeinschaft,

indem sie die soziale Bedeutung des Evangeliums aufzeigt.1106 Am Ende

des 19. Jahrhunderts hat sich das kirchliche Lehramt in organischer Weise

mit den schwerwiegenden sozialen Fragen der Epoche auseinandergesetzt

und damit der Kirche „ein bleibendes Beispiel“ gegeben. „Sie muss in be-

stimmten menschlichen Situationen, sei es auf individueller und sozialer,

nationaler und internationaler Ebene, das Wort ergreifen. Dafür hat sie eine

eigene Lehre, ein Lehrgebäude aufgestellt, das es ihr ermöglicht, die soziale

Wirklichkeit zu analysieren, sie zu beurteilen und Richtlinien für eine ge-

rechte Lösung der daraus entstehenden Probleme anzugeben“.1107 Dadurch,

dass Leo XIII. in der Enzyklika „Rerum novarum“ zu der gesellschaftspoliti-

schen Wirklichkeit seiner Zeit Stellung nahm, „verlieh der Papst der Kirche

gleichsam das »Statut des Bürgerrechtes« in der wechselvollen Wirklichkeit

des öffentlichen Lebens der Menschen und der Staaten. Dies wurde in den

späteren Jahren noch stärker bestätigt“.1108


522 Mit ihrer Soziallehre bietet die Kirche vor allem eine umfassende Sicht und ein

vollständiges Verständnis des Menschen in seiner personalen und sozialen Dimension.

Die christliche Anthropologie enthüllt die unverletzliche Würde jeder Per-

 

1105 Vgl. Kongregation für den Klerus, Allgemeines Direktorium für die Katechese
(15. August 1997), 18, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen
des Apostolischen Stuhls 130, S. 29–30.

1106 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio, 11: AAS 83 (1991) 259–260.

1107 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 5: AAS 83 (1991) 799.

1108 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 5: AAS 83 (1991) 799.

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son und integriert auf diese Weise die Wirklichkeiten der Arbeit, der Wirt-

schaft und der Politik in eine eigene Sichtweise, die die echten mensch-

lichen Werte erhellt und inspiriert und das engagierte christliche Zeugnis

in den vielfältigen Bereichen des persönlichen, kulturellen und sozialen Le-

bens unterstützt. Dank der „Erstlingsgabe des Geistes“ (Röm 8, 23) wird der

Christ fähig, „das neue Gesetz der Liebe zu erfüllen (vgl. Röm 8, 1–11).

Durch diesen Geist, der das »Unterpfand der Erbschaft« (Eph 1, 14) ist, wird

der ganze Mensch innerlich erneuert bis zur »Erlösung des Leibes« (Röm

8, 23)“.1109 In diesem Sinne macht die Soziallehre deutlich, dass die Grund-

lage der Sittlichkeit jedes sozialen Handelns in der menschlichen Entwick-

lung der Person besteht, und bestimmt als Norm des sozialen Handelns,

dass es dem wahren Wohl der Menschheit entsprechen und darauf aus-

gerichtet sein muss, Bedingungen zu schaffen, die es jedem Menschen er-

möglichen, seine Berufung in umfassender Weise zu verwirklichen.


523 Die christliche Anthropologie ermutigt und unterstützt das seelsorgerische

Werk der Inkulturation des Glaubens, das dazu dienen soll, mit der Kraft des Evan-

geliums die Urteilskriterien, die Richtung gebenden Werte, die Linien des Denkens

und die Lebensmodelle des heutigen Menschen von innen heraus zu erneuern: „Ihrer-

seits wird die Kirche durch die Inkulturation immer verständlicheres Zei-

chen von dem, was geeigneteres Mittel der Mission ist“.1110 Die heutige Welt

ist von einem Bruch zwischen Evangelium und Kultur gekennzeichnet; eine

verweltlichte Sicht des Heils neigt dazu, auch das Christentum „auf eine

rein menschliche Weisheit zu reduzieren, gleichsam als Lehre des guten

Lebens“.1111 Es ist der Kirche bewusst, dass sie „auf dem Gebiet der Evan-

gelisierung einen großen Schritt nach vorne tun und in eine neue historische Etap-

pe ihrer missionarischen Dynamik eintreten“ muss.1112 In diesem seelsor-

gerischen Kontext steht auch die Soziallehre: „Die »Neuevangelisierung«,

 

1109 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 22: AAS 58 (1966) 1043.

1110 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio, 52: AAS 83 (1991) 300; vgl. Paul VI.,
Ap. Schr. Evangelii nuntiandi, 20: AAS 68 (1976) 18–19.

1111 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio, 11: AAS 83 (1991) 259–260.

1112 Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 35: AAS 81 (1989) 458.

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die die moderne Welt dringend nötig hat (…), muss zu ihren wesentlichen

Bestandteilen die Verkündigung der Soziallehre der Kirche zählen“.1113

b) Soziallehre und soziale Seelsorge


524 Die wesentliche Bezogenheit auf die Soziallehre entscheidet über die Art, die

Herangehensweise, die Struktur und die Entwicklungen der sozialen Seelsorge. In ihr

drückt sich der Dienst der sozialen Evangelisierung aus, der darauf aus-

gerichtet ist, die umfassende Entfaltung des Menschen durch die Praxis

der christlichen Befreiung in ihrem irdischen und transzendenten Aspekt

zu erhellen, anzuregen und zu unterstützen. Die Kirche lebt und wirkt in

der Geschichte und interagiert mit der Gesellschaft und der Kultur der je-

weiligen Epoche, um ihre Mission zu erfüllen, die darin besteht, alle Men-

schen in ihren konkreten Schwierigkeiten, Kämpfen und Herausforderun-

gen an der Neuartigkeit der christlichen Verkündigung teilhaben zu lassen,

damit sie ihre Situation im Licht des Glaubens und der Wahrheit begreifen,

der Wahrheit, die besagt, dass „sich der Liebe Christi öffnen (…) wahre

Befreiung“ bedeutet.1114 Die soziale Seelsorge ist der lebendige und konkre-

te Ausdruck einer Kirche, die sich ihres eigenen Auftrags, die gesellschaftli-

chen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Wirklichkeiten der Welt

zu evangelisieren, voll und ganz bewusst ist.


525 Die soziale Botschaft des Evangeliums muss die Kirche zur Erfüllung einer

zweifachen seelsorgerischen Aufgabe führen, die zum einen darin besteht, den Men-

schen bei der Entdeckung der Wahrheit und der Wahl des einzuschlagenden Weges zu

helfen; und zum anderen darin, die Christen dazu zu ermutigen, dass sie das Evan-

gelium im sozialen Bereich mit Engagement und Diensteifer bezeugen: „Heute –

mehr als je zuvor – kann das Wort Gottes nur verkündigt und verstanden

werden, wenn es vom Zeugnis der Kraft des Heiligen Geistes begleitet wird,

der sich wirksam erweist in dem Dienst, den Christen ihren Brüdern leis-

ten, wo deren Dasein oder deren Zukunft auf dem Spiel steht“.1115 Die Not-

wendigkeit einer Neuevangelisierung lässt die Kirche begreifen, „dass ihre

 

1113 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 5: AAS 83 (1991) 800.

1114 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio, 11: AAS 83 (1991) 259.

1115 Paul VI., Ap. Schr. Octogesima adveniens, 51: AAS 63 (1971) 440.

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soziale Botschaft mehr im Zeugnis der Werke als in ihrer inneren Folgerich-

tigkeit und Logik Glaubwürdigkeit finden wird“.1116


526 Die Soziallehre schreibt die grundlegenden Aspekte des seelsorgerischen Wir-

kens im sozialen Bereich vor: das Evangelium verkünden; die Botschaft des Evangeli-

ums mit den sozialen Wirklichkeiten konfrontieren; Maßnahmen ergreifen, um diese

Wirklichkeiten entsprechend den Forderungen der christlichen Moral zu erneuern.

Eine Neuevangelisierung des Sozialen erfordert vor allem die Verkündi-

gung des Evangeliums: In Jesus Christus erlöst Gott jeden Menschen und

den ganzen Menschen. Diese Verkündigung offenbart den Menschen sich

selbst und muss zum Interpretationsprinzip der gesellschaftlichen Wirk-

lichkeiten werden. Die soziale Dimension ist zwar nicht die einzige, aber

eine wesentliche und unumgängliche Dimension der Verkündigung des

Evangeliums. Sie muss die unerschöpfliche Fruchtbarkeit des christlichen

Heils sichtbar machen, auch wenn eine vollkommene und endgültige An-

gleichung der gesellschaftlichen Wirklichkeiten an das Evangelium in der

Geschichte nicht gelingen kann: Kein noch so optimales Ergebnis kann die

Grenzen der menschlichen Freiheit und die eschatologische Spannung

jeder geschaffenen Realität außer Kraft setzen.1117


527 Das seelsorgerische Wirken der Kirche im sozialen Bereich muss vor allem die

Wahrheit über den Menschen bezeugen. Die christliche Anthropologie ermög-

licht eine Einschätzung der sozialen Probleme, für die sich nur dann eine

richtige Lösung findet, wenn der transzendente Charakter der mensch-

lichen Person gewahrt bleibt, der im Glauben voll und ganz offenbar

wird.1118 Das soziale Handeln der Christen muss vom grundlegenden Prinzip der

zentralen Rolle des Menschen inspiriert sein.1119 Die Forderung, die umfassende

Identität des Menschen zur Entfaltung zu bringen, gibt jene großen Werte

vor, die ein geordnetes und fruchtbares Zusammenleben bestimmen:

 

1116 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 57: AAS 83 (1991) 862.

1117 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 48: AAS 80 (1988) 583–584.

1118 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 76: AAS 58 (1966) 1099–1100.

1119 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et magistra: AAS 53 (1961) 453;
Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 54: AAS 83 (1991) 859–860.

376

 

Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe, Freiheit.1120 Die soziale Seelsorge arbeitet

darauf hin, dass die Erneuerung des öffentlichen Lebens an eine wirkliche

Achtung dieser Werte gebunden ist. Auf diese Weise ist die Kirche bestrebt,

durch ihr vielfältiges Zeugnis das Bewusstsein vom Wohl aller und eines

jeden als unerschöpfliche Quelle für die Entwicklung des gesamten gesell-

schaftlichen Lebens zu stärken.

c) Soziallehre und Bildung


528 Die Soziallehre ist ein unverzichtbarer Bezugspunkt für eine vollständige

christliche Bildung. Der Nachdruck, mit dem das Lehramt diese Lehre als In-

spirationsquelle des Apostolats und des sozialen Handelns vertritt, beruht

auf der Überzeugung, dass diese einen außergewöhnlichen Bildungsschatz

darstellt: „Vor allem für die Laien, die auf vielfältige Weise in der Politik und

im sozialen Bereich engagiert sind, ist eine tiefere Kenntnis der Soziallehre

der Kirche unerlässlich“.1121 Diese Lehre ist ein Erbe, das weder in der erfor-

derlichen Weise gelehrt wird noch bekannt ist: Auch das ist ein Grund da-

für, dass sie nicht in konkreten Verhaltensweisen umgesetzt wird.


529 Der Bildungswert der Soziallehre muss in der katechetischen Tätigkeit mehr

Anerkennung finden.1122 Die Katechese ist die organische und systematische

Weitergabe der christlichen Lehre zu dem Zweck, die Gläubigen in die Fülle

des Lebens aus dem Evangelium einzuführen.1123 Letztes Ziel der Katechese

ist es, „jemanden nicht nur in Kontakt, sondern in Gemeinschaft, in Le-

benseinheit mit Jesus Christus zu bringen“,1124 sodass das Wirken des Hei-

ligen Geistes erkennbar wird, von dem das Geschenk des neuen Lebens in

Christus kommt.1125 Vor diesem Hintergrund darf die Katechese in ihrem

Dienst der Glaubenserziehung „einige Wirklichkeiten wie den Einsatz des

 

1120 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Pacem in terris: AAS 55 (1963) 265–266.

1121 Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 60: AAS 81 (1989) 511.

1122 Vgl. Kongregation für den Klerus, Allgemeines Direktorium für die Katechese
(15. August 1997), 30, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen
des Apostolischen Stuhls 130, S. 37–38.

1123 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Catechesi tradendae, 18: AAS 71 (1979) 1291–1292.

1124 Johannes Paul II., Ap. Schr. Catechesi tradendae, 5: AAS 71 (1979) 1281.

1125 Vgl. Kongregation für den Klerus, Allgemeines Direktorium für die Katechese
(15. August 1997), 54, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen<
des Apostolischen Stuhls 130, S. 54.

377

 

Menschen für seine umfassende Befreiung, das Streben nach einer solidari-

scheren und brüderlicheren Gesellschaft, die Kämpfe für Gerechtigkeit und

die Schaffung von Frieden“ nicht übergehen, sondern muss sie „stattdessen

geziemend erhellen“.1126 Zu diesem Zweck ist es notwendig, dafür Sorge zu

tragen, dass sich das soziale Lehramt in seiner Geschichte, in seinen Inhal-

ten und in seiner Methodik als Ganzes darstellt. Eine direkte, im kirchli-

chen Kontext vorgenommene Lektüre der Sozialenzykliken stellt dank der

verschiedenen in der Gemeinschaft vertretenen Kompetenzen und berufli-

chen Qualifikationen eine weitere Bereicherung im Hinblick auf die Auf-

nahme und Anwendung der Texte dar.


530 Vor allem im Kontext der Katechese ist es wichtig, dass die Vermittlung der

Soziallehre darauf ausgerichtet ist, zum Einsatz für die Evangelisierung und Humani-

sierung der zeitlichen Gegebenheiten zu motivieren. In dieser Lehre nämlich

bringt die Kirche ein theoretisches und praktisches Wissen zum Ausdruck,

mit dem sie das Bemühen um eine Umgestaltung des gesellschaftlichen

Lebens im Sinne einer Angleichung an den göttlichen Plan unterstützt.

Die soziale Katechese will Menschen heranbilden, die die sittliche Ordnung

achten und die echte Freiheit lieben, Menschen, die „die Dinge nach eigener

Entscheidung im Licht der Wahrheit beurteilen, ihr Handeln verantwor-

tungsbewusst ausrichten und bemüht sind, was immer wahr und gerecht

ist, zu erstreben, wobei sie zu gemeinsamem Handeln sich gern mit ande-

ren zusammenschließen“.1127 Das Zeugnis des gelebten Christentums gewinnt

dabei einen herausragenden Wert für die Bildung: „Insbesondere ist es das Leben

in Heiligkeit, das in so vielen demütigen und oft vor den Blicken der Men-

schen verborgenen Gliedern des Volkes Gottes erstrahlt, was den schlich-

testen und faszinierendsten Weg darstellt, auf dem man unmittelbar die

Schönheit der Wahrheit, die befreiende Kraft der Liebe Gottes, den Wert

 

1126 Johannes Paul II., Ap. Schr. Catechesi tradendae, 29: AAS 71 (1979) 1301–1302;
vgl. auch Kongregation für den Klerus, Allgemeines Direktorium für
die Katechese (15. August 1997), 17, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz,
Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 130, S. 29.

1127 II. Vatikanisches Konzil, Erkl. Dignitatis humanae, 8: AAS 58 (1966) 935.

378

 

der unbedingten Treue, selbst unter schwierigsten Umständen, angesichts

aller Forderungen des Gesetzes des Herrn wahrzunehmen vermag“.1128


531 Die Soziallehre muss auf die Grundlage einer intensiven und kontinuierlichen

Bildungsarbeit gestellt werden, die sich vor allem an die christlichen Laien richtet und

deren Engagement im zivilen Leben in Betracht ziehen muss: Ihre Aufgabe ist es,

„in freier Initiative und ohne erst träge Weisungen und Direktiven von an-

derer Seite abzuwarten, das Denken und die Sitten, die Gesetze und die

Lebensordnungen ihrer Gemeinschaft mit christlichem Geist zu durchdrin-

gen“.1129 Die erste Ebene des an die christlichen Laien gerichteten Bildungs-

angebots muss diese befähigen, die alltäglichen Aufgaben im kulturellen,

sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bereich wirkungsvoll wahr-

zunehmen und auf diese Weise einen Sinn für die Pflichterfüllung im

Dienst am Gemeinwohl zu entwickeln.1130 Eine zweite Ebene betrifft die Bil-

dung des politischen Gewissens und soll die christlichen Laien auf die Aus-

übung politischer Macht vorbereiten: „Wer dazu geeignet ist oder sich dazu

ausbilden kann, soll sich darauf vorbereiten, den schweren, aber zugleich

ehrenvollen Beruf des Politikers auszuüben, und sich diesem Beruf unter

Hintansetzung des eigenen Vorteils und materiellen Gewinns widmen“.1131


532 Die katholischen Bildungseinrichtungen können und müssen einen wertvollen

Dienst im Bereich der Bildung leisten, indem sie der Inkulturation der christlichen

Botschaft, das heißt der fruchtbaren Begegnung zwischen dem Evangelium und den

verschiedenen Wissensgebieten ihre besondere Aufmerksamkeit widmen. Die Sozial-

lehre ist ein notwendiges Mittel für eine wirkungsvolle christliche Erzie-

hung zu Liebe, Gerechtigkeit und Frieden und um ein Bewusstsein der mo-

ralischen und sozialen Pflichten im Rahmen der verschiedenen kulturellen

und beruflichen Zuständigkeiten heranreifen zu lassen.

Ein wichtiges Beispiel für eine Bildungseinrichtung sind die „Sozialen Wochen“

der Katholiken, die das Lehramt stets befürwortet hat. Sie stellen eine gute Gele-

 

1128 Johannes Paul II., Enz. Veritatis splendor, 107: AAS 85 (1993) 1217.

1129 Paul VI., Enz. Populorum progressio, 81: AAS 59 (1967) 296–297.

1130 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 75: AAS 58 (1966) 1097–1099.

1131 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 75: AAS 58 (1966) 1097–1098.

379

 

genheit für die gläubigen Laien dar, sich auszudrücken und zu wachsen,

und sind geeignet, ihren spezifischen Beitrag zur Erneuerung der zeitlichen

Ordnung auf hohem Niveau zu fördern. Diese Initiative, die seit vielen Jah-

ren in verschiedenen Ländern durchgeführt wird, ist ein echtes kulturelles

Laboratorium, in dem Erfahrungen und Gedanken ausgetauscht und vergli-

chen, aufkommende Probleme untersucht und neue Richtlinien für die Pra-

xis erarbeitet werden.


533 Nicht weniger wichtig darf das Anliegen sein, die Soziallehre für die Ausbil-

dung der Priester und Priesteramtskandidaten heranzuziehen, die im Rahmen der

Vorbereitung auf ihren Dienst eine qualifizierte Kenntnis der Lehre und des seelsor-

gerischen Wirkens der Kirche im sozialen Bereich sowie ein lebhaftes Interesse an den

sozialen Fragen ihrer eigenen Zeit entwickeln müssen. Das Dokument der Kon-

gregation für das Katholische Bildungswesen „Leitlinien für das Studium und

den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung“1132 bietet de-

taillierte Hinweise und Richtlinien für eine korrekte und angemessene Stu-

dienordnung.

d) Den Dialog fördern


534 Die Soziallehre ist ein wirkungsvolles Instrument des Dialogs zwischen den

christlichen Gemeinschaften und der zivilen und politischen Gemeinschaft und ge-

eignet, in der den Umständen entsprechenden Weise die Bereitschaft zu

einer guten und fruchtbaren Zusammenarbeit zu fördern und zu inspirie-

ren. Das Bemühen der zivilen und politischen Autoritäten, die dazu auf-

gerufen sind, im Rahmen ihrer Zuständigkeit und ihrer Mittel der persona-

len und sozialen Berufung des Menschen zu dienen, kann in der Soziallehre

der Kirche eine wichtige Stütze und eine reiche Quelle der Inspiration fin-

den.


535 Die Soziallehre ist ein fruchtbares Feld für den Dialog und die Zusammen-

arbeit im ökumenischen Bereich, die sich inzwischen in den verschiedensten

Bereichen in großem Maßstab entfalten: in der Verteidigung der Würde

der menschlichen Personen; in der Förderung des Friedens; im konkreten

 

1132 30. Dezember 1988, Der Apostolische Stuhl 1989.

380

 

und wirkungsvollen Kampf gegen das Elend unserer Zeit wie Hunger und

Not, Analphabetismus, ungerechte Verteilung der Güter und Obdachlosig-

keit. Diese vielfältige Zusammenarbeit stärkt das Bewusstsein der Brüder-

lichkeit in Christus und erleichtert den ökumenischen Weg.


536 In der gemeinsamen Tradition des Alten Testaments ist es der katholischen

Kirche bewusst, dass sie auch dank ihrer Soziallehre zu einem Dialog mit den jüdischen

Brüdern fähig ist, um gemeinsam eine Zukunft der Gerechtigkeit und des Friedens für

alle Menschen aufzubauen, die Kinder des einen Gottes sind. Das gemeinsame geis-

tige Erbe begünstigt das gegenseitige Verständnis und die füreinander emp-

fundene Wertschätzung1133 – die Basis, auf der das Bündnis für die Über-

windung jeglicher Diskriminierung und für die Verteidigung der Men-

schenwürde wachsen kann.


537 Die Soziallehre ist auch von dem beständigen Aufruf zum Dialog zwischen

allen Gläubigen der Weltreligionen gekennzeichnet, damit diese gemeinsam nach den

geeignetsten Formen der Zusammenarbeit suchen: Die Religionen spielen eine

wichtige Rolle für die Verwirklichung des Friedens, die von dem gemein-

samen Bemühen um die umfassende Entwicklung des Menschen ab-

hängt.1134 Im Geist der Gebetstreffen von Assisi1135 lädt die Kirche weiterhin

die Gläubigen der anderen Religionen zum Dialog ein und dazu, an jedem

Ort ein wirkungsvolles Zeugnis von jenen Werten abzulegen, die der ge-

samten Menschheitsfamilie gemeinsam sind.

e) Die Subjekte der sozialen Seelsorge


538 Die Kirche bezieht das ganze Volk Gottes in die Erfüllung ihres Auftrages mit

ein. In seinen verschiedenen Ausprägungen und in jedem seiner Mitglieder

muss das Volk Gottes je nach den Gaben und Formen, in denen sich die

Berufung des Einzelnen ausdrückt, seiner Pflicht Genüge tun, die darin be-

steht, das Evangelium zu verkünden und zu bezeugen (vgl. 1 Kor 9, 16), und

 

1133 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erkl. Nostra aetate, 4: AAS 58 (1966) 742–743.

1134 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 32: AAS 80 (1988) 556–557.

1135 27. Oktober 1986; 24. Januar 2002.

381

 

zwar in dem Bewusstsein, dass „der Sendungsauftrag (…) für alle Christen“

gilt.1136

Auch die seelsorgerische Tätigkeit im sozialen Bereich ist für alle Christen be-

stimmt, die dazu berufen sind, die Soziallehre als aktive Subjekte zu bezeugen und

sich voll und ganz in die gefestigte Tradition der „Tatkraft von Millionen

von Menschen“ einzureihen, „die, angeregt und geleitet vom Sozialen Lehr-

amt der Kirche, sich dem Dienst in der Welt zur Verfügung gestellt ha-

ben“.1137 Die Christen von heute müssen in der Lage sein, sich in ihrem

individuellen oder in unterschiedlichen Gruppen, Verbänden und Bewe-

gungen zusammengefassten Handeln als „Großbewegung zur Verteidigung

und zum Schutz der Würde des Menschen“ 1138 zu verstehen.


539 In der Ortskirche ist an erster Stelle der Bischof für den seelsorgerischen Ein-

satz in der Evangelisierung des Sozialen zuständig. Ihm stehen die Priester, die

Ordensleute und die gläubigen Laien zur Seite. Mit besonderem Bezug auf

die Situation vor Ort trägt der Bischof die Verantwortung für die Weiterga-

be und Verbreitung der Soziallehre, für die er mit Hilfe geeigneter Institu-

tionen sorgt.

Das seelsorgerische Handeln des Bischofs muss im Dienst der Priester umgesetzt

werden, die an seinem Sendungsauftrag, die christliche Gemeinschaft zu lehren, zu

heiligen und zu leiten, teilhaben. Mit der Einrichtung geeigneter Bildungswege

muss der Priester die Soziallehre bekannt machen und unter den Mitglie-

dern seiner Gemeinschaft das Bewusstsein fördern, dass sie das Recht und

die Pflicht haben, aktive Subjekte dieser Lehre zu sein. Durch die sakramen-

talen Feiern, insbesondere die der Eucharistie und der Versöhnung, hilft der

Priester dabei, das soziale Engagement als Frucht des Heilsgeheimnisses zu

leben. Er muss die Gläubigen dazu ermutigen, im sozialen Bereich seelsor-

gerisch tätig zu werden, und er muss besondere Sorgfalt auf die geistliche

Bildung und Begleitung derjenigen verwenden, die sich im gesellschaft-

lichen und politischen Leben engagieren. Der Priester, der seinen seelsor-

gerischen Dienst in den verschiedenen kirchlichen Vereinigungen – insbe-

sondere denen des sozialen Apostolats – verrichtet, hat die Aufgabe, durch

 

1136 Johannes Paul II., Enz. Redemptoris missio, 2: AAS 83 (1991) 250.

1137 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 3: AAS 83 (1991) 795.

1138 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 3: AAS 83 (1991) 795.

382

 

die nötige Vermittlung der Inhalte der Soziallehre deren Wachstum zu för-

dern.


540 Das seelsorgerische Handeln im sozialen Bereich stützt sich entsprechend

ihrem jeweiligen Charisma auch auf die Tätigkeit derer, die ein gottgeweihtes Leben

führen; ihre leuchtenden Zeugnisse vor allem in Situationen großer Armut sind für

alle ein Fingerzeig auf die Werte der Heiligkeit und des großzügigen Dienstes am

Nächsten. Die totale Selbsthingabe der Ordensleute bietet sich dem gemein-

samen Nachdenken auch als symbolisches und prophetisches Zeichen der

Soziallehre dar: Indem sie sich vollkommen in den Dienst des Mysteriums

der Liebe Christi zum Menschen und zur Welt stellen, nehmen die Ordens-

leute in ihrem Leben veranschaulichend einige Züge der neuen Menschlich-

keit, für die die Soziallehre sich einsetzt, vorweg. Die Angehörigen des ge-

weihten Standes stellen sich in Keuschheit, Armut und Gehorsam vor allem

dadurch in den Dienst der seelsorgerischen Liebe, dass sie im Gebet den

Plan Gottes für die Welt betrachten und zum Herrn flehen, damit er das

Herz jedes Menschen für das Geschenk der neuen Menschlichkeit öffnet,

die mit dem Opfer Christi erkauft worden ist.

 

II. SOZIALLEHRE UND ENGAGEMENT DER GLÄUBIGEN LAIEN

 

a) Der gläubige Laie


541 Die gläubigen Laien, die im Weinberg des Herrn arbeiten (vgl. Mt 20, 1–16),

zeichnen sich im Wesentlichen durch den säkularen Charakter ihrer Christusnachfolge

aus, die sich in der Welt vollzieht: „Sache der Laien ist es, kraft der ihnen eige-

nen Berufung in der Verwaltung und gottgemäßen Regelung der zeitlichen

Dinge das Reich Gottes zu suchen“.1139 Mit der Taufe sind die Laien in

Christus eingegliedert und haben je nach der ihnen eigenen Identität Anteil

an seinem Leben und seiner Sendung: „Unter der Bezeichnung Laien sind

(…) alle Christgläubigen verstanden mit Ausnahme der Glieder des Weihe-

standes und des in der Kirche anerkannten Ordensstandes, das heißt die

 

1139 II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 31: AAS 57 (1965) 37.

383

 

Christgläubigen, die, durch die Taufe Christus einverleibt, zum Volk Gottes

gemacht und des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes

Christi auf ihre Weise teilhaftig, zu ihrem Teil die Sendung des ganzen

christlichen Volkes in der Kirche und in der Welt ausüben“.1140


542 Die Identität des gläubigen Laien entsteht und speist sich aus den Sakramen-

ten: der Taufe, der Firmung und der Eucharistie. Durch die Taufe wird er

Christus ähnlich, dem Sohn des Vaters, dem Erstgeborenen der ganzen

Schöpfung, der als Meister und Erlöser zu allen Menschen gesandt ist.

Durch die Firmung wird er Christus gleichgestaltet, der gesandt ist, um

die Schöpfung und alles Sein durch die Ausgießung des Heiligen Geistes

zu beleben. Die Eucharistie lässt den Gläubigen an dem einen und vollkom-

menen Opfer teilhaben, das Christus dem Vater in seinem eigenen Fleisch

für das Heil der Welt dargebracht hat.

Der gläubige Laie ist aus den Sakramenten und durch sie, also kraft dessen, was

Gott in ihnen gewirkt hat, als er ihnen das Bild seines eigenen Sohnes Jesus Christus

aufprägte, Jünger Christi. Aus diesem göttlichen Gnadengeschenk und nicht

aus menschlichen Zugeständnissen entsteht das dreifache „munus“ (Gabe

und Aufgabe), das den Laien in seinem weltlichen Wirkungskreis zum Pro-

pheten, Priester und König macht.


543 Es ist die spezifische Aufgabe des gläubigen Laien, das Evangelium durch das

Zeugnis eines beispielhaften Lebens zu verkünden, das in Christus wurzelt und sich in

den zeitlichen Gegebenheiten entfaltet: Familie; berufliche Verpflichtungen in

den Bereichen der Arbeit, der Kultur, der Wissenschaft und der Forschung;

Wahrnehmung sozialer, wirtschaftlicher und politischer Verantwortung.

Alle irdischen menschlichen Realitäten – persönliche und gesellschaftliche,

das Umfeld und die historische Situation, Strukturen und Institutionen –

bilden den Lebens- und Wirkungskreis der Laienchristen. Diese Realitäten

sind der Bestimmungsort der Liebe Gottes; das Engagement der gläubigen

Laien muss dieser Sichtweise entsprechen und die Liebe des Evangeliums

zum Ausdruck bringen: „So stellen das In-der-Welt-Sein und In-der-Welt-

Handeln für die Laien nicht nur eine anthropologische und soziologische

 

1140 II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 31: AAS 57 (1965) 37.

384

 

Gegebenheit dar, sondern auch und vor allem eine spezifisch theologische

und kirchliche“.1141


544 Das Zeugnis des gläubigen Laien geht aus einem Geschenk der Gnade hervor,

das dankbar angenommen, gepflegt und zur Reife gebracht wird.1142 Aus diesem

Grund ist ihr Einsatz in der Welt so bedeutsam und steht im Kontrast zur

Aktionsmystik des atheistischen Humanismus, der die letzte Grundlegung

fehlt und die sich in rein zeitliche Zielsetzungen einordnet. Der eschatolo-

gische Horizont ist der Schlüssel zum richtigen Verständnis der mensch-

lichen Wirklichkeiten: Wenn er die endgültigen Güter im Blick hat, ist der

gläubige Laie in der Lage, seine eigene irdische Tätigkeit authentisch zu ent-

falten. Lebensstandard und größtmögliche wirtschaftliche Produktivität

sind nicht der einzig gültige Maßstab für die Verwirklichung des Menschen

in diesem und noch weniger im zukünftigen Leben: „Der Mensch ist ja

nicht auf die zeitliche Ordnung beschränkt, sondern inmitten der mensch-

lichen Geschichte vollzieht er ungeschmälert seine ewige Berufung“.1143

b) Die Spiritualität des gläubigen Laien


545 Die gläubigen Laien sind dazu aufgerufen, eine echte Laienspiritualität zu

pflegen, durch die sie als neue Männer und Frauen – eingetaucht in des Geheimnis

Gottes und eingegliedert in die Gesellschaft, heilig und heilig machend – wiedergebo-

ren werden. Eine solche Spiritualität gestaltet die Welt im Geist Jesu: Sie be-

fähigt, über die Geschichte hinauszusehen, ohne sich von ihr zu entfernen;

Gott leidenschaftlich zu lieben, ohne den Blick von den Mitmenschen ab-

zuwenden, sondern diese so zu sehen, wie der Herr sie sieht, und sie so zu

lieben, wie er sie liebt. Es ist eine Spiritualität, die sowohl den allzu sehr

nach innen gerichteten Spiritualismus als auch den sozialen Aktivismus mei-

det und sich in einer lebendigen Synthese ausdrückt, die dem aus so vielen

und vielfältigen Gründen widersprüchlichen und zersplitterten Dasein Ein-

heit, Bedeutung und Hoffnung verleiht. Von dieser Spiritualität beseelt,

 

1141 Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 15: AAS 81 (1989) 415.

1142 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 24: AAS 81 (1989) 433–435.

1143 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 76: AAS 58 (1966) 1099.

385

 

sind die gläubigen Laien imstande, „ihre eigentümliche Aufgabe, vom Geist

des Evangeliums geleitet, auszuüben und so wie ein Sauerteig zur Heiligung

der Welt gewissermaßen von innen her beizutragen und vor allem durch

das Zeugnis ihres Lebens (…) Christus den anderen kundzumachen“.1144


546 Die gläubigen Laien müssen ihr spirituelles und moralisches Leben stärken

und die für die Erfüllung ihrer sozialen Pflichten erforderlichen Fähigkeiten zur Ent-

faltung bringen. Die Vertiefung der inneren Beweggründe und die Aneig-

nung des für ein soziales und politisches Engagement angemessenen Stils

sind die Frucht eines dynamischen und immerwährenden Bildungsprozes-

ses, der vor allem darauf ausgerichtet ist, das Leben in seiner Vielschichtig-

keit und den Glauben miteinander in Einklang zu bringen. In der Erfah-

rung des Gläubigen kann es keine „Parallelexistenz“ geben: „auf der einen

Seite ein so genanntes »spirituelles« Leben mit seinen Werten und Forde-

rungen und auf der anderen Seite das so genannte »welthafte« Leben, das

heißt das Familienleben, das Leben in der Arbeit, in den sozialen Beziehun-

gen, im politischen Engagement und in der Kultur“.1145

Die Synthese von Glauben und Leben erfordert einen Weg, der in kluger Weise

von den charakteristischen Elementen des praktizierten Christentums strukturiert ist:

dem Bezug auf das Wort Gottes; der liturgischen Feier des christlichen Mys-

teriums; dem persönlichen Gebet; der authentischen kirchlichen Erfahrung,

die um den besonderen Bildungsdienst weiser geistlicher Leiter bereichert

wird; der Übung der sozialen Tugenden und dem beharrlichen Bemühen

um kulturelle und berufliche Bildung.

c) Mit Klugheit handeln


547 Der gläubige Laie muss so handeln, wie es ihm die Klugheit gebietet: Sie ist die

Tugend der Unterscheidung, die dazu befähigt, in jeder Situation das wahre Gute zu

erkennen und die geeigneten Mittel zu wählen, um dieses zu vollbringen. Mit ihrer

Hilfe lassen sich die moralischen Grundsätze auf die je besonderen Fälle anwenden.

Die Klugheit äußert sich in drei Schritten: Sie klärt und bewertet die Situa-

tion, regt die Entscheidung an und löst die Handlung aus. Der erste Schritt

 

1144 II. Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, 31: AAS 57 (1965) 37–38.

1145 Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 59: AAS 81 (1989) 509.

386

 

ist von Überlegung und Beratung gekennzeichnet und dient dazu, das Problem

zu untersuchen und die notwendigen Meinungen einzuholen; der zweite ist

der bewertende Schritt der Analyse und Beurteilung der Wirklichkeit im Licht des

göttlichen Plans; der dritte Schritt ist der der Entscheidung und beruht auf

den beiden vorangegangenen Phasen, dank deren es möglich ist, zu erken-

nen, was getan werden muss.


548 Die Klugheit befähigt dazu, mit Realismus und Verantwortung für die Folgen

des eigenen Handelns in sich stimmige Entscheidungen zu treffen. Die weit verbrei-

tete Ansicht, die die Klugheit mit Schläue, utilitaristischer Berechnung und

Misstrauen oder mit Ängstlichkeit und Unschlüssigkeit gleichsetzt, hat we-

nig mit dem richtigen Verständnis dieser Tugend zu tun, die der prakti-

schen Vernunft zuzuordnen ist und als ein Maßstab für die anderen Tugen-

den hilft, besonnen und mutig zu entscheiden, was getan werden muss. Die

Klugheit bestätigt, dass das Gute eine Pflicht ist, und zeigt den Weg an, den

die Person wählt, um dieser Pflicht nachzukommen.1146 Letztlich ist sie eine

Tugend, die ein reifes Denken und Verantwortungsbewusstsein voraus-

setzt, damit aus der objektiven Kenntnis der Situation heraus und in dem

Willen, das Richtige zu tun, eine Entscheidung getroffen werden kann.1147

 

1146 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1806.

1147 Kluges Handeln erfordert einen Bildungsweg, auf dem man die notwendigen Eigenschaften
erwirbt: die „memoria“ als Fähigkeit, die eigenen Erfahrungen der
Vergangenheit objektiv und unverfälscht im Gedächtnis zu behalten (vgl. Thomas von Aquin,
Summa theologiae, II-II, q. 49, a. 1); die „docilitas“ als Fähigkeit, sich belehren zu
lassen und sich auf der Grundlage echter Wahrheitsliebe die Erfahrungen anderer zunutze
zu machen (vgl. Thomas von Aquin, Summa theologiae, II-II, q. 49, a. 3);
die „solertia“ als Fähigkeit, Unvorhergesehenem durch objektives Handeln zu begegnen,
um so jede Situation zum Guten zu wenden und die Versuchungen der Maßlosigkeit,
Ungerechtigkeit oder Feigheit zu besiegen (vgl. Thomas von Aquin,
Summa theologiae, II-II, q. 49, a. 4). Diese kognitiven Bedingungen schaffen die
notwendigen Voraussetzungen im Moment der Entscheidung: die „providentia“, das heißt
die Fähigkeit, die Zweckmäßigkeit einer Verhaltensweise im Hinblick auf das Erreichen
des moralischen Ziels zu bewerten (vgl. Thomas von Aquin, Summa theologiae,II-II,q. 49,
a. 6), und die „circumspectio“, also die Fähigkeit, die Umstände zu bewerten, die zu der
ituation führen, in der die Handlung ausgeführt werden muss (vgl. Thomas von Aquin,
Summa theologiae, II-II, q. 49, a. 7). Im Bereich des sozialen Lebens lässt sich
die Klugheit in zwei Sonderformen unterteilen: die „prudentia regnativa“, das heißt die
Fähigkeit, alles auf das größtmögliche Wohl der Gesellschaft hinzuordnen (vgl. Thomas von Aquin,
Summa theologiae, II-II, q. 50, a. 1), und die „prudentia politica“, die den
Bürger dazu veranlasst, zu gehorchen und den Anweisungen der Autorität Folge zu
leisten (vgl. Thomas von Aquin, Summa theologiae, II-II, q. 50, a. 2), ohne dabei seine
eigene personalen Würde zu beeinträchtigen (vgl. Thomas von Aquin, Summa theologiae, II-II, qq. 47–56).

387

 

d) Soziallehre und Laienvereinigungen


549 Die Soziallehre der Kirche muss zum ergänzenden Bestandteil der Bildung des

gläubigen Laien werden. Die Erfahrung lehrt, dass die Bildungsarbeit normalerweise

innerhalb kirchlicher Laienverbände möglich ist, die den klaren „Kriterien der Kirch-

lichkeit“ entsprechen:1148 „Auch die Gruppen, Vereinigungen und Bewegungen ha-

ben eine Aufgabe für die Erziehung und Ausbildung der Laien zu erfüllen.

Sie können, den jeweiligen Methoden entsprechend, ihren Mitgliedern eine

Erziehung und Bildung anbieten, die in ihrer eigenen apostolischen Erfah-

rung verankert ist. Ferner ist ihnen die Chance gegeben, die Erziehung und

Bildung, die ihre Mitglieder von anderen Menschen und Gemeinschaften

empfangen, zu integrieren, zu konkretisieren und spezifisch anzuwen-

den“.1149 Die Soziallehre der Kirche unterstützt und erhellt die Rolle der

Vereinigungen, der Bewegungen und der Gruppen von Laien, die sich dafür

einsetzen, die verschiedenen Bereiche der zeitlichen Ordnung mit christli-

chem Leben zu durchdringen:1150 „Die communio der Kirche, die schon im

Tun der Einzelperson gegenwärtig und wirksam wird, findet einen beson-

deren Ausdruck im gemeinschaftlichen Tun der Laien, das heißt in ihrem

gemeinsamen Einsatz, wenn sie mitverantwortlich am Leben und an der

Sendung der Kirche teilnehmen“.1151


550 Für kirchliche Vereinigungen, die sich für die Seelsorge im sozialen Bereich

einsetzen, ist die Soziallehre der Kirche von größter Wichtigkeit. Sie stellen einen

besonderen Bezugspunkt dar, weil sie sich entsprechend ihrem kirchlichen

Profil im sozialen Leben einsetzen und auf diese Weise deutlich machen,

wie wichtig das Gebet, das Nachdenken und der Dialog sind, wenn es da-

rum geht, sich auf die sozialen Gegebenheiten einzulassen und sie zu ver-

 

1148 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 30: AAS 81 (1989) 446–448.

1149 Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 62: AAS 81 (1989) 516–517.

1150 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et magistra: AAS 53 (1961) 455.

1151 Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 29: AAS 81 (1989) 443.

388

 

bessern. In jedem Fall gilt die Unterscheidung „zwischen dem, was die

Christen als Einzelne oder im Verbund im eigenen Namen als Staatsbürger,

die von ihrem christlichen Gewissen geleitet werden, und dem, was sie im

Namen der Kirche zusammen mit ihren Hirten tun“.1152

Auch die Berufsverbände, die ihre Mitglieder innerhalb eines bestimmten profes-

sionellen oder kulturellen Bereichs im Namen der christlichen Berufung und Sendung

versammeln, können einen wertvollen Beitrag zum christlichen Reifeprozess leisten.

So formt beispielsweise eine katholische Ärztevereinigung das Urteilsver-

mögen ihrer Mitglieder angesichts der zahlreichen Anforderungen, die die

Medizin, die Biologie und andere Wissenschaften an die berufliche Kom-

petenz, aber auch an das Gewissen und den Glauben des Arztes stellen.

Entsprechendes gilt für die Verbände katholischer Lehrer, Juristen, Unter-

nehmer, Arbeiter, Sportler, Umweltschützer … Vor diesem Hintergrund

entfaltet die Soziallehre ihre wirkungsvolle Bildungsarbeit im Hinblick auf

das Gewissen jeder einzelnen Person und die Kultur eines ganzen Landes.

e) Der Dienst in den verschiedenen Bereichen des sozialen Lebens


551 Die Gegenwart des gläubigen Laien im gesellschaftlichen Bereich ist von der

Haltung des Dienens bestimmt, die Zeichen und Ausdruck der Liebe ist und sich im

familiären, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und im Arbeitsleben in je eigener

Weise manifestiert: Indem sie den jeweiligen Anforderungen ihres Wirkungs-

bereichs nachkommen, bringen die gläubigen Laien die Wahrheit ihres

Glaubens und zugleich die Wahrheit der kirchlichen Soziallehre zum Aus-

druck, die dann voll und ganz verwirklicht ist, wenn sie im konkreten Be-

zug auf die zu lösenden sozialen Probleme gelebt wird. Es geht hier tatsäch-

lich um die Glaubwürdigkeit der Soziallehre selbst, die nicht nur von ihrer

inneren Stimmigkeit und Logik, sondern in erster Linie vom Zeugnis der

Werke abhängt.1153

Im dritten Jahrtausend der christlichen Zeitrechnung öffnen sich die gläubigen

Laien mit ihrem Zeugnis allen Menschen und machen sich mit ihnen gemeinsam zum

 

1152 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 76: AAS 58 (1966) 1099.

1153 Vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et magistra: AAS 53 (1961) 454;
Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 57: AAS 83 (1991) 862–863.

389

 

Sprachrohr für die dringendsten Anliegen unserer Zeit: „Was diese Heilige Synode

aus dem Schatz der kirchlichen Lehre vorlegt, will allen Menschen unserer

Zeit helfen, ob sie an Gott glauben oder ihn nicht ausdrücklich anerken-

nen, klarer ihre Berufung unter jeder Hinsicht zu erkennen, die Welt mehr

entsprechend der hohen Würde des Menschen zu gestalten, eine weltweite

und tiefer begründete Brüderlichkeit zu erstreben und aus dem Antrieb der

Liebe in hochherzigem, gemeinsamem Bemühen den dringenden Erforder-

nissen unserer Zeit gerecht zu werden“.1154

1. Der Dienst an der menschlichen Person


552 Unter den Bereichen des sozialen Engagements der Gläubigen ragt insbeson-

dere der Dienst an der menschlichen Person hervor: Die Stärkung der Würde jeder

Person, die das kostbarste Gut ist, das der Mensch besitzt, „ist eine wesent-

liche Aufgabe, ja in einem gewissen Sinn die zentrale und alle anderen ein-

schließende Aufgabe im Kontext des Dienstes an der Menschheitsfamilie,

zu dem die Kirche und in ihr die Laien berufen sind“.1155

Der erste Schritt, diese Aufgabe zu erfüllen, besteht in dem Bemühen

um die eigene innere Erneuerung, denn die Geschichte der Menschheit

wird nicht von einem unpersönlichen Determinismus vorangetrieben, son-

dern von Subjekten, die zusammenwirken und durch ihr freies Handeln die

soziale Ordnung bestimmen. Es ist nicht so, dass die gesellschaftlichen In-

stitutionen gleichsam von selbst und automatisch das Wohl aller gewähr-

leisten würden: Die „innere Erneuerung im christlichen Geiste“1156 muss

dem Bemühen um eine bessere Gesellschaft gemäß dem sozialen „Reform-

programm der Kirche (…) in sozialer Gerechtigkeit und sozialer Liebe“1157

vorangehen.

Aus der Bekehrung des Herzens entspringt das Bedürfnis, sich um den

als Bruder geliebten Mitmenschen zu kümmern. Dieses Bedürfnis lässt das

Bemühen um die Veränderung von Institutionen, Strukturen und Lebens-

 

1154 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 91: AAS 58 (1966) 11113.

1155 Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 37: AAS 81 (1989) 460.

1156 Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 218.

1157 Pius XI., Enz. Quadragesimo anno: AAS 23 (1931) 218.

390

 

bedingungen, die der Menschenwürde widersprechen, wie eine Pflicht er-

scheinen. Deshalb müssen sich die gläubigen Laien gleichzeitig für die Bekeh-

rung der Herzen und die Verbesserung der Strukturen einsetzen; dabei müssen sie

die historische Situation berücksichtigen und zulässige Mittel gebrauchen,

um Institutionen zu verwirklichen, in denen die Würde aller Menschen

wirklich geachtet und gefördert wird.


553 Die Stärkung der Menschenwürde beinhaltet vor allem die Verkündigung des

unverletzlichen Rechts auf Leben vom Moment der Empfängnis an bis zu seinem

natürlichen Ende. Dies ist das erste aller Rechte der Person und gleichzeitig

die Voraussetzung für alle anderen.1158 Der Respekt vor der personalen

Würde verlangt außerdem die Anerkennung der religiösen Dimension des

Menschen, die „keine lediglich »konfessionelle« Forderung“ ist, „sondern

eine Notwendigkeit, die in der Realität des Menschseins selbst ihre unaus-

rottbare Wurzel hat“.1159 Die tatkräftige Anerkennung des Rechts auf Ge-

wissens- und Religionsfreiheit ist eines der höchsten Güter und eine der

schwerwiegendsten Verpflichtungen eines Volkes, das das Wohl der Person

und der Gesellschaft wirklich gewährleisten will.1160 Im gegenwärtigen kul-

turellen Kontext ist der Schutz der Ehe und der Familie eine Aufgabe von he-

rausragender Dringlichkeit, die nur in angemessener Weise gelöst werden

kann, wenn man davon überzeugt ist, dass diesen Einrichtungen eine ein-

zigartige und unersetzliche Bedeutung für die authentische Entwicklung

des menschlichen Zusammenlebens zukommt.1161

2. Der Dienst an der Kultur


554 Die Kultur muss für die Kirche und die einzelnen Christen ein bevor-

zugter Bereich der Anwesenheit und des Engagements sein. Die Kluft zwi-

schen dem christlichen Glauben und dem alltäglichen Leben ist vom Zwei-

 

1158 Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Instr. Donum vitae (22. Februar 1987): AAS 80 (1988) 70–102.

1159 Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 39: AAS 81 (1989) 466.

1160 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 39: AAS 81 (1989) 466.

1161 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Familiaris consortio, 42–48: AAS 74 (1982) 134–140.

391

 

ten Vatikanischen Konzil als einer der schwersten Irrtümer unserer Zeit

bezeichnet worden.1162 Der Verlust des metaphysischen Horizonts und der

Gottessehnsucht in narzisstischer Selbstbezogenheit und einem von der

Fülle des Angebots geprägten konsumistischen Lebensstil; die Vorrangstel-

lung, die der Technologie und einer als Selbstzweck betriebenen Forschung

zugebilligt wird; die Überbewertung des Erscheinungsbildes, der Image-

suche, der Kommunikationstechniken: all diese Phänomene müssen in

ihren kulturellen Zusammenhängen begriffen und zum zentralen Thema

der menschlichen Person, ihres umfassenden Wachstums, ihrer Fähigkeit,

mit anderen Menschen zu kommunizieren und in Beziehung zu treten, und

ihrer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit den großen Fragen des Da-

seins in Bezug gesetzt werden. Man muss sich vor Augen halten, dass „die

Kultur das ist, wodurch der Mensch mehr Mensch wird, mehr »ist«, dem

»Sein« näher kommt“.1163


555 Ein besonderes Betätigungsfeld der gläubigen Laien muss die Pflege einer vom

Evangelium inspirierten gesellschaftlichen und politischen Kultur sein. Die jüngere

Geschichte hat die Schwäche und das restlose Scheitern kultureller Sicht-

weisen gezeigt, die vor allem auf gesellschaftlicher und politischer Ebene

lange Zeit erfolgreich waren und von vielen geteilt worden sind. Vor diesem

Hintergrund waren die Katholiken in verschiedenen Ländern vor allem in

den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg in der Lage, ein hohes Enga-

gement zu entwickeln, das heute mit immer größerer Deutlichkeit die Trag-

fähigkeit ihrer Inspiration und ihres Wertebestands bezeugt. Das soziale

und politische Engagement der Katholiken ist nämlich nie auf die bloße

Umgestaltung von Strukturen begrenzt, weil es auf einer Kultur basiert,

die die Forderungen des Glaubens und der Moral aufnimmt und Rechen-

schaft über sie ablegt, indem es sie zur Grundlage und zum Ziel konkreter

Planungen macht. Wenn dieses Bewusstsein schwächer wird, verurteilen

sich die Katholiken selbst zur kulturellen Diaspora, und ihre Vorschläge

werden zunehmend eindimensional und unzulänglich. Den Bestand der

 

1162 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 43: AAS 58 (1966) 1062.

1163 Johannes Paul II., Ansprache an den Exekutivrat der UNESCO, Paris (2. Juni 1980), 7: AAS 72 (1980) 738.

392

 

katholischen Tradition, ihre Werte, ihre Inhalte, das gesamte geistige, intel-

lektuelle und moralische Erbe des Katholizismus in aktualisierten kulturel-

len Begriffen darzustellen hat auch heute hohe Dringlichkeit. Der Glaube

an Jesus Christus, der seinen eigenen Worten zufolge „der Weg und die

Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6) ist, drängt die Christen dazu, sich mit

immer neuem Engagement für die Schaffung einer vom Evangelium inspi-

rierten gesellschaftlichen und politischen Kultur einzusetzen.1164


556 Die umfassende Vervollkommnung der Person und das Wohl der gesamten

Gesellschaft sind die wesentlichen Ziele der Kultur:1165 Folglich hat die ethische Di-

mension der Kultur im sozialen und politischen Handeln der gläubigen Laien Vor-

rang. Die mangelnde Aufmerksamkeit für diese Dimension macht die Kul-

tur leicht zu einem Werkzeug der Verarmung der Menschheit. Eine Kultur

kann unfruchtbar und dekadent werden, wenn sie sich „in sich selber ver-

schließt und veraltete Lebensformen zu verewigen sucht, indem sie jeden

Austausch und jede Auseinandersetzung über die Wahrheit vom Menschen

ablehnt“.1166 Die Schaffung einer Kultur, die den Menschen zu bereichern

vermag, setzt dagegen voraus, dass die ganze Person miteinbezogen wird;

dass sie ihre Kreativität, ihre Intelligenz und ihre Kenntnis des Menschen

und der Welt entfaltet und überdies ihre Fähigkeit zu Selbstbeherrschung,

persönlichem Opfer, Solidarität und Bereitschaft zugunsten des Gemein-

wohls einsetzt.1167


557 Das soziale und politische Engagement des gläubigen Laien im kulturellen

Bereich folgt heute bestimmten Leitgedanken. Der erste ist der Versuch, jedem das

Recht auf eine menschliche und zivile Kultur zu garantieren, „das entsprechend

der Würde der menschlichen Person allen ohne Unterschied der Rasse, des

 

1164 Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Lehrmäßige Note zu einigen Fragen
über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben (24. November 2002),
7, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des Apostolischen
Stuhls 158, S. 16–18.

1165 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 59: AAS 58 (1966) 1079–1080.

1166 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus,50: AAS 83 (1991) 856.

1167 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache an den Exekutivrat der UNESCO, Paris (2. Juni 1980),
7: AAS 72 (1980) 738.

393

 

Geschlechts, der Nation, der Religion oder der sozialen Stellung zu-

kommt“.1168 Dieses Recht beinhaltet das Recht der Familien und der Per-

sonen auf eine freie und offene Schule; den freien Zugang zu den sozialen

Kommunikationsmitteln, was voraussetzt, dass jede Form von Monopol-

bildung und ideologischer Kontrolle unterbunden wird; die Freiheit der

Forschung, der Verbreitung von Gedankengut, der Diskussion und des Ver-

gleichs. Die Armut vieler Völker wurzelt auch in verschiedenen Formen der

kulturellen Benachteiligung und der Missachtung kultureller Rechte. Der Ein-

satz für die Erziehung und die Bildung der Person stellt schon immer das

vorrangige Anliegen des sozialen Wirkens der Christen dar.


558 Die zweite Herausforderung an das Engagement des gläubigen Laien betrifft

den Inhalt der Kultur, also die Wahrheit. Die Frage der Wahrheit ist wesentlich

für die Kultur, denn es bleibt „Verpflichtung eines jeden, die Totalität der

menschlichen Person zu wahren, die vor allem durch die Werte der Ver-

nunft, des Willens, des Gewissens und der Brüderlichkeit bestimmt ist“.1169

Alle historischen Kulturformen müssen sich in ihrer Transparenz und in

ihrem Wahrheitsgehalt am Kriterium der richtigen Anthropologie messen

lassen. Das Engagement des Christen auf kulturellem Gebiet stellt sich allen

verkürzten und ideologischen Sichtweisen vom Menschen und vom Leben

entgegen. Die Dynamik der Öffnung zur Wahrheit hin wird vor allem

durch die Tatsache garantiert, dass „die Kulturen der einzelnen Nationen

(…) im Grunde nur verschiedene Weisen [sind], sich der Frage nach dem

Sinn der eigenen Existenz zu stellen“.1170


559 Die Christen müssen alles daransetzen, um die religiöse Dimension der Kultur

voll und ganz zur Geltung zu bringen; diese Aufgabe ist sehr wichtig und für die

Qualität des menschlichen Lebens auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene drin-

gend notwendig. Die Frage, die sich aus dem Mysterium des Lebens erhebt

und auf das noch größere Mysterium, das Mysterium Gottes, verweist,

steht in der Mitte jeder Kultur; wird sie übergangen, nimmt die Kultur

 

1168 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 60: AAS 58 (1966) 1081.

1169 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 61: AAS 58 (1966) 1082.

1170 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 24: AAS 83 (1991) 822.

394

 

und das sittliche Leben der Nationen Schaden.1171 Die echte religiöse Di-

mension ist für den Menschen wesentlich und befähigt ihn, seinen verschie-

denen Tätigkeiten einen Horizont zu eröffnen, der ihnen Bedeutung und

Richtung gibt. Die Religiosität oder Spiritualität des Menschen äußert sich

in den Formen der Kultur, denen sie Lebenskraft und Inspiration gibt. Das

bezeugen die unzähligen Kunstwerke aller Epochen. Wenn die religiöse Di-

mension einer Person oder eines Volkes in Abrede gestellt wird, dann wird

die Kultur selbst verstümmelt und verschwindet zuweilen sogar ganz.


560 In ihrem Einsatz für eine authentische Kultur sollten die gläubigen Laien den

Massenmedien besondere Aufmerksamkeit schenken, und zwar vor allem im Hinblick

auf die Inhalte der unzähligen von den Personen getroffenen Entscheidungen: Diese

Entscheidungen haben, auch wenn sie von Gruppe zu Gruppe oder von

Individuum zu Individuum unterschiedlich sind, sämtlich ein moralisches

Gewicht und müssen auch unter diesem Aspekt bewertet werden. Um eine

richtige Entscheidung zu treffen, muss man die Normen der sittlichen Ord-

nung kennen und getreu anwenden.1172 Die Kirche bietet eine lange Tradi-

tion der Weisheit, die in der göttlichen Offenbarung und im menschlichen

Denken verwurzelt ist1173 und deren theologische Ausrichtung „sowohl ge-

genüber der »atheistischen« Lösung, die den Menschen seiner fundamen-

talen Bausteine, nämlich des geistlichen, beraubt, als auch gegenüber den

permissiven und konsumistischen Lösungen, die es unter verschiedenen

Vorwänden darauf abgesehen haben, ihn von seiner Unabhängigkeit von

jedem Gesetz und von Gott zu überzeugen“,1174 als ein wichtiges Korrektiv

fungiert. Diese Tradition will die sozialen Kommunikationsmittel nicht ab-

werten, sondern sich in ihren Dienst stellen: „Die kirchliche Kultur der

Weisheit kann die Informationskultur der Medien davor bewahren, zu

einer sinnlosen Anhäufung von Fakten zu werden“.1175

 

1171 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 24: AAS 83 (1991) 821–822.

1172 Vgl. II. Vatikanisches Konzil,Dekr. Inter mirifica, 4: AAS 56 (1964) 146.

1173 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Fides et ratio, 36–48: AAS 91 (1999) 33–34.

1174 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 55: AAS 83 (1991) 861.

1175 Johannes Paul II., Botschaft zum 33. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel 1999,

3: Insegnamenti di Giovanni Paolo II, XXII, 1 (1999) 283.

395

 


561 Die gläubigen Laien sollten die Medien als mögliche und machtvolle Werk-

zeuge der Solidarität betrachten: „Solidarität ergibt sich aus einer wahren und

rechten Kommunikation und dem Fluss von Ideen, die Kenntnis und Ach-

tung anderer Menschen fördern“.1176 Das geschieht nicht, wenn die sozialen

Kommunikationsmittel dazu benutzt werden, Wirtschaftssysteme auf-

zubauen und zu unterstützen, die der Gewinnsucht und Habgier dienen.

Angesichts schwerer Ungerechtigkeiten stellt die Entscheidung, einige

Aspekte des menschlichen Leidens gänzlich zu ignorieren, eine Haltung

dar, die nicht geduldet werden kann.1177 Die Strukturen und die Politik der Kom-

munikation sowie die Verfügbarkeit der Technologie sind Faktoren, die dazu beitragen,

dass einige Personen „reich“ und andere „arm“ an Informationen sind – und das in

einer Zeit, da von der Information nicht nur der Wohlstand, sondern sogar das Über-

leben abhängt. Auf diese Weise tragen die sozialen Kommunikationsmittel

zu Ungerechtigkeiten und Ungleichgewichten bei und werden somit zu

Mitverursachern jener Leiden, über die sie berichten. Die Kommunikati-

ons- und Informationstechnologie und die Ausbildung im Hinblick auf

ihren Gebrauch müssen darauf ausgerichtet sein, diese Ungerechtigkeiten

und diese Ungleichgewichte zu beseitigen.


562 Nicht nur die Berufsausübung im Bereich der sozialen Kommunikationsmittel

bringt ethische Verpflichtungen mit sich. Auch die Nutznießer sind in die Pflicht

genommen. Wer beruflich mit sozialen Kommunikationsmitteln zu tun hat und ver-

sucht, Verantwortung zu übernehmen, der verdient auch ein Publikum, das das Seine

dazu beiträgt. Die erste Pflicht derer, die soziale Kommunikationsmittel be-

nutzen, besteht in der Einschätzung und Auswahl. Die Eltern, die Familien

und die Kirche haben hier eine klare und unausweichliche Verantwortung.

An alle, die in den verschiedenen Bereichen der sozialen Kommunikation

tätig sind, richtet sich die nachdrückliche und deutliche Mahnung des hei-

ligen Paulus: „Legt deshalb die Lüge ab und redet untereinander die Wahr-

heit; denn wir sind als Glieder miteinander verbunden. (…) Über eure Lip-

pen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es

 

1176 Katechismus der Katholischen Kirche, 2495.

1177 Vgl. Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Ethik in der
sozialen Kommunikation (4. Juni 2000), 14, Sekretariat der Deutschen
Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 153, S. 12–13.

396

 

braucht, stärkt, und dem, der es hört, Nutzen bringt“ (Eph 4, 25.29). Die

wesentlichen ethischen Forderungen an die sozialen Kommunikationsmit-

tel bestehen darin, dass sie der Person durch die Errichtung einer auf Soli-

darität, Gerechtigkeit und Liebe gegründeten menschlichen Gemeinschaft

und durch die Verbreitung der Wahrheit über das menschliche Leben und

seine endgültige Erfüllung in Gott dienen sollen.1178 Im Licht des Glaubens

muss die menschliche Kommunikation als der Weg von Babel zum Pfingst-

ereignis verstanden werden, das heißt als das persönliche und gesellschaft-

liche Bemühen, den Zusammenbruch der Kommunikation zu überwinden

(vgl. Gen 11, 4–8) und sich der Sprachengabe (vgl. Apg 2, 5–11), der durch die

Kraft des vom Sohn gesandten Geistes erneuerten Kommunikation zu öff-

nen.

3. Der Dienst an der Wirtschaft


563 Angesichts der Vielschichtigkeit der gegenwärtigen wirtschaftlichen Zusam-

menhänge wird sich der gläubige Laie in seinem Handeln von den Grundsätzen des

sozialen Lehramts leiten lassen. Diese müssen im wirtschaftlichen Bereich be-

kannt und akzeptiert sein: Wenn diese Grundsätze, vor allem der von der

zentralen Bedeutung der menschlichen Person, missachtet werden, beein-

trächtigt dies die Qualität der wirtschaftlichen Tätigkeit.1179

Das Engagement des Christen wird sich auf dem Gebiet der kulturellen

Reflexion auch in dem Bemühen um eine Einschätzung der aktuellen sozioöko-

nomischen Entwicklungsmodelle äußern. Die Frage der Entwicklung auf ein

ausschließlich technisches Problem zu reduzieren würde bedeuten, sie ihres

wahren Inhalts zu berauben, der „die Würde des Menschen und der Völker

berührt“.1180

 

1178 Vgl. Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Ethik in der
sozialen Kommunikation (4. Juni 2000), 33, Sekretariat der Deutschen
Bischofskonferenz, Arbeitshilfen 153, S. 29.

1179 Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Lehrmäßige Note zu einigen Fragen
über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben (24. November 2002),
3, Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des Apostolischen
Stuhls 158, S. 8–10.

1180 Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 41: AAS 80 (1988) 570.

397

 


564 Die Experten für Wirtschaftswissenschaften, die in diesem Bereich Tätigen

und die politisch Verantwortlichen müssen sich der dringenden Notwendigkeit be-

wusst werden, die Wirtschaft neu zu überdenken, indem sie einerseits die drama-

tische materielle Armut von Milliarden von Menschen und andererseits die

Tatsache berücksichtigen, dass „die heutigen wirtschaftlichen, sozialen und

kulturellen Strukturen Mühe damit haben, den Anforderungen einer ech-

ten Entwicklung zu entsprechen“.1181 Die legitimen Forderungen der wirt-

schaftlichen Effizienz müssen besser mit den Prinzipien der politischen Be-

teiligung und der sozialen Gerechtigkeit in Einklang gebracht werden.

Konkret bedeutet dies, dass das Netzwerk der wirtschaftlichen, politischen

und sozialen Interdependenz, die durch die derzeitigen Globalisierungs-

prozesse noch verstärkt wird, aus Solidarität geflochten werden muss.1182

In diesem Bemühen um ein neues, klar profiliertes Denken, das dazu be-

stimmt ist, sich auf die Konzeptionen der wirtschaftlichen Realität aus-

zuwirken, erweisen sich die Vereinigungen mit christlicher Zielsetzung als

wertvoll, die im wirtschaftlichen Umfeld agieren: Arbeiter-, Unternehmer-

und Wirtschaftsverbände.

4. Der Dienst an der Politik


565 Für die gläubigen Laien ist die Politik eine qualifizierte und anspruchsvolle

Form des christlichen Engagements im Dienst an den anderen.1183 Das vom Geist

des Dienens bestimmte Streben nach dem Gemeinwohl; die Übung der

Gerechtigkeit mit besonderer Aufmerksamkeit für die Situationen der Ar-

mut und des Leidens; der Respekt vor der Autonomie der irdischen Wirk-

lichkeiten; das Subsidiaritätsprinzip; die Förderung des Dialogs und des

Friedens auf der Grundlage der Solidarität: das sind die Richtlinien, an de-

nen sich das politische Wirken der christlichen Laien orientieren muss. Alle

Gläubigen sind als Träger der bürgerlichen Rechte und Pflichten dazu auf-

gerufen, diese Richtlinien zu respektieren; in besonderem Maße müssen sie

 

1181 Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2000, 14: AAS 92 (2000) 366.

1182 Vgl. Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2000, 17: AAS 92 (2000) 367–368.

1183 Vgl. Paul VI., Ap. Schr. Octogesima adveniens, 46: AAS 63 (1971) 433–436.

398

 

aber von denjenigen berücksichtigt werden, die in der Verwaltung der viel-

schichtigen Problemfelder des öffentlichen Lebens in den örtlichen Behör-

den oder in nationalen und internationalen Einrichtungen direkte und in-

stitutionelle Aufgaben wahrnehmen.


566 Die mit der Verantwortung in den gesellschaftlichen und politischen Institutio-

nen verbundenen Aufgaben erfordern ein strenges und klares Engagement, das in sei-

nen gedanklichen Beiträgen zur politischen Debatte, in seiner Planung und in seinen

praktischen Entscheidungen die absolute Notwendigkeit einer moralischen Prägung

des sozialen und politischen Lebens deutlich machen kann. Eine nicht ausreichende

Beachtung der moralischen Dimension führt zur Entmenschlichung des

Gemeinschaftslebens und der sozialen und politischen Einrichtungen und

verfestigt die „Strukturen der Sünde“:1184 „Wenn die Christen politisch in

Übereinstimmung mit dem eigenen Gewissen leben und handeln, sind sie

nicht Auffassungen ausgeliefert, die dem politischen Einsatz fremd sind,

und betreiben auch nicht eine Form von Konfessionalismus. Vielmehr leis-

ten sie auf diese Weise ihren stimmigen Beitrag, damit durch die Politik eine

soziale Ordnung entsteht, die gerechter ist und mehr der Würde des Men-

schen entspricht“.1185


567 Im Zusammenhang mit dem politischen Engagement des gläubigen Laien

müssen sich die Christen besonders sorgfältig auf die Ausübung von Macht vorberei-

ten, zu der sie insbesondere dann verpflichtet sind, wenn sie den demokratischen Re-

geln gemäß durch das Vertrauen ihrer Mitbürger zu einer solchen Aufgabe berufen

werden. Sie müssen das System der Demokratie zu schätzen wissen, da „es

die Beteiligung der Bürger an den politischen Entscheidungen sicherstellt

und den Regierten die Möglichkeit garantiert, sowohl ihre Regierungen zu

wählen und zu kontrollieren als auch dort, wo es sich als notwendig er-

weist, sie auf friedliche Weise zu ersetzen“,1186 und sie müssen geheime

 

1184 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Sollicitudo rei socialis, 36: AAS 80 (1988) 561–563.

1185 Kongregation für die Glaubenslehre, Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über
den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben (24. November 2002), 6,
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des Apostolischen
Stuhls 158, S. 15–16.

1186 Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 46: AAS 83 (1991) 850.

399

 

Machtgruppen, die die Arbeit der rechtmäßigen Institutionen beeinflussen

oder untergraben wollen, zurückdrängen. Die Ausübung der Autorität

muss dienenden Charakter haben und sich immer im Rahmen des Sittenge-

setzes und im Sinne des Gemeinwohls vollziehen:1187 Wer politische Auto-

rität ausübt, muss die Kräfte aller Bürger auf dieses eine Ziel hin bündeln,

und er sollte dies nicht in autoritärer Weise tun, sondern sich dabei der

Kraft einer von der Freiheit inspirierten Sittlichkeit bedienen.


568 Der gläubige Laie ist dazu aufgerufen, in den konkreten politischen Situatio-

nen einzuschätzen, welche Schritte realistisch sind und unternommen werden können,

um die moralischen Prinzipien und Werte des sozialen Lebens umzusetzen. Das erfor-

dert eine Methode der persönlichen und gemeinschaftlichen Urteilsbildung,1188 die

um einige Kernpunkte herum angelegt ist: die Kenntnis und Analyse der

Situationen mit Hilfe der Sozialwissenschaften und geeigneter Mittel; das

systematische Nachdenken über die Realität im Licht der unveränderlichen

Botschaft des Evangeliums und der Soziallehre der Kirche; das Erkennen

von Wahlmöglichkeiten, die auf eine positive Entwicklung der gegenwärti-

gen Situation ausgerichtet sind. Aus der Tiefe des Zuhörens und der Deu-

tung der Wirklichkeit können konkrete und wirkungsvolle Entscheidungen

zur Tat erwachsen; doch darf man nicht den Fehler machen, sie absolut zu

setzen, denn kein Problem wird je endgültig gelöst werden können: „Der

Glaube hat nie beansprucht, die sozialpolitischen Inhalte in ein strenges

Schema zu zwängen. Man war sich immer bewusst, dass die Geschichte,

in der der Mensch lebt, unvollkommene Situationen und oft rasche Ver-

änderungen mit sich bringt“.1189

 

1187 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 74: AAS 58 (1966) 1095–1097.

1188 Kongregation für das katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium
und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung,
8: Der Apostolische Stuhl 1989, S. 1369–1370.

1189 Kongregation für die Glaubenslehre, Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über
den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben (24. November 2002), 7,
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des
Apostolischen Stuhls 158, S. 17.

400

 


569 Beispielhaft im Hinblick auf die Anwendung der Urteilskraft ist die Funktions-

weise des demokratischen Systems. Dieses wird heute von vielen in einer agnostischen

und relativistischen Sichtweise betrachtet, die dazu verleitet, die Wahrheit als ein von

der Mehrheit bestimmtes und von dem jeweiligen politischen Gleichgewicht beeinfluss-

tes Produkt zu betrachten.1190 Vor diesem Hintergrund wiegt die Verpflichtung

zur Urteilsbildung besonders schwer, wenn es um Bereiche wie die Objek-

tivität und Richtigkeit von Informationen, die wissenschaftliche Forschung

oder wirtschaftliche Entscheidungen geht, die sich auf das Leben der Ärms-

ten auswirken – oder um Realitäten, die auf grundlegende und unverzicht-

bare moralische Forderungen wie die Heiligkeit des Lebens, die Unauflös-

lichkeit der Ehe und die Stärkung der auf der Ehe zwischen einem Mann

und einer Frau gegründeten Familie verweisen.

In dieser Situation sind einige grundlegende Kriterien hilfreich: die Un-

terscheidung und zugleich die Verbindung zwischen der gesetzlichen und

der sittlichen Ordnung; die Treue zur eigenen Identität und gleichzeitig die

Bereitschaft zum Dialog mit allen; die Notwendigkeit, dass der Christ sich

in seinem Urteil und in seinem sozialen Engagement auf die dreifache und

unteilbare Treue zu den natürlichen, sittlichen und übernatürlichen Werten be-

zieht, indem er die legitime Autonomie der zeitlichen Wirklichkeiten res-

pektiert, das Bewusstsein von der jedem sozialen und politischen Problem

innewohnenden ethischen Dimension fördert und seine Aufgabe im Geist

des Evangeliums Jesu Christi erfüllt.


570 Wenn in Bereichen und in Situationen, die auf grundlegende ethische Forde-

rungen verweisen, legislative und politische Entscheidungen vorgeschlagen oder getrof-

fen werden, die den christlichen Prinzipien und Werten widersprechen, lehrt die Kirche

„dass das gut gebildete christliche Gewissen niemandem gestattet, mit der eigenen

Stimme die Umsetzung eines politischen Programms zu unterstützen, in dem die

grundlegenden Inhalte des Glaubens und der Moral durch alternative oder diesen

Inhalten widersprechende Vorschläge umgestoßen werden“.1191

 

1190 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Centesimus annus, 46: AAS 83 (1991) 850–851.

1191 Kongregation für die Glaubenslehre, Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über
den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben (24. November 2002), 4,
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des
Apostolischen Stuhls 158, S. 11.

401

 

Gesetzt den Fall, dass es nicht möglich ist, die Umsetzung solcher poli-

tischer Programme abzuwenden oder die betreffenden Gesetze zu verhin-

dern oder außer Kraft zu setzen, dann wäre es, so das Lehramt, einem Ab-

geordneten, dessen persönliche und unbedingte Opposition in dieser Sache

deutlich geworden und allen bekannt ist, erlaubt, Vorschläge zu unterstüt-

zen, die dazu dienen, den Schaden dieser Programme und Gesetze zu begren-

zen und die negativen Auswirkungen auf der Ebene der Kultur und der öf-

fentlichen Moral zu verringern. Beispielhaft ist in dieser Hinsicht der Fall

einer Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch.1192 Das Votum des be-

treffenden Abgeordneten darf auf keinen Fall als Zustimmung zu einem

ungerechten Gesetz, sondern lediglich als ein Beitrag gedeutet werden, um

die negativen Folgen einer Gesetzesmaßnahme zu verringern, die von den-

jenigen verantwortet werden muss, die sie in Kraft gesetzt haben.

Man muss sich vor Augen halten, dass das christliche Zeugnis angesichts der

vielfältigen Situationen, in denen grundlegende und unverzichtbare moralische Forde-

rungen auf dem Spiel stehen, als unabdingbare Pflicht zu betrachten ist, die sogar das

Opfer des eigenen Lebens, das Martyrium im Namen der Liebe und der Menschen-

würde zur Folge haben kann.1193 Die Geschichte von zwanzig Jahrhunderten,

auch des vergangenen, ist reich an Märtyrern der christlichen Wahrheit,

Zeugen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe des Evangeliums. Das

Martyrium ist das Zeugnis der Ausrichtung der eigenen Person an Chris-

tus, die ihren erhabensten Ausdruck im Vergießen des eigenen Blutes fin-

det, gemäß der Lehre des Evangeliums: „Wenn das Weizenkorn (…) in die

Erde fällt und stirbt, (…) bringt es reiche Frucht“ (Joh 12, 24).


571 Das politische Engagement der Katholiken wird häufig an der „Laizität“, also

der Unterscheidung zwischen der politischen und der religiösen Sphäre gemessen.1194

Diese Unterscheidung ist „ein von der Kirche akzeptierter und anerkannter

Wert, der zu den Errungenschaften der Zivilisation gehört“.1195 Die katho-

 

1192 Vgl. Johannes Paul II., Enz. Evangelium vitae, 73: AAS 87 (1995) 486–487.

1193 Vgl. Johannes Paul II., Ap. Schr. Christifideles laici, 39: AAS 81 (1989) 466–468.

1194 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 76: AAS 58 (1966) 1099–1100.

1195 Kongregation für die Glaubenslehre, Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über
den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben (24. November 2002), 6,
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des
Apostolischen Stuhls 158, S. 13–14.

402

 

lische Sittenlehre schließt jedoch eine Sichtweise, die die Laizität als Unab-

hängigkeit vom Sittengesetz versteht, kategorisch aus: „»Laizität« bedeutet

nämlich in erster Linie Respekt vor jenen Wahrheiten, die der natürlichen

Erkenntnis von dem in der Gesellschaft lebenden Menschen entspringen,

auch wenn diese Wahrheiten zugleich von einer bestimmten Religion ge-

lehrt werden, weil es nur eine Wahrheit gibt“.1196 Die Wahrheit aufrichtig

zu suchen und die moralischen Wahrheiten, die das gesellschaftliche Leben

betreffen – Gerechtigkeit, Freiheit, Achtung vor dem Leben und den ande-

ren Rechten der Person –, zu stärken und zu verteidigen ist das Recht und

die Pflicht aller Mitglieder einer sozialen und politischen Gemeinschaft.

Wenn das Lehramt der Kirche sich zu Fragen des gesellschaftlichen und

politischen Lebens äußert, widerspricht dies nicht den Forderungen einer

richtig verstandenen Laizität, denn sie will damit „weder politische Macht

ausüben noch die freie Meinungsäußerung der Katholiken über kontingen-

te Fragen einschränken. Es beabsichtigt jedoch – entsprechend der ihm ei-

genen Aufgabe –, das Gewissen der Gläubigen zu unterweisen und zu er-

leuchten, und zwar vor allem jener, die sich im politischen Leben einsetzen,

damit ihr Handeln immer der umfassenden Förderung der Person und des

Gemeinwohls dient. Die Soziallehre der Kirche stellt keine Einmischung in

die Regierung der einzelnen Länder dar. Aber sie beinhaltet für die gläubi-

gen Laien gewiss eine moralische Verpflichtung zu einem kohärenten Le-

ben, die ihrem Gewissen innewohnt, welches einzig und unteilbar ist“.1197


572 Das Prinzip der Laizität schließt auch den Respekt vor jeder religiösen Kon-

fession von Seiten des Staates mit ein, „der die freie Ausübung der gottesdienstlichen,

spirituellen, kulturellen und karitativen Aktivitäten der Glaubensgemeinschaften ga-

 

1196 Kongregation für die Glaubenslehre, Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über
den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben (24. November 2002), 6,
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des
Apostolischen Stuhls 158, S. 14–15.

1197 Kongregation für die Glaubenslehre, Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über
den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben (24. November 2002), 6,
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des
Apostolischen Stuhls 158, S. 15.

403

 

rantiert. In einer pluralistischen Gesellschaft ist die Laizität ein Ort der Kommunika-

tion zwischen den verschiedenen spirituellen Traditionen und der Nation“.1198 Leider

bestehen auch in den demokratischen Gesellschaftsformen noch immer

Ausprägungen eines intoleranten Laizismus, die die politische und kultu-

relle Bedeutung des Glaubens in jeder Form behindern und versuchen, das

soziale und politische Engagement der Christen in Misskredit zu bringen,

weil diese sich in den von der Kirche gelehrten Wahrheiten wiedererkennen

und der moralischen Pflicht gehorchen, in Übereinstimmung mit ihrem

eigenen Gewissen zu handeln; man geht sogar so weit, in noch radikalerer

Weise die natürliche Ethik selbst zu leugnen. Diese Leugnung, die eine Si-

tuation der sittlichen Anarchie und ihre offensichtliche Konsequenz, näm-

lich das Recht des Stärkeren über den Schwächeren, anstrebt, kann von

keiner Form des legitimen Pluralismus akzeptiert werden, weil sie die

Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens selbst untergräbt. Bei die-

sem Stand der Dinge würde „die Marginalisierung des Christentums (…)

nicht den zukünftigen Entwurf einer Gesellschaft und die Eintracht unter

den Völkern fördern, sondern die geistigen und kulturellen Grundlagen der

Zivilisation selbst bedrohen“.1199


573 Ein Bereich, in dem das Urteilsvermögen der gläubigen Laien in besonderer

Weise gefordert ist, betrifft die Wahl der politischen Instrumente, also die Zugehörig-

keit zu einer Partei oder anderen Ausdrucksformen der politischen Beteiligung. Es gilt

eine Entscheidung zu treffen, die mit den Werten übereinstimmt, und dabei auch die

tatsächlichen Umstände zu berücksichtigen. In jedem Fall muss die Entschei-

dung, wie auch immer sie ausfällt, in der Liebe wurzeln und dem Streben

nach dem Gemeinwohl dienen.1200 Die Forderungen des christlichen Glau-

bens werden sich schwerlich innerhalb einer einzigen politischen Position

wiederfinden lassen: Die Behauptung, dass eine Partei oder ein politisches

 

1198 Johannes Paul II., Ansprache an das Diplomatische Korps (12. Januar 2004),
3: L’Osservatore Romano, 12./13. Januar 2004, S. 5.

1199 Kongregation für die Glaubenslehre, Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über
den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben (24. November 2002), 6,
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des
Apostolischen Stuhls 158, S. 16.

1200 Vgl. Paul VI., Enz. Octogesima adveniens, 46: AAS 63 (1971) 433–435.

404

 

Lager die Forderungen des christlichen Glaubens und Lebens vollständig

erfülle, führt zu gefährlichen Missverständnissen. Der Christ kann keine

Partei finden, die den aus seinem Glauben und seiner Kirchenzugehörigkeit

entspringenden ethischen Forderungen voll und ganz entspricht: Deshalb

soll seine Zugehörigkeit zu einem politischen Lager niemals ideologisch,

sondern immer kritisch sein, damit die Partei und ihr politisches Pro-

gramm dazu ermuntert werden, Formen einer immer größeren Aufmerk-

samkeit für das Erreichen des wahren Gemeinwohls zu entwickeln, zu dem

auch das spirituelle Ziel des Menschen gehört.1201


574 Die Unterscheidung zwischen den Anforderungen des Glaubens und den so-

ziopolitischen Optionen einerseits und den Positionen einzelner Christen sowie der

christlichen Gemeinschaft als solcher andererseits führt dazu, dass die Zugehörigkeit

zu einer politischen Partei oder Richtung zumindest innerhalb der Grenzen von Par-

teien und Positionen, die nicht mit dem Glauben und den Werten des Christentums

unvereinbar sind, als eine persönliche Entscheidung zu betrachten ist.1202 Die Wahl

der Partei, der Zugehörigkeit, der Personen, denen das öffentliche Leben

anvertraut werden soll, verpflichtet zwar das Gewissen jedes Einzelnen,

kann aber dennoch keine ausschließlich individuelle Entscheidung sein: „Das

ist vielmehr Sache der christlichen Gemeinschaften; sie müssen die Verhält-

nisse ihres jeweiligen Landes objektiv abklären, müssen mit dem Licht der

unwandelbaren Lehre des Evangeliums hineinleuchten und der Soziallehre

der Kirche Grundsätze für die Denkweise, Normen für die Urteilsbildung

und Direktiven für die Praxis entnehmen“.1203 In jedem Fall hat „niemand

das Recht (…), die Autorität der Kirche ausschließlich für sich und seine

eigene Meinung in Anspruch zu nehmen“:1204 Die Gläubigen sollen viel-

mehr, „in einem offenen Dialog sich gegenseitig zur Klärung der Frage zu

helfen suchen; dabei sollen sie die gegenseitige Liebe bewahren und vor

allem auf das Gemeinwohl bedacht sein“.1205

 

1201 Vgl. Paul VI., Enz. Octogesima adveniens, 46: AAS 63 (1971) 433–435.

1202 Vgl. Paul VI., Enz. Octogesima adveniens, 50: AAS 63 (1971) 439–440

1203 Paul VI., Enz. Octogesima adveniens, 4: AAS 63 (1971) 403–404.

1204 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 43: AAS 58 (1966) 1063.

1205 II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonst. Gaudium et spes, 43: AAS 58 (1966) 1063.

405